Praktische Ethik

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Dieser Artikel erläutert das Buch Praktische Ethik von Peter Singer. Für den gleichnamigen Bereich der Ethik siehe Angewandte Ethik.

Praktische Ethik (Original: Practical Ethics) ist der Titel eines erstmals 1979 erschienenen Buches von Peter Singer, in dem er seinen präferenzutilitaristischen ethischen Ansatz skizziert und Schlussfolgerungen für Problemfelder angewandter Ethik begründet, darunter Tierethik, der Lebenswert von Embryos sowie weitere bioethische Themen. Es wurde in viele Sprachen übersetzt und sorgte insbesondere in Deutschland, Österreich und Schweiz für heftige Diskussionen über den Wert menschlichen Lebens (bzw. dessen Bewertbarkeit). Das Buch wurde 1993 überarbeitet und in einer zweiten Ausgabe zwei neue Kapitel über die Asylproblematik und ökologische Fragen hinzugefügt. 2011 erschien eine dritte Auflage.[1] Zuweilen wird Singer unterstellt, seine Ethik sei praktisch im Sinne von zweckmäßig beziehungsweise vorteilhaft für ihren Anwender. Tatsächlich steht „Praktische Ethik“ hier aber lediglich für „Angewandte Ethik“.

Inhalt[Bearbeiten]

Gleichheit und Interessen[Bearbeiten]

Peter Singer erklärt in dem Kapitel Gleichheit und ihre Implikationen das Prinzip der gleichen Interessenabwägung. Demnach bedeutet Gleichheit nicht, alle gleich zu behandeln, sondern alle Interessen gleich zu berücksichtigen. Eine Berücksichtigung der Spezies bei der Interessenabwägung ist unberechtigt. Entscheidend ist nicht, ob ein Wesen zur Spezies Mensch gehört, sondern welche Interessen es besitzt. So ist beispielsweise die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden, gekoppelt mit dem Interesse, keine Schmerzen zu erleiden. Alle Individuen, die Schmerz empfinden können, müssen daher bei einer Abwägung berücksichtigt werden.

Nach Singer gibt es keinen ethischen Grund, Interessen von Lebewesen nicht gleich zu behandeln. Um sinnvoll von Interessen sprechen zu können, setzt er die Fähigkeit Schmerz zu empfinden, als Voraussetzung für Interessen fest. Lebewesen, die keinen Schmerz empfinden können, haben keine Interessen und somit auch keine Interessen, die berücksichtigt werden müssen.

Singers Ethik basiert auf einem utilitaristischen Ansatz, er hält daher „Rechte“ für wenig sinnvoll, es sei denn sie dienen als Kürzel um auf „fundamentalere moralische Prinzipien“ zu verweisen.[PE 1]

Der Personenbegriff[Bearbeiten]

In Anlehnung an John Locke entfaltet Singer seinen Personenbegriff.[PE 2] Dies ist konstitutiv für seinen ethischen Ansatz. Eine Person ist demnach ein Lebewesen, das sich seiner selbst bewusst, empfindungsfähig und autonom ist sowie ein Interesse an etwas hat. Es muss außerdem Wünsche für die Zukunft haben können und sich der Vergangenheit und Gegenwart bewusst sein. Es geht um ein kontinuierliches Identitätsbewusstsein über die Zeit hinweg, also eine „distinkte Entität in der Zeit“.

Singer unterscheidet drei Kategorien von Wesen:

  • nicht bewusste Wesen, zum Beispiel Pflanzen. Diese Wesen können keinen Schmerz empfinden und müssen bei Interessenabwägungen nicht berücksichtigt werden.[A 1]
  • bewusste Wesen, zum Beispiel Fische, die empfindungsfähig sind. Ihre Interessen müssen berücksichtigt werden.
  • selbstbewusste Wesen, (Personen) zum Beispiel ausgewachsene Menschen und Menschenaffen (sofern keine geistige Beeinträchtigung vorliegt). Sie zu töten wiegt schwerer als das Töten von nur bewussten (aber nicht selbstbewussten) Wesen, da sie in der Regel den Wunsch für die Zukunft haben, weiterzuleben.

Tiere[Bearbeiten]

Eine Konsequenz dieses Ansatzes ist es, dass die Interessen aller leidensfähigen Tiere ebenso berücksichtigt werden müssen wie die Interessen von Menschen. Dies hat besonders Auswirkungen auf die moderne Massentierhaltung und Tierversuche, bei denen die Tiere oftmals leiden und damit ihr Interesse, keinen Schmerz zu empfinden, missachtet wird.

Die unterschiedliche Berücksichtigung von Interessen aufgrund der Angehörigkeit zu einer Spezies (zum Beispiel Menschen, die ihre Interessen als höherwertig im Vergleich zu Tieren einstufen), bezeichnet Singer in Anlehnung an Begriffe wie Rassismus oder Sexismus als Speziesismus.

Weshalb ist Töten Unrecht?[Bearbeiten]

Weshalb das Töten eines Lebewesens unrecht ist, hängt nach Peter Singer nicht von der Spezies (z. B. ob das Lebewesen ein Mensch ist oder nicht), sondern vom Bewusstseinszustand ab. Während die Tötung eines nur bewussten, nicht selbstbewussten Wesens dem Wesen bloß die Möglichkeit zum weiteren Erleben von Lust nimmt, ist die Tötung einer Person nach Singers Definition schwerwiegender. Da Personen sich ihrer Zukunft bewusst sind und Wünsche für diese haben, stellt die Tötung einer Person die Vereitelung der Erfüllung der Wünsche dar. Zudem ist die Tötung eines Lebewesens in den seltensten Fällen schmerzfrei; dieser Schmerz muss zusätzlich berücksichtigt werden.

Das Töten von Embryonen, Föten und Neugeborenen[Bearbeiten]

Beim Heranwachsen einer befruchteten Eizelle über den Fötus zum Säugling gibt es keinen klaren Punkt, ab dem das Töten unethisch ist. Singer stellt fest, dass die gängige Trennlinie an der Stelle der Geburt, dem Vorhandensein eines Bewusstseins oder der eigenständigen Lebensfähigkeit in Bezug auf das Tötungsverbot keine ethische Bedeutung hat, da sie eine unscharfe und oft unbegründete Grenzziehung darstellt.

Denn bei jedem fairen Vergleich moralisch relevanter Eigenschaften wie Rationalität, Selbstbewußtsein, Bewußtsein, Autonomie, Lust- und Schmerzempfindung, und so weiter haben das Kalb, das Schwein und das viel verspottete Huhn einen guten Vorsprung vor dem Fötus in jedem Stadium der Schwangerschaft […].[PE 3]

Für Singer ist das wichtigste Kriterium die Leidensfähigkeit des Fötus, die ab einem bestimmten Zeitpunkt einsetzt. Die ernsthaften Interessen einer Frau würden daher normalerweise jederzeit vor den rudimentären Interessen selbst eines bewussten Fötus Vorrang haben.[PE 4]

Arm und reich[Bearbeiten]

Laut Singer ist es moralisch nicht zu rechtfertigen, dass einige wenige Menschen im Überfluss leben, während sich viele andere Menschen in Armut befinden und hungern müssen. Er tritt dafür ein, dass Menschen, die es sich leisten können, 10 % ihres Einkommens spenden sollten, um dieser Ungleichverteilung entgegenzuwirken. Zu dieser Forderung kommt er nach einem Diskurs über die Fragestellung: Was ist moralisch schlimmer? Töten oder sterben lassen? unter dem Gesichtspunkt, dass im Falle wirtschaftlichen Überflusses ein Nicht-Spenden dem Sterben-Lassen gleichkomme. Bei den Spenden wiege der entstehende Nutzen den vergleichsweise geringen Verlust des Gebers auf.

Er selbst führt 20 bis 30 Prozent seines Einkommens an Oxfam und UNICEF ab.

Asylproblematik[Bearbeiten]

Singer führt in dem Kapitel Die drinnen und die draußen Argumente für die Aufnahme von mehr Flüchtlingen in die reichen Industrieländer. Ähnlich wie in dem Kapitel Arm und reich vertritt er die Meinung, dass mehr Flüchtlingen geholfen werden muss, auch wenn dies eine Verminderung des in den Industrienationen üblichen Luxus bedeutet.

Zwecke und Mittel[Bearbeiten]

Verschiedene Arten von Gewalt werden in dem Kapitel Zwecke und Mittel erörtert. Dabei unterscheidet Singer zwischen zivilem Ungehorsam, Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Lebewesen. Außerdem spielt für ihn eine Rolle, ob die Gewalt in einer Demokratie oder einem anderen System, beispielsweise einer Diktatur, stattfindet. Zivilen Ungehorsam sieht er sehr oft als gerechtfertigt an, während Gewalt gegen Personen nur in Extremfällen, wie zum Beispiel als Widerstand in der Zeit des Nationalsozialismus rechtfertigbar ist.

Warum moralisch handeln?[Bearbeiten]

Das letzte Kapitel des Buches ist ein Beitrag zur philosophischen Debatte zur Moralbegründung. Die Titelfrage ist eine Variation der Leitfrage dieser Debatte, die erstmals von Bradley aufgeworfen wurde.

Singer versucht die Frage zu beantworten, warum man moralisch handeln soll, das heißt warum man sich die Mühe machen soll, ein moralisches Leben zu führen, wenn man dadurch Nachteile in Kauf nehmen muss. Diese gehört nicht in die gleiche Kategorie von Fragen wie „Lässt sich eine Abtreibung rechtfertigen?“ oder „Haben Tiere Rechte?“, welche die Ethik zu beantworten versucht, sondern ist eine Frage zur Ethik an sich. Singer stellt fest, dass es sich bei „Warum moralisch handeln?“ um eine legitime Frage handelt, die keinen logischen Widerspruch darstellt. Denn eine amoralische, egoistische Sichtweise, welche die eigenen Interessen als vorrangig betrachtet, ist ebenso in sich schlüssig wie eine Sichtweise, die das gleiche für die Interessen aller tut.[PE 5] Auch ist die Moral nichts, was sich direkt aus der Vernunft ableitet; „vernünftiges Handeln“ muss also nicht zwingend moralisch sein.[PE 6]

Rezeption[Bearbeiten]

Praktische Ethik ist Singers Hauptwerk und richtet sich, im Vergleich zu seinem vier Jahre zuvor erschienenen Buch Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere, stärker an ein akademisches Publikum.

Kritik[Bearbeiten]

Insbesondere in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurde Peter Singer für das Buch stark kritisiert. Seine Vorlesungen an Universitäten wurden gezielt gestört[PE 7] und die Veranstalter durch Proteste zum Abbruch gezwungen. Behindertenorganisationen und andere Gruppen werfen Singer „Menschenverachtung“ vor. Die Gegner Singers rechtfertigen ihre ablehnende Haltung zu einer Diskussion mit der „Unantastbarkeit des menschlichen Lebens“ und verweisen auf die Aktion T4 zur Zeit des Nationalsozialismus, in der Leben ebenfalls „bewertet“ wurde und 100.000 Behinderte getötet wurden.

Eine Zusammenstellung der Reaktionen auf Singers Ethik und eine Chronologie der öffentlichen Diskussion ist unter dem Titel Peter Singer in Deutschland. Zur Gefährdung der Diskussionsfreiheit in der Wissenschaft. veröffentlicht worden.[2]

Zweite Auflage[Bearbeiten]

Auf einige Kritikpunkte der ersten Auflage geht Singer genauer ein. Er schildert in einem Anhang die Debatte in Deutschland aus seiner Sicht. Dort kritisiert er beispielsweise die fehlende Diskussionsbereitschaft darüber, was „absolute Menschenwürde“ und „Wert des Lebens“ eigentlich bedeuten, worauf diese ethischen Konzepte gründen und welche Implikationen sie besitzen. Außerdem wehrt er sich gegen Vergleiche seiner Position mit den Taten in der Zeit des Nationalsozialismus.

H. L. A. Harts Kritik, dass für einen Utilitaristen Personen ebenso ersetzbar sein müssten, begegnet Singer folgendermaßen: Das Erschaffen von neuen Präferenzen ist selbst dann, wenn diese erfüllt werden, im Allgemeinen weder gut noch schlecht. So mag beispielsweise die Schaffung der Präferenz „Hunger“ akzeptabel erscheinen, wenn sie mit einer leckeren Mahlzeit belohnt und befriedigt wird. Andererseits ist es nicht erstrebenswert, Kopfschmerzen zu bekommen, auch wenn ein Mittel gegen diese bereitsteht und somit das Verlangen nach Beenden der Schmerzen erfüllt werden kann. Präferenzen von Personen können nicht ersetzt werden, weil die Erfüllung einer Ersatzpräferenz mit der Schaffung derselben einhergeht und diese ethisch neutral ist, also das Zerstören der ursprünglichen Präferenz nicht rechtfertigen kann.

Dritte Auflage[Bearbeiten]

In der dritten Auflage wurde das in der zweiten Auflage hinzugefügte Kapitel über die Asylproblematik wieder entfernt. Dafür ist ein Kapitel über den Klimawandel und den damit verbundenen Herausforderungen ergänzt worden.

Als weitere einschneidende Änderung beschreibt er in seinem Vorwort zur dritten Auflage ein Überdenken seiner früheren Position zur Fragestellung, ob die Entstehung eines neuen Lebewesens - sei es ein menschliches oder nichtmenschliches - in irgendeinem Sinne das Ende eines gleichen Lebewesens, das getötet worden ist, zu kompensieren vermag. Eine ausschließlich auf dem Präferenz-Utilitarismus beruhende Position sieht er nach Überarbeitung der dritten Auflage nun nicht mehr als eine zufriedenstellende Lösung für dieses Dilemma an.

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Singer: Practical Ethics. Cambridge University Press, Cambridge 1979; 2nd edition, 1993; 3rd edition, 2011, ISBN 9780521707688 (deutsch Praktische Ethik. 2. Auflage. Reclam, Stuttgart 1994, ISBN 3-15-008033-9)
  • Kurt Wuchterl: Streitgespräche und Kontroversen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Haupt, Bern 1997, ISBN 3-8252-1982-8.
  • Dale Jamieson (Hrsg.): Singer and His Critics. Blackwell, Oxford 1999, ISBN 155786909X.
  • Till Bastian (Hrsg.): Denken, schreiben, töten. Zur neuen „Euthanasie“-Diskussion und zur Philosophie Peter Singers. Hirzel, Stuttgart 1990, ISBN 3-8047-1112-X.

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Seite bei Cambridge University Press. Abgerufen am 17. März 2011.
  2. Christoph Anstötz (Hrsg.): Peter Singer in Deutschland. Zur Gefährdung der Diskussionsfreiheit in der Wissenschaft. Lang, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-631-48014-8.

Aus Praktische Ethik, 2. Auflage. Reclam:

  1. S. 130
  2. S. 120
  3. S. 196f
  4. S. 197
  5. S. 398 f
  6. S. 402 f
  7. S. 435f

Anmerkungen:

  1. Allerdings ist es durchaus möglich, dass Interessen nicht bewusste Wesen betreffen. Zum Beispiel empfinden viele Menschen die natürliche Pflanzenwelt als etwas schönes und haben ein Interesse an ihrem Erhalt. Nicht bewusste Wesen haben zwar kein eigenes Interesse an ihrem Erhalt (und können es auch nicht haben), aber da bewusste Wesen ein solches Interesse haben, muss dieses Interesse berücksichtigt werden. Jean-Claude Wolf spricht zur Unterscheidung von einem instrumentellen (im Gegensatz zu einem intrinsischen) Wert. (Jean-Claude Wolf: Tierethik. Freiburg (Schweiz) 1992, 60 f.)

Weblinks[Bearbeiten]

  • Abhandlung über Praktische Ethik der Veganen Gesellschaft Österreichs