Priming (Psychologie)

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Der Begriff Priming bzw. Bahnung bezeichnet in der Psychologie die Beeinflussung der Verarbeitung (Kognition) eines Reizes dadurch, dass ein vorangegangener Reiz implizite Gedächtnisinhalte aktiviert hat. Diese Aktivierung spezieller Assoziationen im Gedächtnis aufgrund von Vorerfahrungen mit den betreffenden Informationen geschieht häufig und zum allergrößten Teil unbewusst.[1]

Solch ein bahnender Reiz kann ein Wort, ein Bild, ein Geruch, eine Geste oder Ähnliches sein. Der primende bzw. bahnende Reiz aktiviert bottom up Gedächtnisinhalte, die top down bestimmen, wie schnell der nachfolgende Reiz verarbeitet wird, oder ob er korrekt erkannt wird, oder – bei uneindeutigen Reizen – auf welche Weise er interpretiert wird, oder sie beeinflussen den Gemütszustand oder nachfolgendes Verhalten. Das Konzept beruht auf der Aktivierungsausbreitung von Assoziationen.

Abgrenzung zu verwandten Effekten und Begriffen[Bearbeiten]

In der Experimentalpsychologie spricht man allgemein von einem Hinweisreiz (engl. cue), der bei einem Experiment der Versuchsperson anzeigt, dass ein Zielreiz (engl. target) demnächst erscheint (ms-Bereich). Die Gestaltung des Hinweisreizes sollte hier also neutral sein, z. B. ein normalgroßer schwarzer Balken, damit er seine Anzeige-Funktion erfüllen kann, sich aber sonst nicht auf die Reaktionsgeschwindigkeit oder Qualität der Reaktion auswirkt. Die Versuchsperson wird gebeten den Cue zu ignorieren. Prime-Reize sind demnach eine Art spezielle Hinweisreize. Diese sollen zwar von der Versuchsperson ignoriert werden, was ihr aber aufgrund der Gestaltung des Primes nicht möglich ist. Beispiel: Die Person soll mit einer linken und rechten Taste auf linke und rechte Pfeile reagieren (target), die Primes sind auch Pfeile die nach links oder rechts zeigen. Diese Ähnlichkeit beeinflusst die Reaktion maßgeblich.

Wenn der Prime lange genug präsentiert wird, ist er der bewussten Wahrnehmung zugänglich. Kann der Prime nicht bewusst wahrgenommen werden so nennt man ihn unterschwellig. Unterschwellige Primes können dennoch eine Wirkung erzielen (siehe auch subliminale Wahrnehmung).

Der Framing-Effekt besagt, dass unterschiedliche Formulierungen einer Botschaft – bei gleichem Inhalt – das Verhalten des Empfängers unterschiedlich beeinflussen.

Allgemeine Arten von Priming[Bearbeiten]

Es gibt viele spezielle Ausprägungen des allgemeinen Priming-Konzepts.

Positives versus negatives Priming[Bearbeiten]

Eine Unterscheidung ist beispielsweise danach möglich, ob der Prime die Verarbeitung des nachfolgenden Reizes beschleunigt oder verzögert, die korrekte Identifizierung verbessert oder verschlechtert. Im jeweils ersten Fall spricht man von positivem, im zweiten Fall von negativem Priming.[2]

Die Unterscheidung nach positiver Wirkung bzw. negativer Wirkung lässt sich auf die anderen genannten Priming-Arten übertragen. So beim Semantischen Priming: semantisch verwandte Wörter führen zu Bahnungseffekten (niedrigere Reaktionszeit, weniger Fehler), semantisch nicht verwandte Wörter hingegen führen eher zu Hemmungseffekten.

Affektives Priming[Bearbeiten]

Wird die Verarbeitung nachfolgender Reize beeinflusst, weil vom vorangegangenen, „primenden“ Reiz Gefühlszustände aktiviert wurden, spricht man von affektivem Priming.

Semantisches Priming[Bearbeiten]

Semantisches Priming geschieht über die Aktivierung von begrifflichen Assoziationen, beispielsweise über Wortfelder.

Response Priming[Bearbeiten]

Response Priming ist eine Form des Priming mit sehr schnell aufeinander folgenden Reizen, die jeweils mit motorischen Antwortalternativen verknüpft sind. Response Priming ist besonders geeignet, um den Einfluss von kaum oder nicht bewusst wahrnehmbaren Reizen zu untersuchen.

Medien-Priming[Bearbeiten]

Die Medienwirkungsforschung bezeichnet Priming-Effekte, die im Kontext der Massenmedien bestimmte Verhaltens- oder Einstellungsänderungen erklären, als Medien-Priming.

Konkrete Beispiele[Bearbeiten]

In allen nachfolgend beschriebenen Experimenten wurden die Versuchsteilnehmer beeinflusst, ohne dass diese es bemerkten.

Beispiel aus der Wahrnehmungspsychologie[Bearbeiten]

Steven Palmer zeigte 1975 seinen Versuchspersonen sehr kurz das Bild eines Objektes (zum Beispiel einen Brotlaib, einen Briefkasten oder eine Trommel), das sie in 40 % der Fälle korrekt identifizierten. Sahen sie jedoch zuvor das Bild einer Küche, stieg die korrekte Identifizierung des Brotlaibes auf 80 %, jedoch nicht von Objekten, die nicht in ein Küchenbild passen.[3]

Beispiele aus der Sozialpsychologie[Bearbeiten]

  • Hält man einen Bleistift mit den Zähnen (ähnlich wie bei einem Lächeln), findet man Comics lustiger, als wenn man ihn mit den vorgestülpten Lippen im Mund hält (ähnlich wie bei einem „schmollenden“ Gesichtsausdruck).[4]
  • Auf das Thema „Geld“ geprimte Menschen sind individualistischer als die Kontrollgruppe.[5] Sie arbeiten länger an schwierigen Aufgaben, bevor sie um Hilfe bitten; sie sind weniger hilfsbereit und sie sind lieber allein.[6]
  • Auf das Thema „Altern“ geprimte Menschen bewegen sich langsamer.[7]
  • Menschen, die sich fünf Minuten langsam bewegt haben, erkennen Wörter besser, die mit dem Thema „Altern“ assoziiert werden.[8]
  • Wer sich an ein beschämendes Erlebnis erinnert, bekommt das Bedürfnis, sich zu waschen.[9]
  • Wird man auf das Thema „Angst vor dem Sterben“ geprimet, ist man empfänglicher für autoritäre Ideen.[10]
  • Ein Experiment von Bargh und Pietromonaco ergab, dass Versuchspersonen eine ambivalente Aussage (zum Beispiel „Ein Vertreter klopfte, aber Donald ließ ihn nicht herein.“) emotional als feindseliger bewerteten, wenn sie subliminal durch emotional feindselig gefärbte Begriffe (zum Beispiel „Beleidigung“, „unfreundlich“) geprimet wurden.[11]
  • Die Reihenfolge von Fragen bei Interviews oder auf Fragebögen kann das Ergebnis beeinflussen: Fritz Strack et al. legten einer Gruppe von Versuchspersonen einen Fragebogen vor, in denen folgende Fragen vorkamen:
– „Wie glücklich sind Sie zur Zeit?“
– „Wieviele Verabredungen hatten Sie im vergangenen Monat?“
Zwischen den Antworten auf diese Fragen gab es in dieser Fragereihenfolge (allgemein/spezifisch) keinerlei Zusammenhang. Einer anderen Gruppe legten sie denselben Fragebogen vor, in dem nur die Reihenfolge dieser beiden Fragen vertauscht war (spezifisch/allgemein). Jetzt gab es einen sehr hohen Zusammenhang: der Korrelationskoeffizient war 0,66.[12]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. David G. Myers: Psychologie. Springer; Auflage: 2. erw. u. aktualisierte Aufl. 2008 (14. Juli 2008). ISBN 978-3540790327. Seite 961.
  2.  Susanne Mayr, Axel Buchner: Negative Priming as a Memory Phenomenon: A Review of 20 Years of Negative Priming Research. In: Zeitschrift für Psychologie/Journal of Psychology. Band 1, Nr. 215, 2007, S. 35–51.
  3.  Steven Palmer: The effects of contextual scenes on the identification of objects. In: Memory and Cognition. Nr. 3, 1975, S. 519–526.
  4.  Fritz Strack, Leonard L. Martin, Sabine Stepper: Inhibiting and Facilitating Conditions of the Human Smile. In: Journal of Personality and Social Psychology. Nr. 54, 1988, S. 768–777.
  5.  Daniel Kahneman: Thinking, fast and slow. Allen Lane Paperback, ISBN 978-1-846-14606-0, S. 55f.
  6.  Kathleen D. Vohs: The Psychological Consequences of Money. In: Science. Nr. 314, 2006, S. 1154–1156.
  7.  Bargh, J. A., Chen, M., & Burrows, L.: Automaticity of social behavior: Direct effects of trait construct and stereotype priming on action. In: Journal of Personality and Social Psychology. Nr. 71, 1996, S. 230–244.
  8.  Thomas Mussweiler: Doing Is for Thinking! Stereotype Activation by Stereotypic Movements. In: Psychological Science. Nr. 17, 2006, S. 17–21.
  9.  Chen-Bo Zhong, Katie Liljenquist: Washing Away Your Sins: Threatened Morality and Physical Cleansing. In: Science. Nr. 313, 2006, S. 1451f..
  10.  Jeff Greenberg et al.: Evidence for Terror Management Theory II: The Effect of Mortality Salience on Reactions to Those Who Threaten or Bolster the Cultural Worldview. In: Journal of Personality and Social Psychology. Nr. 58, 1990, S. 308–318.
  11.  John Bargh, Paula Pietromonaco: Automatic information processing and social perception: The influence of trait information presented outside of conscious awareness on impression formation. In: Journal of Personality and Social Psychology. Nr. 43, 1982, S. 437–449.
  12.  Fritz Strack, Leonard L. Martin, Norbert Schwarz: Priming and Communication: The Social Determinants of Information Use in Judgments of Life Satisfaction. In: European Journal of Social Psychology. Band 5, Nr. 18, 1988, S. 429–442., zit. n.  Daniel Kahneman: Thinking, fast and slow. Allen Lane Paperback, ISBN 978-1-846-14606-0, S. 101f.