Private Banking

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Unter Private Banking versteht man im Bankwesen sämtliche Finanzdienstleistungen, die Kreditinstitute ihren vermögenden Privatkunden anbieten. Außerdem heißen so meist die Bankabteilungen, in denen dieses Bankgeschäft abgewickelt wird.

Allgemeines[Bearbeiten]

Der Anglizismus Private Banking umfasst im deutschsprachigen Kreditwesen somit alle Bankgeschäfte, die der Zielgruppe der reichen High Net Worth Individuals zur Verfügung stehen. Eine einheitliche Definition gibt es nicht; eine Zusammenfassung der wichtigsten Definitionen bietet das Grundlagenwerk von Bettina Howald aus dem Jahre 2007.[1] Wesentlicher Bestandteil des Private Banking ist jedenfalls eine Segmentierung der Kunden nach wohlhabenden, vermögenden Privatkunden. Was genau darunter zu verstehen ist, wird uneinheitlich beantwortet. Die meisten Banken legen weltweit eine betragsmäßige Untergrenze (etwa 1 Million Euro zu verwaltendes Vermögen) fest, um Kunden für das Private Banking zu identifizieren. Die Boston Consulting Group teilt dabei folgendermaßen ein:[2]

  • Non Wealthy (nicht vermögend): < 100000 US$
  • Mass Affluent Investors (Massenreichtum): 100000-1 Million US$
  • Emerging Wealthy Investors (sich entwickelnde Vermögende): 1-5 Millionen US$
  • Established Wealthy Investors (etablierte Vermögende): > 5 Millionen US$.

Typische Bankengruppe, die (ausschließlich) Private Banking betreibt, sind die Privatbanken. Der Begriff Private Banking klingt zwar nach „Private Bank“ und wird heute damit meist assoziiert, doch versuchen auch andere Institutsgruppen, Kunden für das Private Banking zu gewinnen, zumal sie ohnehin meist über die Finanzprodukte und das fachliche Know-how verfügen. Private-Banking-Dienstleistungen werden heute von einer Vielzahl von Banken - unabhängig von Rechtsform und Eigentümerschaft - angeboten und erbracht; seit Jahren sind neben traditionellen Privatbankiers und Großbanken auch Sparkassen und Genossenschaftsbanken in diesem Bereich aktiv.

Geschichte[Bearbeiten]

Älteste inhabergeführte Privatbank Deutschlands mit typischen Aktivitäten im Private Banking ist die im Jahre 1590 entstandene Berenberg Bank.[3] Weitere traditionsreiche Privatbanken sind das 1674 entstandene Bankhaus Metzler oder die am 2. Januar 1748 gegründete Bethmann-Bank, die drittälteste Bank Deutschlands. Sie entstand durch Johann Philipp und Simon Bethmann, bis 1976 die Familiendynastie die Bank verließ und die Bayerische Vereinsbank einstieg. Im Februar 2004 begann die Delbrück Bethmann Maffei AG im alten Bethmannhof in Frankfurt als jüngste deutsche Privatbank. 1761 eröffnete das Bankhaus Löbbecke, 1785 Trinkaus, 1789 Sal. Oppenheim und 1790 das Bankhaus J. H. Stein. Aus ihm ging im Januar 1987 Marcard, Stein & Co hervor. Das Bankhaus Lampe öffnete am 1. Oktober 1852, Merck Finck & Co folgte am 1. Juli 1870, Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. war das im Oktober 1969 entstandene Ergebnis einer Fusion von drei kleineren Regionalbanken, seit September 2001 firmiert sie unter der Firma UBS Deutschland AG.

Viele der Privatbankiers des 19. Jahrhunderts waren jüdischen Ursprungs, so dass diese Banken während der Arisierung ab 1933 entweder liquidiert wurden oder durch deutsche Inhaber übernommen werden mussten.[4] Als Europas größte Privatbank gilt das Bankhaus Sal. Oppenheim, das seit dem 28. Oktober 2009 zu 100 % der Deutschen Bank AG gehört.

Eine besondere internationale Rolle spielt im heutigen Private Banking die aus Frankfurt stammende Rothschild-Dynastie, die als die archetypische Organisation des Private Banking erscheint.[5] Die Familie sorgte für vertrauensvolle Kundenbeziehungen, die eine individuelle Vermögensberatung ermöglichten. Dem Frankfurter Mayer Amschel Rothschild gelang 1804 die Emission einer dänischen Staatsanleihe, worin der Beginn des Rothschildschen Bankgeschäfts gesehen werden kann. Am 27. September 1810 gründete er „Mayer Amschel Rothschild und Söhne“ und fasste mit dieser Firma die wachsenden Finanzaktivitäten zusammen. Seine fünf Söhne verteilte Mayer Amschel Rothschild in ganz Europa (Frankfurt: Amschel Mayer von Rothschild, Paris 1817: Jakob Rothschild, London 1811: Nathan Mayer Rothschild, Wien: Salomon Rothschild und Neapel 1828: Kalmann Mayer Rothschild). Sein 1799 nach England ausgewanderter Sohn Nathan Mayer Rothschild stieg in London 1811 in das Bankgeschäft mit der Firma N M Rothschild & Sons ein und erhielt im Januar 1814 von der englischen Regierung den Auftrag, die im Ausland kämpfenden britischen Truppen mit Goldmünzen zu bezahlen. Seine Bank konzentrierte sich zunächst auf Staatsfinanzierungen, spätestens seit 1819 auch auf den Goldhandel. Im Jahre 1838 entstand die Holding Paris-Orléans, die sich seit der Bündelung der Bankaktivitäten im Januar 2008 zur zentralen Holdinggesellschaft für Finanztransaktionen der Rothschilds entwickelte, zu der auch die Rothschild Bank (1968) gehört. Die Verwaltung von Vermögensteilen der Familie Quandt durch Feri Trust seit 1988 wird häufig als Ursprung des Family Office in Deutschland angesehen.[6]

Eine herausragende Stellung nimmt das Private Banking seit jeher in der Schweiz ein. Es begann mit der ältesten Schweizer Privatbank Bank Lombard Odier & Co (gegründet 1796), es folgten unter anderem die Pictet-Gruppe (23. Juli 1805), Dreyfus Söhne & Cie. (1813), Credit Suisse (5. Juli 1856), Piguet Galland & Cie (1856), Schweizerische Bankgesellschaft (1862) oder Bank Julius Bär (17. Oktober 1890). Erst relativ spät entstand 1936 Vontobel. Die Bank Frey & Co. ist eine der jüngsten, erst 2002 gegründeten Schweizer Privatbanken.

Inhalt und Dienstleistungen[Bearbeiten]

Die Beratung im Private Banking ist intensiver, individueller und/oder persönlicher als im Massenkundengeschäft. Die Vorstellung vom institutionalisierten Multi Family Office ist ein wichtiger Bestandteil der Private Banking-Philosophie. Ziel der Banken ist hierbei die Etablierung einer langfristigen und vertrauensvollen Kundenbeziehung zum wohlhabenden Kunden als Hausbank, die während der Anlageberatung eine umfassende Vermögensanalyse ihrer Kunden vornimmt und sie nach § 31 Abs. 5 WpHG in Risikoklassen einteilt. Aufgrund der Risikofreude und des sich hieraus ergebenden Risikoprofils werden die diesem Profil entsprechenden Kapitalanlagen ausgewählt.

Dabei erfolgt das Private Banking in vier Phasen:[7]

  • Akquisitions- und Beratungsphase: Identifikation, Gewinnung und Beratung der Kunden,
  • Anlagephase: Einsatz der Bankprodukte,
  • Abwicklungsphase: Durchführung der Finanztransaktionen und
  • Kontrollphase: Beobachtung der Wertentwicklung der Finanzprodukte.

Das Private Banking umfasst zunächst die Nutzung von standardisierten Bankprodukten wie Zahlungsverkehr oder Wertpapierdepotgeschäft, die auch anderen Bankkunden angeboten werden. Kerngeschäfte sind insbesondere folgende Dienstleistungen:

  • Vermögensberatung: Der Kunde erhält von seinem Berater Anlagevorschläge, aus denen er (alleine, zusammen mit dem Berater oder zusammen mit Dritten, z. B. Steuerberater) auswählen kann.
  • Vermögensverwaltung: Der Kunde gibt der Bank den Auftrag, sein Vermögen nach festgelegten Grundsätzen, z. B. Risikoeinstufung, zu verwalten; er nimmt nicht direkt Einfluss auf einzelne Anlageentscheidungen, sondern überlässt diese und die Kontrolle der Wertentwicklung seiner Bank.

Die Dienstleistungen, die im Rahmen des Private Banking angeboten werden, sind umfangreicher geworden. Waren es vor Jahren lediglich Anlagevorschläge und ein detaillierter Depotauszug, so wird heute oftmals mit Definitionen des Anlageziels, Ertragserwartungen, Erfolgskontrolle und umfangreichen Anlagevorschlägen gearbeitet. Dabei wird auf die Vorgaben der Kunden wie beispielsweise zum Rating bei Anleihen oder Aktien, Bandbreite für das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei Aktien, Ausschluss von bestimmten Branchen (Waffenhandel, Gentechnik) wie auch deren Risikoneigung individuell eingegangen.[8] Zudem achtet das Private Banking auf Steueroptimierung,[9] um bei Kapitalanlagen möglichst wenig Steuern auszulösen.

High Net Worth Individuals[Bearbeiten]

Gemäß einer Studie von Capgemini und der Royal Bank of Canada gab es im Jahr 2012 weltweit 12 Millionen so genannte High Net Worth Individuals (HNWI), also Personen mit mehr als einer Million US-Dollar an liquidem Vermögen (Investable Assets). Zusammen verfügten sie über investierbare Mittel von 46,2 Billionen US-Dollar. Die meisten HNWIs, nämlich 3,7 Millionen, lebten der Studie zufolge im Raum Asien-Pazifik und in Nordamerika (ebenfalls 3,7 Millionen HNWI). In Europa lebten 3,4 Millionen.[10]

Bedeutung[Bearbeiten]

Private Banking gewinnt an Bedeutung, zumal die Summe des ererbten Vermögens insbesondere in den entwickelten Ländern jährlich wächst. Das besondere Vertrauen des Kunden und die hohe Beratungsintensität schaffen auf Bankenseite so genannte persönliche Präferenzen, die die Preiselastizität auf der Kundenseite verringern und die Kundenbindung erhöhen können. Der Wechsel der Hausbank kommt deshalb für Kunden in den meisten Fällen nicht in Betracht. Die Langfristigkeit der Geschäftsbeziehung ermöglicht unter Umständen eine Ausdehnung des Private Banking bis hin zu Erbschafts- und Nachfolgefragen in Unternehmen.

Unterschiede in der Besteuerung in verschiedenen Ländern, der Kundenwunsch nach Steueroptimierung und das Bankgeheimnis haben zu einer Internationalisierung des Private Banking geführt. Die Schweiz, Österreich, Luxemburg sowie Offshore-Finanzplätze wie die Bahamas, Bermuda, Cayman Islands oder Jersey haben mit ihren liberalen Rahmenbedingungen den Zugang für High Net Worth Individuals erleichtert.

Literatur[Bearbeiten]

  • Heike Brost, Martin Faust (Hrsg.): Private Banking und Wealth Management. Bankakademie-Verlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-937519-52-4.
  • Markus Rudolf, Katrin Baedorf (Hrsg.): Private Banking (= Kompendium bankbetrieblicher Anwendungsfelder). 2. Auflage. Frankfurt-School-Verlag, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-937519-71-5.
  • Dominik Löber: Private Banking in Deutschland. Strategie und Organisationsarchitektur (= Schriften zum europäischen Management). Springer Gabler, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-8349-3558-8.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bettina Howald, Kundenwert im Private Banking, 2007, S. 15 ff.
  2. Boston Consulting Group, Searching for Profitable Growth, Global Wealth, September 2005, S. 4
  3. Patrick Zenz-Spitzweg, Die Wahl des Anbieters im Private Banking, 2007, S. 130
  4. Bankhistorisches Archiv, Zeitschrift für Bankengeschichte, Beiheft 41, Hans-Dieter Kirchholtes, Der Privatbankier, 2003, S. 62
  5. Philip Cottrell/Youssef Cassis, The World of Private Banking, 2013, S. XVII
  6. Till Singer, Family Office: Aktuelle Entwicklungen auf Kunden- und Anbieterseite, 2010, S. 21
  7. modifiziert nach Bettina Howald, a.a.O., S. 29 f.
  8. Diese Fragen sollte ein Vermögensverwalter stellen (PDF; 34 kB). MyPrivateBanking Research, 4. Mai 2010. Abgerufen am 26. März 2014.
  9. Ulf Gerlach, Aufbau globaler Markenimages im International Private Banking, 2001, S. 108
  10. World Wealth Report Website