Pro Familia (Deutschland)

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pro familia Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e.V.
Pro familia.svg
Typ Ärztliche, psychologische und soziale Beratung zu Partnerschaft und Sexualität für Frauen und Männer, Mädchen und Jungen
Motto Für selbstbestimmte Sexualität

Pro Familia (Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung) ist ein deutschlandweiter Verbund von Beratungsstellen für Sexualpädagogik. Sein Angebot richtet sich aktiv an Jugendliche, Eltern und Schulen. Auch anderen Interessierten bietet Pro Familia Beratungen an.

Dem in Landesverbände untergliederten Bundesverband gehören rund 4.000 Mitglieder an. Er unterhält mehr als 180 Beratungsstellen in Deutschland mit etwa 1.600 Mitarbeitern. Angeboten wird medizinische, psychologische, psychosoziale und familienrechtliche Beratung unter anderem zu Sexualität, Partnerschaft, Trennung und Scheidung, Empfängnisregelung und -verhütung, unerfülltem Kinderwunsch, Schwangerschaft und Geburt.

Die Organisation ist ein Gründungsmitglied der International Planned Parenthood Federation (IPPF) und Mitglied im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband. Der Bundesverband finanziert sich durch Spenden und Mitgliederbeiträge. Außerdem wird er durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziell gefördert.

Vereinsziele, Beratung und medizinische Angebote[Bearbeiten]

Der Verein setzt sich für die sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen, Männern, Kindern und Jugendlichen ein und vertritt den Grundsatz einer freien Entscheidung jedes Menschen über seinen Kinderwunsch, der das Recht auf einen legalen Schwangerschaftsabbruch ohne Indikation einschließt.

Ein Schwerpunkt des Arbeitsprogramms ist die besondere Förderung und Unterstützung benachteiligter Gruppen in der Bevölkerung.

Der Verein bietet sexualpädagogische Veranstaltungen für Schulklassen und Jugendgruppen an.[1] Viele Beratungsstellen bieten eine Jugendsprechstunde an, außerdem gibt es die Möglichkeit der Onlineberatung. Pro Familia informiert online und mit Broschüren umfangreich zu Verhütung und Sexualität.

Der Verein engagiert sich für den freien Zugang zu Verhütungsmitteln. Auch setzt sich Pro Familia für die Rezeptfreiheit der Pille danach ein; Deutschland gehört zu den wenigen Ländern in der Europäischen Union, wo der Arztbesuch noch Pflicht ist.[2] Die Vermeidung von Teenagerschwangerschaften gilt für Pro Familia als eine Herausforderung der Sexualaufklärung und der Sexualpädagogik und als gesellschaftliche Aufgabe.[3] Pro Familia fordert das Recht auf einen legalen Schwangerschaftsabbruch ohne Indikation. Damit vertritt der Verband zu sexualethischen Zielen und Vorstellungen Positionen, die von kirchlichen und sonstigen Organisationen kritisiert werden.

Der Verein betreibt zudem mehrere „Medizinische Zentren“ (in Bremen, Mainz, Rüsselsheim, Kassel, Gießen und Saarbrücken), in denen unter anderem ambulant Sterilisationen und legale Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden können und kooperiert mit Familienplanungszentren in Berlin und Hamburg.[4]

Geschichte[Bearbeiten]

Pro Familia standen vor:[5]

Der Verein wurde am 23. Dezember 1952 als „Deutsche Gesellschaft für Ehe und Familie“ in Kassel gegründet. Ziel war die Schaffung eines gemeinnützigen, nicht-staatlichen und nicht-konfessionellen Fachverbands für Fragen der Sexualität und der Familienplanung.

Die Gründung ging unter anderem auf Vorarbeiten von Margaret Sanger zurück, einer Aktivistin der Bewegung für Geburtenkontrolle, die 1921 die American Birth Control League begründete, aus der 1942 die US-amerikanische Organisation Planned Parenthood und 1952 auch die (deutsche) Pro Familia und (internationale) IPPF hervorgingen.

Erster und langjähriger Vorsitzender war der Hamburger Sozialhygieniker Hans Harmsen.[6] Mitgründer waren Margaret Sanger und Anne-Marie Durand-Wever, letztere wurde Vizevorsitzende. 1984 legte Harmsen das Amt des Ehrenpräsidenten wegen Kritik an seinen während der NS-Zeit geäußerten Positionen nieder.[7] 1963 erfolgte die Aufnahme von Pro Familia in den Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Durch eine Förderung im Modellprojekt der Bundesregierung „Ergänzende Maßnahmen zur Reform des § 218“ konnte das Angebot auf 26 Beratungsstellen ausgeweitet werden, zusätzlich zur Fachberatung und Beratung Betroffener wurde jetzt verstärkt sexualpädagogische Jugendarbeit geleistet. In den Jahren ab 1983 wurde die AIDS-Prävention ein weiterer Schwerpunkt.

Nach der deutschen Wiedervereinigung traten im Jahr 1991 in den neuen Bundesländern die Landesverbände der Organisation „EHE und FAMILIE in der DDR“ Pro Familia bei, so dass ihre Aktivitäten auch ohne die Unterstützung der Bundesregierung[8] fortgesetzt werden konnte. 1993 erfolgte die letzte Namensänderung in „Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e. V.“

Seit etwa 2000 engagiert sich der Verein auch in der Aufklärung über die künstliche Befruchtung und die Präimplantationsdiagnostik.

Kontroverse von 2013[Bearbeiten]

Der Tagesspiegel recherchierte im Oktober 2013, dass zwischen 1980 und 1998 im pro familia magazin mehrere Artikel von Psychologen und Soziologen Artikel erschienen waren, die unter bestimmten Bedingungen für Straffreiheit bei sexuellen Kontakte mit Kindern plädierten, darunter auch Norbert Lammertz, damals Vorstandsmitglied bei Pro Familia Bonn. Der Tagesspiegel sprach von einem „Pädophilie-Problem“ im Verein, man versuchte dabei an die Pädophilie-Debatte über die Grünen anzuknüpfen.[9][10][11] Auch prominente Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität, die als pädophile Lobby-Gruppe gilt, waren unter den Autoren des pro familia magazins, der Soziologe Rüdiger Lautmann, Autor von Die Lust am Kind veröffentlichte dort auch noch 2013, worauf taz hinwies.[12]

In zwei offiziellen Stellungnahme kündigte Pro Familia eine Prüfung an, „ob und inwieweit damals Pädosexuelle die Publikationen oder Verbandsstrukturen von pro familia dazu benutzt haben, um ihre Ansichten zu verbreiten und dafür zu werben“ und betont, dass in dem Verbandsmagazinen die „eindeutige Verurteilung des sexuellen Missbrauchs“ an keiner Stelle infrage gestellt worden sei. In den entsprechenden Ausgaben des pro familia Magazins seien damalige Meinungsführer der Diskussionen in der Sexualwissenschaft um die „sexuelle Befreiung“ mit stark divergierenden Positionen zu Wort gekommen und dabei hätten zweifellos Standpunkte vertreten, die aus heutiger Sicht „völlig unvertretbar und verharmlosend“ seien „und die Verletzungen der Opfer ignorierten.“ Seit 1998 habe sich Pro Familia eindeutig von derartigen Positionen distanziert.[13] Jüngere Kommentare stellen die Vorgänge in den Kontext der Enttabuisierung der Sexualität, der zu mangelnder Vorsicht oder Abgrenzung gegenüber Verteidigern sexueller Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern geführt habe.[14] Zeitbeobachter sprechen von einem naiven damaligen Umgang mit Pädophilie und einer anschließenden Schweigespirale.[15]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Christian Rost: Pro Familia hilft aus. Sexualkunde als Lebenshilfe, in: Süddeutsche Zeitung vom 25. Juli 2009
  2. „Pannenhilfe nach 6“ auf der Website des Verbandes, abgerufen am 15. Oktober 2013.
  3. Vgl. den Vortrag Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch bei minderjährigen Frauen (PDF; 53 kB), online auf den Seiten der Friedrich Ebert Stiftung.
  4. „Was wir Ihnen bieten“ auf der Website des Verbandes, abgerufen am 15. Oktober 2013: „In den pro familia Zentren (Bremen, Mainz, Rüsselsheim und Saarbrücken) sowie in den mit pro familia kooperierenden Familienplanungszentren in Berlin und Hamburg werden auch medizinische Behandlungen angeboten, […]“.
  5. Michael Altmann: „60 Jahre für selbstbestimmte Sexualität“, in: pro familia magazin 1/2012, S. 4f, online auf der website des Verbandes, abgerufen am 15. Oktober 2013.
  6. Sabine Schleiermacher: Racial Hygiene and Deliberate Parenthood; Reproductive and Genetic Engineering: Journal of International Feminist Analysis 3 (1990), Heft 3, Band 3 (pdf; 138 kB).
  7. Sexualpädagogik und Familieninformationen, Nr. 6, 1984
  8. Leicht übergangen. – Beim Ausbau der Schwangerschaftsberatung in der Ex-DDR bevorzugt Bonn konservative Organisationen, in: Der Spiegel, Ausgabe 17/1991 vom 22. April 1991
  9. Cordula Eubel, Sarah Kramer: Pädophilie-Problem auch beim Verein Pro Familia; in: Der Tagesspiegel vom 8. Oktober 2013
  10. Sarah Kramer: Pädophilie-Vorwürfe an Pro Familia. Fragwürdiges Netzwerk., in: Der Tagesspiegel vom 9. Oktober 2013
  11. Cordula Eubel, Sarah Kramer: Debatte um Pädophilie. Die Probleme von Pro Familia mit der Distanz. In: Der Tagesspiegel, 8. Oktober 2013
  12. Nina Apin: Pädophile Positionen bei pro familia. „Bedürfnisse“ und „Moralpanik“, in: taz vom 10. Oktober 2012. Offiziell hat allerdings auch Lautmann seine ftrühere Behandlung des Themas Hämophilie als naiv und unzureichend abgegrenzt widerrufen. vgl. Rüdiger Lautmann: Sexualität – soziokulturell und Rüdiger Lautmann: Das Szenario der modellierten Pädophilie.
  13. Pressemitteilung von pro Familia vom 8. Oktober 2013, Erklärung der Bundesvorsitzenden vom 11. Oktober 2013
  14. Vgl. etwa Parvin Sadigh Nicht nur die Grünen verharmlosten Pädophilie, Die Zeit, 17. Dezember 2013
  15. Anja Fähnle: Verband Pro Familia: Fragwürdiger Umgang mit Pädophilie, Artikel am 11. Oktober 2013 auf DW.de