Promotion B

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Promotion B zum „Doktor der Wissenschaften“ (Dr. sc.) war eine akademische Qualifizierungsform in der DDR. Sie wurde nach dem Vorbild des sowjetischen „Doctor scientiae“ mit der „Verordnung über die akademischen Grade“ vom 6. November 1968 eingeführt und war durch die Promotionsordnungen vom 21. Januar 1969 geregelt. Sie stand Assistenten oder Oberassistenten offen, die durch die Promotion A im Besitz eines akademischen Grades des „Doktors eines Wissenschaftszweiges“ waren und Hochschullehrer werden wollten. Die Lehrbefähigung wurde durch die Promotion B allerdings nicht zuerkannt, sondern es wurde lediglich ein zweiter akademischer Grad erworben. Es handelte sich bei der Promotion B deshalb nicht um eine bloß neu benannte Habilitation. Ziel war es vielmehr, die akademische Hierarchie abzuflachen. Dazu wurde die Unterscheidung zwischen Habilitation und Promotion auch begrifflich eingeebnet.[1]

Von den Kandidaten der Promotion B wurde außerdem eine erfolgreiche Tätigkeit als Leiter von wissenschaftlichen Kollektiven, Weiterbildung auf Gebieten des Marxismus-Leninismus und „hervorragende Mitarbeit bei der Gestaltung des entwickelten gesellschaftlichen Systems des Sozialismus“ erwartet.[2] Dadurch wurden dem Anforderungsprofil nicht-wissenschaftliche Bestandteile hinzugefügt, die nicht durch die wissenschaftliche Fachgemeinschaft kontrolliert werden konnten. Die Kandidaten bedurften deshalb der Unterstützung durch die SED.

Von promovierten Wissenschaftlern in der DDR wurde in der Regel erwartet, dass sie auch die B-Promotion anstreben würden. Der durch die Wissenschaftspolitik der DDR bedingte Mangel an fähigen Wissenschaftlern führte zu einer Senkung des wissenschaftlichen Anspruchsniveaus, was durch die strengen ideologischen Ansprüche, die an künftige Hochschullehrer gestellt wurden, noch verstärkt wurde. Es war in der DDR gängige Praxis, mit der Promotion B das Thema der Promotion A zu erweitern.[3] Falls die Promotion B in derselben Fachrichtung erfolgte wie die Promotion A, wurde ein sc. (= „Scientarium“) zum Doktortitel hinzugefügt. 1991 wurde die Promotion B in den meisten Fällen zu einer Habilitation umgewandelt.

In der Praxis überstieg die Zahl der absolvierten B-Promotionen deutlich den Bedarf an Hochschullehrern und wurde seit Mitte der Siebziger Jahre geradezu zu einem Massentitel. Hatte 1950 das Verhältnis von Habilitierten zu Promovierten noch 1:25 betragen, kamen in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre auf eine Promotion B vier bis sechs Promotionen A. Dies entsprach der Absicht der Reformer, die mit der Promotion B einen berufsunspezifischen akademischen Grad ohne Bezug zur Hochschullehre schaffen wollten.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Dieter Voigt et al.: Zur Fragwürdigkeit akademischer Grade und Titel in der DDR. Der Primat der kommunistischen Ideologie von der Wissenschaft. Eine Analyse von Doktorarbeiten und Habilitationsschriften der Jahre 1950 bis 1990. In: Heiner Timmermann (Hrsg.). DDR-Forschung. Bilanz und Perspektiven. Duncker & Humblot, Berlin 1995, ISBN 3428084624, S. 227–262.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wolfgang Lambrecht: Wissenschaftspolitik zwischen Ideologie und Pragmatismus: Die III. Hochschulreform (1965-71) am Beispiel der TH Karl-Marx-Stadt. Waxmann, Münster 2007, S. 262.
  2. Dieter Voigt et al.: Zur Fragwürdigkeit akademischer Grade und Titel in der DDR. Der Primat der kommunistischen Ideologie von der Wissenschaft. Eine Analyse von Doktorarbeiten und Habilitationsschriften der Jahre 1950 bis 1990. In: Heiner Timmermann (Hrsg.). DDR-Forschung. Bilanz und Perspektiven. Duncker & Humblot, Berlin 1995, ISBN 3428084624, S. 244.
  3. Teresa Brinkel: Volkskundliche Wissensproduktion in der DDR. Zur Geschichte eines Faches und seiner Abwicklung. LIT-Verl., Münster (Westf.) 2012, ISBN 9783643801272, S. 206.
  4. Ralph Jessen: Akademische Elite und kommunistische Diktatur. Die ostdeutsche Hochschullehrerschaft in der Ulbricht-Ära. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 9783525357972, S. 118.