Propagandamodell

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Propagandamodell von Noam Chomsky und Edward S. Herman ist ein politisch-soziologisches bzw. medienwissenschaftliches Modell, das den manipulierenden Einfluss wirtschaftlicher Interessengruppen auf die Berichterstattung der Massenmedien in Demokratien beschreibt.

Anders ausgedrückt, werden damit systemisch bedingte Tendenzen in den Massenmedien als Folge von strukturell bedingten ökonomischen Einflüssen erklärt. Das Propagandamodell wurde zuerst 1988 in Hermans und Chomskys Buch Manufacturing Consent: the Political Economy of the Mass Media dargestellt. Die Theorie beschreibt, wie die Medien ein dezentralisiertes und nicht-verschwörerisch handelndes Propagandasystem bilden können, das fähig ist, einen Konsens im Interesse der gesellschaftlichen Oberschicht herzustellen und die Öffentlichkeit manipulativ in diese Perspektiven der Oberschicht einzubinden – während gleichzeitig der Anschein des demokratischen Prozesses und Konsenses gewahrt bleibt.

Gemäß einer oft zitierten Aussage Chomskys ist „die Propaganda für die Demokratie wie der Knüppel für einen totalitären Staat.“ Das Propagandamodell versucht somit, eine als gegeben angenommene tendenziöse Berichterstattung in den Massenmedien als Produkt ökonomischer Zwänge zu erklären. Die zugrundeliegende These, dass die Berichterstattung großer US-Medien zu bestimmten Themen tatsächlich tendenziös bzw. interessengeleitet ist, weisen die Autoren dabei anhand einer Anzahl von detailliert dokumentierten Fallbeispielen nach.

Der Dokumentarfilm Die Konsensfabrik. Noam Chomsky und die Medien porträtierte 1992 Chomsky auf Grundlage von dessen Überlegungen zum Propagandamodell.

Die „Filter“[Bearbeiten]

Chomsky und Herman beschreiben in ihrem Modell eine systematische Vorauswahl der kolportierten Nachrichten in den Medien. Die Inhalte werden sortiert: Während kritische politische Fragen aussortiert werden, werden spektakuläre, aber banale Informationen in den Mittelpunkt gerückt. Den Grund hierfür sehen Chomsky und Herman in fünf Filtern, die bestimmte Nachrichten aus den Massenmedien fernhalten. Die Medien werden mit diesen Filtern funktionalisiert, um bestimmte Wünsche einflussreicher Gruppen zu erfüllen. Es wird also ein Propagandamodell der Massenmedien entworfen.

Chomsky und Herman legen viel Wert darauf, dass die Filterung nicht das Ergebnis einer Verschwörung ist, sondern das Produkt ökonomischer, politischer und militärischer Zwänge. Während es in autoritär regierten, undemokratischen Ländern eine sehr offensichtliche Funktionalisierung der Medien gibt, ist diese Funktionalisierung in westlichen Ländern weitaus schwieriger zu erkennen. Chomsky und Herman gehen aber (obwohl sich ihre Untersuchungen hauptsächlich auf den amerikanischen Medienmarkt beziehen) davon aus, dass die fünf Filter in jeder entwickelten Mediengesellschaft in Demokratien vorhanden sind.

Der Besitzer[Bearbeiten]

In der Entwicklung der Massenmedien in den vergangenen 200 Jahren zeigen Chomsky und Herman verschiedene Entwicklungsstränge auf.

Zum einen hat sich in der Entwicklung schnell eine hohe Markteinstiegsbarriere entwickelt. Konnte man in Zeiten der ersten Londoner Wochenzeitungen (im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts) noch für einen dreistelligen Betrag eine Zeitung auf den Markt bringen, die dann zumindest auch eine hohe vierstellige Summe an Exemplaren hatte (und damit ein großes Medium war), so kostete eine Ausgabe einer Londoner Tageszeitung im Jahr 1867 schon 50.000 Pfund. Diese Entwicklung hielt an. Nach dem Weltkrieg wurde konstatiert, dass selbst das Erscheinen einer regionalen Tageszeitung schon ein großes Geschäft war.

Heute gehen die Kosten für die Etablierung einer ernstzunehmenden Wochen- oder Tageszeitung schnell in die zweistelligen Millionenbeträge. Zur Etablierung eines neuen Fernseh- oder Radiosenders sind noch umfangreichere Mittel nötig. So sorgt dieser Filter dafür, dass de facto nur eine privilegierte Schicht einen gesicherten Zugang zum Medien- und damit auch zum Nachrichtenmarkt hat. So scheint es für die Oberschicht oder Großindustrielle nicht sonderlich schwierig zu sein, Zugang zum Massenmedienmarkt zu erhalten: Im Jahr 1986 kaufte General Electric, ein amerikanischer Misch-Konzern mit Verstrickungen im Waffen-, Energie- und Finanzbereich und 2005 nach Einnahmen das viertgrößte Unternehmen der Welt, den Fernsehsender NBC und erkaufte sich damit seinen Einstieg in die Massenmedien.

Der zweite wirksame Aspekt dieses Filters liegt in der Medienkonzentration auf einige wenige Protagonisten. Obwohl es in den USA, so konstatieren Chomsky und Herman, im Jahr 1986 über 25.000 Medieneinheiten (wie Zeitungen, Magazine, Radio- und Fernsehsender) gab, gehörten die meisten schon zu übergeordneten nationalen Mediengroßkonzernen oder waren zumindest in allen Bereichen außer den Lokalnachrichten abhängig von ihnen. Mittlerweile ist die Medienkonzentration in den USA so weit fortgeschritten, dass man nur noch zwischen wenigen Großkonzernen (wie Disney, Time Warner, Viacom oder eben General Electric-NBC) unterscheiden kann. Durch Fusionen und Übernahmen sind auf diese Weise große Oligopole entstanden. Das Unternehmen Clear Channel Communications, laut Institut für Medien- und Kommunikationspolitik nur Nr. 25 in der Liste der vom Umsatz her größten Medienunternehmen, besitzt 1200 Radio- und 30 Fernsehstationen. So konnte die Bush-freundliche Leitung des Unternehmens im Jahr 2005 mit einem Abspielverbot dafür sorgen, dass die Country-Band Dixie Chicks, die sich wiederholt Bush-kritisch geäußert hatten, einen enormen Popularitätseinbruch erleiden musste.[1]

Eine Konzentration auf einige wenige Großunternehmen heißt aber gleichsam nicht, dass das Angebot quantitativ abnimmt. Im Gegenteil dazu gibt es ein immer größeres Angebot, das auch eine große Angebotsvielfalt und Verhältnisse des Wettbewerbs suggeriert. In Wirklichkeit sind immer weniger Anbieter auf dem Markt, die immer mehr Angebote produzieren. Damit steigt das Medienangebot nur vordergründig, während hintergründig oftmals das gleiche Interesse der Mutterkonzerne im Raum steht. Dieses Interesse liegt mitunter außerhalb des Medienmarktes – beispielsweise kann, wie am Dixie-Chicks-Beispiel bereits erwähnt, durch subtile zensorische Eingriffe ein regierungsfreundlicher Kurs deutlich gemacht werden, durch den der Mutterkonzern sich bspw. Steuervorteile oder konzerngünstige Senatsentscheidungen verspricht. Ein anderes Beispiel ist das Sensibilisieren der Bevölkerung für Ungerechtigkeiten in einem bestimmten anderen Land, um die Kriegsbereitschaft der Bevölkerung zu erhöhen und so einem Mutterunternehmen (s. bspw. General Electric) das auch im Waffenmarkt tätig ist, höhere Umsätze zu verschaffen.

Durch die starke Medienkonzentration können sich die Nachrichtenkonzerne zudem den Verzicht auf teuren Investigativjournalismus zugunsten günstiger, aber spektakulärer Banalfaktenjagd leisten. Und selbst innerhalb der wenigen verbliebenen Mediengroßkonzerne gibt es Verknüpfungen. So sitzen beispielsweise einflussreiche Mediendirektoren im Aufsichtsrat verschiedener Unternehmen oder es gibt Eigentümer-Schnittstellen bei den verschiedenen Aktienunternehmen. Als eines der bekanntesten Beispiele dafür kann Steve Jobs gelten, er war Mitgründer und CEO von Apple und gleichzeitig (seit der Übernahme von Pixar durch Disney) größter Einzelaktionär von Disney.

Die Einnahmequellen[Bearbeiten]

Gemeinhin wird angenommen, dass die Medienunternehmen ihr Produkt gestalten, um dieses dann, gleich einer Ware, an die Konsumenten zu verkaufen. Dieses Schema kann aber nur für die ersten Zeitungen gelten, die noch nicht werbefinanziert waren. Bei diesen ersten Zeitungen wurden die Produktionskosten komplett durch die Verkaufskosten der Zeitungen gedeckt. Bei einer fiktiven Auflage von 1000 Exemplaren einer Zeitung und Produktionskosten von 1000 Dollar hätte die Zeitung also mindestens einen Dollar kosten müssen, um, bei angenommenem Ausverkauf, wirtschaftlich arbeiten zu können.[1]

Als dann die erste Zeitung Inserenten, also Werbetreibende, in ihre Finanzen mit aufnahm, also Werbeflächen innerhalb der Zeitung verkaufte, veränderte sich das Schema: Wenn, bei dem fiktiven Beispiel geblieben, also die Zeitung 750 Dollar der Produktionskosten durch den Verkauf von Werbung wieder einholen konnte, dann konnte sie die Zeitung für 25 Cent verkaufen, um weiterhin wirtschaftlich zu arbeiten. Damit waren in der sich entwickelnden Werbewirtschaft diejenigen Zeitungen privilegiert, die Werbung schalteten: Durch den niedrigeren Verkaufspreis erreichte die Zeitung eine höhere Auflage. Eine Aufwärtsspirale begann – und gleichermaßen der Abstieg für Zeitungen, die sich der Werbung verweigerten oder denen sich umgekehrt potentielle Werbepartner verweigerten, etwa weil die betreffenden Blätter als ungeeignete Vehikel für die eigene Produktwerbung oder deren Leserschaften als unzureichend kaufkräftig erachtet wurden. Das Konzept der werbefreien Zeitung war damit zum Scheitern oder zur Existenz in eng begrenzten Nischen verurteilt.

Heute gibt es keine Massenmedien mehr, die völlig auf Werbung verzichten können. Bei den Zeitungen wird nur noch eine Papier-Schutz-Gebühr erhoben, die Finanzierung läuft vollständig über die enthaltene Werbung. Fernsehsender kommen sogar völlig ohne Bezahlung aus (vom Pay-TV abgesehen, das aber auch nur durch Werbeeinnahmen seine Ausgaben decken kann und sich nur zu einem kleinen Teil durch den Verkauf von Abonnements finanziert).

Damit hat sich auch das Verkaufsschema grundlegend verändert: Es wird keine Ware mehr gestaltet, um sie an Konsumenten zu verkaufen – vielmehr wird ein Produkt gestaltet, um ein höheres Wertobjekt an einen Inserenten zu verkaufen: Die Aufmerksamkeit einer möglichst großen oder einer bestimmten Gruppe von Medienkonsumenten, auf die die Werbung wirken soll. Die Einnahmequelle dient daher in diesem Modell als Filter, selbst wenn die dargestellte Entwicklung ohne explizite Intention so verlief. In einem Medium kann nichts publiziert werden, das den Interessen der Kunden, also nach dem neuen Schema den Inserenten, widerspricht. Ein Fernsehsender wird bspw. weniger kritische Berichte über den schädlichen Einfluss von Alkohol senden, wenn Brauereien wichtige Werbetreibende für den Sender sind. Kritische Berichterstattung wird durch diesen Filter diskriminiert, weil sie die Kauflaune der Konsumenten gefährdet und daher den Interessen der Werbeindustrie bzw. ihrer Klienten zuwiderläuft.

Die Quellen[Bearbeiten]

Massenmedien benötigen einen stetigen Zulauf an Informationen, also Nachrichten, um Ihre Funktion zu erfüllen. Dabei können sie es nicht bewerkstelligen, die Informationen selbst zu sammeln (also an jeder „Nachrichtenbasis“ einen Mitarbeiter zu haben). Daher sind die Medien auf Zulieferer angewiesen, die für sie die Nachrichten sammeln und sie dann gebündelt an Redaktionen weiterleiten. In der modernen, industrialisierten Medienwelt sind diese Zulieferer PR- und Nachrichtenagenturen, die auch über die materiellen Möglichkeiten verfügen, die Nachrichten aus erster Hand zu bekommen.

Jede politische Instanz und jedes Unternehmen ab einer bestimmten Größe beschäftigt eine PR-Agentur, die regelmäßig Pressemeldungen ausgibt oder Pressekonferenzen abhält oder betreibt eine eigene Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Gerade Pressekonferenzen als ein Mittel der Öffentlichkeitsarbeit garantieren alles, was für den Erfolg eines Nachrichtenmagazins elementar ist: Nachrichten dürfen nicht viel kosten und müssen schnell und ständig verfügbar sein. Pressekonferenzen sind der Ort, an dem kostengünstig und schnell viele Nachrichten generiert werden. Meist wird den teilnehmenden Reportern von der die Pressekonferenz abhaltenden PR-Abteilung schon ein vorgefertigtes Handout mit den Hauptthesen oder sogar Zitaten geliefert, um die redaktionellen Abläufe zu beschleunigen. Die Pressekonferenzen finden an einem fest definierten Ort zu einem fest definierten Zeitpunkt statt, um ein Erscheinen vor Redaktionsschluss einer Sendung oder Ausgabe zu gewährleisten.

Grundsätzlich gilt die Wahrheitsvermutung bei den kolportierten Informationen – die Behauptung einer Institution wird als Wissen verwertet. Damit werden die Medien allzu oft zum Sprachrohr von Institutionen. Die Informationen, die von den Institutionen am meisten angepriesen werden, finden auch den meisten Widerhall in den Medien. Experten werden von den PR-Agenturen engagiert, um Nachrichten zu legitimieren und letzte Zweifel an der Richtigkeit der Informationen zu verwerfen. Die Kompetenz der Experten bleibt dabei unhinterfragt, die Information in letzter Instanz unabgesichert und weitestgehend subjektiv.

Neben den PR-Agenturen sind auch Nachrichtenagenturen zentrale Zulieferer für die Massenmedien. Nachrichtenagenturen fungieren als sogenannte Gatekeeper. Sie entscheiden darüber, welche Nachrichten relevant sind, um bearbeitet und weitergeleitet zu werden, welche Ereignisse mitteilenswert sind und welche nicht, und zu welchen Ereignissen es nötig ist Korrespondenten oder Reporter zu schicken. Dabei sollen die Agenturen möglichst objektiv und ohne politische oder ökonomische Färbung vorgehen. Doch auch die Nachrichtenagenturen sind davon abhängig, dass größere Firmen, inländische Regierungsbehörden, ausländische Regierungen oder Informanten mit ihnen zusammenarbeiten oder zumindest ihre Arbeit nicht behindern. Daher kommt es auch hier zu einer Informationsfilterung, die im Wesentlichen nach den Interessen der Quellengeber und den Verwertungsansprüchen der Medien im Rahmen eines Nachrichtenmarktes eingefärbt ist.

„Flak“[Bearbeiten]

Flak bezeichnet negative Rückmeldungen zu medialen Statements oder Programmen. Die Medien sind sehr stark von positiver Resonanz untereinander abhängig. Werden bestimmte Nachrichten, Haltungen oder Programme negativ in anderen Medien besprochen oder von offiziellen Stellen (z. B. Regierungsinstitutionen) kritisiert, kann das für die kritisierten Medienunternehmen kostspielige Konsequenzen wie etwa Verleumdungsklagen nach sich ziehen und möglichen Reputationsverlust bedeuten. Neben den möglichen negativen Auswirkungen auf den Informationszulauf (wird z. B. eine Sendung wiederholt als „zu linkslastig“ gebrandmarkt, wird es schwer sein, einen liberal oder konservativ orientierten Politiker zu einem Statement in der Sendung zu bewegen) können negative Rückmeldungen zu Programmen auch Probleme mit den Werbetreibenden erzeugen. Diese sehen sich gezwungen, Flak durch einen gekränkten Kundenkreis zu verhindern – sie setzen Medienunternehmen unter Druck, möglichst massentaugliche Programme zu produzieren.

Doch anders als die ersten drei Filter ist Flak kein primär ökonomischer Filter. Vielmehr stehen bei diesem Filter unmittelbarere Machtinteressen im Vordergrund: Politik und medienexterne Großkonzerne wollen durch Flak Eingriff in die Mediengestaltung bekommen, um den Konsens in der Bevölkerung zu beeinflussen. In der Entwicklung gezielter Medienkritik wurden dafür mit der Unterstützung von Wirtschaftsunternehmen und PR-Agenturen Institutionen geschaffen, welche in den Medien vertretene Haltungen systematisch mit negativen Rückmeldungen beantworten, also gezielt Flak produzieren, um ein den Interessen der unterstützenden Wirtschaftsunternehmen entsprechendes Ziel zu erreichen.

Antikommunismus oder Antiideologie[Bearbeiten]

Sogenannte Antiideologien basieren meist auf der Konstruktion binärer und polarer Gegensatzpaare. Für Chomsky und Herman, die ihre Theorie vor dem Hintergrund des Kalten Krieges entwickelten, war dieses Gegensatzpaar der Kommunismus als Antithese zur amerikanischen Lebensweise. Eine solche Antiideologie hat Auswirkung auf die moralische Bewertung (und damit auch die kritische Berichterstattung) von Militäraktionen oder auch auf die Glaubwürdigkeit und Legitimität von Experten in den Medien und im gesellschaftlichen Konsens.

Aus solchen ideologischen Gründen haben etwa US-Medien Gräueltaten rechtsgerichteter Paramilitärs an kommunistisch orientierten Zivilisten verschwiegen oder heruntergespielt. Ein Beispiel sind die indonesischen Überfälle auf Osttimor, zu der Zeit als die USA im Vietnamkrieg Indonesien als Verbündeten benötigten. In „Manufacturing Consent“ sind diese Überfälle als „größter Genozid seit dem Holocaust“ beschrieben. In den US-Medien wurde nur wenig über die Invasion Indonesiens in Osttimor geschrieben. Hingegen erfuhr ein in Relation vergleichbarer Fall zur selben Zeit, der Völkermord in Kambodscha, von den Medien sehr viel Aufmerksamkeit, siehe dazu die detaillierte Beschreibung im nächsten Abschnitt. Die fehlende mediale Präsenz verhinderte, so Chomsky, dass die UN in Osttimor aktiv wurde. Die UN verurteilte zwar die Invasion Indonesiens und verhängte Embargos gegen den ostasiatischen Staat, sie schickte aber keine Friedenstruppen (Blauhelme) nach Osttimor, um den Genozid zu verhindern.

In den USA der späten Achtziger war der Antikommunismus in Bevölkerung und Medien als Ideologie so vollständig internalisiert, dass Chomsky und Herman vom „Anticommunism“ als „dominanter Religion“ sprechen. Dadurch standen Journalisten unter dem ständigen Druck, keinerlei Zweifel an ihrer antikommunistischen Haltung zuzulassen. Die Ideologie half der Bevölkerung, einen „Feind des Vaterlandes“ klar zu definieren, was der Politik erleichterte, die Bevölkerung gegen diesen Feind zu mobilisieren. Durch die unscharfe Beschreibung des Feindes als „Kommunist(en)“ konnte die Ideologie aber dazu benutzt werden, sämtliche politischen Bewegungen als feindlich zu stigmatisieren, die Eigentumsinteressen infrage stellten oder auch nur den Dialog mit kommunistischen Staaten und Radikalen förderten. Zudem führte die Internalisierung der Ideologie zu einer asymmetrischen Betrachtungsweise von Radikalität: Während ein möglicher Sieg des Kommunismus als größtes anzunehmendes Übel angesehen wurde, galt die inländische Unterstützung von faschistischen Gruppierungen als geringeres Problem.

Heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, dem Mauerfall und dem Fall des Eisernen Vorhangs und schließlich den Anschlägen vom 11. September 2001 hat sich der Terrorismus als neue Antipode zum amerikanischen Lebensstil etabliert. Von der Schieflage der moralischen Betrachtung kann sich auch diese neue Antiideologie nicht freimachen: Wer sich gegen die amerikanische Außen- und Kriegspolitik ausspricht, wird im besten Fall als „Weichling“ („soft on terrorism“) oder gleich als potenziell „terroristisch“ gebrandmarkt und vom öffentlichen Diskurs ausgeschlossen. Unter dem Motto des „Kriegs gegen den Terror“ ließen sich in den US-Medien gefährliche Kampfeinsätze von US-Truppen legitimieren, etwa in Afghanistan und vor dem Irakkrieg.

Empirische Basis des Propagandamodells[Bearbeiten]

Chomsky und Herman haben das Propagandamodell empirisch untersucht und getestet, indem sie Beispielpaare untersucht haben, also Ereignisse, von denen je zwei objektiv gesehen identisch oder sehr ähnlich waren, wobei jedoch die Interessenlage der einheimischen Oberschicht in Bezug auf beide stark unterschiedlich war.

Beispiel Kambodscha und Osttimor[Bearbeiten]

Als herausragendes Beispiel, das Chomsky selbst sehr häufig angeführt hat, gilt die bereits aufgeführte Dichotomie (Ungleichgewicht) in der Berichterstattung über Gräueltaten in Kambodscha (unter Herrschaft der Roten Khmer) auf der einen und in Osttimor auf der anderen Seite. Beides fand Ende der 1970er Jahre statt, und beides wurde nachträglich als Völkermord bewertet[2]. In Kambodscha waren die kommunistischen Roten Khmer an der Macht, und Indonesien, bezüglich des Vietnamkriegs den USA freundlich gesinnt, drang im portugiesischen Osttimor ein - weil dort die FRETILIN-Partei erstarkte, die nach Angaben Indonesiens kommunistisch orientiert war. Neun Tage nachdem die FRETILIN die Unabhängigkeit Osttimors ausgerufen hatte, marschierte Indonesien ein. Invasion und Besatzung kosteten nach Untersuchungen der Empfangs-, Wahrheits- und Versöhnungskommission von Osttimor 183.000 Menschen das Leben, fast einem Drittel der ursprünglich 600.000 Einwohner Osttimors. In Kambodscha starben rund 50.000 bis 300.000 Menschen direkt an den US-Luftangriffen während des Vietnamkriegs, etwa 1,7 Millionen durch die spätere Khmer-Herrschaft.

Chomsky und Herman hatten beobachtet, dass die New York Times zu den Gräueltaten in Kambodscha deutlich öfter berichtet hatte als über die indonesischen in Osttimor. Mit Unterstützung von Organisationen wie Fairness and Accuracy in Reporting (FAIR), der Herman später auch beitrat, sammelten die Autoren dazu Fakten, um ihre These zu unterstützen. Dies gelang etwa durch Zählung der Berichte und durch Vergleich der bedruckten Fläche, die dem jeweiligen Konflikt gewidmet waren. Über die Ereignisse in Kambodscha „nach dem Vietnamkrieg“ druckte die New York Times insgesamt 1175 Zoll (29,84 m) Zeitungs-Spaltenlänge, über jene in Osttimor nur 70 Zoll (1,78 m).[3][4]

Den festgestellten gravierenden Unterschied in der Häufigkeit der Berichterstattung über die beiden an sich ähnlichen, fast gleichzeitig in zwei Ländern derselben Region stattfindenden Geschehnisse führen die beiden Forscher darauf zurück, dass Indonesien ein wichtiger politischer und wirtschaftlicher Verbündeter der USA in Südostasien war, während Kambodscha als kommunistisches Land als politischer Gegner der USA eingestuft war. Die gravierenden Menschenrechtsverletzungen durch indonesisches Militär in Ost-Timor – die wie die Ereignisse in Kambodscha als Völkermord bewertet wurde[2] − wurden somit tendenziell verschwiegen, die der Roten Khmer stark betont, was für die Öffentlichkeit insgesamt ein stark verzerrtes Bild der beiden Konflikte ergab.

Im Jahr 2001 kam zudem heraus, dass Indonesien für die Invasion Osttimors unmittelbar zuvor grünes Licht von amerikanischen Spitzenpolitikern erhalten hatte. Dies belegen ehemals geheime Dokumente, die vom US-amerikanischen National Security Archive veröffentlicht wurden. Nur einen Tag vor der Besetzung Osttimors trafen sich demnach US-Präsident Gerald Ford und US-Außenminister Henry Kissinger in der indonesischen Hauptstadt Jakarta mit Präsident General Suharto und stimmten den völkerrechtswidrigen Invasionsplänen ausdrücklich zu.[5] Als Kissinger wenig später von der Invasion durch einen Mitarbeiter informiert wurde, antwortete er, dass er hoffe dass dieser „seinen Mund über die Sache halten würde“.[6]

Anwendbarkeit auf den deutschen Medienmarkt[Bearbeiten]

In Deutschland gibt es neben den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern, die durchschnittlich 50 % der Einschaltquoten für sich verbuchen können, nur wenige große Medienunternehmen. Sie teilen unter sich 95 % der restlichen Zuschauer auf (Stand 2011). [7] Die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) untersucht diese Entwicklung und muss formal die Erlaubnis für Fusionen, Übernahmen und strukturelle Programmänderungen im deutschen Medienbereich geben.

Literatur[Bearbeiten]

  • Edward S. Herman und Noam Chomsky (1988, 2002): Manufacturing consent: the political economy of the mass media. Pantheon Books, New York.
  • Edward S. Herman und Noam Chomsky (2006): Manufacturing consent: the political economy of the mass media. Vintage Books/Random House. ISBN 0-09-953311-1.
  • Mark Achbar (Hrsg., 1994): Manufacturing consent: Noam Chomsky and the media: the companion book to the award-winning film by Peter Wintonick and Mark Achbar. Black Rose Books, Montréal. ISBN 1-55164-002-3.
  • Mark Achbar (Hrsg., 2001): Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung: Medien, Demokratie und die Fabrikation von Konsens. Übersetzt von Helmut Richter. Trotzdem Verlagsgenossen. ISBN 3-922209-88-2.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Osttimor - ein vergessener Völkermord. Wiener Zeitung, 28. Januar 1999
  2. Chomsky: mc-Skript (Version vom 27. Juni 2006 im Internet Archive)
  3. Artikel in ZMag
  4. The National Security Archive: Ford, Kissinger and the Indonesian invasion, 1975-76
  5. The National Security Archive: The Secretary's Staff Meeting (PDF; 174 kB) 8. Oktober 1974.
  6. http://www.kek-online.de/cgi-bin/esc/zuschauer.html