Psychoanalytische Filmtheorie

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Als Psychoanalytische Filmtheorie bezeichnet man eine Strömung der Filmwissenschaft bzw. Filmtheorie, welche die Methode der Psychoanalyse auf das Phänomen des Films und des Kinos anwendet.

Einführung[Bearbeiten]

Mitte der 1970er Jahre entwickelte sich, ausgehend von Frankreich, eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Medium Kino, dessen Grundlage eine Mischung aus Psychoanalyse, Semiotik, Strukturalismus und Marxismus bildete. Im Mittelpunkt dieser filmtheoretischen Debatte stand das Zuschauersubjekt sowie dessen Beziehung zum Kino. Ausgangsbasis bildeten die Überlegungen des französischen Theoretikers Jean Louis Baudry sowie die filmtheoretischen Schriften von Christian Metz, dessen Le signifiant imaginaire. Psychoanalyse et cinéma (1977, dt.: Der imaginäre Signifikant. Psychoanalyse und Kino) die Diskussion erst richtig eröffnete. Metz unternimmt den Versuch, psychoanalytische Termini – insbesondere der Theorie Jacques Lacans – auf den Bereich der Kinematographie zu übertragen.

Psychoanalytische Filmtheorie versucht in erster Linie herauszuarbeiten, wie das Unbewusste die Rezeption von Filmgeschehen unterstützt, bzw. wie Film und Kino unbewusste, irrationale Prozesse beim Betrachter auslösen und Filmschauen so zu einer lustvollen Erfahrung werden lassen. Wenn der Film, wie seit jeher behauptet, in Nähe des Traumes gerückt werden kann, so muss es möglich sein, ihm mit Mitteln der Psychoanalyse (analog einer Traumdeutung) beizukommen.

Christian Metz umschreibt die Fragestellung psychoanalytischer Filmtheorie folgendermaßen: „Welchen Beitrag kann die Freudsche Psychoanalyse zur Erkenntnis über den kinematographischen Signifikanten leisten?“ Dass es sich dabei um einen Forschungsbereich handelt, der auch ohne die Analyse einzelner Filme oder Genres auszukommt, wird schnell deutlich. Ziel der Auseinandersetzung bleibt es, Aussagen über den Gesamtapparat Kino und seiner Anordnung zu treffen, wobei das Zuschauersubjekt stets im Mittelpunkt der Beschäftigung steht. Entsprechend war es niemals die Aufgabe psychoanalytischer Filmtheorie herauszuarbeiten, wie das Unbewusste filmisch sichtbar gemacht werden kann (etwa durch Traumsequenzen, Darstellung von Visionen, Rückblenden etc.). Ebenso wenig handelt es sich um die Auseinandersetzung mit Filmen, die die Darstellung psychoanalytischer Probleme oder die der Psychoanalyse selbst zum Thema haben.

Die Rolle des Zuschauers soll also entscheidend sein, nicht die Rolle einzelner Schauspieler oder Autoren. Eine solche neue psychoanalytische Methode, die sich seit Mitte der 1970er Jahre von Frankreich ausgehend zu entwickeln begann, konnte nicht länger den Film isoliert betrachten, sondern musste das gesamte Umfeld Kino miteinbeziehen. Dabei stießen die neuen Theoretiker vor allem auf zwei bestehende Strömungen früherer filmtheoretischer Auseinandersetzung, die sie um die Frage nach dem filmisch Unbewussten ergänzten: Zum einen hat die Realismusdiskussion um André Bazin, die davon ausgeht, dass die Leinwand als Fenster zur Welt fungiert, das die Objekte und den Raum außerhalb der Leinwand bereits impliziert, nichts von ihrer Aktualität verloren. Zum anderen gibt es die formalistische Position von Eisenstein und Rudolf Arnheim, die die Leinwand durch ihre Rahmung begrenzt sehen, wobei diese Begrenzung das auf der Leinwand sichtbare Bild formt und positioniert.

Jean Mitry führt beide Metaphern wieder zusammen, indem er dem Kino sowohl den Status des Fensters als auch den der Rahmung zubilligt. Durch Hinzuziehen einer weiteren Metapher entwickelt sich schließlich die neue Theorie: Die Leinwand wird nun als Spiegel aufgefasst. Die Begriffe Realität (Fenster) und Kunst (Rahmung) werden so mit der Frage nach dem Zuschauer verknüpft, der Diskurs der Psychoanalyse und der Begriff des Unbewussten in die Diskussion eingebracht. Es geht also um mehr als nur um Film – zwei Systeme werden miteinander in Beziehung gesetzt: das Kino und die Psyche.

Schulen[Bearbeiten]

Die klassische psychoanalytische Filmtheorie begann bereits 1916 mit der Veröffentlichung von Hugo Münsterbergs Studie Das Lichtspiel. Sie bedient sich vor allem der Konzepte Sigmund Freuds, als das wichtigste Konzept sei hier der das unbewusste Verarbeiten ödipaler oder narzisstischer Strukturen genannt.

Daneben gibt es seit den 1970er Jahren die auf den Theorien des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan aufbauenden Ansätze, die von Filmwissenschaftlern wie Laura Mulvey und Christian Metz aufgegriffen wurden. Wichtige Aspekte sind hierbei Identifikation und Symbolik sowie Lacans auf dem Konzept des Spiegelstadiums beruhende Konzeption des Imaginären.

Auffallend bei der Beschäftigung mit psychoanalytischer Filmtheorie ist die nahezu ausschließliche Beschäftigung mit Filmen des klassischen narrativen Erzählkinos (besonders beliebt sind hierbei die Filme Alfred Hitchcocks), während Überlegungen etwa zum Avantgarde- und Experimentalfilm meist völlig unberücksichtigt bleiben.

Literatur[Bearbeiten]

  • Laura Mulvey: Visuelle Lust und narratives Kino (1975). In: Liliane Weissberg (Hg.): Weiblichkeit als Maskerade. Frankfurt am Main: Fischer, 1994, S. 48-65
  • Christian Metz: Der imaginäre Signifikant. Psychoanalyse und Kino. Münster: Nodus 2000 (Paris 1977)
  • J.-L. Baudry: Das Dispositiv: Metapsychologische Betrachtungen des Realitätseindrucks. In: Psyche 48/1994, S. 1047-1074
  • Hermann Kappelhoff: Kino und Psychoanalyse. In: Jürgen Felix (Hg.): Moderne Film Theorie, 2. Auflage, Mainz: Bender 2003, S. 130-167
  • Renate Lippert: Vom Winde verweht. Film und Psychoanalyse. Stroemfeld 2002

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]