Psychologische Diagnostik

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Psychologische Diagnostik ist ein Teilgebiet und Prüfungsfach der Psychologie. Zugleich ist sie ein wichtiger Teil der Berufstätigkeit von Psychologen, nach Angaben der WHO auch der gemeinsame Nenner der meisten beruflichen psychologischen Tätigkeiten.

Begriffsbestimmung[Bearbeiten]

Die Wörter Diagnose und Diagnostik gehen zurück auf das griechische Verb „diagignoskein“, das unterschiedliche Aspekte eines kognitiven Vorgangs bezeichnet, vom Erkennen bis zum Beschließen. Das Verb bedeutet „gründlich kennenlernen“, „entscheiden“ und „beschließen“[1].

Bei psychologischer Diagnostik geht es also um das „gründliche Kennenlernen“ von psychologischen Merkmalen einer Person mittels entsprechender wissenschaftlicher Methoden und Vorgehensweisen (i.S.e. umfassenden Erkenntnisgewinns) zwecks Fundierung diagnostischer Entscheidungen in den verschiedensten Bereichen psychologischer Tätigkeit (z. B. Bildungsweg- und Berufswahlentscheidungen, Selektions- und Platzierungsentscheidungen auf dem Gebiet der Wirtschafts- bzw. Personalpsychologie, Identifikation psychischer Störungen und Analyse der individuellen Problembereiche und Ressourcen zur Auswahl der geeigneten Therapie, Feststellung einer Hochbegabung und spezifische Empfehlungen von individuell sinnvollen, gezielten Fördermöglichkeiten u. a.).

Entsprechend ist die Zuordnung innerhalb der Teilgebiete der Psychologie nicht einheitlich: Sie wird verschiedentlich den Grundlagenfächern, Methodenfächern oder den Anwendungsfächern zugerechnet. Die Eigenständigkeit als Disziplin ist ebenfalls umstritten, sie wird mit Differentieller Psychologie oder Persönlichkeitspsychologie gern kombiniert. Auch eine Verbindung mit Methoden der Intervention („Diagnostik und Intervention“) ist häufig anzutreffen.

Psychologische Diagnostik in der Klinischen Psychologie bezieht sich nicht nur auf das Erkennen von psychischen Erkrankungen oder Störungen (Diagnostik im medizinischen Sinne wird im engeren Sinne meist darauf beschränkt definiert), sondern bezieht die daraus abzuleitenden Entscheidungen (z.B. Therapienotwendigkeit und -motivation, Wahl der richtigen Therapieform, Anpassung der Therapie an die Störung, begleitende Maßnahmen, Therapieerfolg) mit ein. Deshalb wird häufig auch von „Indikationsdiagnostik“ gesprochen.

Definition als entscheidungsorientierte Psychodiagnostik[Bearbeiten]

Die umfassendste Definition geben Jäger und Petermann[2], welche der Komplexität psychologischer Diagnostik (Orientierung an den diagnostischen Entscheidungen) am besten gerecht wird und auch in den anderen Standardwerken (s.u.) Konsens findet:

  • Psychodiagnostik ist das systematische Sammeln und Aufbereiten von Informationen mit dem Ziel, Entscheidungen und daraus resultierende Handlungen zu begründen, zu kontrollieren und zu optimieren.
    • D. h., die Anwendung von Tests gehört zur Psychologischen Diagnostik, letztere ist aber nicht darauf reduzierbar. Es geht auch um das Treffen diagnostischer Entscheidungen auf der Basis dieser Informationen (z. B. über Studienzulassung, die Eignung für einen Beruf, die Fahrtauglichkeit, Bewerberselektion bei der Bewerbung um eine Stelle, Feststellung einer Erkrankung und richtige Therapieempfehlung). Neben Tests sind auch andere Informationen (Exploration, Verhaltensbeobachtung) zu berücksichtigen.
  • Solche Entscheidungen und Handlungen basieren auf einem komplexen Informationsverarbeitungsprozess. In diesem Prozess wird auf Regeln, Anleitungen, Algorithmen usw. zurückgegriffen. Man gewinnt damit psychologisch relevante Charakteristika von Merkmalsträgern und integriert gegebene Daten zu einem Urteil (Diagnose, Prognose).
    • D. h., die Informationen müssen verdichtet, gewertet und gewichtet werden, bis eine Diagnose zuverlässig gestellt und eine Entscheidung fundiert getroffen werden kann. Die Kenntnis dieser Regeln, Anleitungen und Prozeduren ist nicht durch die Anwendung eines Tests allein gegeben, sondern erfordert weiteres Fachwissen. Dieses Wissen gehört normativ zur Ausbildung aller Personen, die psychodiagnostisch tätig werden.
  • Als Merkmalsträger gelten Einzelpersonen, Personengruppen, Institutionen, Situationen, Gegenstände etc.
    • D. h., es geht nicht nur um einzelne Personen. Der Ablauf „erkennen – richtig entscheiden – verändern“ findet sich auch in einer allgemeinen diagnostischen Methodik wieder.

Als Fach innerhalb der Psychologie ist die Psychologische Diagnostik daher sowohl Grundlagenfach also auch Anwendungsfach einzuschätzen. Gemeinsam mit dem Fach Psychologische Intervention wird sie daher manchmal auch als „Integrationsfach“ bezeichnet. Anders ausgedrückt, sie ist „Brücke“ zwischen Grundlagentheorien sowie auch insbes. umfangreichen, fundierten methodischen Wissens inkl. der entsprechenden erworbenen Methodenerfahrungen und den anwendungsorientierten Inhalten (theoretischen wie v. a. auch wieder methodischen).

Die Ausbildung innerhalb des Psychologiestudiums findet zumeist in zwei Teilen statt: im Grundstudium wird das allgemeine methodische Vorgehen gelehrt, in den Anwendungsfächern werden die Herangehensweisen für spezielle Fragestellungen vermittelt.

Da es sich um einen methodisch komplexen, fachspezifischen Entscheidungsprozess im Sinne eines wissenschaftlichen Vorgehens handelt, setzt Psychologische Diagnostik nicht nur anwendungsorientiertes Wissen und anwendungsbezogene (praktische) Methodik voraus, sondern bedarf v. a. zuallererst einer grundständigen, intensiven wissenschaftlichen Ausbildung. Auf europäischer Ebene ist dazu ein mindestens fünfjähriges wissenschaftliches Universitätsstudium der Psychologie sowie ein nachfolgendes mindestens einjähriges, von einem Psychologen supervidiertes und positiv evaluiertes Praxisjahr notwendig. Den Hintergrund dafür bildet der Standard: „A high and comprehensive level of education and training in scientific psychology creates the required knowledge basis for professional competence in psychological assessment, intervention and communication.“[3] In den USA ist hierfür in der Regel sogar ein Doktorat (Ph. D.) in wissenschaftlicher Psychologie erforderlich.[4]

Alternative Definitionen[Bearbeiten]

Da die Begriffe Diagnose und Diagnostik ursprünglich aus der Medizin stammen, besteht eine entsprechende Konnotation. In den Bereichen der Personaldiagnostik bemüht man sich um begriffliche Distanz durch die Verwendung von Assessment. Das theoretische Herangehen ist allerdings vergleichbar.

Historische Entwicklungen und Abgrenzungen[Bearbeiten]

Andere und meist ältere Benutzungen des Begriffes betrafen die

  • Reduktion auf Testpsychologie - als die Anwendung psychologischer Tests
  • Gleichsetzung mit Methodik – also alle Methoden, die im Dienste der praktischen Psychologie stehen: (Durch die Weiterentwicklung der Psychologie haben sich auch andere Methoden entwickelt, welche der obigen Definition nicht folgen);
  • Gleichsetzung mit Persönlichkeitsbeurteilung mit dem Ziel, eine Persönlichkeit richtig zu beurteilen: (Die Beurteilung „an sich“ ist heute bedeutungsloser geworden – auch aus ethischen Gründen erfordert jede Untersuchung einen Anlass und damit ein Entscheidungsziel);
  • Gleichsetzung mit Differentieller Psychologie, der Suche nach Unterschieden zwischen Menschen allgemein: (Die Auffindung und Erklärung individueller Unterschiede – ohne einen Entscheidungsbezug – ist weiterhin ein wichtiger Forschungsgegenstand der Psychologie, wird aber heute Differentielle Psychologie genannt. Man beachte, dass die Differentielle Psychologie aber eine wichtige Voraussetzung der Psychologischen Diagnostik ist. Die Begriffe werden heute klarer abgegrenzt).

Psychodiagnostik oder Psychologische Diagnostik?[Bearbeiten]

Ursprünglich wurde der Begriff Psychodiagnostik von Hermann Rorschach durch sein Buch „Psychodiagnostik“ [5] geprägt, welches 1921 erschien und den Rorschach-Test in seiner Anwendung darstellte. Die Bedeutung war lange vor allem auf diese Art der Rorschach-Diagnostik bezogen. Der Begriff Psychodiagnostik hat einen Bedeutungswandel erfahren, indem er heute alle Methoden und Vorgehensweisen auf diesem Gebiet umfasst. Zunehmend und vor allem auf offizieller Ebene wird dafür heute der Begriff Psychologische Diagnostik verwendet. Dennoch erfolgt die synonyme und parallele Verwendung des Begriffes Psychodiagnostik auch heute noch.

  • Die Fachgruppe der Deutschen Gesellschaft für Psychologie nennt sich Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik
  • Die Mehrzahl der entsprechenden Lehrstühle und Fachbereiche an Universitäten führen Psychologische Diagnostik im Namen.
  • Die entsprechenden Standard-Lehrbücher (Jäger, Fisseni, Amelang, Kubinger) ebenso wie das Handbuch der Psychologischen Diagnostik von 2006 führen im Titel Psychologische Diagnostik.

Hinter dieser Begriffsveränderung steht allerdings auch ein fachpolitisches Ziel: Durch die längere Benennung wird die Beziehung zum Fach Psychologie und ihren Qualitätsmaßstäben für Psychodiagnostik deutlicher ausgedrückt, die Vorsilbe „Psycho-“ weist diesen Fachbezug weniger aus (vgl. Psychomarkt als die Bezeichnung der Anbieter „psychologischer“ Methoden).

Grundlagendisziplinen[Bearbeiten]

Fachwissen aus folgenden Bereichen ist für die qualifizierte Psychologische Diagnostik notwendig:

  • Kenntnisse in allen Grundlagenfächern, insbes. biopsychologische Grundlagen, Wahrnehmung und Wahrnehmungsverzerrungen, Täuschungen, kognitive- und Gedächtnisirrtümer, Denken, Entscheidungspsychologie, Motivation, Emotion, Sozialpsychologie, Entwicklungspsychologie usw.
  • Methodik und Statistik (wissenschaftliches Denken und Handeln, Funktionsweise der Tests und der Informationsverarbeitung vom Merkmal über die Diagnose bis zur Entscheidungsfindung, intime Kenntnisse im Umgang mit bedingten Wahrscheinlichkeiten)
  • Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie (Theorie und Systematik der Merkmale, die zur Informationsgewinnung und Entscheidungsfundierung verwendet werden können – also die Frage, worin sich Menschen unterscheiden und wie man das feststellen kann)
  • Anwendungsfächer wie Klinische Psychologie, Entwicklungspsychologie, Pädagogische Psychologie, Wirtschaftspsychologie u. a. (Wissen für die Entscheidungsfindung, z. B. Definition von Störungen in der Klinischen Psychologie, schulische Anforderungen für die Schulfähigkeitsdiagnostik oder Erfolgskriterien für eine bestimmte Tätigkeit in der Wirtschaftspsychologie).

Diagnostischer Prozess[Bearbeiten]

Weil Diagnostik als Tätigkeit aufgefasst wird, legte Jäger bereits 1986 ein Prozessmodell mit mehreren unterscheidbaren Komponenten vor. Dies wurde weiter präzisiert und heute herrscht Konsens, dass die folgenden Schritte notwendig sind:

  • Problemanalyse: (Analyse der Fragestellung und Formulierung des Auftrages, Bestimmung des „Problemtyps“ und Analyse des vorhandenen Wissens für die Entscheidungsfindung, Beteiligte und Motivlage, ethische und rechtliche Strukturen);
  • Investigative Entscheidung: (Hypothesengeleitete Gewinnung von Informationen durch Anwendung von Tests und anderen Methoden und die regelgestützte Verarbeitung der Informationen, Prozessschritt wird ggf. wiederholt, bis alle Hypothesen abgeklärt sind);
  • Terminale Entscheidung/Indikation: (Treffen der Entscheidung bzw. Abwägung zwischen Entscheidungen, Kommunikation mit den Diagnostizierten und unter Beachtung des Datenschutzes mit den Auftraggebern, wenn dies nicht der Diagnostizierte selbst ist);
  • Evaluation: (Bewährung der Entscheidung und ggf. Entscheidungsoptimierung. Erfahrungsbildung für die Diagnostiker).

Beteiligte am Diagnostischen Prozess[Bearbeiten]

  • Auftraggeber: Person, Behörde oder Organisation, welche die Fragestellung mittels psychodiagnostischer Hilfe beantwortet haben möchte. Dies kann die diagnostizierte Person selbst sein (Beratungswunsch, Therapieersuchen), aber auch ein Unternehmen (Stellenbesetzung mit den geeignetsten Kandidaten), eine Behörde (Fahrtauglichkeit prüfen) o. Ä.
  • Psychodiagnostiker (Fachperson): trägt die Verantwortung für die Einhaltung aller Qualitätsrichtlinien während des gesamten diagnostischen Prozesses einschließlich der wissenschaftlichen Fundierung und ethischer Richtlinien.
  • Diagnostizierte (auch Diagnostikanden oder Diagnostikanten üblich): Betroffene der Entscheidung. Von ihnen wird in der Regel die meiste Information erlangt, auch solche, die der Vertraulichkeit bzw. des Datenschutzes unterliegen. Hier gilt die Grundregel, dass eine Weitergabe der detaillierten Informationen an Dritte (auch ggf. die Auftraggeber) der Zustimmung der Diagnostizierten bedarf. Wurde die Diagnostik durch Dritte beauftragt und stimmt der Diagnostizierte einer Untersuchung zu, gilt dies zumindest für die Entscheidung und ihre Begründung nur bedingt. Hier sollten Psychodiagnostiker und Diagnostizierte dennoch vorab klären, wie mit Informationen umzugehen ist.
    • Die Bezeichnung Proband ist für Diagnostizierte auch üblich, wird aber allgemeiner für alle untersuchten Personen in Tests, Prüfungen oder Experimenten benutzt, ist mehr mit dem Forschungsaspekt verknüpft und weniger mit einer Fragestellung.
  • Dritte aus dem sozialen Umfeld der Diagnostizierten (z. B. Ehepartner, Familienangehörige, Freunde, Kollegen, Vorgesetzte oder Untergebene), die als Informationsquellen (im Einverständnis mit den Diagnostizierten) herangezogen werden können und/oder selber den Diagnoseprozess beeinflussen (zum Aufsuchen professioneller Hilfe geraten haben oder selber Mitursache von Problemen sind).

Anwendungsgebiete/Fragestellungen der Psychologischen Diagnostik[Bearbeiten]

Psychologische Diagnostik macht in allen Gebieten des Bereiches der Angewandten Psychologie einen wichtigen Aspekt dieser „Anwendung“ aus. Psychologische Diagnostik ist immer dann gefragt, wenn Entscheidungen zu finden oder zu fundieren sind und sie liefert dafür das methodische Fundament.

Methoden[Bearbeiten]

Einteilung nach der Art der Datengewinnung[Bearbeiten]

Die Erfassung und Gewinnung von Charakteristika erfolgt mit wissenschaftlich fundierten Methoden, zielgerichtet, systematisch und orientiert an vorgegebenen Hypothesen. Mit ihr wird das Ziel verfolgt, Erkenntnisse über die Merkmalsträger zu gewinnen und für eine Entscheidung über eine nachfolgende Maßnahme, wie Beratung, Therapie, Training etc., zu nutzen. Sofern Maßnahmen durchgeführt werden, kann Diagnostik wiederum eingesetzt werden, um den Erfolg ebendieser Maßnahmen zu kontrollieren und zu evaluieren. Die genannten Entscheidungen basieren auf einem komplexen Informationsverarbeitungsprozess. In diesem Prozess wird auf Regeln, Anleitungen, Algorithmen usw. zurückgegriffen. Man gewinnt damit relevante Charakteristika von Merkmalsträgern und integriert gegebene Daten zu einem Urteil (Diagnose, Prognose). Die Integration wird als diagnostische Urteilsbildung bezeichnet.

Psychologische Diagnostik dient der Untersuchung psychischer Merkmale. Darunter zählen Leistungs- und Fähigkeitsmerkmale, z. B. Wahrnehmung, Konzentration, Merkfähigkeit, Intelligenz und auch Persönlichkeitsmerkmale. z. B. Angst, oder Extraversion.

Dies geschieht in der Regel durch Psychologen mit Hilfe wissenschaftlich anerkannter Methoden und Testverfahren. Neben den vielfältigen standardisierten Verfahren, die durch möglichst für alle Probanden gleichartig strukturierte und durchgeführte Methodik zu möglichst objektiven Vergleichsaussagen führen sollen, gibt es die sogenannten qualitativen Verfahren, die über einzelne Individuen möglichst umfangreiche, aussagekräftige Informationen zutage fördern sollen. In qualitativen Interviews soll durch gezieltes Hinterfragen von Antworten und durch freies Erzählen und themenzentrierte Ausführungen der Probanden ein möglichst vorurteilsfreies und nicht von normengestützten Vergleichsinteressen geleitetes Bild der Persönlichkeit oder der individuellen Denkleistungen erzeugt werden. Siehe auch: Interview

Leitziele der Methodenentwicklung[Bearbeiten]

Ein zentrales Aufgabenfeld der psychologischen Diagnostik ist die Entwicklung standardisierter Verfahren (etwa Tests, Fragebögen usw.) für das diagnostische Arbeiten. Dabei verfolgt sie den Anspruch, systematische Unterschiede zwischen Personen immer genauer metrisch (quantitativ) beschreiben zu können.

Die Leitziele der diagnostischen Methodenentwicklung beschreiben die theoretischen Grundvorstellungen bei der Konstruktion von Verfahren für die psychologische Diagnostik. Diese Grundvorstellungen beziehen sich konkret auf die Zielsetzung (was wird gemessen?), die Gütekriterien psychodiagnostischer Verfahren (wie erkenne ich „gute“ Verfahren?) und das Vorgehen bei der Konstruktion einer neuen Methode. Pawlik (1988) stellt dabei den drei traditionellen Leitzielen der „Statusdiagnostik“ drei alternative Leitziele der „Prozessdiagnostik“ gegenüber:

Traditionelle Leitziele „Statusdiagnostik“   Alternative Leitziele „Prozessdiagnostik“
Messung systematischer Unterschiede zwischen Personen, diese Unterschiede werden als zeit- und situationsstabil betrachtet (=Eigenschaftsmodell).

z. B.: Erfassung von Persönlichkeitsdimensionen oder Intelligenzfaktoren

Zielsetzung

Abschätzung der Angemessenheit (Indikation) und/ oder des Erfolgs (Evaluation) von psychologischen Veränderungsbemühungen im Einzelfall (=Modifikationsmodell)

z. B.: Erfassung von sozialen Kompetenzen oder Coping Strategien

Vollständige Abdeckung der interindividuellen Varianz durch die mit dem Verfahren erhobenen Sachverhalte und enger Zusammenhang (Kovarianz (Stochastik)) dieser Werte mit einem Kriterium (=Varianzausschöpfung)

z. B.: Konzepte von Reliabilität und Validität

Gütekriterien

Hohe Nützlichkeit des Verfahrens für Entscheidungen im Rahmen psychologischer Intervention (=Entscheidungsrelevanz)

z. B.: Nettonutzen (durch den Einsatz eines Verfahrens erzielter Zuwachs für die Qualität einer Entscheidungen gegenüber Entscheidungen nach dem Zufallsprinzip)

Auswahl von repräsentativen Verhaltenselementen zur Erfassung von Strukturen (=Stichprobenmodell)

z. B.: HAWIE

Konstruktion

Ziel ist die Erfassung von Prozesskomponenten, dazu notwendig ist das Erstellen eines Inventars aller möglichen Verhaltenselemente, in denen sich der Interventionsbedarf und das Interventionsziel abbilden (=Ausschöpfungsmodell)

z. B.: Inventar aller Situationen, die bei einem sozial-ängstlichen Menschen Ängste auslösen können; Beck-Depressions-Inventar (depressive Gedanken und Vorstellungen)

Nach Pawlik entspricht die Statusdiagnostik den klassischen Vorstellungen der psychologischen Diagnostik, wie sie sich etwa in der Allgemeinen oder Differentiellen Psychologie finden. Sie geht vom Eigenschaftsmodell aus, interessiert sich also für vorrangig unveränderliche Merkmale und soll einen aktuellen oder zukünftigen Zustand erfassen. Entsprechend reicht bei der Statusdiagnostik durchaus eine einzige Messung zur Erfassung eines interessierenden Merkmals. Typische statusdiagnostische Anwendungen sind zum Beispiel Fähigkeits- oder Eignungstests.

Die Prozessdiagnostik ist eher im Bereich der klinischen Psychologie oder der Organisationspsychologie angesiedelt, im Zentrum ihres Interesses steht die Veränderung von Merkmalen (Modifikationsmodell). Als typische Anwendungsfelder wären die Psychotherapie oder die Personalentwicklung zu nennen. Um Veränderungen zu erfassen sind natürlich im Gegensatz zur Statusdiagnostik immer mindestens zwei (vorher/nachher) Messungen des interessierenden Sachverhalts notwendig.

Obwohl diese Leitziele sehr theoretisierend anmuten, fassen sie doch die Spannweite der modernen psychologischen Diagnostik in prägnanter Weise zusammen.

Arten von Diagnosen und diagnostischen Entscheidungen[Bearbeiten]

Jäger und Petermann[6] unterscheiden:

  • Selektionsentscheidungen (z. B. Auswahlentscheidungen als Zuweisung der optimalen Therapie für eine Person oder Auswahl der geeignetsten Person für eine Stelle)
  • Modifikationsentscheidungen (z.B. als Veränderung/Anpassung einer bestimmten Therapie an eine Person)
  • Mischstrategien (sowohl Auswahl als auch Anpassung, etwa Zuweisung einer Therapie und gleichzeitig ihre Anpassung an die Behandlung der jeweiligen Störung)

Qualitätssicherung in der Psychologischen Diagnostik[Bearbeiten]

In den letzten Jahren hat es eine Reihe von Anstrengungen gegeben, um die Qualität der Psychologischen Diagnostik zu verbessern. Die Kenntnis dieser Initiativen ist für die Auftraggeber, die Diagnostizierten und die Psychodiagnostiker von Bedeutung und kann auch benutzt werden, um sich auf dem recht großen „Psychomarkt“ zu orientieren und Qualität von Scharlatanerie zu unterscheiden. Mit der DIN 33430 sind erstmals normative Vorgaben für einen Bereich der Eignungsdiagnostik in umfassender Form vorhanden, die analog auch für andere Gebiete angewendet werden können.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Lehrbücher[Bearbeiten]

  • Fisseni, H.-J.: Lehrbuch der psychologischen Diagnostik Mit Hinweisen zur Intervention, 3.Aufl., Göttingen 2004: Hogrefe. ISBN 3-8017-1756-9 (1. Auflage 1990)
  • Jäger, R.S. & Petermann, F. (Hrsg.): Psychologische Diagnostik – ein Lehrbuch, 4. Aufl., Weinheim 1999: Beltz PVU. ISBN 3-621-27273-9 (1. Auflage 1988)
  • Kubinger, Klaus D. Psychologische Diagnostik. 2. Auflage Göttingen 2009: Hogrefe Verlag. ISBN 978-3-8017-2254-8. (1. Auflage 2006)
  • Petermann, F. & Eid, M. (Hrsg.): Handbuch der Psychologischen Diagnostik. Göttingen: Hogrefe, 2006. ISBN 978-3-8017-1911-1
  • Schmidt-Atzert, L.; Amelang, M.: Psychologische Diagnostik, 5. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, Heidelberg 2012: Springer-Verlag. ISBN 978-3-642-17000-3 (1. Auflage 1994)

Weitere Literatur (Einzelgebiete und -fragen)[Bearbeiten]

  • Boerner, K.: Das Psychologische Gutachten: Ein praktischer Leitfaden, Weinheim 1991 (Neuauflage:2004): Beltz, ISBN 3-621-27166-X
  • Brähler, E., Holling, H., Leutner, D. & Petermann, F. (Hrsg.): Brickenkamp Handbuch psychologischer und pädagogischer Tests, 3.Aufl., Göttingen: Hogrefe (2002). ISBN 3-8017-1441-1
  • Ginsburg, Herbert P.; Jacobs, Susan F. & Lopez, Luz Stella: The Teacher’s Guide to Flexible Interviewing in the Classroom. Learning what Children know about Math. Needham Heights 1998: Allyn & Bacon, ISBN 0-205-26567-7
  • Imoberdorf, U., Käser, R., Zihlmann, R.: Psychodiagnostik. Stuttgart 1992: Hirzel.
  • Jackson, C.: Testen und getestet werden. Was man über moderne Psychodiagnostik wissen sollte. Bern 1999: Hans Huber Verlag. ISBN 978-3-456-83085-8
  • Kanning, U.P.: Standards der Personaldiagnostik. Göttingen 2004: Hogrefe
  • Krohne, H.W. & Hock, M. (2007). Psychologische Diagnostik. Grundlagen und Anwendungsfelder. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-019080-1
  • Kubinger, K. & Jäger, R.S. (Hrsg.): Schlüsselbegriffe der Psychologischen Diagnostik, Weinheim 2003: Beltz PVU, ISBN 3-621-27472-3
  • Moosbrugger, H. & Kelava, A. (Hrsg.): Testtheorie und Fragebogenkonstruktion, Heidelberg 2007: Springer, ISBN 3-540-71634-3.
  • Rauchfleisch, U.: Testpsychologie. Eine Einführung in die Psychodiagnostik, 4. Auflage, Stuttgart 2005: UTB.
  • Sarges, W. (Hrsg.): Management-Diagnostik (3. Aufl.), Göttingen 2000: Hogrefe. ISBN 3-8017-0740-7
  • Sarges, W. & Wottawa, H. (Hrsg.). Handbuch wirtschaftspsychologischer Testverfahren. Bd. I: Personalpsychologische Instrumente (2., überarbeitete u. erweiterte Aufl.). Lengerich 2004: Pabst, ISBN 3-935357-55-9
  • Stieglitz, R.-D., Baumann, U. & Freyberger, J.: Psychodiagnostik in Klinischer Psychologie, Psychiatrie, Psychpotherapie, Stuttgart 2001: Thieme.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Fisseni 2004, 1. Das Corpus Hippocraticum spricht (Epidemien I, 23) mit diesem Wort von der Unterscheidung einer Krankheit anhand bestimmter Symptome. Vgl. zur historischen Semantik z. B. Henry George Liddell / Robert Scott: A Greek-English Lexicon, Clarendon Press, Oxford 9. A. mit Ergänzungen 1996, s.v. διαγιγνώσκω, S. 391 (vgl. Eintrag online nach der 9. A. 1940).
  2. Jäger, R.S. & Petermann, F. (Hrsg.): Psychologische Diagnostik – ein Lehrbuch, 4. Aufl., Weinheim 1999: Beltz PVU. ISBN 3-621-27273-9
  3. [1] EFPA Declaration on the European Standards of education and training in professional psychology
  4. Society for Personality Assessment (2006). Standards for Education and Training in Psychological Assessment: Position of the Society for Personality Assessment. Journal of Personality Assessment, 87(3), 355–357.
  5. Rorschach, Hermann: Psychodiagnostik : Methodik u. Ergebnisse e. wahrnehmungsdiagnostischen Experiments (Deutenlassen von Zufallsformen) ; Mit dem zugehörigen Test bestehend aus 10 teils farb. Taf. Bern ; Leipzig : E. Bircher 1921
  6. Jäger, R.S. & Petermann, F. (Hrsg.): Psychologische Diagnostik – ein Lehrbuch, 4. Aufl., Weinheim 1999: Beltz PVU. ISBN 3-621-27273-9