Psycholytische Psychotherapie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Medizinisches LSD

Psycholytische Psychotherapie (auch Psycholytische Therapie oder Substanz-unterstützte Psychotherapie) ist ein psychotherapeutisches Behandlungsverfahren, in dem zur Unterstützung der Therapie bewusstseinsverändernde Eigenschaften psychotroper Substanzen genutzt werden. Dabei soll durch veränderte innere Erlebnisweisen die psychische Abwehr gelockert und so ein besserer Zugang zu verdrängten Gefühlen und verborgenen Fähigkeiten gefunden werden.[1] Es werden Stoffe aus der Gruppe der Psychedelika, z. B. LSD, Psilocybin und Mescalin, der Empathogene wie beispielsweise MDMA („Ecstasy“) oder der Dissoziativa, z. B. Ketamin, verwendet.[2] Diesen Stoffen wird kein bzw. ein nur sehr geringes substanzeigenes Abhängigkeitspotenzial zugeschrieben [3][4]. Die Psycholytische Therapie ist umstritten, und die Forschung ist erschwert durch gesetzliche Einschränkungen bezüglich der Verwendung psychotroper Substanzen. Psycholytische Therapien finden - von vorwiegend in der Schweiz erteilten Ausnahmegenehmigungen abgesehen - in der Regel illegal statt,- häufig als Gruppentherapien.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Gedanke einer Heilbehandlung mit Hilfe von bewusstseinsverändernden Substanzen geht im Grunde bis auf das Schamanentum in vorgeschichtlicher Zeit zurück. Insofern es im religiösen Kultus stets auch um Heilung und das Heil geht, war die rituelle Anwendung von psychotropen Substanzen bei indigenen Völkern immer schon üblich und ist - soweit solche Kulturen noch existieren - auch heute noch verbreitet.[5]

Die Anwendung psychotroper Substanzen in der modernen Psychotherapie begann in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts.[6] Nachdem der Naturstoffchemiker Albert Hofmann 1943 unvermutet auf Lysergsäurediäthylamid stieß, brachte Sandoz diese Substanz unter der Bezeichnung Delysid (LSD 25) als Heilmittel auf den Markt und zwar - wie der Beipackzettel auswies - "zur seelischen Auflockerung bei analytischer Psychotherapie, besonders bei Angst- und Zwangsneurosen."[7] Von da an nahm die substanzgestützte Psychotherapie, zunächst vorwiegend unter der Bezeichnung "psychedelische Psychotherapie", einen starken Aufschwung.[8] W. V. Caldwell listete bereits 1968 193 wissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema auf.[9] Zu einem europäischen Symposion 1960 in Göttingen erschienen Experten aus England, Italien, Österreich, der Schweiz und der Tschechoslowakei und gründeten die "Europäische Ärztliche Gesellschaft für psycholytische Therapie" (EPT). Nachdem jedoch jeder weitere Gebrauch von Halluzinogenen, auch jede weitere Forschung auf diesem Gebiet, verboten worden war, stellte die EPT 1971 ihre Tätigkeit ein.[10] Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde, angeregt durch den Chemiker Alexander Shulgin[11] zunehmend auch MDMA (umgangssprachlich: Ecstasy) in der Psychotherapie eingesetzt, da MDMA die Empathiefähigkeit steigert und nicht durch Halluzinationen oder visionäre Episoden von der Konzentration auf den eigenen inneren Prozess ablenkt.[12] In den Jahren 1988 bis 1993 erhielten mehrere Mitglieder sowie auch der Gründer Peter Baumann der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie eine Ausnahmebewilligung für Psychotherapien unter der Gabe von MDMA und LSD sowie für Forschungen.[13]

Forschung[Bearbeiten]

Über 500 bisherige Veröffentlichungen, die sich der Therapie mithilfe psychoaktiver Substanzen widmen (neuere Zusammenfassung unter:[14]), beschreiben Wirkungen genannter Substanzen unter "supervisierten psychoanalytischen und anderen therapeutischen Settings".

Parallel dazu befassen sich etliche naturwissenschaftliche Untersuchungen in dieser Zusammenfassung mit hirnphysiologischen Veränderungen. Die Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass es sich um bewusstseinverändernde Vorgänge handelt, und dass die Psyche in dem Sinne gelockert wird, dass der Zugang zu unbewusstem Material erleichtert wird und im Bewusstsein auch nach der Sitzung erhalten bleibt. Was wiederum dem Patienten hilft, im praktischen Leben in für ihn problematischen Situationen sich einsichtsvoll freier von eingeschliffenen Verhaltensmustern zu entscheiden und anders zu verhalten. Der auf das Thema spezialisierte Psychiater Torsten Passie urteilt:

„Eine Brauchbarkeit zur Unterstützung von Psychotherapie besitzen Psychedelika wie LSD und Psilocybin durch ihre Eigenschaft, einen traumartigen Erlebnissfluss bei weitgehend klarem Bewusstsein und gutem Erinnerungsvermögen hervorzurufen.“[15]

In diesem können vordem verdrängte unbewusste Konflikte und Erinnerungen aktiviert und lebhaft wiederbelebt werden, was sie psychotherapeutischer Durcharbeitung zugänglich macht. Unter der psychischen Aktivierung kann außerdem eine Lockerung psychischer Abwehrmechanismen und eine Begünstigung psychotherapeutisch wertvoller regressiver Erlebnisweisen ('Altersregression') beobachtet werden. Zu einem ähnlich positiven Ergebnis kam schon 1981 der Pionier der Psychotherapieforschung mit psyochaktiven Substanzen in Deutschland, Hanscarl Leuner:

„Die überwiegende klinische Evidenz spricht dafür, dass die LSD-Aktivierung der Psychodynamik diese einer psychotherapeutischen Beeinflussung eher zugänglich macht als ohne einen Halluzinogenspiegel im Blut.“[16]

Gefahren[Bearbeiten]

Keinesfalls sollten psychoaktive Substanzen wie LSD oder Psilocybin gewissermaßen im Selbstversuch oder als "Selbsttherapie" eingenommen werden. Der Rahmen einer fachlich geleiteten therapeutischen Situation ist unabdingbar. Doch auch dann ist psycholytische Therapie nicht in allen Fällen unbedenklich. Gefahren gehen weniger von den psychoaktiven Substanzen selbst aus als vielmehr von ihrer Kombination mit unsachgemaßen Behandlungsmethoden. Der gleiche Effekt, nämlich der Zuwachs an seelischer Sensibilisierung und Zugänglichkeit, kann als gefährliche Suggestibilität die Behandelten in eine Abhängigkeit vom Therapeuten bringen, insbesondere, wenn das unter Umständen extrem gesteigerte Übertragungsgeschehen nicht bearbeitet wird oder der Therapeut das zwischen ihm und dem Klienten bestehende Machtgefälle ausnützt.[17][18] Unwägbare Gefahren sind außerdem mit der erzwungenen Illegalität des Behandlungsverfahrens verbunden, bei der die Reinheit der verwendeten Stoffe bzw. ihre sachgemäße Dosierung nicht garantiert werden kann. 2009 kam es in Berlin bei einer illegalen psycholytischen Gruppentherapie zu Todesfällen.[19]

Rechtliche Situation[Bearbeiten]

Viele psychotrope Substanzen waren Ende der 1960er Jahre verboten, was auch zum Abbruch vieler erfolgversprechender wissenschaftlicher Forschungen führt.[20] Ihre wissenschaftliche Erforschung wurde Ende der 1980er Jahre unter restriktiven Bedingungen wieder aufgenommen.[21][22] Außerhalb solcher Forschungsprojekte gab es zudem eine nichtöffentliche Anwendung illegal gehandelter psychotroper Substanzen.[23] In vielen Staaten wurden nach der UN-Konvention über psychotrope Substanzen von 1971 viele psychotrope Substanzen stark reglementiert.

Deutschland

In Deutschland werden psychotrope Substanzen nach dem Betäubungsmittelgesetz BtMG in drei Gruppen eingeteilt: „nicht verkehrsfähig“ (BtMG Anlage IVorlage:§§/Wartung/juris-seite), „verkehrs- aber nicht verschreibungsfähig“ (BtMG Anlage IIVorlage:§§/Wartung/juris-seite) oder „verkehrs- und verschreibungsfähig“ (BtMG Anlage IIIVorlage:§§/Wartung/juris-seite). LSD, Meskalin, Psilocybin und MDMA sind in Deutschland nicht verkehrsfähig.[24] Ketamin hingegen ist ein zugelassenes Medikament.

Nach zwei Todesfällen im Zuge einer psycholytischen Psychotherapie im September 2009 - durch einen ärztlichen Psychotherapeuten waren offensichtlich bzw. zugegebenermaßen Betäubungsmittel (nach juristischer Definition nach Betäubungsmittelgesetz BtMG) oder andere Substanzen nach Betäubungsmittelgesetz "verkehrs- und verschreibungsfähig (BtMG Anlage 3)" eingesetzt worden - warnte die zuständige Ärztekammer eindringlich davor, „nicht verkehrsfähige“ oder „nicht verschreibungsfähige nach BtMG Anlagen 1-2“ Substanzen einzusetzen. Die Psycholytische Therapie sei in Deutschland zwar nicht als solche illegal. Der ärztliche Psychotherapeut handele aber rechtswidrig, wenn er während der Therapie illegale Substanzen wie LSD, Heroin oder Ecstasy (z. B. MDMA) einsetze.[25]

Schweiz

In der Schweiz gab es von 1988 bis 1993 eine Ausnahmegenehmigung vom Schweizerischen Bundesamt für Gesundheit für Psycholytische Therapie mit LSD und MDMA.[13] Seither sind nur noch Ketamin-haltige Substanzen (verschreibungspflichtige Anästhesie- und Schmerzmittel) und Ephedrin erlaubt, die aber weniger geeignet sind.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Stanislav Grof: Das Abenteuer der Selbstendeckung: Heilung durch veränderte Bewusstseinszustände, Ein Leitfaden, Rowohlt, Reinbeck 1994
  • Henrik Jungaberle, Peter Gasser, Jan Weinhold, Rolf Verres (Hrsg.): Therapie mit psychoaktiven Substanzen - Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA. Hans Huber, Bern, 2008, ISBN 978-3-456-84606-4.
  • Hanscarl Leuner: Halluzinogene, Psychische Grenzzustände in Forschung und Psychotherapie. Hans Huber, Bern 1981, ISBN 3-456-80933-6.
  • Claudio Naranjo: Die Reise zum Ich, Psychotherapie mit heilenden Drogen, Behandlungsprotokolle. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-596-23381-X.
  • Torsten Passie: Psycholytic and Psychedelic Therapy Research 1931-1995: A Complete international Bibliography. online
  • Torsten Passie: Psilocybin in der modernen Psychotherapie, in: Curare, Zeitschrift für Medizinethnologie, H. 18 (1995), S. 131 - 153.
  • Ben Sessa: Can psychedelics have a role in psychiatry once again? In: The British Journal of Psychiatry (2005) 186: 457-458. PMID 15928353 (Abstract), [1](Volltext)
  • Claudia Möckel Graber: Eintritt in heilende Bewusstseinszustände - Grundlagen zur psycholytischen Praxis. Nachtschatten Verlag, Solothurn 2010, ISBN 978-3-03788-200-9.
  • Hansjörg Heinrich: Halluzinogene - die verbotene Hilfe der Seelenärzte. In: Frankfurter Rundschau vom 17. Dezember 1994.
  • Manfred Josuttis, Hanscarl Leuner (Hrsg.): Religion und die Droge. Ein Symposion über religiöse Erfahrungen unter dem Einfluss von Halluzinogenen, Kohlhammer, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1972
  • Thomas Illmaier: Die Farben des Himmels und der Hölle, Symposium zum Jubiläum 50 Jahre LSD. In: Wissenschaft und Technik vom 20. November 1993.
  • Hans-Peter Waldrich: Gehirnwäsche oder Heilverfahren? Erfahrungen mit drogengestützten Psychotherapien, Hamburg 2014
  • Samuel Widmer: Ins Herz der Dinge lauschen. Die unerwünschte Psychotherapie. Vom Erwachsen der Liebe. über MDMA und LSD, Solothurn 1989. ISBN 3907080033

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stanislav Grof: Das Abenteuer der Selbstendeckung: Heilung durch veränderte Bewusstseinszustände, Ein Leitfaden, Rowohlt, Reinbeck 1994
  2. Jungaberle et al., 2009
  3. Schmidtbauer et al., 2003
  4. Pressemitteilung der University of Bristol: New „matrix of harm“ for drugs of abuse. Pressemitteilung der University of Bristol. 23. März 2007
  5. Franz-Theo Gottwald, Christian Rätsch (Hrsg.): Rituale des Heilens. Ethnomedizinische Naturerkenntnis und Heilkraft, Aarau/Schweiz 2000 - Adolf Dittrich, Christian Scharfetter (Hrsg.): Ethonpsychotherapie. Psychotherapie mittels außergewöhnlicher Bewusstseinzusände in westlichen und indigenen Kulturen, Stuttgart 1987
  6. Hanscarl Leuner: Veränderte Bewusstseinszustände in der Psychotherapie, in: Welten des Bewusstseins, hrsg. v. Adolf Dittrich, Albert Hofmann, Hanscarl Leuner, Bd. 1: Ein interdisziplinärer Dialog, Verlag Wissenschaft und Bildung, Berlin 1993, S. 113 - 147, S. 133
  7. Albert Hofmann: LSD - mein Sorgenkind. Die Entdeckung einer "Wunderdroge", München 1993, S. 55
  8. Leuner, Ebenda, S. 141ff. - Stanislav Grof: Psychedelische Therapie und holonome Integration. Therapeutisches Potential außergewöhnlicher Bewusstseinszustände. Beobachtungen bei psychedelischer und holotroper Therapie, in: Adolf Dittrich, Christian Rätsch: Ethnopsychotherapie, S. 162 - 180
  9. W. V. Caldwell: LSD Psychotherapy: An Exploration of Psychedelic an Psycholytic Therapy, Grove Press, New York 1968
  10. Hanscarl Leuner: Halluzinogene. Psychische Grenzzustände in Forschung und Psychotherapie, Bern, Stuttgart, Wien 1981, S. 26
  11. Alexander Shulgin, Ann Shulgin: Pihkal. A Chemical Love Story, Transform Press, Berkeley/CA 1995, S. 72ff.
  12. Hans Gros und die Redaktion Naturwissenschaften: Rausch und Realität. Eine Kulturgeschichte der Drogen, Bd. 1, Stuttgart, München, Düsseldorf 1996 (Erns Klett Verlag), S. 140
  13. a b Schweizerische Aerztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SÄPT) - Portrait
  14. Henrik Jungaberle, Peter Gasser, Jan Weinhold, Rolf Verres (Hrsg.): Therapie mit psychoaktiven Substanzen - Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA. Hans Huber, Bern, 2000
  15. Torsten Passie: Psilocybin in der modernen Psychotherapie, in: Curare, Zeitschrift für Medizinethnologie, H. 18 (1995), S. 131 - 152, S. 136
  16. Hanscarl Leuner: Halluzinogne, S. 92
  17. Ralf H. Bolle: Übertragung und Gegenübertragung in der psycholytischen Therapie, in: Welten des Bewusstseins, hrsg. von Adolf Dittrich, Albert Hofmann, Hanscarl Leuner, Bd. 4: Bedeutung für die Psychotherapie, Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin 1994, S. 129 - 137, S. 132ff.
  18. Hans-Peter Waldrich: Gehirnwäsche oder Heilverfahren? Erfahrungen mit drogengestützten Psychotherapien, Hamburg 2014
  19. Hans-Peter Waldrich: Gehirnwäsche, S. 123 - 130
  20. Hanscarl Leuner: Halluzinogene, S. 17ff.
  21. Ben Sessa: Can psychedelics have a role in psychiatry once again? (in: The British Journal of Psychiatry)
  22. Nicolas Langlitz: Neuropsychedelica. The Revival of Hallucinogen Research since the Decade of the Brain, University of California Press, Berkeley and Los Angeles 2013
  23. http://www.bz-berlin.de/archiv/hunderte-brliner-sind-in-verbotener-lsd-therapie-article593398.html
  24. Betäubungsmittelgesetz, Anlage I
  25. Warnung vor der Einnahme von Drogen im Rahmen der Psychotherapie, Stellungnahme der Berliner Ärztekammer, Berliner Ärzte 11/2009, 12 (PDF-Dokument; 819 kB)
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!