Rödinghausen

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Dieser Artikel befasst sich mit der Gemeinde Rödinghausen. Zum gleichnamigen Ortsteil siehe Rödinghausen (Ortsteil)
Wappen Deutschlandkarte
Wappen der Gemeinde Rödinghausen
Markierung
Deutschlandkarte, Position von Rödinghausen hervorgehoben
Koordinaten: 52° 15′ N, 8° 29′ O
Basisdaten
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Regierungsbezirk: Detmold
Kreis: Herford
Höhe: 135 m ü. NN
Fläche: 36,27 km²
Einwohner: 10.139 (31. Dez. 2007)[1]
Bevölkerungsdichte: 280 Einwohner je km²
Postleitzahl: 32289
Vorwahlen: 05746 (Norden), 05226 (Bruchmühlen, Südosten), 05223 (Bünde, Südwesten)
Kfz-Kennzeichen: HF
Gemeindeschlüssel: 05 7 58 028
Gemeindegliederung: 5 Ortsteile
Adresse der Gemeindeverwaltung: Heerstraße 2
32289 Rödinghausen
Webpräsenz:
Bürgermeister: Ernst-Wilhelm Vortmeyer (SPD)
Lage der Gemeinde Rödinghausen im Kreis Herford
Kreis Lippe Niedersachsen Kreis Gütersloh Kreis Minden-Lübbecke Kreis Minden-Lübbecke Bielefeld Nordrhein-Westfalen Enger Löhne Bünde Kirchlengern Herford Spenge Hiddenhausen Rödinghausen Vlotho
KarteÜber dieses Bild

Der am Wiehengebirge gelegene Luftkurort Rödinghausen (niederdeutsch: Ränghiusen) ist eine kreisangehörige Gemeinde im Nordosten des deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen und liegt rund 30 km nördlich von Bielefeld. Das knapp über 10.000 Einwohner zählende Rödinghausen ist die kleinste Gemeinde im ostwestfälischen Kreis Herford (Regierungsbezirk Detmold). Die Gemeinde in ihren heutigen Grenzen entstand erst 1969 durch Zusammenlegung der fünf selbstständigen Gemeinden des Amtes Rödinghausen, jedoch lässt sich die Besiedlung des heutigen Gemeindegebietes im fruchtbaren Ravensberger Land bereits ab 851 schriftlich belegen.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Geografie

Physische Karte von Rödinghausen
Physische Karte von Rödinghausen
Flächennutzung in Rödinghausen
Flächennutzung in Rödinghausen

[Bearbeiten] Geografische Lage

Hügelland mit Blick auf Wiehengebirge und Nonnenstein.
Hügelland mit Blick auf Wiehengebirge und Nonnenstein.

Rödinghausen liegt am Südrand des Wiehengebirges im Ravensberger Hügelland. Die nächstgelegenen Großstädte sind das 30 km südlich gelegene Bielefeld und das 32 km westlich gelegene Osnabrück. Der Kamm des Wiehengebirges bildet überwiegend die Nordgrenze der Gemeinde. Streng genommen gehört ein sehr kleiner Teil des Eggetals (Gehle) nördlich des Kamms des Wiehengebirges auch zu Rödinghausen. Der Nonnenstein im Nordwesten der Gemeinde ist mit 274 m ü. NN die höchste Erhebung. Im äußersten Nordosten erreichen die Donoer Berge im Gemeindegebiet eine Höhe von 243 m ü. NN. Etwas nordöstlich der Gemeindegrenze steigt das Gebirge weiter an, um eine Gipfelhöhe von 289 m ü. NN zu erreichen. Von Norden nach Süden läuft das Wiehengebirge langsam aus. Das Tal der Else stellt mit 68 m ü. NN die tiefste Niederung der Gemeinde dar. Die Kirche im Ortsteil Rödinghausen liegt auf 150 m ü. NN Höhe.

[Bearbeiten] Gewässer und Flächennutzung

Die Else im Ortsteil Bruchmühlen
Die Else im Ortsteil Bruchmühlen

Zahlreiche kleinere Bäche durchziehen das Gebiet und fließen überwiegend der Else zu, die teilweise die südwestliche Gemeindegrenze bildet und die Gemeinde von West nach Ost eine wenige hundert Meter durchfließt. Größter Zufluss der Else im Gemeindegebiet ist der Kilverbach oder Kollbach, der teilweise die Westgrenze Rödinghausens bildet. Ein Teil der Bäche in Bieren und Schwenningdorf entwässert nördlich einer kaum wahrnehmbaren Wasserscheide in die Große Aue, die in Rödinghausen-Bieren entspringt und in Rödinghausen noch Neuer Mühlenbach genannt wird. Im Gegensatz zur Else fließt die Große Aue nicht südlich des Wiehengebirges der Weser zu sondern nördlich. Die Große Aue verlässt durch ein von ihr selbst geschaffenes Durchbruchstal des Wiehengebirges im Ortsteil Schwenningdorf-Neue Mühle das Gemeindegebiet Richtung Holzhausen. Vor dem Durchbruch floss auch die Große Aue nach Süden. Im Osten entwässert der Gewinghauser Bach Teile Donos und fließt der Else zu. Das südliche Bieren, Schwenningdorf und Ostkilver werden durch den nach Süden fließenden Darmühlenbach, der auch den Burggraben von Gut Böckel speist, entwässert. Im äußersten Nordwesten entwässert ein geringer Teil der Bäche im Wiehengebirge über den Grünen See in die Hunte.

Größere Waldgebiete befinden sich im Norden an den Hängen des Wiehengebirges in den Ortsteilen Rödinghausen, Schwenningdorf und Bieren. Die vorherrschende natürliche Waldgesellschaft ist die des Eichen-Hainbuchenwaldes. Jedoch ist die Gemeindefläche insgesamt nur wenig bewaldet. Die flacheren Gemeindeteile werden vor allem landwirtschaftlich genutzt; Wälder sind hier selten. Einziger nennenswerter Wald ist das Vossholz um Gut Böckel. Die Böden sind aufgrund des Lößbodens fruchtbar. Hauptsächlich wird auf den kleinflächigen Feldern Getreide und Mais, aber auch zunehmend Raps kultiviert. Die feuchten Sieke werden als Weideland genutzt. Folgende Tabelle zeigt die genaue Flächennutzung.[2]

Fläche
nach Nutzungsart
Siedlungs- und
Verkehrsfläche
Landwirt-
schaftsfläche
Wald-
fläche
sonstige
Freiflächen
Fläche in Hektar 774 2324 500 28
Anteil an Gesamtfläche 21,3 % 64,1 % 13,8 % 0,8 %

[Bearbeiten] Geologie

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Blick von Bieren Dono über die Gemeinde
Blick von Bieren Dono über die Gemeinde
Typische Sieklandschaft in Schwenningdorf. Blick auf Donoer Berge
Typische Sieklandschaft in Schwenningdorf. Blick auf Donoer Berge
Siek mit deutlich zu erkennender Plaggenabstichkante in Bieren-Dono
Siek mit deutlich zu erkennender Plaggenabstichkante in Bieren-Dono

Unterschieden werden muss zwischen den Höhenlagen des Wiehengebirges und den flacheren Gebieten im Süden der Gemeinde, die naturräumlich zur Ravensberger Mulde gehören und das Elsetal einschließen.

Das kammartige Wiehengebirge ist ein langgestrecktes, bewaldetes Gebirge, das aus schmalen, bewaldeten Eggen besteht, die durch Pässe und Durchbruchstäler (Dören) voneinander getrennt werden, beispielsweise das Tal der Großen Aue. In Rödinghausen bestehen die Kammlagen aus dem harten und hellen Wiehengebirgssandstein aus der Zeit des Oberen Jura oder Malm. Nach Süden hin reihen sich daran die Heersumer Schichten (Sandstein aus dem Jura), Ornatentone und der Cornbrash-Sandstein, einem kalk-gebundenen Sandstein, aus dem Mittleren Jura oder Dogger. In Bieren-Dono wurde der Sandstein in einem mittlerweile aufgelassenen Steinbrüchen abgebaut. An den steilen und steinreichen Hängen ist die Vegetation auf Buchen und anspruchslose Gräser, Halbgräser und Moose beschränkt. Die zahlreichen Bäche entspringen in feuchten Quellmulden, fließen zunächst in V-Tälern (Siepen) die Hänge hinab, um dann durch die breiteren Sohlentäler wie beispielsweise das Wehmerhorster Wiesental in Schwenningdorf zu mäandern.

Der überwiegende Teil der Gemeinde gehört zur Ravensberger Mulde. Die Ravensberger Mulde ist ein leichtwelliges, zwischen 50 und 140 m ü. NN liegendes Hügelland. Charakteristisch sind vor allem die von Menschenhand geformten Kastentäler (sogenannte Sieke), die oft unvermittelt und tief in das sonst nur schwach kuppierte Land einschneiden. Die vor der Anlegung der Sieke charakteristischen V-Täler sind nur noch in den Waldgebieten (z. B. im Vossholz) erhalten. Der Untergrund besteht aus wasserundurchlässigen Liasplatten (Tonschiefer), die vor rund 180 Millionen Jahren am Meeresgrund abgelagert wurden und Versteinerungen wie Ammoniten, Schnecken und Muscheln aufweisen. Der Ton tritt selten zu Tage und wird in Westkilver für eine Ziegelei abgebaut. In der Weichselkaltzeit hat sich darüber eine in Rödinghausen bis zu fünf Meter starke Lößschicht abgelagert. Der Löß ist eine poröse, Feuchtigkeit speichernde, leichte und leicht zu bearbeitende Braunerde, die zwar durch Auswaschung recht kalkarm ist und viele Findlinge aus der Eiszeit aufweist, aber insgesamt doch zu den fruchtbarsten Ackerböden überhaupt gehört. Das Elsetal bildet das Urstromtal der Else-Werre-Niederung (Osnabrücker Tal), das sich von Osnabrück bis zur Porta Westfalica erstreckt. Von der Niederterrasse beiderseits der Else wurde der fruchtbare Löß abgeschwemmt und dafür Sand, Lehm und Geröll (Terrassenschotter) angeschwemmt. Teilweise tritt aber auch direkt der alte Talboden, die Grundmoräne oder Lias-Tonstein zutage. Entlang der Else erstreckt sich eine Aue, die vor Begradigung und Eindeichung, von dem davor mäandernden Fluss regelmäßig überschwemmt wurde und daher von einer bis zu zwei Meter starken Lehmschicht bedeckt ist. [3]

[Bearbeiten] Ausdehnung des Gemeindegebiets

Ortsteile der Gemeinde Rödinghausen
Ortsteile der Gemeinde Rödinghausen
Bevölkerungsdichte in den Gemeindeteilen
Bevölkerungsdichte in den Gemeindeteilen

Die Gemeindefläche beträgt 36,27 Quadratkilometer. Die maximale Nord-Süd-Ausdehnung beträgt etwa 7,9 Kilometer (von Bruchmühlen bis Rödinghausen-Gehle), die maximale West-Ost-Ausdehnung etwa 7 Kilometer (von Rödinghausen-Kilverbachtal bis Bieren-Dono).

[Bearbeiten] Nachbargemeinden

Nachbargemeinden sind das Mittelzentrum Bünde im Südosten, das niedersächsische Melle im Westen und Südwesten und das zum Kreis Minden-Lübbecke gehörende Preußisch Oldendorf im Norden auf der anderen Seite des Wiehengebirges. Im Süden trennt die Else den Meller Stadtteil Bruchmühlen in Niedersachsen vom Rödinghauser Ortsteil Bruchmühlen in Nordrhein-Westfalen. Eine sehr kurze Grenze existiert auch mit der Gemeinde Hüllhorst im Kreis Minden-Lübbecke. Diese Grenze verläuft im Bereich Bieren-Dono im äußersten Nordosten der Gemeinde Rödinghausen.[4]

[Bearbeiten] Gemeindegliederung

Rödinghausen besteht aus fünf Ortschaften, die bis zur kommunalen Gebietsreform 1969 selbständige Gemeinden bildeten. Nach Einwohnern größter Ortsteil ist das im Südwesten gelegene Bruchmühlen (bis 1969 Westkilver). Im Nordwesten liegt der Verwaltungssitz Rödinghausen, im Norden der Ortsteil Schwenningdorf und im Nordosten der flächenmäßig größte Ortsteil Bieren. Im Südosten der Gemeinde liegt der Ortsteil Ostkilver. Einen Überblick über die Bevölkerungszahlen und die Fläche gibt folgende Tabelle[5]:

Ortsteil Einwohner Fläche
Rödinghausen 1.644 4,554 km²
Bruchmühlen 3.378 6,798 km²
Bieren 1.299 9,544 km²
Ostkilver 1.876 7,926 km²
Schwenningdorf 2.356 7,449 km²
Gesamt 10.553 36,27 km²

[Bearbeiten] Klima

Klimadiagramm für Rödinghausen, Ortsteil Rödinghausen
Klimadiagramm für Rödinghausen, Ortsteil Rödinghausen

Rödinghausen liegt in der gemäßigten Klimazone Mitteleuropas. Das Klima wird durch die Westwinddrift, die Lage Rödinghausens im ozeanisch-kontinentalen Übergangsbereich Mitteleuropas und seine relative Höhenlage auf 150 m am Wiehengebirge bestimmt. Die durchschnittliche Jahrestemperatur in Rödinghausen beträgt 8,5 °C. Die wärmsten Monate sind Juli und August mit durchschnittlich 16,7 beziehungsweise 16,3 °C und die kältesten Januar und Februar mit 0,3 beziehungsweise 0,8 °C im Mittel. Der meiste Niederschlag fällt im August mit durchschnittlich 82 Millimeter, der geringste im Februar und April mit durchschnittlich 52 Millimetern. Die monatliche Niederschlagsmenge schwankt also nur wenig und trotz der 201 Tage mit mehr als 0,1 Millimeter Niederschlag liegt die Gesamtmenge mit 751 Millimetern unter dem bundesdeutschen Schnitt. Im langjährigen Mittel (1961–1990) hatte die Region durchschnittlich 1473 Sonnenstunden pro Jahr (Beobachtungsstation: Herford).[6] Das Klima Rödinghausens ist insgesamt als reizmildes Mittelgebirgsklima zu bezeichnen. Aufgrund der relativen Höhenlage Rödinghausens ist es im Jahresmittel bis zu 1 °C kälter als im nahen Herford oder bis zu 0,5 °C kälter als in der Elseniederung. Es kann vorkommen, dass es im Norden der Gemeinde schneit, im Süden jedoch regnet. Insgesamt sind die Winter jedoch mild und die Sommer mäßig-warm. Die vorherrschenden Winde kommen aus Westen oder Südwesten und bringen über das Jahr regelmäßig verteilten Niederschlag vom Atlantik. Im Sommer ist die Regenmenge jedoch etwas größer als im Winter. Jedoch kommt es aufgrund dieser Winde nicht zu extrem ausgeprägtem Steigungsregen, wie z. B. an der Luvseite des Teutoburger Waldes. Vielmehr führt die großräumliche Einfassung durch Wiehengebirge (Nord), Osning (Süd) und Meller Berge (Ost) zu einem im Vergleich zu Herford niederschlagsärmeren Klima. Der Unterschied ist etwa 50 Millimeter pro Jahr.[7] Es herrscht also ganzjährig ein humides Klima vor. Eine Übersicht über die Klimadaten im langjährigen Mittel zeigt nachstehende Tabelle.

Monatliche Durchschnittstemperaturen und -niederschläge für Rödinghausen
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
Temperatur (°C) 0,3 0,8 4,0 7,7 12,1 15,0 16,7 16,3 13,4 9,1 5,0 1,9 Ø 8,5
Niederschlag (mm) 65 52 53 52 57 65 80 82 62 64 55 64 Σ 751
Regentage (d) 19,6 16,8 14,4 15,6 15,6 14,2 17,7 17,6 14,9 16,0 19,3 19,9 Σ 201,6
T
e
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65
52
53
52
57
65
80
82
62
64
55
64


Quelle: Schüttler[7]

Siehe auch: Klima in Ostwestfalen-Lippe

[Bearbeiten] Geschichte

Die Ravensberger Mulde von Rödinghausen aus gesehen, im Hintergrund der Teutoburger Wald
Die Ravensberger Mulde von Rödinghausen aus gesehen, im Hintergrund der Teutoburger Wald

Die Geschichte des Gebietes, das heute die Gemeinde Rödinghausen umfasst, wurde weniger durch bedeutende Einzelereignisse bestimmt, sondern vielmehr durch lange Entwicklungslinien, die häufig mit der Veränderung der Erwerbsgrundlage der Bewohner einhergingen. Daher wird im Weiteren die Geschichte vor allem anhand dieser Entwicklungslinien vorgestellt. Die Geschichte der heutigen Gemeinde Rödinghausen beginnt erst mit der kommunalen Gebietsreform im Jahre 1969, als Rödinghausen aus bisher fünf selbstständigen Gemeinden des ehemaligen Amtes Rödinghausen geschaffen wurde, das seinerseits ab 1888 als selbstständige Einheit bestand. Die einzelnen Ortsteile sind jedoch sehr viel älter.

[Bearbeiten] Ursprünge und Sächsische Besiedlung bis 804

Rödinghausen gehört zur Kulturlandschaft des Ravensberger Landes. Durch die fruchtbaren Lößböden gehört es zum Altsiedelland. Eine Besiedelung lässt sich bis ins frühe Mittelalter schriftlich belegen, jedoch gibt es auch deutlich ältere Spuren einer Besiedelung. Die Funde von Steinbeilen und Speerspitzen legen nahe, dass das Gebiet bereits in der Jüngeren Steinzeit (5000-2000 v. Chr.) von Jägern und Fischern besiedelt wurde. Nach dem römischen Geschichtsschreiber Tacitus war das Gebiet um die Zeitenwende (1-400 n. Chr.) von den Cherusci besiedelt. Zu Zeiten der Völkerwanderung (400-500) wurden diese Stämme von den Sachsen verdrängt. Auf dem heutigen Gemeindegebiet war der Sachsenstamm der Engern (vgl. auch Enger) beheimatet. Vermutlich übten die Engern ihren germanischen Götterglauben in einer eine Kultstätte auf dem Hügel, auf dem die heutige Kirche in Rödinghausen steht, aus. [8] [9]

[Bearbeiten] Fränkische Herrschaft und Mittelalter bis 1450

Haus Kilver – Keimzelle der Gemeinde Rödinghausen
Haus Kilver – Keimzelle der Gemeinde Rödinghausen

Als die Engern unter ihrem Herzog Widukind in einem Krieg von 772 bis 804 dem Stamm der Franken unter Karl dem Großen unterlagen, mussten sie ihren Glauben aufgeben, wurden zwangsgetauft und auf der ehemaligen Kultstätte in Rödinghausen wurde um 850 eine erste Holzkirche errichtet. Die Franken setzten in den eroberten Gebieten Gaugrafen ein, die für sie das Gebiet von ihren Königshöfen aus verwalteten. Einer diese Königshöfe war das Rödinghauser Haus Kilver (damals Villa Kilveri genannt), das 851 einige Jahrzehnte nach seiner mutmaßlichen Entstehung erstmals urkundlich erwähnt wurde und damit ältester schriftlich belegter Siedlungskern Rödinghausens ist. Ludwig der Deutsche schenkte in dieser Urkunde das Haus Kilver dem um 822 in Herford unter Ludwig dem Frommen gegründeten Frauenkloster. Schwenningdorf wurde 1088 erstmals in einer Schrift des Osnabrücker Bischofs schriftlich erwähnt. Der Ort hieß vermutlich nach seinem Begründer Swanekin zunächst Swanekindorp. In späteren Heberollen des Stifts auf dem Berge bei Herford wurden die damals noch winzigen Orte Bieren (damals noch Beren mit vier Höfen), Kilver (Kelver, drei Höfe) und Rödinghausen (ein Meierhof, zwei Höfe) erwähnt. Rödinghausen wurde erstmals 1147 erwähnt. Rödinghausen hieß nach seinem Gründer Rhoderat zunächst Rhoderatshausen. Eine andere Vermutung ist die Benennung nach Graf Hrodrad aus dem Grönegau im heutigen Melle. Der Suffix -inghausen bezeichnet eine Lage an einem Bergwald. 1150 wurde auch Ostkilver in einem Kaufvertrag zwischen dem Osnabrücker Bischof und Graf von Tecklenburg erwähnt. Im 12. Jahrhundert wurde Bieren erstmals erwähnt. Bieren leitet sich von beara ab und bezeichnet einen früchtereichen Wald. Westkilver wurde in einer Heberolle des Herforder Stifts erst 1308 erwähnt und ist damit der offiziell jüngste Teil der Gemeinde.

Aus diesen Bauernschaften entwickelten sich mit der Zeit die fünf heutigen Ortsteile Bieren, Schwenningdorf, Rödinghausen, Ostkilver und Westkilver. Die größte Kirche in Rödinghausen, St. Bartholomäus, die vermutlich aus der Holzkirche der Engern hervorgegangen war, wurde zum ersten Mal im Jahr 1233 schriftlich erwähnt. Sie gehörte anfänglich zum Einflussbereich des Bischofs von Osnabrück bzw. als Patronat zum Stift Herford. Um 1533 wurde die Kirche protestantisch, zumindest wird aus diesem Jahr erstmals von mehreren Rödinghauser Geistlichen mit Kindern und Frau berichtet. Der zweite erhaltene Herrensitz neben dem Haus Kilver, Gut Böckel wurde 1350 erstmals erwähnt. Der dritte Rittersitz, das Gut Waghorst in Bieren, wurde 1349 erstmals erwähnt, diente später von 1888 bis 1907 als Sitz des Amtes Rödinghausen und wurde später abgerissen.

Die Menschen in Rödinghausen lebten fast ausschließlich vom Ackerbau und der Vieh- und Waldwirtschaft. Um 800 lebten die Rödinghauser in von dichtem Wald umgebenen Siedlungen, sogenannten Drubbeln, die etwa zwei Kilometer auseinander lagen. Ein Drubbel bestand aus bis zu zehn Höfen. Auf Rödinghauser Gebiet gab es die Drubbel Rödinghausen, Schwenningdorf, Siendorf (im heutigen Ortsteil Schwenningdorf), Bieren, Dono (im heutigen Ortsteil Bieren), Ostkilver und Westkilver. Die Drubbel lagen etwas höher, aber in unmittelbarer Nachbarschaft zu den feuchten Niederungen. Die mittleren Hanglagen um den Drubbel wurden ursprünglich ohne Fruchtwechsel bewirtschaftet und waren in etwa 500 Meter lange und etwa zwölf Meter breite Streifen unterteilt. Gedüngt wurden die Felder durch Plaggen. Diese Form der Äcker wird Langstreifenesch genannt, wobei Esch aus dem Germanischen stammt und essen heißt. Die Parzellen hatten eine dem Gelände angepasste fast s-förmige Form und waren von der schmalen Seite aus zugänglich. Die Streifen waren jeweils einem Hof zugeordnet und wurden von diesem zunächst bewirtschaftet; nach der Getreideernte wurde das Esch jedoch gemeinschaftlich als Stoppelweide genutzt. Die Höfe selbst wurden ungeteilt an den jüngsten Nachfahren vererbt. Im Wald wurden Schweine gehalten, die sich von Eicheln und Bucheckern ernährten. Die Bauern hatten an die adligen Gutsbesitzer bzw. das Herforder Stift Abgaben zu leisten, den sogenannten Zehnt, wenn sie nicht in unterschiedlich starker Ausprägung Leibeigene der Gutsbesitzer oder des Stifts waren.

Da immer nur der jüngste Nachfahre den Hof erbte, mussten die anderen Nachkommen, die Erbkötter, ab etwa 1000 eigene Höfe in der Nähe des elterlichen Hofes errichten. Die Erbkötter erbten im besten Fall nur einen Bruchteil des elterlichen Besitzes oder Rechte, den Esch zu bearbeiten. Um die Drubbel wurde von den Erbköttern – später aber auch den Erben selbst - neues Ackerland durch Rodung erschaffen. Als Flurform wurde die Kampflur (oder Blockflur) gewählt. Die Flächen waren bei dieser Flurform in unregelmäßige blockartige Vielecke aufgeteilt und wurden nicht mehr gemeinschaftlich genutzt. Der Zugang zu den Feldern war nicht mehr einheitlich von der schmalen Seite aus (wie beim Esch) möglich. Im Zuge dieser Ackerlanderweiterung wurden abseits von den alten Drubbeln einzelne Höfe angelegt. Daneben entstanden einzeln liegende Meierhöfe, die sich durch ihren großen Grundbesitz auszeichneten und für die Lehnsherren bestimmte Aufgaben übernahmen. Sie sammelten beispielsweise oft den Zehnt der übrigen Bauern ein. Einer der ältesten dieser Rödinghauser Meierhöfe ist der Hof Steinmeyer in Rödinghausen, der nachweislich seit mindestens 1319 von der Familie Steinmeyer (Stencampe) bis heute ununterbrochen bewohnt wird.[8] [9]

[Bearbeiten] Leineweberzeit bis 1860

Gut Böckel
Gut Böckel

Ab etwa 1450 bis 1650 entstanden in der gemeinen Mark (dem Wald zwischen den Eschen und Blockuren) kleine landwirtschaftlich genutzte Kämpe (Breitstreifenflure) und dazu kleine, einzelne Kotten (Markkotten) abseits der Drubbel. Hier lebten die Markkötter, die im Gegensatz zu den Erbköttern und Erben keinen oder einen sehr geringen Erbanteil erhielten, von diesen misstrauisch beäugt wurden und die ihre Ansiedelung in der Mark nur duldeten. Der Grundbesitz der Markkötter war klein und ihr Auskommen stützte sich vor allem auf ihr Vieh, das sie in der Wäldern der gemeinsamen Mark hielten, obwohl ihnen auch dieses Recht nur widerwillig von den etablierten Bauern eingeräumt wurde. Dass ihnen dies gestattet wurde, ist wohl nur durch den Druck der Markenherren (Erbexen) zu erklären, die auch von den Markköttern Abgaben einforderten. Die ehemals dichten Markwälder wurden durch die „wilde“ Ansiedlung der Markkötter dezimiert und wurden oftmals nicht systematisch wieder aufgeforstet. Seit dem 16. Jahrhundert bildeten die Heuerlinge eine weitere Siedlergruppe. Diese erbten gar keinen Grundbesitz sondern mussten in angemieteten Kotten (Heurlingskotten) leben. Ein Kotten hatte, wie der in Rufweite gelegene Hof des Bauern, dem der Kotten gehörte, eine kleine Deele, Garten und Stall. Die Heuerlinge hatten die Miete teils in Form von Arbeit beim Bauern zu leisten. Mit der wachsenden Bevölkerung hatten aber weder Markkötter noch Heuerlinge ausreichende Einnahmemöglichkeiten.

Diese ärmeren Gesellschaftsgruppen erschlossen sich daher im 15. Jahrhundert mit Flachsanbau und -verarbeitung zu Leinen eine neue Erwerbsmöglichkeit. Diese Frühform der Industrialisierung im Ravensberger Landes wird als Protoindustrie charakterisiert. Die Leineweber – also vor allem arme Heuerlinge und Kötter - verarbeiteten den Flachs immer dann, wenn sie nicht auf ihren eigenen oder den Feldern ihres Kotteneigentümers arbeiteten, zum bekannten Ravensberger Leinen, dem z. B. Bielefeld später den Beinamen Leineweberstadt verdankt. Web- und Spinnstuben in den Rödinghauser Bauernhöfen gehörten zum Alltag. Die Spinnstubengemeinschaften spannen den Flachs im Winter zu Garn, der dann zu Bett- und Tischwäsche verwoben wurde. Teilweise wurden die Ballen zu Fuß zum Verkauf nach Herford oder Bielefeld gebracht, denn Rödinghausen wurde erst 1856 (Strecke Bad-Bentheim-Minden) bzw. 1899 (Ravensberger Bahn) an das Bahnnetz angeschlossen. Eine typische Webstube ist heute in einer kleinen Ausstellung auf Gut Böckel zu sehen. Die Heuerlinge pachteten zum Flachsanbau Land, aber auch die Erben und Markkötter bauten Flachs an. In preußischer Zeit (ab 1614) wurde das Leinengewerbe zur Erhöhung des Steueraufkommens (Merkantilismus) gefördert und die Zahl der Heuerlinge wuchs dadurch rasch, so dass um 1700 im Ravensberger Land die ländliche Bevölkerung bereits zu zwei Dritteln aus Heuerlingen bestand. Im Jahre 1770 wurde die Mark auf preußischem Druck hin vollständig privatisiert und größtenteils zu Ackerland landwirtschaftlicher Kleinbetriebe (Stätten). Die großen Güter erhielten aber zunächst entsprechend ihres bisherigen Grundbesitzes die größten Teile der Mark. Sie konnten diese aber nicht mehr sinnvoll bewirtschaften und traten sie daher an eben jene Kleinbauern ab. Diese kleinbäuerlichen Besitzverhältnisse konnten sich bis in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts halten. Die Sieke wurden in dieser Zeit verbreitert, um Weide für das Vieh zu schaffen, das bisher in der Mark weidete.

In der Zeit der Leineweber vom 14. Jahrhundert bis 1609 gehörte die Gegend zur Grafschaft Ravensberg und wurde von der Burg Limberg aus, dem Sitz des Amtes Limberg von den Grafen kontrolliert, die die weltlichen Herrscher und neben dem König, der durch das Stift in Herford repräsentiert wurde, Lehnsherren des Gebiets waren. 1647 fiel die Grafschaft an Brandenburg-Preußen, nachdem sie im Dreißigjährigen Krieg umstritten und umkämpft war. Seitdem war Rödinghausen fast ununterbrochen preußisches Gebiet und gehörte ab 1719 zur preußischen Verwaltungseinheit Minden-Ravensberg. Bis 1806 gehörte das heutige Gemeindegebiet zum Amt Limberg, das allerdings nach Schleifung der Burg um 1695 zunächst von Holsen, später ab 1771 von Börninghausen und noch später von Bünde aus verwaltet wurde. Ab etwa 1722 verblasste jedoch die Macht der adligen Amtsherren und damit auch die Verpflichtung zur Abgabe eines Zehnts. Von 1807 bis 1811 war Rödinghausen kurzzeitig als Teil des Königreichs Westfalen de facto französisches Gebiet und der Gutsbesitzer von Kilver wurde Maire (Bürgermeister) der Bürgermeisterei Rödinghausen im Kanton Bünde. 1811 bis 1813 wurde das gebiet dem Kaiserreich Frankreich zugeschlagen. Für die Bauern brachte die französische Fremdherrschaft die Möglichkeit, sich aus dem Lehnsherrenverhältnis und der Leibeigenschaft durch eine festgelegte Zahlung herauszukaufen, jedoch sollten die Heuerlinge, wenngleich rechtlich auch nicht mehr an Adlige gebunden, wirtschaftlich noch lange Zeit von ihren Vermietern abhängig bleiben. Nach dem Ende der napoleonischen Zeit, die in der Schlacht von Waterloo auch mit Rödinghauser Beteiligung endgültig erkämpft wurde, fiel Westfalen wieder an Preußen und wurde Teil des 1816 neugeschaffenen Kreis Bünde in der Provinz Westfalen. Der Kreis Bünde ging 1832 im Kreis Herford auf. 1816 wurde Rödinghausen noch als Kirchspiel Rödinghausen bezeichnet und ab 1843 als Amt Rödinghausen, das die heutigen Ortsteile als selbstständige Gemeinden umfasste.[8][9]

[Bearbeiten] Zigarrenmacherzeit bis 1945

Ortsteil Rödinghausen am Wiehengebirge
Ortsteil Rödinghausen am Wiehengebirge

Bis 1888 wurde das Amt Rödinghausen in Personalunion mit dem Amt Bünde von Bünde aus und danach als eigenständiges Amt Rödinghausen verwaltet. Amtssitz von Amtmann Meier war zunächst bis 1907 das gepachtete Gut Waghorst, danach ein neu gebautes Amtshaus im Ortsteil Rödinghausen, der damit erstmals Verwaltungssitz wurde.

Mit dem Aufkommen der Industrialisierung und mechanischer Webstühle in England waren die Rödinghauser Leineweber nicht mehr konkurrenzfähig. Mechanische Webstühle wurden in Deutschland nur in den Spinnereien der großen Städte wie Bielefeld (z. B. Ravensberger Spinnerei) installiert. Die größte Gefährdung für Leineweber war aber das mechanisch erzeugte Exportleinen, das ab etwa 1820 aus England oder Belgien kam. In den folgenden 20 Hungerjahren, die auch von Missernten mit verursacht waren, wurden einige Rödinghauser in ihrer Not zu Schmugglern, denn von 1836 bis 1856 gehörte Preußen und damit auch das Gebiet des heutigen Rödinghausens dem Deutschen Zollverein an, das Gebiet des Hauses Hannover – also die heutigen niedersächsischen Nachbargemeinden – nicht. In dieser Zeit entwickelte sich zwischen den Orten Düingdorf (Niedersachsen) und Westkilver ein blühendes Schmuggelgewerbe. Schmuggler brachten Seide, Zucker, Butter, Salz und Kaffee über die grüne Grenze. Andere wanderten aus, z. B. in die heutige Partnerstadt Pemberville, Ohio.

Ein Aufschwung wurde erst durch die Tabakverarbeitung erreicht. Als Tönnies Wellensiek im nahen Bünde (später unter dem Beinamen Zigarrenstadt Bünde bekannt) mit der Produktion von Zigarren begann und die ersten Zigarrenfabriken entstanden, wurden auch in Rödinghausen Filialbetriebe eingerichtet. Nach etwa 20 Hungerjahren begannen viele Rödinghauser ab etwa 1860 mit der Herstellung von Zigarren in Handarbeit. Viele Rödinghauser Familien, die noch in der Verarbeitung des Flachses handwerklich geübt waren, arbeiteten in Buden oder schnitten, rollten und pressten die Zigarren in Heimarbeit. Heuerlinge gerieten aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit ihrer Bauern, indem sie Fabrikarbeiter wurden.

Zu Ehren des Kaisers wurde 1890 bei der Rödinghauser Kirche ein Kriegerdenkmal errichtet, das die Begeisterung vieler Rödinghauser Bürger für das Kaisertum bezeugte, die auch über den Ersten Weltkrieg hinaus anhielt. Dem kaisertreuen Reichskanzler Bismarck wurde 1911 ein Denkmal neben dem Aussichtsturm auf dem Nonnenstein errichtet. Allerdings zeigte sich bei den Reichstagswahlen 1903 und 1912, dass unter den Fabrikarbeitern auch die Sozialdemokratie eine breite Anhängerschaft hatte. 1912 erhielten SPD-Kandidaten immerhin 35,6 Prozent der Stimmen.

1914 begann die Mobilmachung in Rödinghausen und es gibt unterschiedliche Berichte über die Kriegsbegeisterung der Rödinghausener. Die Daheimgeblieben wurden vom Krieg nur wenig betroffen und der Schwarzhandel sicherte die Versorgungslage wie in Friedenszeiten – zumindest für die Landbevölkerung, die unter Umgehung der Rationalisierung Lebensmittel erzeugte, untereinander „schwarz“ handelte oder sie an Städter verkaufte. Von den 704 Rödinghauser Kriegsteilnehmern fielen 76, 72 waren verwundet, 14 gefangen und 10 vermisst. Ihnen wurde 1919 in Ostkilver ein Kriegerdenkmal gewidmet.

Nach dem Krieg fanden sich die meisten Rödinghauser nur schwer mit der Abdankung des Kaisers ab, obwohl auch in Rödinghausen 1918 ein Arbeiter- und Soldatenrat – offiziell zur Aufrechterhaltung der Ordnung - gegründet wurde. Die kaiserlichen Büsten blieben in den öffentlichen Gebäuden bis 1922 stehen; bis 1926 führte die Amtssparkasse noch ein kaiserliches Siegel und erst 1938 wurde in der Amtsstube die nur widerwillig erworbene schwarz-rot-goldene Flagge, Symbol der neuen demokratischen Ordnung, angebracht und dies auch nur unter Druck des preußischen Regierungspräsidenten und der SPD-Ortsgruppe Schwenningdorf, die als erste Rödinghauser Institution die neue Flagge hisste. Die junge Demokratie setzte sich in Rödinghausen nie tiefgreifend durch, und so begrüßten viele Rödinghauser nach der Machtergreifung der Nazis 1933 die Rückkehr zur alten Flagge in kaiserlichen Farben.

In den letzten Reichstagswahlen in den 1930er-Jahren war das politische Spektrum in Rödinghausen gespalten. Am 31. Juli 1932 erhielten SPD und KPD zusammen 34,6 Prozent der Stimmen, die rechten Parteien NSDAP und DNVP zusammen 62 Prozent, also die absolute Mehrheit, die sie in Rödinghausen bei der Wahl am 14. September 1930 zunächst verpasst hatten. Der der Monarchie durchaus gewogene Reichspräsident Hindenburg erhielt bei der Wahl zum Reichspräsidenten 1925 noch 72,3 Prozent der Stimmen, jedoch liefen Teile der konservativ-(monarchistisch) gesinnten Rödinghauser Wähler bis 1932 zu Adolf Hitler über, der in Rödinghausen bei der Reichspräsidentenwahl am 10. April 1932 bereits 56,6 Prozent (Hindenburg: 41,4 Prozent) der Stimmen erhielt. Mit der Machtergreifung der Nazis wurden auch in Rödinghausen sozialdemokratische Gruppierungen und andere, den Nazis nicht genehme Vereinigungen, u. a. Turnvereine, verboten. Die Orte erhielten Ortsgruppenleiter, viele Rödinghauser traten in die NSDAP ein und in Rödinghausen und Westkilver wurden Heime der Hitlerjugend eröffnet. Insgesamt beschränkte sich die Begeisterung der Rödinghauser Landbevölkerung für den Nationalsozialismus aber auf ein unreflektierendes Mitläufertum, wie der Gemeindehistoriker Rolf Botzet urteilt. Auch der Antisemitismus fiel im Amt nicht auf fruchtbaren Boden, auch weil in Rödinghausen seit 1905 kein jüdischer Bürger mehr lebte. Die einzige Andeutung antifaschistischen Widerstandes ereignete sich 1935, als der mittlerweile zum Reichsbischof ernannte ehemalige Rödinghauser Pfarrer Ludwig Müller das Abhalten eines Gottesdienstes in seiner alten Wirkungsstätte beabsichtigte, er jedoch am vorgesehenen Tag vor der verschlossenen Kirche St. Bartholomäus stand. Pfarrer Beckmann hatte den Schlüssel an sich genommen oder versteckt und man richtete dem Reichsbischof aus, dass der Pfarrer spazieren gegangen sei.

Als Deutschland 1939 mit dem Angriff auf Polen den Zweiten Weltkrieg begann, änderte sich für die nicht Eingezogenen zunächst wenig; die Versorgungslage blieb analog der Zeit von 1914 bis 1918 stabil. In Rödinghausen wurden französische, polnische und Kriegsgefangene anderer Nationen in der Landwirtschaft eingesetzt. Die Gefangenen mussten zwar Zwangsarbeit verrichten, wurden aber auch in Wirtshäusern willkommen geheißen. Ein polnischer Kriegsgefangener wurde allerdings aufgehängt, weil er mit einem Mädchen aus dem Dorf „poussierte“. Ab 1942 wurden in Rödinghausen evakuierte Deutsche untergebracht, was zu zunehmender Wohnungsnot führte. Ab 1944 stieg in Rödinghausen die Bedrohung durch Fliegerangriffe, jedoch fiel nur eine einzige Bombenreihe auf einen Bierener Kotten und ein Haus. Bei einem Fliegerangriff auf einen Zug bei Neue Mühle wurde der einzige Tote durch eine Kriegshandlung im Amt Rödinghausen verzeichnet. Am 3. April 1945 erreichten britische Truppen ohne Kampf den Amtsbezirk Rödinghausen. Zwei britische Offiziere feierten noch am Abend mit drei aus der Gefangenschaft befreiten serbischen Offizieren, dem Bauern Heinrich Meyer und Amtsbürgermeister Beckmann mit Sekt das Kriegsende in der Region. Am 5. April 1945 besetzten Amerikaner das Amt und bezogen Stellung in Bieren.[8][9]

[Bearbeiten] Möbelindustrie und Fremdenverkehr nach 1945

Hauptsitz des Küchenherstellers Häcker-Küchen
Hauptsitz des Küchenherstellers Häcker-Küchen

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Tabakindustrie immer weiter mechanisiert wurde und die Nachfrage nach Zigaretten zu Lasten der Nachfrage nach Zigarren stieg, geriet die wirtschaftliche Grundlage vieler Rödinghauser in den 1950er-Jahren erneut in Gefahr. Besonders das Verbot der Nazis im Jahre 1933, die bereits um 1930 erfundenen automatischen Wickelmaschinen zur Arbeitsplatzsicherung zu verwenden, rächte sich, da die Tabakindustrie kaum gegen ihre industrialisierte Konkurrenz mithalten konnte. 1956 wurde das Verbot in einer Zeit der Vollbeschäftigung aufgehoben und viele Rödinghauser wurden arbeitslos.

Touristik- und Bürgerservice im Haus des Gastes
Touristik- und Bürgerservice im Haus des Gastes

Einen Ausweg boten die Fabriken der Möbelindustrie, die sich aus der Zigarrenkistenherstellung nach Niedergang der Tabakindustrie entwickelten. Noch heute sind die größten Arbeitgeber in Rödinghausen Küchenhersteller. Die Möbelindustrie, die sich vornehmlich auf die Zentren in Bünde, Lübbecke, Herford, Bielefeld konzentrierte, konnte jedoch den Niedergang der Tabakindustrie nicht völlig kompensieren, so dass die Rödinghauser in den landschaftlich reizvollen nördlichen Ortsteilen den Tourismus als Einnahmequelle entdeckten. Dazu wurden Pensionen eröffnet, das Freibad gebaut, der Kurpark angelegt und im Wiehengebirge ein Wanderwegnetz mit Schutzhütten und Bänken angelegt. Mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen wurde 1977 das Haus des Gastes eingerichtet. Westkilver heißt seit der Gemeindegründung nach dem 1322 erstmals erwähnten Gut Brocmole (Wasserburg nur noch in Resten erhalten) im heutigen Niedersachsen Bruchmühlen, da die Siedlung Bruchmühlen den ehemaligen Hauptort Westkilver in Größe und Bedeutung abgelöst hatte. Rödinghausen wurde 1980 „Staatlich anerkannter Luftkurort“.

In Ostkilver waren von 1952 bis 1993 Soldaten der britischen Rheinarmee in den Birdwood Barracks stationiert. Ein in 1953 geplanter Militärflugplatz konnte verhindert werden, ebenso eine geplante Erweiterung 1956 und ein geplanter Schießstand im Jahre 1984. Das 27 Hektar große Gelände der ehemaligen Kaserne wurde 1997 saniert und in ein Gewerbegebiet umgewandelt. Bis 1993 lag hier das 1st Armoured Division Transport Regiment Royal Corps of Transport (1 ADTR), das anschließend nach Gütersloh verlegt wurde.[8][9]

[Bearbeiten] Bevölkerung

[Bearbeiten] Religionen

Kirche in Bieren
Kirche in Bieren
Kirche in Westkilver
Kirche in Westkilver
Kirche der SELK
Kirche der SELK

Genaue Daten zur Religionszugehörigkeit werden für Rödinghausen nicht publiziert. Anhaltspunkt kann jedoch die Religionszugehörigkeit der Rödinghauser Schüler sein. Folgende Tabelle zeigt, dass über 75 Prozent der Schüler im Schuljahr 2002/03 aller Schulformen evangelischer Konfession sind.[10] Ähnlich dürfte sich die Religionszugehörigkeit aller Einwohner verteilen.

Religionszugehörigkeit Evangelisch Katholisch Islamisch sonstige Konfession ohne Konfession
Anzahl 1025 99 29 64 109
Anteil 77,3% 7,5% 2,2% 4,8% 8,2%

[Bearbeiten] Evangelische Gemeinden

Es gibt ausschließlich evangelische Kirchen auf dem Gebiet der Gemeinde. Größte Kirche ist die evangelisch-lutherische Bartholomäuskirche im Ortsteil Rödinghausen. Weitere evangelisch-lutherische Kirchen befinden sich in Bruchmühlen und Bieren. Die Bierener und Rödinghauser Kirchen gehören zur Evangelischen Kirchengemeinde Rödinghausen, wohingegen die Bruchmühlener Kirche zur Evangelischen Kirchengemeinde Westkilver gehört. Der Nationalsozialist und spätere Reichsbischof der Deutschen Evangelischen Kirche Ludwig Müller war von 1908 bis 1914 Gemeindepfarrer in Rödinghausen.

[Bearbeiten] Freikirchliche Gemeinden

In Schwenningdorf befinden sich die eine freikirchliche Gemeinde, Gemeinde der Christen (Mitglied des Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden) mit eigenem Kirchengebäude, sowie die "Johannes Gemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche SELK, die einen klassischen, 1854 geweihten Kirchbau mit Kirchturm hat.

[Bearbeiten] Katholische Gemeinde

Die wenigen Rödinghauser Katholiken gehören der katholischen Kirchengemeinde Sankt Michael Holsen im Dekanat Herford-Minden des Erzbistums Paderborn an. In der Gemeinde war der spätere Weihbischof dieses Bistums, Matthias König, Vikar.

[Bearbeiten] Ehemalige jüdische Gemeinde

Im Jahre 1814 bildete sich in Bünde eine jüdische Gemeinde, die anfangs nur aus fünf Familien bestand. 1815 wurde eine Synagoge errichtet. 1856 wurde der jüdische Synagogenbezirk in Bünde gegründet, der nach Einteilung der Königlichen Regierung zu Minden ab 1903 auch das Amt Rödinghausen umfasste. In Rödinghausen lebte zu dieser Zeit überhaupt nur ein jüdischer Bürger, der jedoch 1905 wegzog. Die Gemeindemitglieder der Bünder Gemeinde wurden im Zweiten Weltkrieg deportiert oder mussten fliehen. Die Gemeinde existiert nicht mehr.

[Bearbeiten] Eingemeindungen

Im Rahmen der kommunalen Gebietsreform wurden die Gemeinden Bieren, Rödinghausen, Ostkilver, Schwenningdorf und Westkilver, die zuvor selbständige Gemeinden im Amt Rödinghausen bildeten, zum 1. Januar 1969 zur neuen Gemeinde Rödinghausen zusammengeschlossen. Westkilver wurde im gleichen Zug in Bruchmühlen umbenannt. Weiterhin wurden einige Flurstücke der ehemaligen Gemeinden und heutigen Bünder Stadtteile Holsen und Muckum eingegliedert. Rechtsnachfolgerin des aufgelösten Amts Rödinghausen ist die Gemeinde Rödinghausen.[11] Seitdem gab es keine weiteren Eingemeindungen oder Umgliederungen des Gemeindegebietes.

[Bearbeiten] Einwohnerentwicklung

Bevölkerungsentwicklung
Bevölkerungsentwicklung

1843 hatte das Amt Rödinghausen 3.577 Einwohner. 2006 hatte die Gemeinde Rödinghausen 10.164 Einwohner und war die mit Abstand kleinste Gemeinde im Kreis Herford. Von 1975 bis 2005 wuchs die Einwohnerzahl Rödinghausens um 24 Prozent von 8.214 auf 10.181 Einwohner. Von 1998 bis 2005 hat Rödinghausen im Kreisvergleich mit 4,7 Prozent den größten prozentualen Bevölkerungszuwachs verzeichnet. Jedoch beruhte der Bevölkerungszuwachs auf Zuzug, denn die Sterberate übersteigt die Geburtenrate seit Jahren deutlich.

Die folgende Übersicht zeigt die Einwohnerzahlen des Amtes Rödinghausen bzw. ab 1970 der Gemeinde Rödinghausen nach dem jeweiligen Gebietsstand. Dabei handelt es sich bis 1970 sowie für 1987 um Volkszählungsergebnisse, sonst um amtliche Fortschreibungen des Statistischen Landesamtes.[12][13][14] Die Angaben beziehen sich ab 1871 sowie für 1946 auf die Ortsanwesende Bevölkerung, ab 1925 auf die Wohnbevölkerung und seit 1987 auf die Bevölkerung am Ort der Hauptwohnung. Vor 1871 wurden die Einwohnerzahlen nach uneinheitlichen Erhebungsverfahren ermittelt.

Amt Rödinghausen1
Jahr Einwohner
1818 (31. Dez.) 3.261
1834 (31. Dez.) 3.130
1837 (31. Dez.) 3.227
1843 (31. Dez.) 3.577
1849 (3. Dez.) 3.731
1852 (3. Dez.) 3.841
1858 (3. Dez.) 3.864
1864 (3. Dez.) 4.104
1867 (3. Dez.) 4.125
Amt Rödinghausen1
Jahr Einwohner Weiblich
absolut/Anteil
1871 (1. Dez.) 4.141 2.125 51 %
1885 (1. Dez.) 3.943 2.027 51 %
1895 (1. Dez.) 4.238 2.167 51 %
1905 (1. Dez.) 4.794 2.437 51 %
1925 (1. Dez.) 5.278 2.695 51 %
1933 (16. Juni) 5.644 2.845 50 %
1939 (17. Mai) 5.658 2.903 51 %
1946 (29. Okt.) 7.227 3.995 55 %
1950 (13. Sep.) 7.523 3.983 53 %
1961 (6. Juni) 7.404 3.924 53 %
Gemeinde Rödinghausen
Jahr Einwohner Weiblich
absolut/Anteil
Nichtdeutsche2
absolut/Anteil
1970 (27. Mai) 8.003 4.188 52%
1975 (31. Dez.) 8.214 4.309 52 % 216 2,6 %
1980 (31. Dez.) 8.228 4.322 53 % 248 3,0 %
1985 (31. Dez.) 7.994 4.207 53 % 209 2,6 %
1987 (25. Mai) 8.266 4.281 52 %
1990 (31. Dez.) 8.700 4.490 52 % 278 3,2 %
1995 (31. Dez.) 9.308 4.786 51 % 387 4,2 %
2000 (31. Dez.) 10.148 5.162 51 % 304 3,0 %
2005 (31. Dez.) 10.181 5.144 51 % 302 3,0 %
2006 (31. Dez.) 10.146 5.144 51 %

1 Von 1843 bis 1888 Amt Bünde-Rödinghausen; es werden nur Ortschaften eingerechnet, die später zum Amt Rödinghausen gehörten.
2 Die Gliederung „deutsch/nichtdeutsch“ ist durch die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts vom Juli 1999 ab dem Berichtsjahr 2000 beeinflusst.

[Bearbeiten] Politik

Rödinghausen ist eine kreisangehörige Gemeinde. Die Gemeinde gehört zum Kreis Herford. Kreisstadt ist Herford. Im Rathaus im Ortsteil Rödinghausen regiert ein Bürgermeister, der seit 1999 in Direktwahl von den Bürgern der Gemeinde gewählt wird. Außerdem wählen die Bürger den aus 32 Ratsmitgliedern bestehenden Gemeinderat.

[Bearbeiten] Gemeinderat

Kommunalwahlergebnisse
Kommunalwahlergebnisse

Der Gemeinderat besteht zurzeit aus 32 Sitzen und 4 Fraktionen. Die Gemeinde ist eine landesweite Hochburg der SPD. Bisher ist die SPD aus Wahlen immer als stärkste Fraktion hervorgegangen, erreichte dabei immer die absolute Mehrheit und stellte den Bürgermeister. Am 15. August 2006 jedoch gründeten sieben Ratsmitglieder der SPD unter Friedhold Metkemeyer eine eigene Fraktion namens Wir in Rödinghausen (WiR) und stimmten gegen den Haushaltsentwurf des Bürgermeisters Vortmeyer. Metkemeyer war zuvor bei der Wahl zum Fraktionsvorsitzenden der SPD-Fraktion durchgefallen. Die SPD hat aber nicht mehr die absolute Mehrheit im Rat der Gemeinde und zählt nur noch zehn Ratsmitglieder. Seit November 2006 ist WiR eine eigene Wählergemeinschaft. Die aktuelle Sitzverteilung direkt nach der Kommunalwahl am 26. September 2004 sowie die Sitzverteilungen nach den Kommunalwahlen 1999 und 1994 zeigt die folgende Tabelle:

Jahr 2006¹ 2004 1999 1994
SPD 10 17 18 19
CDU 12 12 12 11
FDP 3 3 2 3
WiR 7 - - -
Gesamt 32 32 32 33

1 Nach Abspaltung der neuen WiR-Fraktion von der SPD-Fraktion am 15. August 2006

[Bearbeiten] Bürgermeister