Rübengeistern

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Geschnitzer Rübengeist

Rübengeistern ist ein Herbstbrauch von Kindern in verschiedenen Regionen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Dabei wird in eine ausgehöhlte Futter- oder Zuckerrübe ein Gesicht geschnitzt und von innen durch eine Kerze beleuchtet. Je nach Brauch ziehen die Kinder in einem Umzug durch die Orte oder stellen die Rüben ins Fenster oder den Vorgarten von Nachbarn und Bekannten, wobei oft Gaben erheischt werden. Anders als bei Halloween verkleiden sich die Kinder nicht.

Herstellung des Rübengeists[Bearbeiten]

Kunstvoll gestaltete Herbstrüben

Im Allgemeinen werden frisch geerntete Futter- oder Zuckerrüben mit einem Löffel ausgehöhlt und mit einem Messer zu grotesken Fratzen („Spukgebilden“) verziert. Die Arbeit des Rübengeistschnitzens beginnt schon bei der Auswahl der Rübe. Natürliche Beulen, Warzen, Höcker und Verwurzelungen werden in die Formgebung mit einbezogen. Teilweise werden nur Mund-, Nasen- und Augenöffnungen in die Rüben geschnitzt. Andernorts ist es üblich, die Rüben auch durch unterschiedlich tiefe Abtragungen der Oberfläche zu gestalten. Ziel ist eine möglichst „dämonische“ Gestaltung des Rübengeists.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Rübengeister reihen sich ein in die verschiedenen regionalen Licht-, Wärme- und Erntedank-Traditionen. Die Ursprünge des Brauches sind nicht eindeutig geklärt. Jedoch ähnelt das Rübengeistern in seinem heutigen Ablauf stark dem irisch-amerikanischen Halloween mit aus Kürbissen gefertigten Jack O’Lanterns, allerdings mit dem wesentlichen Unterschied, dass keine Verkleidungen zum Einsatz kommen. Eine Abgrenzung beider Bräuche ist trotz der vielfach gehörten Behauptung, das Rübengeistschnitzen habe mit Halloween wenig zu tun, vielfach kaum noch möglich. Verstärkt wird diese Tendenz durch die Tatsache, dass in jüngster Zeit aufgrund des zurückgegangenen Anbaus von Futterrüben, der wesentlich leichteren Bearbeitbarkeit und der massiven Bewerbung und Kommerzialisierung des Halloweenfests immer häufiger Kürbisse statt der Rüben zum Einsatz kommen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden mancherorts auch Umzüge, so gibt es seit 1956 anlässlich der im Rottweiler Stadtteil Göllsdorf gefeierten Saukirbe einen Riabagoaschterumzug, wie er auch in Bad Buchau und Ulm-Söflingen und weiteren Orten durchgeführt wird. Die Riabagoaschter werden dabei auf Stangen befestigt und im Rahmen eines Umzugs durch die Straßen getragen. Der Mundartdichter Egon Rieble verfasste dazu ein eigenes „Riabagoaschterlied“.

Einzelne Regionen[Bearbeiten]

Riabagoaschtern: Baden-Württemberg und Bayerisch Schwaben[Bearbeiten]

In Baden-Württemberg (Oberschwaben) und im Regierungsbezirk Schwaben werden die stark an Larven und Schemmen (Masken) der schwäbisch-alemannischen Fastnacht erinnernden „Schreckgesichter“ nach ihrer Fertigstellung abends von kleinen Kindergruppen von Haus zu Haus getragen. Dabei werden häufig kleine Lieder oder Sprüche vorgetragen, wie zum Beispiel „Wir sind die Rübengeister und geh'n von Haus zu Haus, wir bitten um 'ne Gabe, dann geh'n wir wieder nach Haus!“ oder „Wir sind die Rübengeister und sind im schnitzen Meister; drum gebt uns gute Gaben, dann können wir uns laben.“ aufgesagt.

Kilbesingen: Raumschaft Schramberg[Bearbeiten]

Am vorletzten Samstag im Oktober ziehen Kinder mit Laternen und Rübengeistern durch die Straßen von Schramberg und den umliegenden Dörfern und erhoffen sich, durch ihr Kilbesingen ein paar Süßigkeiten, also traditionell Äpfeln, Birnen, Walnüssen und „Guzle“ zu verdienen.

→ Siehe auch: Kilbesingen

Ein Vorarlberger Moo

Moas: Vorarlberg[Bearbeiten]

Bei diesem Brauch geht man von Anfang September bis etwa Ende Oktober mit einem geschnitzten Kürbisgesicht – dem so genannten Moo, der an ein Mondgesicht erinnern soll – von Haus zu Haus bittet und mit einem Spruch, einem Lied oder einem Gedicht um etwas Süßes. Im Gegensatz zu Halloween wird hierbei aber kein Streich angedroht, sollte man nichts bekommen.

→ Siehe auch: Moas

Flenntippln: Oberlausitz[Bearbeiten]

Flenntippln ist ein Wort aus der Oberlausitzer Mundart. Bei diesem Brauchtum der Oberlausitz höhlen Kinder Futter- oder Zuckerrüben aus und schnitzen ihnen schaurige oder lustige Gesichter. An den Abenden vor Allerheiligen stellen die Kinder brennende Kerzen hinein, ziehen durch die Dörfer und stellen die Flenntippl in Vorgärten von Bekannten und Nachbarn auf. Anschließend klingeln sie und verstecken sich, um beim Entdecktwerden Süßigkeiten zu erhalten. Der Name leitet sich von den Wörtern flennen für weinen und Tippl für Töpfchen her, da es durch das Flackern der Kerze so aussieht, als würde das Flenntippl weinen. In den letzten Jahren überlagert das amerikanische Halloween diesen Brauch immer mehr, allerdings gibt es auch Bestrebungen, diese Tradition zu erhalten. So organisieren viele Gemeinden und Freizeitstätten ein gemeinsames „Flenntippl-Schnitzen“ mit anschließendem Umzug.

Rubebötz: Thüringen[Bearbeiten]

Rubebötz ist ein Wort aus der thüringisch-hennbergischen Mundart. Es würde in hochdeutscher Übersetzung „Rübengeist“ bedeuten. Dabei handelt es sich eigentlich nicht um einen Geist bzw. um einen Bötz, sondern um eine ausgehöhlte Futterrübe mit einem eingeschnitzten furchterregenden Gesicht. Damit das Ganze im Dunklen wirklich gruselig wirkt, steckt man noch eine Kerze oder eine Glühlampe hinein. Der Sitte gemäß werden Rubebötze in der Zeit um Allerheiligen gebastelt und aufgestellt.

Rummelbooze oder Rummelbòòtzen: Saarland[Bearbeiten]

Im Saarland ist derselbe Brauch verbreitet, die Rübenfiguren werden dort Rummelbooze genannt, was ebenfalls als „Rübengeist“ zu übersetzen ist. Rummel steht für Futterrübe und Booze für Verkleidung/Vermummung (vgl. Faasebooze für Personen, die ein Fastnachtskostüm tragen). Der Rummelbooze wird im Saarland meist vor der Haustür oder auf eine Fensterbank gestellt, damit er von außen gut sichtbar ist. Üblich war früher auch eine Verkleidung mit einem weißen Leintuch. Im Saarland hatte der Brauch seinen Höhepunkt in den 1920er bis 1950er Jahren. Insbesondere die Umstellung der Landwirtschaft auf Mais- statt Rübenanbau sorgte jedoch dafür, dass der Brauch heute fast ausgestorben ist. In Niedaltdorf versucht die Dorfgemeinschaft den Brauch jedoch seit einigen Jahren wieder aufleben zu lassen. Ein Bauer baut die Rüben eigens deshalb wieder an. 2012 entstanden so 160 Rummelboozen.[1]

Der Mundartdichter Patrik H. Feltes hat zu diesem Brauchtum ein Gedicht verfasst.

Kipkapköögels: Ostfriesland[Bearbeiten]

Im Rahmen des protestantischen Martinisingens am Geburtstag Martin Luthers ziehen Kinder mit Laternen herum und heischen um Gaben. Die Laternen – die Kipkapköögels – waren früher aus Rüben geschnitzt.

Dickwurzmann: Mittel- und Oberhessen[Bearbeiten]

In Hessen heißt die ausgehöhlte Rübe Dickwurzmann nach der hessischen Bezeichnung Dickwurz für die Futterrübe. Der Rübe wird oben ein „Hut“ abgeschnitten und das Fleisch von dort aus herausgepult. Auf dem Innenboden wird ein kleines Loch für eine Kerze angebracht und zuletzt der Deckel wieder aufgesetzt und mit Nägeln befestigt. Die Dickwurzlaterne wird am Abend durch die Orte getragen oder einfach im Garten aufgestellt. Getragen wird die Laterne an einem Besenstiel, der in ein Loch am Außenboden der Rübe gesteckt wird.[2]

Rummelnacht und „Gloihniche Deuwel“ im Taunus und im Westerwald[Bearbeiten]

In manchen Gegenden, etwa im Taunus, ist für die ausgehöhlten Dickwurzen auch der Begriff Gliihnische Deijwel o. ä. gebräuchlich.[3]

Kürbislotter: Steiermark[Bearbeiten]

In der Steiermark gibt es Gegenden mit starkem Kürbisanbau, wo im Herbst ausgehöhlte Kürbisse mit Fratzengesichtern hergestellt werden, die man Kürbislotter nennt.[4] Traditionelle Heischebräuche scheinen damit nicht verbunden zu sein.[5][6]

Martinszug[Bearbeiten]

Vorwiegend im Rheinland werden mancherorts Martinsfackeln für den Martinszug aus Rüben gebastelt.[7]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Florian Rech: Wenn die Rübe zum Schreckgespenst wird. In: Saarbrücker Zeitung. 29. Oktober 2012, S. B1.
  2. Spätherbst in Oberhessen und die Dickwurzköpp Artikel der Gießener Allgemeinen vom 24. Oktober 2010, Abruf am 16. November 2010
  3. Wörterbuch auf Hessisch der Gemeinde Heidenrod, Abruf am 16. November 2010.
  4. Kleines Kürbiswörterbuch
  5. V. Neumann/C. Rumpf: Kürbisfeste. In: E. Hörander (Hrsg.): Halloween in der Steiermark und anderswo. Münster 2005, S. 167 f. (online)
  6. s.auch Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 56 (2002) S. 43, bei GoogleBooks
  7. Wenn aus Rüben Laternen werden; Berlin: Evang. Kirche Rixdorf