Rüdiger Lautmann

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Lautmann 2012 in Berlin

Rüdiger Lautmann (* 22. Dezember 1935 in Koblenz) ist ein deutscher Jurist und Soziologe. Lautmann war 1971 der erste Professor einer deutschen Hochschule, der sich mit der Untersuchung der Diskriminierung Homosexueller in Geschichte und Gegenwart befasste.

Biografie[Bearbeiten]

Lautmann wuchs in Düsseldorf auf und studierte zunächst Rechtswissenschaften. Nach dem zweiten Staatsexamen wurde Lautmann zum Doktor beider Rechte promoviert. Danach nahm er ein Studium der Soziologie auf und wurde zum Dr. phil. promoviert. Nach ersten Stellen an der Sozialforschungsstelle an der Universität Münster in Dortmund und in Bielefeld bei Niklas Luhmann war Lautmann von 1971 bis zu seiner Pensionierung 2001 ordentlicher Professor für Allgemeine Soziologie und Rechtssoziologie an der Universität Bremen.

Lautmann lebt in Berlin. In Hamburg leitet er das Institut für Sicherheits- und Präventionsforschung e.V. Er ist Mitglied im Beirat der Humanistischen Union.

Wissenschaftliches Werk[Bearbeiten]

Eine der ersten wissenschaftlichen Arbeiten Lautmanns war ein empirisches Projekt zur richterlichen Entscheidungsfindung. Die in Justiz – die stille Gewalt 1972 veröffentlichten Ergebnisse riefen viel Aufmerksamkeit, teilweise auch entschiedene Ablehnung, innerhalb der Justiz und der Rechtswissenschaft hervor, da sie die weitverbreitete Vorstellung von einer rein rationalen Entscheidungsfindung widerlegten und den Blick auch auf außerjuristische Faktoren richteten.

Frühzeitig hat er sich auch in der kritischen Kriminologie und Kriminalsoziologie engagiert und war zweimal in der Redaktion des Kriminologischen Journals tätig. Er ist Mitglied verschiedener Fachgesellschaften (z. B. Deutsche Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS)).

Zu Lautmanns Veröffentlichungen zählt die Herausgabe der von 1980 bis 1997 erschienenen Schriftenreihe Sozialwissenschaftliche Studien zur Homosexualität, als Herausgeber Homosexualität. Handbuch der Theorie- und Forschungsgeschichte und das Werk Soziologie der Sexualität.

Lautmanns Bedeutung ergibt sich aus seinem Einfluss auf die Bewertung der Homosexualität in der deutschen Soziologie. Unter anderem mit Wissenschaftlern wie Martin Dannecker schob Lautmann um 1970 die wissenschaftliche Entpathologisierung der Homosexualität entscheidend an, da bis dato Homosexualität auch in der deutschen Soziologie oft pathologisiert worden war. Von da an bis mindestens Mitte der 1990er Jahre galt Lautmann auf Grund seiner Veröffentlichungen (u. a. Die Funktion des Rechts in der modernen Gesellschaft; wie auch Der Zwang zur Tugend – Die gesellschaftliche Kontrolle der Sexualitäten) auch als Experte für die gesamte Sexualstrafrechtspraxis nicht nur in Sachen Homosexualität.

In seinem Buch Die Lust am Kind. Portrait des Pädophilen hat er sich gegen die pauschalierende Ablehnung von Pädophilen positioniert.[1] Die Neuauflage dieser Schrift, die zum Teil sexuellen Missbrauch an Kindern unkritisch darstellt, wurde von Lautmann später nicht mehr veröffentlicht, da ihm Bedenken gekommen waren.

Lautmann schreibt:

„Meine Interpretation der Pädophilie i.e.S. ist gelegentlich missverstanden worden bzw. sie hat sich nicht klar genug ausgedrückt [...] Meine Publikation war im Geiste einer »Befreiung« der Sexualität geschrieben, wie er die 1970/80er Jahre dominiert hatte, dann aber verwehte. [...] Auch die kritische Sexualwissenschaft hat ihre Position [...] stillschweigend korrigiert.“[2][3]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Monografien[Bearbeiten]

  • Justiz – die stille Gewalt. Teilnehmende Beobachtung und entscheidungssoziologische Analyse. Erstausgabe 1972, Wiesbaden 2011.
  • Sozialwissenschaftliche Studien zur Homosexualität. 8 Bände, Verlag rosa Winkel, Berlin 1980 bis 1997.
  • Der Zwang zur Tugend. Die gesellschaftliche Kontrolle der Sexualitäten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984.
  • Mit Michael Schetsche: Das pornographierte Begehren. Campus, Frankfurt am Main/New York 1990, ISBN 3-593-34363-0.
  • Die Lust am Kind. Portrait des Pädophilen. Ingrid Klein Verlag, Hamburg 1994, ISBN 3-89521-015-3.

Herausgeberschaften[Bearbeiten]

  • Mit Werner Maihofer und Helmut Schelsky: Die Funktion des Rechts in der modernen Gesellschaft. Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie, Bd. 1. Bertelsmann, Bielefeld 1970.
  • Mit Johannes Feest: Die Polizei. Soziologische Studien und Forschungsberichte. Opladen 1971.
  • Mit Werner Fuchs u.a.: Lexikon zur Soziologie. Erstausgabe 1973, 5. Auflage. VS Verlag, Wiesbaden 2011.
  • Seminar: Gesellschaft und Homosexualität. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-518-07800-3.
  • Homosexualität. Handbuch der Theorie- und Forschungsgeschichte, Campus, Frankfurt am Main 1993.
  • Mit Burkhard Jellonnek: Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt. Schöningh, Paderborn 2002, ISBN 3-50674-204-3.
  • Mit Günter Grau: Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933–1945. Institutionen – Kompetenzen – Betätigungsfelde. Lit, Münster 2011, ISBN 3-82589-785-0.
  • Capricen: Momente schwuler Geschichte. Männerschwarm Verlag, Hamburg 2014, ISBN 978-3-86300-167-4.
  • Mit Florian Mildenberger, Jennifer Evans u. Jakob Pastötter: Was ist Homosexualität? Forschungsgeschichte, gesellschaftliche Entwicklungen und Perspektiven. Männerschwarm Verlag, Hamburg 2014, ISBN 978-3-86300-163-6.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ilse Lenz: Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-14729-1.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rüdiger Lautmann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rüdiger Lautmann, Die Lust am Kind. Portrait des Pädophilen, Ingrid Klein Verlag, Hamburg 1994, ISBN 3-89521-015-3.
  2. [1] Rüdiger Lautmann: Sexualität – soziokulturell
  3. [2] Rüdiger Lautmann: Das Szenario der modellierten Pädophilie