Rabbiner

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Ein Rabbiner beim Religionsunterricht, 2004

Ein Rabbiner (hebr. רב Rav, Pl. רבנים Rabbanim, aschkenasisch-hebräisch und jiddisch Row, Mehrzahl Rabbonim, bzw. in chassidischen Gemeinden Rebbe, Mehrzahl Rebbes; deutscher Pl. Rabbiner) ist ein Funktionsträger in der jüdischen Religion. Dieser religiöse Titel des Judentums wird von hebräisch Rav oder aramäisch Rabbuni „Meister, Lehrer“ abgeleitet. Beides geht auf die gemeinsemitische Wurzel raba „groß sein“ zurück.

Rabbi war vom Zeitalter der Mischna bis ins Mittelalter ein Ehrentitel für besondere Tora-Gelehrsamkeit. Auch Jesus von Nazaret wird im griechischen Neuen Testament oftmals als Rabbi angesprochen.

Bei sephardischen Rabbinern ist die Bezeichnung Chacham (hebräisch ‏חכם‎, deutsch Weiser, siehe z. B. Chacham Baschi) üblich.[1]

Der Rabbiner in der jüdischen Überlieferung[Bearbeiten]

Porträt eines Rabbiners von Rembrandt van Rijn, ca. 1640–1645

Als besonderer Stand sind Rabbiner (seit Luther in den meisten deutschen Bibeln als Schriftgelehrte bezeichnet) biblisch erstmals in der Zeit nach dem babylonischen Exil in Esra 7,6.11 genannt, dort wird der Priester Esra als ein mit dem Gesetz Moses erfahrener Gelehrter der Schrift erwähnt. Nach jüdischer Überlieferung hat Esra das mosaische Gesetz, das beim Untergang Jerusalems 586 v. Chr. verbrannt sein soll und nur noch mündlich weitergegeben wurde, neu aufgeschrieben. Die Aufgaben der Gelehrten in seiner Tradition waren Auslegung der Tora und der konkrete Praxisbezug jüdischer Lehre im Alltag. Daraus hervorgegangen ist später die Pharisäerbewegung, die schließlich das rabbinische Judentum begründete. Auch Frauen erhielten rabbinische Titel. Asenath Barzani (1590–1670) aus Mosul im Osmanischen Reich war eine der ersten Frauen, die den Titel Tanna'it (Lehrerin, Meisterin) erhielt. Auch die drei Töchter Raschis galten und wirkten als rabbinische Lehrerinnen und Talmud-Kommentatorinnen, siehe auch Tosefta.

Aufgaben eines Rabbiners[Bearbeiten]

Bis ins Mittelalter durften Rabbiner mit der Tora kein Einkommen erzielen, deshalb arbeiteten sie in Europa nebenberuflich in diesem Amt. Erst im 14. Jahrhundert wurde dies nach ständiger Ausweitung der Anforderungen schließlich aufgegeben. Selbst danach arbeiteten offenbar viele Rabbiner vorwiegend als Vorbeter. Zu den Aufgaben eines Rabbiners zählt heute die religiöse Lehre, und als Talmudkenner kommt ihm die Entscheidung in religiösen Fragen zu.

In traditionell-orthodoxen Gemeinden betet der Vorbeter (Schliach Tzibur, Chasan) zusammen mit der Gemeinde der Betenden immer zum Tora-Schrein gerichtet, d. h. Richtung Jerusalem mit der Westmauer, als Gleiche unter Gleichen vor Haschem. Dagegen leiten in liberalen Gemeinden Reform-Rabbiner oft stark gekürzte Sabbat- und Festtagsgottesdienste, wobei diese oft der Gemeinde, nach dem Vorbild christlicher Priester oder Pfarrer, im Gottesdienst zugewandt sind.

Ein traditionell-orthodoxer Rabbiner ist kein Priester, dem besondere religiöse Aufgaben alleine zustünden. Deshalb kann im Grunde auch jedes dazu befähigte Mitglied einer jüdischen Gemeinde den Gottesdienst leiten, vorbeten, aus der Tora vorlesen usw. In manchen Gemeinden haben jedoch nur Rabbiner die dazu erforderlichen Kenntnisse. Aufgabe eines Rabbiners ist heutzutage auch die Sorge und Betreuung für die Gemeindemitglieder und für Personen, die mit der Gemeinde in Verbindung stehen (beispielsweise Konversionskandidaten).

In den meisten Gemeinden wird aufgrund seiner Vorbildfunktion von einem Rabbiner erwartet, dass er verheiratet ist und Kinder hat.[2]

Hierarchie[Bearbeiten]

Obwohl das Judentum keine zentrale Autorität kennt, hat sich in seiner orthodoxen Strömung eine Tendenz entwickelt, den Ober- oder Großrabbiner eines Landes oder einer Gemeinde als jeweils höchste religiöse Instanz anzuerkennen. Als Erbe der britischen Mandatszeit gibt es zum Beispiel für den Staat Israel ein Großrabbinat. Es besteht heute aus zwei Mitgliedern:

Ausbildung[Bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten]

Tradition Orthodoxer Rabbiner

Die traditionelle Ausbildung von Rabbinern erfolgt in der Regel im Rahmen einer Talmudhochschule, einer Jeschiwa oder einem orthodoxen Rabbinerseminar. Bis 1939 gab es in Berlin mit dem, von Esriel Hildesheimer 1873 gegründeten Rabbinerseminar zu Berlin und in Breslau mit dem Jüdisch-Theologischen Seminar zwei wissenschaftlich orientierte orthodoxe Ausbildungsstätten. 2009 gründete die Ronald S. Lauder Foundation im Rahmen ihrer dortigen Jeschiwa das Rabbinerseminar zu Berlin, das die Tradition orthodoxer Rabbinerausbildung in Berlin wieder aufnehmen will. Die ersten Absolventen – Avraham Radbil und Zsolt Balla – wurden am 2. Juni 2009 in der der Münchner Synagoge Ohel Jakob ordiniert. Die Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien hat einen Studiengang für das Rabbinat, das »binnendifferenziert« auf verschiedene jüdische Denominationen orientiert werden soll.

Reform-Rabbiner

Im Zuge der Aufklärung, etwa seit der Zeit des 19. Jahrhunderts, werden Reform-Rabbiner in eigenen Rabbinerseminaren ausgebildet. Bis 1939 gab es in Berlin die reformierte wissenschaftlich orientierte Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Deutschlands einziges geisteswissenschaftlich ausgerichtetes Reform-Rabbinerseminar heute, ist das zum progressiven Judentum gehörende Abraham-Geiger-Kolleg an der Universität Potsdam. Es nahm im Wintersemester 2001/2002 seine Arbeit auf. Am 14. September 2006 wurden in der Neuen Synagoge Dresden die ersten Reform-Absolventen ordiniert.

Reform-Rabbinerinnen
Im Deutschen Reich wurde Regina Jonas 1935 zur weltweit ersten Reform-Rabbinerin ordiniert.

Im Reformjudentum mit seinen Abzweigungen, dem liberalen Judentum und dem konservativen Judentum, sind Frauen als Reform-Rabbinerinnen seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts tätig. Die erste ordinierte Rabbinerin war die lange Zeit in Vergessenheit geratene Berlinerin Regina Jonas, die 1935 durch den Offenbacher Reform-Rabbiner Max Dienemann ordiniert wurde.[3]

Liste ausgewählter Rabbinerinnen

USA[Bearbeiten]

Reform-Rabbinerinnen

Die erste Reformrabbinerin in den USA war Sally Jane Priesand, die 1972 am Hebrew Union College in Cincinnati ordiniert wurde.

Maharat und Rabba

Seit den 1990er Jahren erhielten in den USA auch einige Frauen eine äquivalente modern-orthodoxe Ordination, ohne dass sie jedoch die entsprechenden Funktionen in orthodoxen jüdischen Gemeinden wahrnehmen konnten.[4] Anfang 2009 wurde Sara Hurwitz vom modern-orthodoxen Rabbiner Avi Weiss, dem Begründer der „Offenen Orthodoxie“ (Open Orthodoxie), als Maharat in New York ordiniert.[5] Sie ist in der modern-orthodoxen Gemeinde „Hebrew Institute of Riverdale“ in der Funktion eines Rabbiners tätig. Ihr Titel Maharat ist ein sonst nicht gebräuchliches hebräisches Akronym von manhiga hilchatit ruchanit toranit (deutsch: halachisches, spirituelles und Tora-Oberhaupt[6]). Seit Februar 2010 trägt sie als erste modern-orthodoxe Rabbinerin den Titel Rabba,[7] was innerhalb der jüdischen Orthodoxie und Ultraorthodoxie heftige Kritik hervorgerufen hat.[8]

Rabbinerkonferenzen[Bearbeiten]

Hintergrund[Bearbeiten]

Vor dem Aufkommen von Reform-Rabbinern im 19. und von Reform-Rabbinerinnen im 20. Jahrhundert gab es ausschließlich traditionelle (orthodoxe) Rabbiner. Die Reformen scheinen mehr dem modernen westlich-industriellen Lebensstil der nicht-jüdischen Gesellschaften Tribut zu zollen und meist dem Verhalten der christlich geprägten Umwelt angepasst, denn der uralten Tradition des Judentums verpflichtet, weshalb die modernen Reformrabbiner von den orthodoxen Rabbinern nicht anerkannt werden. Beispielsweise erlauben Reformrabbiner am Schabbat das Autofahren zur Synagoge, wogegen das traditionelle, orthodoxe Judentum dies verbietet, da die Zündung des Motors als – verbotenes – „Feuermachen“ im Motorraum gilt. Das traditionelle, orthodoxe Judentum empfiehlt Juden, die weit von der Synagoge entfernt wohnen, das Beten zu Hause und das Treffen der Freunde in der Synagoge am Sonntag, wenn wieder Auto gefahren werden kann.

Deutschland[Bearbeiten]

Orthodoxe Rabbiner einerseits sowie Reform-Rabbiner andererseits werden in Deutschland in der Deutschen Rabbinerkonferenz gefasst. Unter diesem Dach arbeiten zwei staatlich anerkannte Zusammenschlüsse von Rabbinern inhärent weitgehend unabhängig voneinander: die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland und die reformierte Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschlands.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Rabbinische Gutachten über die Verträglichkeit der freien Forschung mit dem Rabbineramte. 2 Bände. Freund, Breslau 1842–1843.
  • Moses Braunschweiger: Die Lehrer der Mischnah. Ihr Leben und Wirken. Für Schule und Haus nach den Quellen bearbeitet. Kauffmann, Frankfurt am Main 1890 (3. neubearbeitete Auflage. Morascha, Basel / Zürich 1993).
  • Simon Schwarzfuchs: Etudes sur l’origine et le développement du rabbinat au Moyen Age. (= Memoires de la Société des Études Juives. 2, ISSN 0560-5296). Durlacher, Paris 1957.
  • Gerd A. Wewers: Geheimnis und Geheimhaltung im rabbinischen Judentum. (= Religionsgeschichtliche Versuche und Vorarbeiten. 35) de Gruyter, Berlin u. a. 1975, ISBN 3-11-005858-8 (Zugleich: Göttingen, Univ., Diss., 1974.)
  • Walter Homolka: Der moderne Rabbiner. Ein Rollenbild im Wandel. Hentrich & Hentrich, Berlin 2012, ISBN 978-3-942271-62-2.
  • Simon Schwarzfuchs: A Concise History of the Rabbinate. Blackwell, Oxford u. a. 1993, ISBN 0-631-16132-5.
  • Julius Carlebach (Hrsg.): Das aschkenasische Rabbinat. Studien über Glaube und Schicksal. Metropol, Berlin 1995, ISBN 3-926893-52-4.
  • Adin Steinsaltz: Persönlichkeiten aus dem Talmud. Morascha, Basel / Zürich 1996.
  • Andreas Brämer: Rabbiner und Vorstand. Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Deutschland und Österreich 1808–1871. (= Aschkenas. Beiheft 5). Böhlau, Wien u. a. 1999, ISBN 3-205-99112-5.
  • Carsten L. Wilke: „Den Talmud und den Kant“. Rabbinerausbildung an der Schwelle zur Moderne. (= Netiva 4). Olms, Hildesheim u. a. 2003, ISBN 3-487-11950-1.
  • Julius Carlebach, Michael Brocke (Hrsg.): Die Rabbiner der Emanzipationszeit in den deutschen, böhmischen und grosspolnischen Ländern 1781–1871 (= Biographisches Handbuch der Rabbiner 1). Bearbeitet von Carsten Wilke. Band 1: Aach – Juspa. Band 2: Kaempf – Zuckermann. K. G. Saur, München 2004, ISBN 3-598-24871-7.
  • Julius Carlebach, Michael Brocke (Hrsg.): Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871–1945. (= Biographisches Handbuch der Rabbiner 2). Bearbeitet von Katrin Nele Jansen, Jörg H. Fehrs, Valentina Wiedner. K. G. Saur, München 2009, ISBN 978-3-598-24874-0.[9]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Chacham ist auch allgemein im Judentum ein Wort der Ehrbezeugung für Gelehrte, v. a. des Talmuds (Siehe Isaak Bernays). Da im Arabischen ‏الرب‎ / ar-Rabb / ‚der Herr‘ einer der Ehrentitel Allahs ist, nutzen Sephardim in überwiegend islamischen Ländern fast nur die Bezeichnung Chacham.
  2. Muss ein Rabbiner verheiratet sein?. In: „Frag’ den Rabbi“, www.hagalil.com (abgerufen am 12. April 2008)
  3. Rachel Monika Herweg: Regina Jonas (1902–1944). Hagalil.com
  4. Rachel Barenblat: Sara Hurwitz’s ‘Rabba’ Title Sparks Orthodox Jewish Condemnation. In: Religion Dispatches, 10. März 2010 (englisch) (abgerufen am 13. März 2010)
  5. Responsa Regarding Women’s Roles in Religious Leadership und Ordination (hebräisch und englisch; PDF-Datei; 2,13 MB) (abgerufen am 13. März 2010)
  6. Stellung der jüdischen Frau (PDF-Datei; 150 kB) SIG FACTSHEET, 3. März 2010 (abgerufen am 13. März 2010)
  7. Mahara’t to Rabba. In: Jewish Journal.com, 27. Januar 2010 (englisch) (abgerufen am 13. März 2010)
  8. Michael Orbach: RCA, Rabbi Weiss agree: Todah, no Rabba. Past the edge of Orthodoxy? Hurwitz will retain ‘rabba’ title for now; others to be called ’mahara”t’. In: The Jewish Star, 5. März 2010/ 20. Adar 5770 (englisch) (abgerufen am 13. März 2010)
  9. Vgl. Nathanael Riemer: Rezension zu: Carlebach, Julius; Brocke, Michael: Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871–1945. München 2006. In: H-Soz-u-Kult. 17. März 2010.