Raiffeisengenossenschaften in Österreich

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Logo Raiffeisen Österreich

Es gibt rund 1600 autonome Raiffeisengenossenschaften in Österreich, davon 490 Raiffeisenbanken mit insgesamt 1646 Bankstellen, 99 Lagerhausgenossenschaften, 94 Molkereien und andere Milchverwertungsgenossenschaften sowie rund 830 andere Genossenschaften.

Um gegenüber den zentralistisch organisierten Mitbewerbern am Markt bestehen zu können, ist eine überregionale Zusammenarbeit der einzelnen Genossenschaften notwendig. Durch weitgehend einheitliche Satzungen, Gebietsschutzvereinbarungen, regionale und gesamtösterreichische Zentralinstitutionen, Revisionseinrichtungen, Solidaritätsvereinbarungen, weitgehende Corporate Identity und weitere Einrichtungen für die Zusammenarbeit wird die Marktstärke der kleinen regionalen Genossenschaften unterstützt. Die Revision, die rechtliche und steuerrechtliche Beratung sowie die Interessenvertretung und Beratung der Raiffeisengenossenschaften in Österreich obliegt dem Österreichischen Raiffeisenverband und den Raiffeisenverbänden der einzelnen Bundesländer.

Da die autonomen Raiffeisenbanken allesamt dasselbe Logo verwenden und großteils die gleichen Produkte anbieten – ähnlich dem Prinzip des Franchising – erscheint die Gesamtheit aller Raiffeisenbanken trugschlüssigerweise vielen als Konzern.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Genossenschaftsidee entstand im 19. Jahrhundert vorwiegend in Großbritannien und Deutschland. Weltweit gibt es heute in über 100 Ländern rund 900.000 Genossenschaften. Einer der wesentlichen Genossenschaftspioniere war Friedrich Wilhelm Raiffeisen. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden seine Ideen auch in Österreich aufgegriffen. Bis zum Ende des Jahrhunderts war die Anzahl der nach dem System von Raiffeisen arbeitenden Spar- und Darlehenskassen bereits auf rund 600 gestiegen. Die erste Raiffeisenbank im Gebiet des heutigen Österreich entstand 1886 im niederösterreichischen Mühldorf bei Spitz in der Wachau. Im Jahre 1898 wurde der Österreichische Raiffeisenverband gegründet. Im Jahre 1927 entstand die Raiffeisen Zentralbank Österreich AG. Ab ungefähr 1960, vor allem mit der Zunahme des Massen-Bankgeschäftes, gelang den österreichischen Raiffeisenbanken eine sehr erfolgreiche Geschäftsentwicklung und ein kontinuierliches dynamisches Wachstum. Sie wurden von einem kleinen ländlichen Mitbewerber im Bankengeschäft zu einem bedeutenden Faktor des österreichischen Bankwesens. Auch die anderen Raiffeisengenossenschaften haben sich, trotz beträchtlicher Strukturänderungen in ihren Marktbereichen, sehr gut behaupten können.

Mit über 50.000 Mitarbeitern ist die österreichische Raiffeisengruppe der größte private Arbeitgeber Österreichs. Die österreichischen Raiffeisengenossenschaften haben rund 2 Millionen Mitglieder.

Weltweit gibt es heute in 41 Staaten Raiffeisen-Genossenschaften, die der Internationalen Raiffeisen-Union angehören. Zwischen den österreichischen und den ausländischen Raiffeisen-Genossenschaften gibt es Kontakte aber derzeit keinerlei wirtschaftliche Verflechtungen oder Beteiligungen.

Chronik[Bearbeiten]

  • 1886: Die erste österreichische Raiffeisenkasse wird in Mühldorf in Niederösterreich gegründet.
  • 1898: Der Raiffeisenverband Österreich wird gegründet.
  • 1927: Die Raiffeisen Zentralbank Österreich AG (RZB) wird gegründet.

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Das schwarze Giebelkreuz aus Pferdeköpfen auf gelben Grund ist das Logo der österreichischen Raiffeisenbanken. Es ist eine der bekanntesten österreichischen Marken. Durch die Werbung mit erfolgreichen Sportlern, wie Niki Lauda, Gerhard Berger, Thomas Muster, Hermann Maier, Markus Rogan, Armin Assinger, Kathrin Zettel und Marcel Hirscher als Testimonials, wurde die Bekanntheit der Marke Raiffeisen gesteigert. Raiffeisen Österreich ist auch Sponsor der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft.

Organisation[Bearbeiten]

Die österreichischen Raiffeisen-Genossenschaften sind dezentral organisiert, das heißt, dass die wesentlichen betriebswirtschaftlichen und geschäftspolitischen Entscheidungen nicht in einer zentralen Konzernspitze erfolgen, sondern in der einzelnen Genossenschaft vor Ort. Dabei handelt es sich unter anderem um die Wahl der lokalen Eigentümervertreter, die Personalpolitik, die Konditionenpolitik, Unternehmensplanung, Entscheidungen über Kreditgewährungen und so weiter. Dies bringt gegenüber echten Konzernen viele Vorteile, wie zum Beispiel die Nähe zum Kunden, die gute Kenntnis des regionalen Marktes und die starke Identifikation des lokalen Managements mit dem einzelnen genossenschaftlichen Unternehmen.

Struktur[Bearbeiten]

Aufbau der Raiffeisengruppe Österreich:[1]

Raiffeisen Bankengruppe[Bearbeiten]

Die Raiffeisenbanken („Raiffeisen-Geld-Gruppe“ auch "Raiffeisen-Geldsektor") sind dreistufig organisiert.

Raiffeisenbanken[Bearbeiten]

Die erste Stufe stellen die 494 Raiffeisenbanken in Österreich dar. Diese sind die Haupteigentümer der Raiffeisenlandesbanken (RLB), welche die zweite Stufe bilden. Die dritte Stufe besteht aus der Raiffeisen Zentralbank Österreich (RZB) in Wien. Die wesentlichen Eigentümer dieser Aktiengesellschaft sind wiederum die Raiffeisenlandesbanken.

Die 494 Raiffeisenbanken betreiben in Österreich 2.199 Bankstellen[2]. In den letzten Jahren ist sowohl die Zahl der Raiffeisenbanken als auch die Zahl der Bankstellung zurückgegangen. Über 40 % der Österreicher sind Kunden bei einer Raiffeisenbank. Der Marktanteil dieser größten Bankengruppe in österreichischem Eigentum liegt bei ungefähr 30 %. Die konsolidierte Bilanzsumme der Raiffeisen-Bankengruppe Österreich beträgt 292 Milliarden Euro (2012). Damit ist sie die größte Bankengruppe Österreichs.

Landesbanken[Bearbeiten]

In jedem österreichischen Bundesland besteht eine Raiffeisenlandesbank (in Salzburg Raiffeisenverband genannt), deren Haupteigentümer die Raiffeisenbanken des jeweiligen Bundeslandes sind. Ausnahmen sind nur die Bundesländer Niederösterreich und Wien, für die eine gemeinsame Raiffeisenlandesbank besteht, sowie Kärnten, wo zwei Landesbanken existieren, nachdem die slowenische Volksgruppe mit der Zveza Bank als Spitzeninstitut der slowenischen Genossenschaftsbanken in Kärnten eine eigene Landesbank unterhält. Aus vertragsrechtlichen Gründen sind in den letzten Jahren einige Raiffeisenlandesbanken von Genossenschaften in Aktiengesellschaften umgewandelt worden.

Die Landesbanken verfügen über zahlreiche verschiedene Beteiligungen, unabhängig von den Beteiligungen der Raiffeisen Zentralbank.

Raiffeisen Zentralbank[Bearbeiten]

Die Raiffeisen Zentralbank (RZB) war bis zur Fusion mit der Raiffeisen International die drittgrößte österreichische Bank. Die Bilanzsumme lag 2008 bei rund 156,9 Milliarden Euro. Ihr waren die Raiffeisen-Spezialunternehmen (Raiffeisen Capital Management, Raiffeisen Centrobank, Raiffeisen Leasing uvm.) sowie in- und ausländische Beteiligungen vieler verschiedener Branchen untergeordnet. Für Bankenaktivität im Ausland existierte mit Raiffeisen International ein eigenes, börsennotiertes Tochterunternehmen. Seit der Fusion am 10. Oktober 2010 ist sie weiterhin unverändert das Spitzeninstitut der Raiffeisen Bankengruppe Österreich und Konzernzentrale der gesamten RZB-Gruppe, die ausländischen Beteiligungen werden durch die neue Bank gesteuert.

Raiffeisen Bank International AG[Bearbeiten]

Die Raiffeisen Bank International AG entstand aus der Fusion der RI und den Geschäftsteilen der Kommerzkunden der RZB und ist die drittgrößte Bank Österreichs. Die Raiffeisen Bank International AG (RBI) betrachtet Österreich, wo sie als führende Kommerz- und Investmentbank tätig ist, und Zentral- und Osteuropa (CEE) als ihren Heimmarkt. In CEE verfügt die RBI über ein engmaschiges Netzwerk von Tochterbanken, Leasinggesellschaften und zahlreichen spezialisierten Finanzdienstleistungsunternehmen in 17 Märkten. 56.000 Mitarbeiter betreuen in dieser Region rund 15 Millionen Kunden in circa 3.000 Geschäftsstellen.

Lagerhausgruppe[Bearbeiten]

Ebenfalls Mitglied des österreichischen Raiffeisenverbandes sind die rund 97 Lagerhausgenossenschaften, die in der RWA Raiffeisen Ware Austria überregional zusammenarbeiten, und mit den Warenverbänden und den Warenabteilungen der Landesverbänden

Molkereigruppe[Bearbeiten]

In den letzten Jahrzehnten haben sich viele regionale Molkereigenossenschaften zu Großmolkereien, wie zum Beispiel die Berglandmilch (Schärdinger), die Tirolmilch, die Niederösterreichische Molkerei (NÖM) oder Gmundner Molkerei zusammengeschlossen. Daher ist die Anzahl der genossenschaftlichen Molkereien auf 15 zurückgegangen. Dachverband ist die Vereinigung österreichischer Milchverarbeiter (VöM)

Sonstige Genossenschaften[Bearbeiten]

Zur Raiffeisengruppe gehören weiters etwa 800 anderweitige Genossenschaften.

Revisionsverbände[Bearbeiten]

In allen Bundesländern gibt es einen Raiffeisenverband, dessen wichtigste Aufgaben die genossenschaftliche Revision, die rechtliche und steuerrechtliche Beratung sowie die Interessenvertretung aller Raiffeisen-Genossenschaften sind. Darüber hinaus gibt ist noch den Österreichischen Raiffeisenverband, dem die Revision und Beratung der Raiffeisenlandesbanken und Großgenossenschaften obliegt. Dessen gewählter Obmann ist der Generalanwalt der Raiffeisen-Gruppe. Diese Funktion wird derzeit von Walter Rothensteiner wahrgenommen.

  • Österreichischer Raiffeisenverband
  • Raiffeisenlandesbank Burgenland
  • Raiffeisenlandesbank Kärnten
  • Raiffeisenverband NÖ-Wien
  • Raiffeisenverband Oberösterreich
  • Raiffeisenverband Salzburg
  • Raiffeisenverband Steiermark
  • Raiffeisenverband Tirol
  • Raiffeisenlandesbank Vorarlberg
  • Zveza Bank und Revisionsverband

Literatur[Bearbeiten]

  • Ernst Bruckmüller, Wolfgang Werner (Hrsg.): Raiffeisen in Österreich. Siegeszug einer Idee. St. Pölten 1998.
  • Lutz Holzinger, Clemens Staudinger: Schwarzbuch Raiffeisen. Wien 2013
  • Wolf Müller-Scholz, Martin Stadlmann: Der Angreifer, Raiffeisen im Aufwind. Profile Publishing, Mai 2004
  • Wolfgang Werner: Zur Vorgeschichte der österreichischen Raiffeisenbewegung. Frankfurt 1993
  • Wolfgang Werner: Auf der Straße des Erfolgs – zur Geschichte der österreichischen Raiffeisenbewegung von kleinen Ortschaften zu international tätigen Netzwerken. Rainer Hampp Verlag 2005
  • Andreas Zakostelsky, Friedrich Hagspiel (Hrsg.): Weißbuch Verbund. Überblick der Verbundstrukturen bei europäischen Genossenschaftsbanken. Wien 1999

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Raiffeisenverband: Struktur. Österreichischer Raiffeisenverband, abgerufen am 21. April 2014.
  2. Die Raiffeisen Bankengruppe. Abgerufen am 21. April 2014.