Ramsan Achmatowitsch Kadyrow

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Kadyrow im Dezember 2011

Ramsan Achmatowitsch Kadyrow (russisch Рамзан Ахматович Кадыров; tschetschenisch Къадар Ахьмат-кӀант Рамзан5. Oktober 1976 in Zentoroi, Tschetscheno-Inguschische ASSR, Russische SFSR, Sowjetunion, heute Tschetschenien, Russland) ist ein russischer Politiker und seit Mai 2007 Präsident (seit 2. September 2010 „Oberhaupt“)[1] der Teilrepublik Tschetschenien.

Leben[Bearbeiten]

Kadyrow (rechts) und der russische Präsident Dmitri Medwedew (2008)

Kadyrow ist der Sohn des früheren tschetschenischen Präsidenten Achmat Kadyrow, der im Mai 2004 ermordet wurde. Er ist der Chef der Sicherheitstruppe Kadyrowzy, der seitens Menschenrechtsorganisationen verschiedene Verbrechen gegen Zivilisten zur Last gelegt werden, wie beispielsweise Entführungen, Totschlag und Folter.[2] Im Dezember 2004 wurde Ramsan Kadyrow durch einen Erlass des damaligen russischen Präsidenten, Wladimir Putin, die Auszeichnung Held der Russischen Föderation verliehen.[3] Kadyrow war ab März 2006 Premierminister der russischen Kaukasus-Republik Tschetschenien. Am 2. März 2007 wählte ihn das tschetschenische Parlament auf Vorschlag des russischen Staatschefs Putin[4] zum Präsidenten des Landes, nachdem er das 30. Lebensjahr vollendet hatte, das Mindestalter für die Wahl des tschetschenischen Oberhaupts. Am 5. April 2007 wurde Kadyrow in Gudermes in sein Amt eingeführt. In einer seiner ersten Amtshandlungen versprach er den Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten Landes, weitreichende wirtschaftliche Hilfen sowie eine umfassende Terrorismusbekämpfung. Mit massiver finanzieller Hilfe aus Moskau sowie steigenden Erlösen aus Ölexporten sollen seine Reformpläne umgesetzt werden.[2]

Personenkult[Bearbeiten]

Durch den Tod des Vaters gelangte Ramsan Kadyrow an die vorderste Front der tschetschenischen Politik, vermutlich mit aktiver Hilfe von Russlands damaligem Staatschef Wladimir Putin. Kadyrow wurde zunächst Vize-Ministerpräsident und war für Sicherheitsfragen zuständig. Der Aufstieg zum Regierungschef folgte im März 2006. Seitdem erlebte Tschetschenien einen wachsenden Personenkult um Kadyrow; so steht z.B.: „Ramsan, wir sind stolz auf dich“ unter großflächigen Porträts, die über den Straßen Tschetscheniens angebracht sind. Am 2. September 2010 ließ er vom tschetschenischen Parlament seine Bezeichnung von "Präsident" in "Oberhaupt" ändern. Nach Aussage Kadyrows stehe nur einer Person in der Russischen Föderation die Bezeichnung "Präsident" zu, nämlich dem Staatschef. Im Parlament diskutiert wurden jedoch auch Vorschläge, Kadyrow den Titel "Imam" oder "Vater des Volkes" zu verleihen.[5]

Folter- und Mordvorwürfe[Bearbeiten]

Umar Israilov, ein 2004 nach Österreich geflohener Tschetschene, der gegen die Russen gekämpft hatte und anschließend in Kadyrows Leibgarde diente, wollte sein Wissen über Kadyrows Terrorregime der Öffentlichkeit mitteilen und hatte dazu eine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht. Der Klage legte er Zeugenprotokolle, Expertengutachten, Skizzen von Folterkellern und Fotos misshandelter Tschetschenen bei. Nach Angaben eines angeblichen Agenten Kadyrows stand Israilov deshalb auf einer Liste mit 500 Personen, die im Auftrag von Kadyrow ermordet werden sollten.[6] Tatsächlich wurde Israilov im Januar 2009 in Wien auf offener Straße getötet.

Kadyrow hat stets bestritten, an dem Mord beteiligt gewesen zu sein.

Kadyrow wird von russischen Menschenrechtsorganisationen auch mit dem Mord an der Menschenrechtsaktivistin Natalja Estemirowa in Verbindung gebracht. Kadyrow hatte Estemirowa mehrfach kritisiert, außerdem soll sie von staatlichen Stellen – auch von Kadyrow persönlich – bedroht worden sein.[7] Sie wurde im Juli 2009 umgebracht.

Sonstiges[Bearbeiten]

Im Jahr 2008 wurden in Tschetschenien mehrere tote Frauen aufgefunden, die vermutlich Opfer von Ehrenmorden waren. Daraufhin bezeichnete Kadyrow Ehrenmorde als Schwerstverbrechen. „Derartige Traditionen gibt es weder in den Bräuchen des Volkes noch im Islam“, so Kadyrow. Er forderte eine verstärkte Aufklärungsarbeit und eine bessere geistig-moralische Erziehung zur Verhinderung von Ehrenmorden.[8] In einer späteren Zeitungsmeldung äußerte sich Kadyrow allerdings gegenteilig. Auf die Anzeige eines Mädchens bei der Polizei, es sei von seinem Vater sexuell missbraucht worden, soll Kadyrow gesagt haben: „Was ist das für ein Mann, der seine Tochter nicht umbringt? Schämen soll er sich.“[9]

Nach Ansicht von Ramsan Kadyrow haben Ende 2010 die Republikführung und die Geistlichen einen Sieg gegen den Wahhabismus in Tschetschenien errungen. Kadyrow bezeichnete die Wahhabiten als Feinde des Islam, die den Weg in die Hölle gehen werden. „Die Jugendlichen haben das wahre Gesicht dieser radikal-islamischen Bewegung erkannt und wollen jetzt nicht mehr in die Reihen der Extremisten getrieben werden“, sagte Kadyrow.[10]

Im April 2013 musste Sportminister Salambek Ismailow mit Kadyrow mit der Begründung, dass die Restaurierung seines Ministeriums nicht vorangehe, in einem Boxring trainieren.[11]

Am 25. Juli 2014 wurde er im Zusammenhang mit der russischen Politik zur Ukraine auf die Sanktionsliste der Europäischen Union gesetzt.[12]

Trivia[Bearbeiten]

Im März 2011 wurde in Grosny ein Fußballspiel veranstaltet, bei dem eine tschetschenische Auswahl gegen eine brasilianische Weltmeistermannschaft antrat. Im tschetschenischen Team spielten neben Ramsan Kadyrow (als Kapitän) auch Lothar Matthäus und Spieler des Vereins Terek Grosny; für die brasilianische Mannschaft ließen sich ehemalige Weltmeister wie Dunga, Bebeto, Romário, Cafu und Denílson sowie der langjährige Bundesligaspieler Giovane Élber engagieren. Die Brasilianer gewannen mit 6:4, Kadyrow schoss dabei zwei Tore.[13] Während des Spiels feuerte dieser die rund 10.000 Zuschauer mit „Allah ist groß“-Rufen an. Die Veranstaltung wurde ins Leben gerufen, um für Kadyrows Wunsch zu werben, ein Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Grosny auszutragen.[14]

Zu seinem 35. Geburtstag organisierte Kadyrow eine Feier, die vom russischen Konzern AFK Sistema organisiert wurde. Hierbei traten unter anderem der Sänger Seal, die Violinistin Vanessa-Mae, die Schauspieler Jean-Claude Van Damme und Hilary Swank[15] die Tanztheatergruppe La Fura dels Baus[16] sowie Mitglieder des Deutschen Fernsehballetts auf.[17]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ramzan Kadyrov – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Meldung von RIA Nowosti vom 2. September 2010
  2. a b Moskaus Mann für Grosny, in Süddeutsche Zeitung, Nr. 52: 3./4. März 2007, Seite 10.
  3. http://www.warheroes.ru/hero/hero.asp?Hero_id=2937 russisch
  4. Tschetschenien: Kadyrow Präsident anstelle von Alchanow, in Russland-Aktuell, 16. Februar 2007
  5. Meldung von RIA Nowosti vom 2. September 2010, russisch
  6. Florian Klenk: „Bitte helfen Sie mir!“ In: Falter, 21. Januar 2009.
  7. Reinhard Veser: Kadyrows Krokodilstränen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Juli 2009.
  8. Kadyrow verurteilt Ehrenmorde in Tschetschenien, in Russland-Aktuell, 30. November 2008
  9. «Die Ehre ist das Einzige, was dem Mann bleibt» In: Tages-Anzeiger, 9. September 2010.
  10. Kadyrow spricht von ideologischem Sieg über Wahhabiten, in RIA Novosti, 27. Dezember 2010.
  11. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatTschetschenische Minister müssen zu Kadyrow in den Boxring. In: Der Standard. 23. April 2013, abgerufen am 23. April 2013.
  12. Amtsblatt der Europäischen Union: Durchführungsverordnung (EU) Nr. 810/2014 des Rates der Europäischen Union vom 25. Juli 2014
  13. Kadyrow und der unbezwingbare Welterklärer Matthäus. In: Zeit Online, 10. März 2011.
  14. Matthäus: Tore für Kadyrow. In: Süddeutsche Zeitung, 8. März 2011.
  15. Benjamin Bidder: "Kadyrow ist ein Sadist" In: Spiegel Online, 6. September 2013 (Interview mit Swetlana Gannuschkina).
  16. La Fura dels Baus participa en la fiesta del déspota líder checheno Kadírov - La Voz de Barcelona, 19. Okt. 2011
  17. BamS, via MDR-Fernsehballett tanzte für Kadyrow. In: Süddeutsche Zeitung, 16. Okt. 2011.