Rasputiza

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rasputitza (Gemälde von Alexei Sawrassow, 1894)
Sowjetunion-Mitte (Kursk) - Pferdegespann in tiefem Schlamm eingesunken im März 1942

Rasputiza (russisch распу́тица, Wegelosigkeit) ist die russische Bezeichnung für die Schlammzeit, Schlammperiode bzw. Regenzeit im Frühjahr und Herbst, in der weite Landschaften und unbefestigte Straßen im östlichen Europa (insbesondere Weißrussland, Russland und Ukraine) durch Schneeschmelze bzw. die Herbstregenfälle aufgrund der besonderen Geographie der Landschaft aufweichen und unbefahrbar werden. Im Grunde wird die Rasputiza, werden die beiden Schlammzeiten, in Russland wie weitere Jahreszeiten betrachtet.

Geographische Ursachen[Bearbeiten]

Zwischen, um dieses Gebiet herauszugreifen, der sowjetischen Grenze von 1941 und den drei Städten St. Petersburg, Moskau und Kiew, die je etwa 1000 km voneinander entfernt liegen, gibt es in einer weitgehend baumlosen Steppe keine Bodenerhebung höher als 150 Meter. Die Wassermassen der Schneeschmelze und die der Herbstregenfälle können daher nicht rasch ab- und zusammenlaufen. Auch Hügel oder Berge, in denen je nach Gesteinsart Niederschläge in großen Mengen versickern können, um nach Zwischenspeicherung später aus Quellen wieder an Bäche abgegeben zu werden, gibt es nicht. Der Boden weicht folglich tief auf und wird grundlos.[1]

Bedeutung im Kriege[Bearbeiten]

Die beiden Schlammzeiten verhindern etwa für einen Monat jegliche Truppenbewegungen. Während des Zweiten Weltkrieges antwortete der Sowjetische Befehlshaber der Woronesch-Front, Filipp Iwanowitsch Golikow, auf die Frage, ob die Aussicht bestünde, dass eine Gegenoffensive der Roten Armee die Dnjepr-Linie bis März 1943 erreichen könne: Es sind 320 bis 370 km bis zum Dnjepr und 30 bis 35 Tage bis zur Frühjahrs-Rasputiza. Ziehen Sie Ihren eigenen Schluss daraus. Dieser musste lauten, dass die Schneeschmelze vor dem Abschluss der russischen Operation einsetzen und die Dnjepr-Linie zunächst in deutscher Hand bleiben würde.[2]

Napoleons Russlandfeldzug 1812[Bearbeiten]

Die Rasputiza behinderte Napoleons Vormarsch im Russlandfeldzug 1812[3][4]. Verheerende Auswirkungen hatte die außergewöhnliche Rasputiza ab 17. November 1812 auf den Rückzug der französischen Armee, die auf ihrem Rückmarsch von Moskau vor den beiden größten natürlichen Hindernissen Dnjnepr und Beresina stand. Nach gewöhnlicher Winterkälte begannen ab 17. November laue Südwestwinde zu wehen, die bis 27. November anhielten und Schnee und Eis zum Schmelzen brachten. Der Übergang über den Dnjepr erfolgte am 19./20. November, der über Beresina am 27. bis 29. November 1812. Der Morast erschwerte das Fortkommen extrem und der schlüpfrige Boden der Steilhänge ließ viele Soldaten abrutschen und im Fluss umkommen.[5]

Novemberaufstand[Bearbeiten]

Die Rasputiza fesselte russische Truppen während des Novemberaufstands von 1830/31 mehr als einen Monat lang an die Umgebung Warschaus.[6]

Erster Weltkrieg[Bearbeiten]

Im Ersten Weltkrieg war die Rasputiza bzw. der russische Winter, nachdem er mehrere Feldzüge an der Ostfront behindert hatte, in Deutschland Gegenstand von wissenschaftlichen Artikeln.[7][8]

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Im Deutsch-Sowjetischen Krieg wirkte sich die jahreszeitlich bedingte großflächige Sumpfbildung vor allem zum Nachteil der angreifenden Truppen der Wehrmacht aus, wobei sie auch sowjetische Gegenoffensiven wie die oben erwähnte von 1943 bremste. So dauerte die Schlammperiode im Frühjahr 1941 ungewöhnlich lange, so dass der Beginn des deutschen Angriffs, das Unternehmen Barbarossa, um mehrere Wochen hinausgezögert wurde.[2] Die vermatschten Wege und Straßen behinderten ab dem 13. Oktober 1941[9] beide Seiten in der Schlacht um Moskau.[10] Den Hauptnachteil hatten aber die Angreifer, denn der Schlamm machte deren schnelles Vorrücken auf Moskau unmöglich. Hinzu kam, dass die Winterfröste, die den Steppenboden wieder hart machen, ungewöhnlich spät einsetzten, so dass die deutschen Panzer stecken blieben und die Einnahme von Moskau zum vorgesehenen Zeitpunkt vereitelt wurde.[2]

Finnland[Bearbeiten]

Im Finnischen wird der Zustand als rospuutto (Straßenlosigkeit) bezeichnet.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. EXKURS I: Die Begrenzungen des Krieges. In: John Keegan: Die Kultur des Krieges. Rowohlt, Berlin 1995, ISBN 3-87134-226-2, S. 116.
  2. a b c EXKURS I: Die Begrenzungen des Krieges. In: John Keegan: Die Kultur des Krieges. Rowohlt, Berlin 1995, ISBN 3-87134-226-2, S. 117.
  3. napoleon-series.org FAQ regarding what made Napoleon fail in invading Russia
  4. edwardtufte.com “whilst it was almost impossible to drag the gun-carriages through the half-frozen mud”
  5. B. Brandt: Vom russischen Winter. In: Die Naturwissenschaften. 25. Januar 1918, Volume 6, Issue 4, S. 41–43, dort S. 42.
  6. ostfront.net
  7. B. Brandt: Die Rasputiza. In: Die Naturwissenschaften.Volume 5, Number 21 / May, 1917.
  8. B. Brandt: Vom russischen Winter. In: Die Naturwissenschaften. Volume 6, Number 4 / January, 1918.
  9. zeit.de
  10. Richard Overy: Russia's War. 1997, S. 113–114: “Both sides now struggled in the autumn mud. On October 6 [1941] the first snow had fallen, unusually early. It soon melted, turning the whole landscape into its habitual trackless state – the rasputitsa, literally the ‘time without roads’. … It is commonplace to attribute the German failure to take Moscow to the sudden change in the weather. While it is certainly true that German progress slowed, it had already been slowing because of the fanatical resistance of Soviet forces and the problem of moving supplies over the long distances through occupied territory. The mud slowed the Soviet build-up also, and hampered the rapid deployment of men and machines.”

Quelle[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rasputiza – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien