Real Audiencia

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Oídores einer Real Audiencia in der Chronik des Waman Puma de Ayala (1615)

Die Real Audiencia (auch Audiencia Real bzw. Audiencia, dt. wörtlich Königliche Audienz) war das höchste Justizorgan und Appellationsgericht im Königreich Kastilien. Jede Audienz hatte sogenannte oidores (dt. wörtlich Hörende) als Richter.[1]

In Spanien[Bearbeiten]

Die erste Audiencia wurde – einer Anweisung von König Heinrich II. im Jahre 1369 gemäß – 1371 in Valladolid formell eingerichtet.[2] Sie wurde 1494 von Königin Isabella der Katholischen in zwei Bereiche geteilt: die Audiencia von Valladolid mit Rechtsprechungsbereich nördlich des Flusses Tajo und die Audiencia von Granada, die südlich des genannten Flusses zuständig war. Nach der Vereinigung Kastiliens und Aragoniens richtete Karl V. 1528 die Audienz von Aragón mit Sitz in Saragossa ein. Unter dessen Sohn Philipp II. wurde das Audienzenwesen in den spanischen und europäischen Besitzungen der Krone deutlich ausgeweitet. Unter anderem entstanden Audienzen auf Sardinien 1564, in Sevilla 1566, in Las Palmas de Gran Canaria 1568, auf Sizilien 1569 und auf Mallorca 1571. Später wurde u.a. 1717 die Audienz in Asturien und 1790 diejenige in Extremadura eingerichtet.

In den amerikanischen Kolonien und den Philippinen[Bearbeiten]

In Amerika wurde 1511 die erste Königliche Audienz in Santo Domingo auf der Insel Hispaniola eingerichtet. Zwischen 1526 und 1598 kamen unter Karl V. und Philipp II. zahlreiche neue Audienzen im entstehenden Kolonialreich auf dem amerikanischen Kontinent und den Philippinen hinzu: Neuspanien (Mexiko, 1527, unter Vorsitz des Vizekönigs von Neuspanien), Panama (1538), Guatemala (1543), Lima (1543; Vizekönig von Peru), Guadalajara (1548, Neugalicien), Santa Fe de Bogotá (1548), Charcas (heutiges Sucre, Bolivien, 1559), Quito (1563, siehe Real Audiencia de Quito), Santiago de Chile (1563, endgültig 1609), Manila (1583).[3] Im 17. und 18. Jahrhundert wurden noch Audienzen in Buenos Aires, Caracas und Cuzco eingerichtet.

Im Kolonialreich erfüllten die Audienzen neben der Rechtsprechung und Rechtspflege auch die Funktion, die Oberherrschaft des Königs (und seiner Gesetze) gegenüber den Vizekönigen und Gouverneuren deutlich zu machen.[4] Die Audienzen bestanden anfänglich aus vier Richtern (oidores) und einem Staatsanwalt (fiscal), denen der jeweilige Vizekönig oder Gouverneur vorstand. In manchen Territorien erhöhte sich die Zahl der Mitglieder mit der Zeit. Über den Audienzen stand nur der Consejo de Indias, der nur in Einzelfällen als übergeordnetes Berufungsgericht angerufen werden konnte und seinerseits die Audienzen und die ihnen vorsitzenden Vizekönige und Gouverneure in rechtlichen Fragen beriet.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Horst Pietschmann: Die staatliche Organisation des kolonialen Iberoamerika. Klett-Cotta, Stuttgart 1980. ISBN 3-12-911410-6. S. 117.
  2. Eduardo Pedruelo Martín: El Archivo de la Real Chancillería de Valladolid. In: Investigaciones históricas: Época moderna y contemporánea. ISSN 0210-9425. Bd. 23 (2003 ), 273–282, hier S. 274.
  3. Horst Pietschmann: Die staatliche Organisation des kolonialen Iberoamerika. Klett-Cotta, Stuttgart 1980. ISBN 3-12-911410-6. S. 182–185.
  4. Horst Pietschmann: Die staatliche Organisation des kolonialen Iberoamerika. Klett-Cotta, Stuttgart 1980. ISBN 3-12-911410-6. S. 116.