Reichsamt für Landesaufnahme

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Das Reichsamt für Landesaufnahme (RfL) in Berlin war von 1921 bis 1934 die zentrale Vermessungsbehörde der norddeutschen Länder und von 1934 bis 1945 des Deutschen Reiches. Als Vorgängerinstitution gilt die Preußische Landesaufnahme als Teil des Großen Generalstabes. Die Arbeitsergebnisse, also Koordinaten der Trigonometrischen Punkte, Höhen der Nivellementspunkte und die verschiedenen Kartenwerke, wurden in der Zeit vor 1933 weniger für den militärischen Bedarf, vielmehr im gleichen Umfang, wenn nicht sogar überwiegend für öffentliche oder private Zwecke genutzt.

Bei der Neuorganisation der deutschen Wehrmacht nach dem Ersten Weltkrieg konnte die Landesaufnahme wegen ihrer großen Personenzahl nicht in die Reichswehr übernommen werden. Die Preußische Landesaufnahme wurde mit ihren wesentlichen Teilen daher zusammen mit dem früheren Sächsischen Topographischen Büro zuerst am 1. Oktober 1919 als zivile Reichsbehörde unter der Bezeichnung "Landesaufnahme, Zweigstelle Berlin" in das Ressort des Reichsministers des Innern übernommen und am 11. Juli 1921 in das Reichsamt für Landesaufnahme umbenannt. Die Umwandlung in das Reichsamts für Landesaufnahme ging insofern reibungslos vor sich, als die Preußische Landesaufnahme schon lange vorher über ihre ursprünglich rein militärischen Aufgaben hinausgewachsen war.

Der Personalumfang des Reichsamtes für Landesaufnahme betrug am 1. Oktober 1921 602 Personen.

Dienstgebäude[Bearbeiten]

Die Moltkebrücke um 1900, Blick in die Moltkestraße mit dem Generalstabsgebäude rechts

Das Reichsamt für Landesaufnahme hatte seinen Sitz in Berlin. Da das Reichsministerium des Innern nach 1919 den größten Teil der Räume des ehemaligen Generalstabsgebäudes bezog und die Landesaufnahme schon während des 1. Weltkriegs teilweise aus dem eigens für sie im Anschluss an das Generalstabsgebäude errichteten Anbau weichen musste, war das RfL in den ersten Jahren nach dem 1. Weltkrieg auf sieben Gebäude verteilt. Erst im Frühjahr 1924 wurden die Leitung des RfL mit den Abteilungen für Trigonometrie, Topographie, Photogrammetrie und Kartographie als wissenschaftlicher Teil des RfL in die alten Gebäude Ecke Lindenstraße 37 und Oranienstraße 101/102 verlegt. Diese Räume waren durch den Umzug der Reichsschuldenverwaltung in den benachbarten Neubau frei geworden. Im Gebäude Moltkestraße 5 verblieb nur die Abteilung, die sich mit der Reproduktion, dem Druck und Vertrieb der Karten befasste. Dieses Gebäude stand zwischen der Moltkebrücke und dem heutigen Bundeskanzleramt. Die Bestände an Instrumenten und Geräten waren - ebenso wie die Mechanikerwerkstatt - in geeigneten Räumen in der Lindenstraße 35 untergebracht. Seinerzeit wurden neben diesen Dienstgebäuden auch Räumlichkeiten in der Wilhelmstraße 9 und Puttkamerstraße 19 genutzt. In den Räumen der Oranienstraße 101/102 war seit 1925 ein ständige Ausstellung für Schulen und andere Interessierte eingerichtet.

Die Dienstgebäude in Berlin sind in den Jahren 1943-1945 durch Kriegseinwirkung zerstört worden.

Nur die dem RfL angegliederte Zweigstelle „Landesaufnahme Sachsen“ befand sich in Dresden. Auch als Zweigstelle des Reichsamtes behielt die Landesaufnahme Sachsen die Diensträume in der ehemaligen dreigeschossigen Pionierkaserne „König-Johann-Kaserne“ in Dresden, die sie bereits seit dem Jahre 1899 genutzt hatte. Das ehemalige Dienstgebäude in der Königsbrücker Straße 86/Ecke Stauffenbergallee in der Dresdner Albertstadt wird heute vom Landesfunkhaus Sachsen des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) genutzt. Der historische Kasernenbau blieb nach einem aufwändigen Umbau außen in seiner Fassadenprofilierung und Teilung der Fenster im Wesentlichen erhalten und beherbergt heute Büros, Redaktions- und Produktionsbereiche des Hörfunks MDR 1 Radio Sachsen.

Organisation[Bearbeiten]

Das Reichsamt für Landesaufnahme bestand aus folgenden Abteilungen:

  • Zentralabteilung
  • Trigonometrische Abteilung (Triangulation, Feineinwägungen, Veröffentlichung der Messergebnisse)
  • Topographische Abteilung (Herstellung der Grundkarte 1: 5000, Neuaufnahmen 1 : 25 000, Berichtigung der Meßtischblätter)
  • Photogrammetrische Abteilung
  • Kartographische Abteilung

Das Reichsamt hatte in etwa die Funktion des späteren Instituts für Angewandte Geodäsie (des sog. IfAG) bzw. des heutigen BKG und – im Gegensatz zur heutigen Verantwortung der Länder für die Geodäsie – eine strikt zentrale Rolle in der Verwaltung der Vermessungsnetze, incl. der im Kriegsverlauf eroberten Gebiete. Daneben hatte es zahlreiche Forschungsaufgaben zu erfüllen, insbesondere zur Unterstützung des militärischen Vermessungsdienstes.

Die 1938 per Gesetz errichteten Hauptvermessungsabteilungen (HVA) arbeiteten an diesen Aufgaben mit, jedoch konnte der Präsident des RfL lediglich in technischen Angelegenheiten Weisungen erteilen und an der Aufsicht über die HVA mitwirken.

Es bestanden folgende HVA:[1]

Nr. Amtsbezirk Sitz
I Ostpreußen, Bezirk Bialystok Königsberg
II Schlesien, Sudetenland Reg.-Bez. Troppau Breslau
III Sachsen, Sudetenland Reg.-Bez. Aussig Dresden
IV Berlin, Brandenburg Potsdam
V Pommern Stettin
VI Hamburg, Mecklenburg, Schleswig-Holstein Hamburg
VII Bremen, Oldenburg, Braunschweig, Schaumburg-Lippe, Provinz Hannover Hannover
VIII Thüringen, Anhalt, Provinz Sachsen Magdeburg
IX Lippe, Provinz Westfalen, Regierungsbezirk Osnabrück Münster/Westf.
X Rheinprovinz Köln
XI Hessen, Hessen-Nassau, Saarland, Rheinpfalz Wiesbaden
XII Württemberg, Baden Stuttgart
XIII Bayern, Sudetenland Reg.-Bez. Eger München
XIV Österreich (Alpen- und Donaugaue) Wien[2]
XV Reichsgau Danzig-Westpreußen Danzig
XVI Reichsgau Wartheland Posen

Unabhängig von seiner teilweise politischen Ausrichtung erwarb sich das Reichsamt für Landesaufnahme große Verdienste um die geodätische Grundlagenforschung und leistete den wesentlichen Beitrag zur späteren Vereinheitlichung der mitteleuropäischen Vermessungsnetze. Auch ein bis heute wichtiges geodätisches Bezugssystem, das ED50, beruht zu entscheidenden Teilen auf der Arbeit der Berliner Experten, die aus allen Teilen des Reiches geholt wurden und fast alle zu den Spitzenkräften von Nachkriegsdeutschland und auf zahlreiche Professuren berufen wurden. Diese – in weitgehender Ermangelung „politisch unbedenklicher“ Spitzenforscher entstandene – Tatsache ist, nicht unähnlich zu den Anfängen der Raumfahrt, anhand zahlreicher Curricula, Eingaben, verzögerter oder verhinderter Projekte oder Berufungen nachzulesen. Einige der (als politisch auch widerstrebenden) Betroffenen sind die späteren Geodäsieprofessoren Deutschlands und Österreichs Erwin Gigas, Friedrich Hauer, Max Kneissl, Karl Ledersteger und Helmut Wolf.

Literatur[Bearbeiten]

  • Albrecht, Oskar: Beiträge zum militärischen Vermessungs- und Kartenwesen und der Militärgeographie in Preußen (1803-1921), in: Schriftenreihe Geoinformationsdienst der Bundeswehr, Heft 1, 2004
  • Torge, Wolfgang: Geschichte der Geodäsie in Deutschland, Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-019056-4
  • Das Reichsamt für Landesaufnahme und seine Kartenwerke, Verlag des RfL, Berlin 1931
  • (Autorenexemplar): Das Reichsamt für Landesaufnahme und seine Tätigkeiten, Erläuterungen und Fotos, Verlag des RfL, Berlin
  • Mitteilungen des Reichsamts für Landesaufnahme, Verlag des RfL, 8.Jahrgang, Nr.2, Berlin 1932
  • Reichsministerium des Innern (Hrsg.): Planheft Großdeutsches Reich, Überblick über die Landesvermessungs- und Kartenwerke mit einem Beiheft Anlagen, Stollbergsche Buchdruckerei, Gotha 1944
  • Müller, Richard von: Das Reichsamt für Landesaufnahme vom Kriegsende bis zum Frühjahr 1934, Sonderheft 13 zu den Mitteilungen des Reichsamts für Landesaufnahme, Berlin 1936
  • Lang, Herbert: Deutschlands Vermessungs- und Kartenwesen, Aspekte seiner Entwicklung seit der Reichsgründung 1871, Schütze Engler Weber Verlags GbR, Dresden 2008, ISBN 978-3-936203-10-3

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Planheft Großdeutsches Reich
  2. siehe Militärgeographisches Institut