Reichsflugscheibe

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Eine Reichsflugscheibe ist ein fiktives untertassenförmiges Flug- und Raumfahrzeug, das in Mythen, Science-Fiction, Verschwörungstheorien und Comics auftaucht und diesen zufolge im nationalsozialistischen Deutschen Reich gebaut und getestet worden sein soll. Historisch und technisch sind keine Belege bekannt. Dennoch taucht das Thema in der pseudowissenschaftlichen Literatur als Beispiel für „Nazi-Technologie“ gelegentlich auf, auch unter zahlreichen anderen Bezeichnungen wie Rundflugzeug, Projekt Feuerball, Düsendiskus, Haunebu, Hauneburg-Gerät, VRIL, Kugelblitz, Andromeda-Gerät, Projekt „Die Glocke“, Repulsine (Repulsator), Flugkreisel oder Kugelwaffe.

Angebliche Konstruktion[Bearbeiten]

Neben der scheibenförmigen Bauform werden diesen Luftfahrzeugen teils enorme Flugleistungen zugeschrieben, die wiederum auf einer fortschrittlichen, bis heute nicht bekannten oder auch geheim gehaltenen Technologie beruhen würden. Die Grenzen zwischen Physik, Phantasie und Fälschung sind dabei fließend.

Reichsflugscheiben werden teils auch zusammen mit neuartigen U-Booten (Unidentifizierte Unterwasser-Objekte (USO)) erwähnt, wobei flug- und tauchfähige Kombinationen etwa für Vorfälle im Bermudadreieck verantwortlich gemacht werden.

Als Beweis werden gerne handgezeichnete Konstruktionsskizzen oder unscharfe Schwarzweißfotos vorgelegt, die auch im Internet zirkulieren (z. B. als „Hauneburg-Gerät“, „Haunebu“, „Vril“, „Andromeda-Gerät“, „V 7“ (Vergeltungswaffe 7) oder „RFZ“ (Rundflugzeuge)). Vollständige Beweise und Unterlagen, heißt es meist, seien vor Kriegsende vernichtet oder auch von den Alliierten mitgenommen und geheim gehalten worden.

Der Förster und Naturforscher Viktor Schauberger arbeitete, unter anderem im KZ Mauthausen, an der Entwicklung einer alternativen Antriebstechnologie namens Repulsine bzw. Forellenturbine, deren Funktionstüchtigkeit allerdings nie nachgewiesen werden konnte und welche in der Lage sein sollte, die Schwerkraft durch sog. freies Schweben zu überwinden.[1] Diese Repulsine wird häufig als Antrieb der Flugscheiben genannt.

Erklärungsversuche[Bearbeiten]

Der Mythos könnte bereits aus deutschen Experimenten mit Nurflüglern zum Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden sein. Belegt ist unter anderem die Existenz der Sack AS-6 von Arthur Sack, einem Flugzeug mit kreisrunder Tragfläche, dessen Startversuche im Februar 1944 allerdings nur zu kurzem Abheben führten. Heinrich Fleißner aus Augsburg hatte sich bereits 1943 mit diesem Thema befasst und mehrere Reichspatente auf diese Rundflugmaschinen erhalten. 1960 wurde das US-Patent freigegeben. Die Maschinen sollen flugfähig gewesen und von den USA auch im Serienversuch nachgebaut worden sein.

Eine neben rechtsesoterischen Milieutheorien verfolgbare Entstehungsgeschichte über Rundflugzeuge des Dritten Reiches liefert Andreas Epp.[2] Nach seinen Angaben sollen diese Flugmaschinen auf einer systematisch betriebenen Weiterentwicklung eines Antriebkonzepts beruhen, das mit dem Doppelrotor-Hubschrauber Focke-Wulf Fw 61 bereits erfolgreich getestet worden war. Aus seinem flugphysikalischen Hauptmerkmal, einem zur Geradeaus-Flugrichtung grundsätzlich horizontal rotierenden Propeller, sollen Experimentalfluggeräte abgeleitet worden sein, deren Antriebsmotor und Pilotenkanzel zuletzt im Zentrum von z. T. unterschiedlich ausgeführten Rotorscheibensystemen angeordnet waren. Der von Epp erwähnte Oberingenieur Georg Klein gibt in einem Zeitungsinterview an, dass unter seiner technischen Projektleitung gegen Ende 1944 in Prag zwar insgesamt drei unterschiedlich konstruierte Flugscheiben vorgelegen haben sollen, jedoch strenge Geheimhaltungsvorschriften ihre Zerstörung unmittelbar vor dem Eintreffen gegnerischer Streitkräfte erforderlich gemacht hätten.[3] Als Hauptgrund, warum man in der Nachkriegszeit Rundflugzeuge dieser Art nicht zur Serienreife brachte, nennt Klein unter Berufung auf den angeblichen Flugscheiben-Entwickler Giuseppe Belluzzo ihren völlig unrentablen Herstellungsaufwand gegenüber konventionellen Passagierflugzeugen. Epp stellt zur hinreichenden Manövrierfähigkeit dieser Rundflugzeuge deren Steuerungsproblematik in den Vordergrund.[4] Eine handfeste ingenieurwissenschaftliche, insoweit auch von den Siegermächten angebotene Grundlage zur fundierten Verifizierung und historischen Anerkennung dieser Art Reichsflugscheiben liegt jedoch nicht vor.

Andere Flugscheiben, etwa solche des deutschen Erfinders Friedrich Jebens, haben nicht einmal vom Boden abgehoben. Diese um ihren Mittelpunkt rotierende Konstruktion diente angeblich der gängigen Hollywood-Version vom UFO als Vorlage (z. B. in dem Film Mars Attacks).

Eine Reihe manntragender, scheibenförmiger Luftfahrzeuge wurde in den 1950er Jahren entworfen (z.B. die Avro Canada VZ-9AV). Keine dieser Konstruktionen ist jedoch je zufriedenstellend geflogen.

Medienrezeption[Bearbeiten]

Die Reichsflugscheibe wurde in der Nachkriegszeit im Zusammenhang mit der angeblichen Flucht von Nationalsozialisten nach Neuschwabenland in die Antarktis genannt.[5] Im März 1950 berichtete erstmals Der Spiegel über Nazi-Flugscheiben.[6] Von der Boulevardpresse wird die Reichsflugscheibe selten behandelt, nur Bild brachte am 6. Dezember 2004 dazu einen Aufmacher in der Druck- und Onlineausgabe. In Deutschland wird die Zeitung Ufo-Kurier vertrieben. Ein Dachverband im deutschsprachigen Raum war die Deutsche Ufo/Ifo-Studiengesellschaft (DUIST), die wiederum mit Hermann Oberth und dessen Hermann-Oberth-Gesellschaft verbunden war.

In verschiedenen Publikationen wird eine Verbindung zu den Legenden um Maria Ortisch und die Vril-Gesellschaft hergestellt.

Rechtsextreme Szene[Bearbeiten]

Teile der rechtsextremen Szene griffen das Thema auf. Dabei vermischen sich ein esoterischer und ein Nazi-Diskurs zur rechtsextremen Esoterik, einem Ideenkonglomerat, in dem der Mythos der Nazi-Flugscheiben gelegentlich auftaucht.[7] Der ehemalige SS-Mann Wilhelm Landig beschreibt beispielsweise in seinen Romanen das Thema der Flugscheiben, mit denen SS-Leute in die Antarktis (Neuschwabenland) geflohen seien, um ihren Kampf gegen die Freimaurerei fortzuführen. Der deutsch-kanadische Holocaustleugner Ernst Zündel hat unter dem Pseudonym Christof Friedrich ebenfalls zwei Bücher über diesen Mythos verfasst.

Die heute am weitesten verbreiteten Darstellungen von angeblichen deutschen Flugscheiben basieren auf den Publikationen der so genannten Tempelhofgesellschaft, insbesondere auf der Anfang der 90er von Ralf Ettl und Norbert Jürgen-Ratthofer verfassten Broschüre Das Vril-Projekt.[8] Die österreichischen Autoren trugen maßgeblich zur Herausbildung einer rechtsextremen Ufologie bei. So verwendeten die rechtsextremen UFO-Autoren D. H. Haarmann und O. Bergmann angebliche Zeichnungen von deutschen UFOs, die in den 1980er Jahren von Ralf Ettls Abraxas Videofilm Produktionsgesellschaft mbH verbreitet worden waren. Die Zeichnungen sind augenscheinlich von den Fotos in George Adamskis UFO-Klassikern inspiriert worden und dominieren heute die grafischen Darstellungen deutscher Flugscheiben. Auch die Bezeichnungen Vril und Haunebu gehen auf die Publikationen von Ettl und Jürgen-Ratthofer zurück. Die größte Verbreitung fanden die Ideen der Tempelhofgesellschaft zuerst durch die Schriften von Jan Udo Holey.

Film[Bearbeiten]

In der Retro-Science-Fiction-Filmkomödie Iron Sky (2012) werden hochentwickelte Reichsflugscheiben von Nazi-Wissenschaftlern und Soldaten für die Flucht von einer geheimen Polarstation in Neuschwabenland auf die Mondrückseite benutzt, um auf einer dort eingerichteten Basis die Eroberung der Erde vorzubereiten.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Christian Rabl: Das KZ-Aussenlager St. Aegyd am Neuwalde, Mauthausenstudien Band 6, Bundesministerium für Inneres, Abt. IV/7, 2008
  2. J. Andreas Epp: Die Realität der Flugscheiben, Peiting 2002.
  3. Werner Keller in Welt am Sonntag: Erste »Flugscheibe« flog 1945 in Prag; Ausgabe 26. April 1953.
  4. J. Andreas Epp, a.a.O., S. 16.
  5. Die Welt vom 6. Dezember 2008: History: Als Hitlers Hakenkreuzfahne am Südpol wehte
  6. Sie fliegen aber doch, Der Spiegel am 30. März 1950.
  7. Stefan Meining: Rechte Esoterik in Deutschland. Ideenkonstrukte, Schnittstellen und Gefahrenpotentiale. Vortrag, gehalten am 3. September 2002 auf dem Symposium „Politischer Extremismus als Bedrohung der Freiheit – Rechtsextremismus und Islamismus in Deutschland und Thüringen“, S. 45 ff. (online (PDF; 2,2 MB), Zugriff am 20. November 2012).
  8. Julian Strube: "Die Erfindung des esoterischen Nationalsozialismus im Zeichen der Schwarzen Sonne", in: Zeitschrift für Religionswissenschaft 20(2), 2012, S. 223-268.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Joseph Andreas Epp: Die Realität der Flugscheiben. Michaels-Verlag, Peiting 2002, ISBN 3-89539-605-2.
  •  Heiner Gehring, Karl-Heinz Zunneck: Flugscheiben über Neuschwabenland. Die Wahrheit über „Vril“, „Haunebu“ und die Templer-Erbengemeinschaft. Kopp, Rottenburg 2005, ISBN 3-938516-00-3.

Weblinks[Bearbeiten]