Reichston

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Reichston 1.jpg

Reichston ist der Name einer berühmten Strophenmelodie (Ton) im Repertoire des mittelhochdeutschen Spruchdichters Walther von der Vogelweide. Die drei politischen Spruchstrophen, die Walther zwischen 1198 und 1201 (oder auch zum Teil später) in diesem Ton verfasste, die „Reichssprüche“, werden deshalb verkürzt ebenfalls als Reichston bezeichnet.

Aufbau und Beschreibung[Bearbeiten]

Die drei Strophen im Reichston sind vor allem unter ihrer jeweiligen Anfangszeile ein Begriff:

  • Ich saz ûf eime steine (‚Ich saß auf einem Steine‘ – Reichsklage) (L. 8,4)
  • Ich hôrte diu (oder: ein) wazzer diezen (‚Ich hörte die (oder: ‚ein‘) Wasser rauschen‘ – Weltklage) (L. 8,28)
  • Ich sach mit mînen ougen (‚Ich sah mit meinen Augen‘ – Kirchenklage) (L. 9,16)

Sie bilden kein „Lied“, sondern eine lockere Strophen-/Versreihe, die durch inhaltliche Bezüge zusammengehalten wird. Sie sind wahrscheinlich nicht gleichzeitig entstanden.

Die Reichston-Strophen sind politische Äußerungen zu dem um 1200 tobenden Streit um die Thronfolge zwischen dem Staufer Philipp von Schwaben und dem Welfen Otto IV. Sie beziehen Stellung für Philipp und gegen päpstliche Interventionen.

Der bekannte 1. Spruch, ich saz, bringt eine allgemeine Klage über die Rechtsunsicherheit der Zeit, die nur durch ein starkes Königtum gebessert werden könnte, und ist daher nicht exakt datierbar. Diese allgemeine Aussage kann auch abschließend zu den beiden Sprüchen mit konkreten aktuellen Themen hinzugedichtet worden sein.

Gut datierbar ist nur der zweite Spruch, ich hôrte, da er 1198 (und zwar noch vor der Krönung Philipps am 8. September), entstanden sein muss.

Der dritte Spruch, Ich sach, entstand wohl anlässlich von Philipps Bannung 1201. Diskutiert wird, ob mit den „zwei betrogenen Königen“ in ich sach

  • Philipp und Otto gemeint seien (vorherrschende Lehrmeinung),
  • oder Philipp als deutscher König und der junge Friedrich als König von Sizilien; betrogen worden seien sie durch die Stellungnahme des Papstes für Otto IV., den Walther, so meinen die Vertreter dieser Meinung, zu Lebzeiten Philipps nicht als König anerkannt hätte.
  • oder der Spruch zehn Jahre später entstanden sei und die beiden „betrogenen Könige“ Otto IV. und Friedrich II. seien: Innozenz III. hatte, nach Philipps Tod (1208) 1209 Otto zum Kaiser gekrönt, aber schon 1211 gegen ihn zu Gunsten Friedrichs Stellung bezogen. Diese Deutung ist die am wenigsten wahrscheinliche, da die Charakterisierung des Papstes als „zu jung“ doch nur bald nach seinem Amtsantritt (1198) Sinn ergibt.

Die Autorenbilder Walthers im Codex Manesse und in der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift nehmen Bezug auf den Eingang des sogenannten ‚ersten‘ Spruches (Ich saz ûf eime steine).

Erster Spruch[Bearbeiten]

Ich saz ûf eime steine,
und dahte bein mit beine,
dar ûf satzt ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.
dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben;
deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der keines niht verdurbe.
diu zwei sind êre und varnde guot,
daz dicke ein ander schaden tuot;
das dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.
die wolte ich gerne in einen schrîn.
jâ leider, desn mac niht sîn,
daz guot und weltlich êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.
stîg unde wege sint in benomen:
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze:
fride unde reht sint sêre wunt.
diu driu enhabent geleites niht, diu zwei enwerden ê gesunt.

Ich saß auf einem Steine
und deckte Bein mit Beine.
Darauf der Ellbogen stand .
es schmiegte sich in meine Hand
das Kinn und eine Wange.
Da dachte ich sorglich lange,
dem Weltlauf nach und irdischem Heil,
doch wurde mir kein Rat zuteil:
wie man drei Ding erwürbe,
dass ihrer keins verdürbe.
Zwei Ding sind Ehr und zeitlich Gut,
das oft einander Schaden tut,
das Dritte Gottes Segen,
den beiden überlegen:
Die hätt ich gern in einem Schrein
doch mag es leider nimmer sein,
dass Gottes Gnade kehre
mit Reichtum und mit Ehre
zusammen ein ins gleiche Herz;
sie finden Hemmungen allerwärts:
Untreue liegt im Hinterhalt,
kein Weg ist sicher vor Gewalt,
so Fried als Recht sind todeswund,
und werden die nicht erst gesund, wird den drei Dingen kein Geleite kund.

dahte Präteritum von decken. – ‚ich deckte Bein mit Bein‘ = ‚ich schlug ein Bein über das andere‘. – dâhte Präteritum von denken. – satzte Präteritum von setzen. – ange ‚eng; mit ängstlicher Sorgfalt‘. – dehein ‚irgendein‘; hier ‚kein‘. – der deheines niht ‚deren irgendeines nicht‘ = ‚deren keines jemals‘. – varndiu guot ‚bewegliche (wörtlich: ‚fahrende‘) Güter‘. – übergulde ‚was mehr gilt (wert ist)‘. – mac ‚kann‘. – des en-mac niht sîn ‚das kann nicht sein‘ = ‚das ist unmöglich‘. – sâze ‚Hinterhalt‘. – vert ‚fährt‘ = ‚zieht dahin‘. – diu zwei enwerden gesunt ‚wenn die zwei nicht gesund würden‘ (Konjunktiv). Die Saße (auch Sasse) ist ein natürliches Weghindernis, abgelegen zwischen den Dörfern in Wald oder Wiesen, eine Wegverengung in einer Mulde oft mit einer Pfütze in der die Wagenräder der Reisenden (fahrendes Volk) gerne im Schlamm versackten, insbesondere wenn es gerade geregnet hatte. Genau das nannte man Sasse. Daher nutzten insbesondere Diebe diese Sassen um die Handelsreisenden zu überfallen, denn die Kaufleute saßen gewissermaßen in der Patsche. Walter von der Vogelweide meinte also, dass Weg und Steg aufgeweicht ineinander übergingen und Untreue in die Sasse (Patsche) führte.

Für diesen Spruch dient hier die Handschrift A (Kleine Heidelberger Liederhandschrift) als Leithandschrift. Dass er als Erster Reichsspruch bezeichnet wird, hängt mit seiner Bekanntheit zusammen und damit, dass er die Vorlage für das Bild Walthers in den Handschriften abgab; es bedeutet aber nicht, dass Walther ihn als ersten gedichtet haben muss. Er könnte auch abschließend, als letzter, entstanden sein.

Zweiter Spruch[Bearbeiten]

Ich hôrte ein wazzer diezen
und sach die vische fliezen;
ich sach swaz in der welte was,
welt valt loup rôr unde gras.
swaz kriuchet unde fliuget
und bein zer erde biuget,
daz sach ich, unde sage iu daz:
der keinez lebet âne haz.
daz wilt und daz gewürme
die strîtent starke stürme,
sam tuont die vogele under in,
wan daz si habent einen sin:
si dûhten sich ze nihte,
si enschüefen starc gerihte.
si kiesent künege unde reht,
si setzent hêrren unde kneht.
sô wê dir, tiuschiu zunge,
wie stât dîn ordenunge!
daz nû diu mugge ir künec hât,
und daz dîn êre alsô zergât.
bekêrâ dich, bekêre!
die cirkel sint ze hêre,
die armen künege dringent dich:
Philippe setze en weisen ûf, und heiz si treten hinder sich.

Ich hörte die Wasser rauschen
und sah die Fische schwimmen,
ich sah alles was in der Welt war:
Wald, Feld, Laub, Rohr und Gras.
Alles was schwimmt oder fliegt
oder Beine erdwärts biegt,
das sah ich und sage euch folgendes:
keines von denen lebt ohne Hass.
Das Wild und das Gewürm
fechten schwere Kämpfe aus,
ebenso tun es die Vögel untereinander;
nur in einer Hinsicht sind sie einer Meinung:
sie wären verloren,
wenn sie kein strenges Gerichtswesen einsetzten.
Sie wählen Könige und Rechtsordnung,
sie bestimmen, wer Herr und wer Knecht sein soll.
Deshalb wehe dir, deutscher Teil des Imperiums!
Wie steht es um deine Ordnung!
Wo doch sogar jede Mücke ihren König hat,
zerrint deine Ehre derart.
Bekehre dich, bekehre dich.
jene mit den Kronreifen sind zu stolz/übermächtig,
und die armen Könige bedrängen dich.
Philipp, setz den Waisen auf und befiehl ihnen zurückzutreten.

diezen ‚lärmen‘. – kiesen ‚wählen‘. – gewürme ‚Gewürm; Schlangen; Drachen‘. – ‚König der Mücke‘: der Adler als König aller fliegenden Tiere. – tiuschiu zunge: Rechtsterminus, der die Gebiete bezeichnet, in denen auf den Reichstagen die deutsche Sprache Gerichtssprache ist, also: ‚die Teile des Imperiums mit deutscher Gerichtssprache; Deutschland (im Gegensatz zu den italienischen und französischen Reichsteilen)‘

Keine der gängigen Ausgaben folgt bei diesem Spruch einer Leithandschrift, sondern man wägt von Fall zu Fall zwischen A (Kleine Heidelberger Liederhandschrift) und BC ab: B (Weingartner Liederhandschrift) und C (Große Heidelberger Liederhandschrift) bieten in den Reichssprüchen einen sehr ähnlichen Text, stammen also aus einer gemeinsamen Vorlage. Hier sind mehr BC-Lesarten gewählt als die auf Carl von Kraus zurückgehenden Ausgaben. Die wichtigste BC-Lesart ist im 1. Vers diu wazzer statt ein wazzer (A): dem Charakter des universalen Anspruches, alle Reiche der Natur zu kennen, wird sie besser gerecht.[1]

Dritter Spruch[Bearbeiten]

Ich sach mit mînen ougen
manne und wîbe tougen,
dâ ich gehôrte und gesach,
swaz iemen tet, swaz iemen sprach:
ze Rôme hôrte ich liegen
und zwêne künege triegen.
dâ von huop sich der meiste strît,
der ê wart oder iemer sît,
dô sich begunden zweien
die pfaffen unde leien.
dâz was ein nôt vor aller nôt:
lîp und sêle lag dâ tôt.
die pfaffen striten sêre,
doch wart der leien mêre.
diu swert diu leiten si dernider;
und griffen zuo der stôle wider:
si bienen die si wolten,
und niht den si solten.
dô stôrte man diu goteshûs.
ich hôrte verre in einer klûs
vil michel ungebære:
dâ weinte ein klôsenære,
er klagete gote sîniu leit:
„owê, der bâbest ist ze junc: hilf, hêrre, dîner kristenheit.“

Ich sah mit meinen eigenen Augen
heimlich (unsichtbar) alle Männer und Frauen,
so dass ich alles hören und sehen konnte,
was irgendjemand tat oder sprach.
In Rom hörte ich, wie man log
und zwei Könige betrog.
Daher erhob sich der größte Streit,
den es je gegeben hat,
als sich Kleriker und Laien
entzweiten.
Das war ein Unglück, größer als alle anderen,
denn in diesem Kampf verlor man Leib und Seele gleichzeitig.
Die Kleriker kämpften heftig,
doch wurden die Laien immer mehr.
Da legten sie die Schwerter nieder
und griffen wieder zur Stola.
Sie bannten die, die sie wollten,
und nicht den, den sie hätten bannen sollen.
Da (zer-?)störte man die Gotteshäuser.
Ich hörte in einer entlegenen Klause
arges Gejammer:
dort weinte ein Klausner,
der klagte Gott sein Leid:
„O weh, der Papst ist zu jung, hilf, Herr, deiner Christenheit.“

tougen ‚heimlich‘; leiten = legeten.

Dieser Spruch wird nach den Handschriften BC mit geringfügigen Korrekturen nach A ediert.

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Bein: Walther von der Vogelweide. Reclam, Stuttgart 1997, ISBN 3-15-017601-8.
  • Richard Kienast: Walthers von der Vogelweide ältester Spruch im ‚Reichston‘: ‚Ich hôrte ein wazzer diezen‘. In: Walther von der Vogelweide. Hrsg. Siegfried Beyschlag. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1971.
  • Marzo-Wilhelm Eric: Walther von der Vogelweide. Zwischen Poesie und Propaganda ; Untersuchungen zur Autoritätsproblematik und zu Legitimationsstrategien eines mittelalterlichen Sangspruchdichters. (=Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft Reihe B, Untersuchungen, 70), Frankfurt am Main 1998.
  • Helmut Lomnitzer, Hans-Dieter Mück: Walther von der Vogelweide. Die gesamte Überlieferung der Texte und Melodien. Litterae 7. Göppingen 1977, ISBN 3-87452-136-2.
  • Hermann Reichert: Walther von der Vogelweide für Anfänger 3., überarbeitete Auflage. facultas.wuv, Wien 2009, ISBN 978-3-7089-0548-8.
  • Günther Schweikle: Walther von der Vogelweide. Werke. 2 Bände. Reclam, Stuttgart 1998
    Bd. 1 ISBN 3-15-000819-0, Bd. 2, ISBN 3-15-000820-4.
  • Walther von der Vogelweide: Sämtliche Lieder, Friedrich Maurer (Hrsg.), Wilhelm Fink Verlag, München 6. unveränderte Auflage 1995, ISBN 3-7705-0797-5 (UTB 176, ISBN 3-8252-0167-8).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Reichert 2009, S. 149f.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Reichston – Quellen und Volltexte