Reichsuniversität Straßburg

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Stempel des Germanistischen Seminars der Reichsuniversität Straßburg, „Abteilung Germanenkunde und Skandinavistik“
Gedenktafel für die Opfer von August Hirt am Institut für Anatomieforschung

Die Reichsuniversität Straßburg, inoffiziell auch als „NS-Kampfuniversität Straßburg“ bezeichnet, wurde 1941 von den Nationalsozialisten im Elsass gegründet. Zum einen sollte eine Kontinuität zur deutschen Kaiser-Wilhelm-Universität, die vom Deutschen Reich getragen wurde, hergestellt werden, die zwischen 1872 und dem Versailler Vertrag existiert hatte. Zum anderen sollte Straßburg Zentrum der Westforschung werden. Diese sollte helfen, die westlichen Nachbarn an die neue europäische Ordnung zu binden und für die unter deutscher Führung entstehende Völkergemeinschaft zu gewinnen.[1] Die Reichsuniversität Straßburg wurde im Herbst 1944 bei der Wiedereroberung des Elsass durch die Franzosen nach Tübingen verlegt und durch die alte französische Universität ersetzt.

Die Anfänge[Bearbeiten]

In Straßburg bestand seit 1919 – nach der Schließung der Kaiser-Wilhelm-Universität – die "Université de Strasbourg" als französische Universität. Sie wurde nach Kriegsausbruch Anfang September 1939 nach Clermont-Ferrand evakuiert und dort mit Lehr- und Forschungsbetrieb unter gleichem Namen weitergeführt.[2]
Nach dem Waffenstillstand zwischen Frankreich und Deutschland im Juni 1940 und der Besetzung des Elsass sowie von Teilen Frankreichs durch deutsche Truppen und Sicherheitskräfte wurde eine Zivilverwaltung für das Elsass eingerichtet. Der Chef der Zivilverwaltung im Elsass, Robert Wagner, der zugleich auch als Reichsstatthalter für Baden agierte, ließ schon ab Juli 1940 Entwürfe und Planungen zur Gründung einer Universität in Straßburg erstellen, für die er die Zivilverwaltung im Elsass als eigen- und alleinverantwortliche Instanz betrachtete, nachdem Hitler der Zivilverwaltung unter Wagner die umfassende, Hitler direkt untergeordnete Verantwortung für das Elsass übertragen hatte.[3] In dieser Sache beanspruchten jedoch auch andere Stellen und Ministerien die Kompetenz und Verantwortung, besonders das Reichswissenschaftsministerium, dem im Kompetenzstreit mit Wagner im April 1941 die Zuständigkeit für die werdende Reichsuniversität zugesprochen wurde und welches ab diesem Zeitpunkt auch die Finanzierung übernahm.[4]

Gliederung[Bearbeiten]

Die Reichsuniversität Straßburg wurde - wie geplant - mit vier Fakultäten ausgestattet.[5]

Von 1941 bis zur Eroberung von Straßburg durch die Alliierten im November 1944 war der Augenheilkundler Karl Schmidt Rektor der Reichsuniversität.[6] Er war von 1936 bis 1939 bereits Rektor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn gewesen.[7] Der Jurist Georg Dahm fungierte als sein Prorektor.

Eröffnung[Bearbeiten]

Für die Eliteuniversität waren vom Reichswissenschaftsministierium wie vom Chef der Zivilverwaltung 112 Professorenstellen geplant,[8] was eine Bewerberflut nach sich zog. Zahlreiche Verwaltungs- und Parteidienststellen versuchten die Besetzung zu beeinflussen. Tatsächlich wurden nie alle Planstellen besetzt und konnten es auch bereits kriegsbedingt nicht mehr. Zu Beginn des Jahres 1942 z.B. lehrten nur 53 ordentliche und elf außerordentliche Professoren an der Reichsuniversität,[9] zum Wintersemester 1942/1943 zählt das entsprechende "Personal- und Vorlesungsverzeichnis" 56 ordentliche und 20 außerordentliche Professoren zum universitären Lehrkörper.[10]

Eröffnet wurde die Reichsuniversität Straßburg mit einem Festakt am (Sonntag) 23. November 1941 im Lichthof des Universitätshauptgebäudes. Zugegen waren Reichserziehungsminister Bernhard Rust, Reichsstatthalter Robert Wagner, Staatsminister Otto Meissner, zahlreiche Vertreter aus Partei, Wehrmacht und Staat und die Rektoren aller deutschen Hochschulen.

Der Rektor Karl Schmidt sah für die Universität durch Lage und Tradition besondere Aufgaben; sie solle helfen, „auf geistigem Gebiete den Westen von der inneren neuen Ordnung zu überzeugen und ihn für Europa zu gewinnen“. Rust forderte die Lehrenden und Lernenden auf, „in das Erbe der kämpfenden Geschlechter mit den Waffen des Geistes einzutreten und für eine Erneuerung kämpferischen, nur der Wahrheit verschworenen Forschergeistes eines erwachten Europas zu wirken.“

„Verdiente Männer aus dem Elsaß und dem Altreich“ wurden zu Ehrenbürgern der Reichsuniversität ernannt.[11]

Siehe auch: Straßburger SC-Kameradschaften

Lehrer[Bearbeiten]

An der Universität lehrten unter anderem der Kernphysiker Rudolf Fleischmann, der Theoretische Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, die Chemiker Walter und Ida Noddack, der Geologe Rudolf Otto Wilckens (1876–1943), die Staatsrechtler Ernst Rudolf Huber und Herbert Krüger, die Historiker Ernst Anrich, Günther Franz, Hermann Heimpel sowie als Assistent Hermann Löffler (1962-1973 Professor an der PH Heidelberg), der Kunsthistoriker Hubert Schrade, der Psychologe Hans Bender, der für seine Fleckfieberversuche an Häftlingen im KZ Natzweiler-Struthof bekannte Bakteriologe Eugen Haagen, der für seine Giftgasversuche an Häftlingen gleichenorts bekannte Internist Otto Bickenbach und der für Kampfstoffversuche an Menschen und die Ermordung von KZ-Häftlingen berüchtigte Anatom August Hirt.

Ende und Verlagerung[Bearbeiten]

Im August/September 1944 wurden erhebliche Mengen an Büchern und wissenschaftliche Geräten der Universität sowie die Sachausstattung aller naturwissenschaftlichen und teilweise der medizinischen Institute nach Tübingen und anderen Orten in Süddeutschland verlagert. Ende September 1944 wurden bei einem alliierten Luftangriff auf Straßburg die Versorgungsleitungen der Universitätsgebäude teilweise zerstört und nachfolgend Vorbereitungen zur Errichtung einer Außenstelle der Reichsuniversität Straßburg in Tübingen eingeleitet. Französisches wie amerikanisches Militär rückten überraschend am 23. November 1944 in Straßburg ein, wobei die Universitätsangehörigen größtenteils flüchteten und damit der Universitätsbetrieb endgültig zum Erliegen kam. Offiziell wurde die Reichsuniversität erst am 18. Dezember 1944 auf Anordnung des Reichwissenschaftsministerium nach Tübingen verlegt und nahm dort in sehr kleinem Umfang den Vorlesungsbetrieb wieder auf. Tübingen selber wurde am 19. April 1945 von französischem Militär besetzt, Ende Mai wurde den in Tübingen verbliebenen Angehörigen der Reichsuniversität gekündigt und verlagerte Bibliotheksbestände und Sachausstattung der Reichsuniversität von französischer Seite nach Straßburg abtransportiert - zugunsten der Université de Strasbourg.[12]

Literatur[Bearbeiten]

  • Christian Baechler, François Igersheim, Pierre Racine: Les „Reichsuniversitäten“ de Strasbourg et Poznan et les résistances universitaires, 1941–1944. Presses universitaires de Strasbourg, Strasbourg 2005, ISBN 2-86820-268-3.
  • Frank-Rutger Hausmann: Hans Bender (1907–1991) und das „Institut für Psychologie und Klinische Psychologie“ an der Reichsuniversität Straßburg. 1941–1944. Ergon-Verlag, Würzburg 2006, ISBN 3-89913-530-X (Grenzüberschreitungen 4).
  • Frank-Rutger Hausmann: Wissenschaftsplanung und Wissenschaftslenkung an der Reichsuniversität Straßburg. In: Noyan Dinckal, Christof Dipper, Detlev Mares (Hrsg.): Selbstmobilisierung der Wissenschaft. Technische Hochschulen im „Dritten Reich“. Darmstadt 2010, S. 187–230, ISBN 978-3-534-23285-7
  • Herwig Schäfer: Juristische Lehre und Forschung an der Reichsuniversität Straßburg 1941–1944. Mohr Siebeck, Tübingen 1999 (Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 23), ISBN 3-16-147097-4 (Rezension).
  • Joachim Lerchenmüller, Das Ende der Reichsuniversität Straßburg in Tübingen. in Bausteine zur Tübinger Universitätsgeschichte 10 (2005), S. 115–174.
  • Patrick Wechsler: La Faculté de Médecine de la „Reichsuniversität Strassburg“ (1941–1945) à l’heure nationale-socialiste. Dissertation, Faculté de Médecine, Université Louis Pasteur, Strasbourg 1991 (Volltext).
  • Teresa Wróblewska: Die Reichsuniversitäten Posen, Prag und Strassburg als Modelle nationalsozialistischer Hochschulen in den von Deutschland besetzten Gebieten. Marszalek, Toruń 2000, ISBN 83-7174-674-1 (Rezension).
  • Thomas Mohnike: Eine im Raum verankerte Wissenschaft? Aspekte einer Geschichte der „Abteilung Germanenkunde und Skandinavistik“ der Reichsuniversität Straßburg. In: NordeuropaForum 2010/1, S. 63–85.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. s. Schreiben Werner Best (Verwaltungschef beim Militärbefehlshaber Frankreich) 8. Mai 1942 an DFG zitiert bei Joachim Lerchenmüller, Das Ende der Reichsuniversität Straßburg in Tübingen. in Bausteine zur Tübinger Universitätsgeschichte Folge 10, Tübingen 2005, S. 116
  2. Herwig Schäfer: Juristische Lehre und Forschung an der Reichsuniversität Straßburg 1941-1944. Mohr Siebeck, Tübingen 1999. S. 17-18.
  3. Herwig Schäfer: Juristische Lehre und Forschung an der Reichsuniversität Straßburg 1941-1944. Mohr Siebeck, Tübingen 1999. S. 30-31.
  4. Herwig Schäfer, Juristische Lehre und Forschung an der Reichsuniversität Straßburg 1941-1944, S. 38, 43.
  5. Schäfer, Juristische Lehre und Forschung an der Reichsuniversität Straßburg 1941-1944, S. 35
  6. Ralf Forsbach: Die medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“. Oldenbourg Verlag, München 2006, S. 266ff., Dig.
  7. Rektoratsreden
  8. Schäfer, Juristische Lehre, S. 41.
  9. Schäfer, Juristische Lehre, S. 59.
  10. Reichsuniversität Straßburg: Personal- und Vorlesungs-Verzeichnis Winter-Semester 1942/1943. Heitz & Co. Verlag, Straßburg 1942. S. 17-23.
  11. Wilhelm Röhl: Die Wiedereröffnung der Universität Straßburg. Straßburger Schwabenblatt, 2. Kriegsausgabe 1941/42, Nr. 119/120, S. 2-4
  12. Schäfer, Juristische Lehre und Forschung an der Reichsuniversität Straßburg 1941-1944, S. 240-243.