Reichsuniversität Straßburg

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Stempel des Germanistischen Seminars der Reichsuniversität Straßburg, „Abteilung Germanenkunde und Skandinavistik“
Gedenktafel für die Opfer von August Hirt am Institut für Anatomieforschung

Die Reichsuniversität Straßburg, inoffiziell auch als „NS-Kampfuniversität Straßburg“ bezeichnet, wurde 1941 von den Nationalsozialisten im Elsass gegründet. Zum einen sollte eine Kontinuität zur deutschen Kaiser-Wilhelm-Universität, die vom Deutschen Reich getragen wurde, hergestellt werden, die zwischen 1872 und dem Versailler Vertrag existiert hatte. Zum anderen sollte Straßburg Zentrum der Westforschung werden. Diese sollte helfen, die westlichen Nachbarn an die neue europäische Ordnung zu binden und für die unter deutscher Führung entstehende Völkergemeinschaft zu gewinnen.[1] Die Reichsuniversität Straßburg wurde im Herbst 1944 bei der Wiedereroberung des Elsass durch die Franzosen nach Tübingen verlegt und durch die alte französische Universität ersetzt.

Eröffnung[Bearbeiten]

Für die Eliteuniversität wurden 100 Professorenstellen genehmigt, was eine Bewerberflut nach sich zog. Zahlreiche Verwaltungs- und Parteidienststellen versuchten die Besetzung zu beeinflussen. Eröffnet wurde die Reichsuniversität Straßburg mit einem Festakt am (Sonntag) 23. November 1941 im Lichthof des Universitätshauptgebäudes. Zugegen waren Reichserziehungsminister Bernhard Rust, Reichsstatthalter Robert Wagner, Staatsminister Otto Meissner, zahlreiche Vertreter aus Partei, Wehrmacht und Staat und die Rektoren aller deutschen Hochschulen.

Der Rektor Karl Schmidt sah für die Universität durch Lage und Tradition besondere Aufgaben; sie solle helfen, „auf geistigem Gebiete den Westen von der inneren neuen Ordnung zu überzeugen und ihn für Europa zu gewinnen“. Rust forderte die Lehrenden und Lernenden auf, „in das Erbe der kämpfenden Geschlechter mit den Waffen des Geistes einzutreten und für eine Erneuerung kämpferischen, nur der Wahrheit verschworenen Forschergeistes eines erwachten Europas zu wirken.“

„Verdiente Männer aus dem Elsaß und dem Altreich“ wurden zu Ehrenbürgern der Reichsuniversität ernannt.[2]

Siehe auch: Straßburger SC-Kameradschaften

Lehrer[Bearbeiten]

An der Universität lehrten unter anderem der Kernphysiker Rudolf Fleischmann, der Theoretische Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, die Chemiker Walter und Ida Noddack, der Geologe Rudolf Otto Wilckens (1876–1943), die Staatsrechtler Ernst Rudolf Huber und Herbert Krüger, die Historiker Ernst Anrich, Günther Franz, Hermann Heimpel sowie als Assistent Hermann Löffler (1962-1973 Professor an der PH Heidelberg), der Kunsthistoriker Hubert Schrade, der Psychologe Hans Bender, der für seine Fleckfieberversuche an Häftlingen im KZ Natzweiler-Struthof bekannte Bakteriologe Eugen Haagen, der für seine Giftgasversuche an Häftlingen gleichenorts bekannte Internist Otto Bickenbach und der für Kampfstoffversuche an Menschen und die Ermordung von KZ-Häftlingen berüchtigte Anatom August Hirt.

Von 1941 bis zur Eroberung von Straßburg durch die Alliierten im November 1944 war der Augenheilkundler Karl Schmidt Rektor der Reichsuniversität.[3] Er war von 1936 bis 1939 bereits Rektor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn gewesen.[4] Der Jurist Georg Dahm fungierte als sein Prorektor.

Literatur[Bearbeiten]

  • Christian Baechler, François Igersheim, Pierre Racine: Les „Reichsuniversitäten“ de Strasbourg et Poznan et les résistances universitaires, 1941–1944. Presses universitaires de Strasbourg, Strasbourg 2005, ISBN 2-86820-268-3.
  • Frank-Rutger Hausmann: Wissenschaftsplanung und Wissenschaftslenkung an der Reichsuniversität Straßburg. In: Noyan Dinckal, Christof Dipper, Detlev Mares (Hrsg.): Selbstmobilisierung der Wissenschaft. Technische Hochschulen im „Dritten Reich“. Darmstadt 2010, S. 187–230, ISBN 978-3-534-23285-7
  • Herwig Schäfer: Juristische Lehre und Forschung an der Reichsuniversität Straßburg 1941–1944. Mohr Siebeck, Tübingen 1999 (Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 23), ISBN 3-16-147097-4 (Rezension).
  • Joachim Lerchenmüller, Das Ende der Reichsuniversität Straßburg in Tübingen. in Bausteine zur Tübinger Universitätsgeschichte 10 (2005), S. 115–174.
  • Patrick Wechsler: La Faculté de Médecine de la „Reichsuniversität Strassburg“ (1941–1945) à l’heure nationale-socialiste. Dissertation, Faculté de Médecine, Université Louis Pasteur, Strasbourg 1991 (Volltext).
  • Teresa Wróblewska: Die Reichsuniversitäten Posen, Prag und Strassburg als Modelle nationalsozialistischer Hochschulen in den von Deutschland besetzten Gebieten. Marszalek, Toruń 2000, ISBN 83-7174-674-1 (Rezension).
  • Thomas Mohnike: Eine im Raum verankerte Wissenschaft? Aspekte einer Geschichte der „Abteilung Germanenkunde und Skandinavistik“ der Reichsuniversität Straßburg. In: NordeuropaForum 2010/1, S. 63–85.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. s. Schreiben Werner Best (Verwaltungschef beim Militärbefehlshaber Frankreich) 8. Mai 1942 an DFG zitiert bei Joachim Lerchenmüller, Das Ende der Reichsuniversität Straßburg in Tübingen. in Bausteine zur Tübinger Universitätsgeschichte Folge 10, Tübingen 2005, S. 116
  2. Wilhelm Röhl: Die Wiedereröffnung der Universität Straßburg. Straßburger Schwabenblatt, 2. Kriegsausgabe 1941/42, Nr. 119/120, S. 2-4
  3. Ralf Forsbach: Die medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“. Oldenbourg Verlag, München 2006, S. 266ff., Dig.
  4. Rektoratsreden