Reichwalde

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Ortsteil Reichwalde der Gemeinde Boxberg in Ostsachsen. Für weitere Bedeutungen siehe Reichwalde (Begriffsklärung).

51.38055555555614.6625136Koordinaten: 51° 22′ 50″ N, 14° 39′ 45″ O

Gemeinde Boxberg/O.L.
Höhe: 136 m ü. NN
Fläche: 14,87 km²
Einwohner: 558 (31. Dez. 2008)
Eingemeindung: 1. Januar 1999
Postleitzahl: 02943
Vorwahl: 035774

Reichwalde, obersorbisch Rychwałd, ist der östlichste Ortsteil der Gemeinde Boxberg/O.L. im Landkreis Görlitz in Ostsachsen.

Geographie[Bearbeiten]

Reichwalde ist umgeben vom Tagebau Reichwalde im Norden, Altliebel (Nappatsch) im Osten, Kreba und Tschernske im Süden, Klein-Radisch und Dürrbach im Südwesten und Kringelsdorf im Westen. Vor dem Aufschluss des Tagebaus Reichwalde lagen die Orte Schadendorf im Nordwesten, Wunscha im Norden, Publick, Zweibrücken und Mocholz im Nordosten sowie Altliebel und die Reichwalder Ziegelei im Osten.

Durch Reichwalde verläuft die Staatsstraße 131 (BoxbergRietschen), von der im Ort die Staatsstraße 153 nach Kreba abzweigt.

Aus östlicher Richtung fließt südlich des Dorfes der Schwarze Schöps. Ursprünglich vereinigten sich der Weiße und der Schwarze Schöps zwischen Reichwalde und in Richtung Kringelsdorf. Durch die Verlegung des Weißen Schöpses an den Nordrand des Tagebaus liegt dessen Mündung gegenwärtig einige Kilometer flussaufwärts zwischen Kringelsdorf und Boxberg. Es ist geplant, bis 2014 den Weißen Schöps ab Werda südlich am Tagebau entlangzuführen. Dadurch wird seine Mündung in den Schwarzen Schöps einige Kilometer flussaufwärts zwischen Kreba und Reichwalde liegen.

Geschichte[Bearbeiten]

Ortsgeschichte[Bearbeiten]

Bei umfangreichen archäologischen Ausgrabungen von 1993 bis 2001 sind in der Gemarkung mehrere urzeitliche Siedlungsplätze freigelegt worden, darunter die bisher ältesten der östlichen Oberlausitz. Neben Werk- und Siedlungsplätzen der Mittelsteinzeit und einigen Funden aus der Jungsteinzeit ist auch ein späteiszeitlicher Wald Ergebnis der Grabungen.

Reichwaldes Siedlungsform als Platzdorf lässt auf eine deutsche Siedlungsgründung während der zweiten Phase der deutschen Ostkolonisation im 13. Jahrhundert schließen. Urkundlich erstmals erwähnt wird Rychenwald 1364, bereits 1394 ist ein Rittergut nachweisbar („Apeczko residem in Richenwalde“), das 1399 der Familie von Metzradt gehört.

Im 14. und 15. Jahrhundert ist die Südgrenze der Herrschaft Muskau noch nicht in der Linie des Schwarzen und des Weißen Schöps gefestigt, so dass es auch in Reichwalde zu Reibereien mit den Muskauer Herren kommt. Nach einer Bitte schickt der Görlitzer Rat den Reichwaldern 1419 acht Schützen zu Hilfe.

Wie auch die Merzdorfer ist die Reichwalder Kirche ursprünglich eine Filialkirche der Klittener Pfarrkirche. Die Ordination eines evangelischen Pfarrers wird 1527 in einer Wittenberger Matrikel genannt. Der erste bekannte Lehrer und Kirchenchronist unterrichtet seit 1688.

Kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) fängt 1644 ein Haus beim Brotbacken Feuer, das sich rasch ausbreitet und die Hälfte der Bauernhäuser samt der Schenke einäschert. Ähnlich schwere Brände erlebt Reichwalde 1760, als das Oberdorf abbrennt, und 1868, als zwölf Gebäude ein Opfer der Flammen werden.

Zwei Kürassiere, die nach der Schlacht bei Kesselsdorf auf Heimaturlaub kommen, bringen 1745 die ersten Kartoffeln ins Dorf. Die unbekannte Frucht wird anfangs roh in Scheiben geschnitten und wie Käse auf Brot gegessen.

Kirche aus dem Jahr 1747

1747 wird die alte Holzkirche durch einen massiven Neubau ersetzt. In ihr sind die Nachbarorte Publick und Wunscha eingepfarrt, seit 1825 auch Schadendorf.

Ludwig Reichsgraf von Pückler, Vater des späteren Fürsten Hermann von Pückler-Muskau und von 1798 bis zu seinem Tod im Jahr 1811 Muskauer Standesherr, kauft im Dürrejahr 1804 das Gut Reichwalde zu einem relativ günstigen Preis. Dadurch kommt Reichwalde zum zweiten Mal an die Standesherrschaft Muskau, nachdem bereits Kurt Reinicke von Callenberg um 1650 kurzzeitig im Besitz des Gutes war. Auf Pücklers Kosten werden 1804 die Kirche und ihr Turm ausgebessert. Noch vor 1840 wird das als Erbgut für die Schwestern des Fürsten gekaufte Gut Reichwalde schuldenthalber wieder verkauft.

Nach den Befreiungskriegen kann das Königreich Preußen dem Königreich Sachsen große Landesteile abringen. Reichwalde kommt 1815 mit der nordöstlichen Oberlausitz an Preußen und wird im Folgejahr dem neugegründeten Landkreis Rothenburg (Provinz Schlesien) unterstellt.

Mit 215 Hektar besteht knapp ein Viertel der Flächen des Ritterguts aus Teichen, die zur intensiven Karpfenzucht genutzt werden. Im Jahr 1836 erhält die Gemeinde das Marktrecht und hält seitdem jährlich bis zu drei Vieh- und Krammärkte ab. Dadurch siedeln sich neben den Bauern auch Handwerker und Händler an, so dass Reichwalde recht bald über eine Brauerei, eine Dampfbrennerei, eine Ziegelei, einige Mühlen, mehrere Webstühle und fünf Wirtshäuser verfügt.

Da im östlich benachbarten Kirchspiel Daubitz nur noch deutsch gepredigt wird, werden 1858 die überwiegend sorbischen Dörfer Altliebel, Mocholz, Nappatsch Viereichen und Zweibrücken nach Reichwalde umgepfarrt, da dort jeden Sonntag nach dem deutschen noch ein sorbischer Gottesdienst gehalten wird. Durch einen Blitzschlag wird das Kircheninnere 1874 beschädigt. Während des Ersten Weltkriegs muss die Kirche 1917 ihre Glocken abliefern. Als Ersatz wird eine Glocke aus Kreba geliehen. Im August 1924 können drei neue Bronzeglocken geweiht werden.

Östlich des Ortes wird bei der ehemaligen Reichwalder Ziegelei Braunkohle abgebaut. Zusammen mit Eselsberg, Kringelsdorf und Wilhelmsfeld wird im September 1921 eine Stromversorgungsgenossenschaft gegründet, die schon im darauffolgenden Winter für das erste elektrische Licht sorgen kann.

Während des Zweiten Weltkriegs werden im Herrenhaus des Ritterguts Teile der V1- und V2-Raketen montiert. Als die Ostfront sich in den letzten Kriegswochen in die Lausitz verlagert, brennt die Kirche am 19. April 1945 aus. Sie kann erst 1948/1949 wieder aufgebaut werden.

Durch die Bodenreform wird der Gutsbesitz 1945 enteignet und neu aufgeteilt. Im Herrenhaus werden Kindergarten und Schule untergebracht und Wohnräume eingerichtet. Im März 1959 wird eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) gegründet, der 1960 alle bis auf zwei Bauern beigetreten sind.

Die Bekanntgabe, dass rund zwei Drittel von Reichwalde, darunter auch Kirche und Schule, einem Tagebau weichen müssen, sorgt bald für einen bald einsetzenden Bevölkerungsrückgang. Nach dem Bau des neuen Schulkomplexes in Boxberg wird die Reichwalder Schule geschlossen, im Gebäude wird eine „Station Junger Touristen“ untergebracht. Die Grundwasserabsenkung im Vorfeld des Aufschlusses des Tagebaus Reichwalde macht es notwendig, dass 1977 das gesamte Dorf ans zentrale Trinkwassernetz angeschlossen wird.

Durch die geänderte politische und wirtschaftliche Lage in der Wendezeit bleibt Reichwalde das Schicksal Nochtens erspart und der Tagebau wird am Ort vorbeigeführt. Daraufhin wird das Bergbauschutzgesetz aufgehoben und Reichwalde zum Förderdorf erklärt. Das alte Herrenhaus wird saniert und ein Landschulheim darin eingerichtet.

Zusammen mit den Gemeinden Klitten und Kreba-Neudorf (Kreis Niesky) bildet Reichwalde (Kreis Weißwasser) am 1. April 1994, vier Monate vor der Gründung des Niederschlesischen Oberlausitzkreises, den Verwaltungsverband Heidedörfer. Zum 1. Januar 1999 scheidet Reichwalde aus dem Verband aus und wird in die Gemeinde Boxberg als sechster Ortsteil eingegliedert.[1]

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten]

Jahr Einwohner
1825 [2] 510
1863 [3] 602
1871 726
1885 663
1905 695
1925 792
1939 722
1946 897
1950 868
1956 926
1964 855
1971 799
1988 576
1990 [4] 551
1995 667
1998 642
2002 625
2007 [5] 567
2008 558

1777 wirtschaften in Reichwalde 11 besessene Mann, 10 Gärtner und 36 Häusler.

Von der Volkszählung von 1825 bis zur Reichsgründung wächst die Bevölkerung um fast die Hälfte von 510 auf 726 Einwohner. Danach schwankt die Bevölkerungsgröße ein wenig, während 1885 noch rund 660 Einwohner gezählt werden, sind es 1925 fast 800 und 1939 nur noch etwa 720. Nach dem Krieg wächst die Gemeinde auf über 850 Einwohner an und selbst die Marke von 900 Einwohnern kann überschritten werden.

Durch den drohenden Tagebau ist der Bevölkerungsrückgang in den nächsten Jahrzehnten stärker als in anderen Orten, so dass die Bevölkerung bis 1990 um rund ein Drittel schrumpft. Durch verstärkten Neubau von Eigenheimen wächst die Zahl innerhalb von fünf Jahren um rund 20 % (über 100 Einwohner) an, danach setzt auch in Reichwalde der langsame Rückgang ein, der in vielen Gemeinden der Umgebung zu sehen ist.

Reichwalde ist ein ursprünglich sorbischer Ort, in dem auch sorbisch gesprochen wurde. Von den 625 Einwohnern, die der Ort 1884 hatte, bezeichneten sich 505 (80,8 %) als Sorben. Laut Arnošt Muka, der für diese Statistik den Ort aufsuchte, waren alle deutschen Einwohner Reichwaldes der sorbischen Sprache mächtig.

Mit der zunehmenden Germanisierung und Industrialisierung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stieg der deutsche Bevölkerungsanteil, so dass sich 1956 nur noch 184 der 926 Einwohner (19,9 %) als Sorben bezeichneten.[6]

Ortsname[Bearbeiten]

Der Ortsname, 1364 und 1404 als Rychenwald, 1394 als Richenwalde, 1430 und 1463 als Reichinwalde und 1569 als Reichwalde belegt, bezeichnet entweder eine ertragreiche Waldsiedlung oder die in einem Wald gelegene Siedlung eines Rīcho.

Der sorbische Name ist eine Sorabisierung des deutschen Namens, der unter anderem 1767 als Richwałd, 1800 als Rychwald und 1843 in seiner heutigen Form Rychwałd nachgewiesen ist.

Sprache[Bearbeiten]

Dadurch, dass in der Kirche noch lange sorbische Gottesdienste abgehalten wurden, konnte sich die sorbische Sprache in Reichwalde länger als anderswo halten. Noch 1891 sprechen drei Viertel der Schüler sorbisch, obwohl der Schulunterricht auf Anordnung der preußischen Regierung nur in deutscher Sprache gehalten werden darf.

Die sorbische Sprache findet im heutigen Alltag kaum noch Anwendung, ist jedoch noch immer Bestandteil der Identität der sorbischen Bevölkerung. Gemeinsam mit dem (inzwischen devastierten) Wunscha hatte Reichwalde eine Mundart aufzuweisen, die zum nordöstlichen Heidedialekt der obersorbischen Sprache gehört. Das Sprachgebiet dieser Mundart umfasste auch Kringelsdorf im Westen und Mocholz im Osten. Im Nordwesten schließt sich der Nochtener Dialekt und im Norden der Muskauer Dialekt an. Die beiden Übergangsdialekte wirkten sich dabei derart aus, dass die Reichwalder Mundart einige Eigenheiten gegenüber den anderen obersorbischen Dialekten herausbildete. So fehlen gebräuchliche obersorbische Bezeichnungen wie beispielsweise pjeršč (‚Mutterboden‘) oder zaportk (‚verdorbenes Ei‘), während Bezeichnungen der Übergangsdialekte wie dobotk (‚Vieh‘, obersorbisch skót) verwendet werden.[6]

Quellen und weiterführende Literatur[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Von der Muskauer Heide zum Rotstein. Heimatbuch des Niederschlesischen Oberlausitzkreises.. Lusatia Verlag, Bautzen 2006, ISBN 978-3-929091-96-0, S. 266 f.
  •  Robert Pohl: Heimatbuch des Kreises Rothenburg O.-L. für Schule und Haus. Buchdruckerei Emil Hampel, Weißwasser O.-L. 1924, S. 207 ff.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 1999
  2. Reichwalde im Digitalen Historischen Ortsverzeichnis von Sachsen
  3. Von der Muskauer Heide zum Rotstein, S. 266.
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatRegionalregister Sachsen. Abgerufen am 1. Februar 2009.
  5. Angabe des Einwohnermeldeamtes Boxberg/O.L.
  6. a b  Helmut Faßke, Siegfried Michalk: Sorbische Dialekte VIII: Reichwalde und Wunscha, Kreis Weißwasser. Domowina-Verlag, Bautzen 1970.

Weblinks[Bearbeiten]