Reid-Methode

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Die Reid-Methode (englisch Reid technique) ist eine Vernehmungsmethode zur Befragung von Personen, die einer Straftat verdächtigt werden. Sie wurde im Jahr 1948 von ihrem Namensgeber John E. Reid, einem Chicagoer Polizeibeamten, entwickelt. Die Bezeichnung Reid-Methode ist eine geschützte Marke der von ihm gegründeten Firma, die bis heute Schulungen in der Methode anbietet.

Methode[Bearbeiten]

Die Reid-Methode, deren primärer Zweck es ist, ein Geständnis zu erlangen, kann in drei Phasen unterteilt werden. In der ersten Phase wird in einer Art Vorbefragung ein Benehmens-Analyse-Interview (BAI) mit dem Verdächtigen durchgeführt. Anhand eines standardisierten Fragenkatalogs wird versucht, auffällige körperliche und psychische Reaktionen des Verdächtigen durch harmlose und sogenannte verhaltensprovozierende Fragen zu provozieren, und diese anschließend mit einer weiteren Ermittlungsperson auf Glaubwürdigkeit oder vermutliche Tatbeteiligung analysiert. Das dabei registrierte Verhalten ist bei Reid bezüglich Auftreten, Einstellung, verbalen und nonverbalen Verhaltens von wahrheitsgemäß aussagenden und täuschenden Verdächtigen kategorisiert, so dass anhand dieser Kriterien der Verdächtige eingeschätzt werden soll. Dies dient zum einen dazu, zu entscheiden, ob der Tatverdacht aufrechterhalten wird und in Phase zwei übergegangen werden soll, oder ob der Verdacht zunächst verworfen werden soll. Zum anderen werden anhand der Verhaltensanalyse psychologische Eckpunkte ermittelt, die strategisch für die Befragung in Phase zwei ausgenutzt werden können.

In der zweiten Phase findet die eigentliche Vernehmung statt, die in neun Stufen gegliedert ist:

  1. Direkte Konfrontation mit der Tat. Dem Verdächtigen soll verdeutlicht werden, dass die Polizei unwiderlegbare Beweise gegen ihn hat. Ihm soll nun früh Gelegenheit gegeben werden, sich zu erklären.
  2. Es soll dem Verdächtigen die Möglichkeit gegeben werden, die Verantwortung für die Tat einer dritten Person zuzuordnen oder rechtfertigende Umstände anzuführen. Es soll ihm Gelegenheit gegeben werden, die Tat zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Die zu diesem Zweck von den Beamten vorbereiteten Tatszenarien sollen auch dazu führen, den Hauptschuldigen in einem größeren Täterkreis auszumachen.
  3. Der Verdächtige soll davon abgehalten werden, seine Schuld zu leugnen. Die Theorie dahinter: Je häufiger der Verdächtige sagt: "Ich war es nicht!", desto mehr verfestigt sich sein Widerstand, und desto schwieriger ist es, ein Geständnis zu erlangen.
  4. An diesem Punkt versucht häufig der Verdächtige zu erklären, warum er nicht der Täter sein kann. Dieses Gespräch soll dann, falls möglich, in Richtung eines Geständnisses geleitet werden.
  5. Aufmerksamkeit erregen, damit der Verdächtige empfänglich wird.
  6. Der Verdächtige wird nun leiser und ist aufnahmebereit. Der Vernehmer soll nun Alternativen anbieten. Falls der Verdächtige weint, soll daraus ein Schuldeingeständnis abgeleitet werden.
  7. Zwei Alternativen zu Tatabläufen sollen angeboten werden, eine davon weniger sozial akzeptierbar als die andere. Gibt der Verdächtige die weniger belastende Alternative zu ("Ja, es stimmt, es war ein Unfall, ich wollte sie nicht umbringen...") ist eine Tatbeteiligung erwiesen. An dieser Stelle wird aber häufig noch eine Tatbeteiligung bestritten.
  8. Legt der Verdächtige ein Geständnis ab, so soll er dazu gebracht werden, es vor Zeugen zu wiederholen. Das Geständnis soll durch bestätigende Angaben zu Tatmerkmalen gestützt werden.
  9. Das Geständnis soll protokolliert oder aufgezeichnet und vom Verdächtigen abgezeichnet werden.

Die dritte Phase dient der schriftlichen Protokollierung des Geständnisses.

Kritik[Bearbeiten]

Von Strafverteidigern und Strafrechtsexperten im europäischen Raum wird die Reid-Methode kritisch gesehen. Sie führt zu einer hohen Rate von falschen Geständnissen bei Verdächtigen, die aufgrund ihrer Persönlichkeit den polizeilichen Verhörmethoden wenig entgegensetzen können. Aus diesem Grunde ist diese Methode in mehreren europäischen Ländern insbesondere bei der Befragung von Kindern und Jugendlichen untersagt. In Deutschland verstößt sie gegen Bestimmungen der StPO, da sie schon vom Konzept her mit Täuschungen und Drohungen arbeitet und Belehrungspflichten missachtet.[1]

Anwendung in Deutschland[Bearbeiten]

In der Reid-Methode wurden mehrere deutsche Strafverfolgungsbehörden geschult. So testete das bayerische Innenministerium 1999 diese Methode und führte sie nach kostenpflichtigen Schulungen durch Referenten der Firma Reid in der Kriminalpolizei ein. Sie wurde laut Hinweisen bei heute kritisch kommentierten Aufklärungen von Kriminalfällen (z.B. der Fall Peggy Knobloch) verwendet.[2]

Literatur[Bearbeiten]

  • Reid, J.E. (1992): Die Reidmethode. Befragungs- und Vernehmungsstrategien. John E. Reid & Associates, Inc. Chicago.
  • Reid, J.E. (1999): Die Reid-systematischen Befragungs- und Vernehmungsstrategien. Deutsches Handbuch zur Methode. John E. Reid & Assiociates, Inc. Chicago.
  • Heiko Artkämper / Karsten Schilling: Vernehmungen - Taktik, Psychologie, Recht. 2. Auflage 2012, 368 Seiten, kartoniert, Verlag Deutsche Polizeiliteratur, ISBN 978-3-8011-0665-2 (1. Auflage, S. 85 ff.)
  • Andreas Geipel: Handbuch der Beweiswürdigung. 1. Auflage 2008, 1200 Seiten, gebunden, ZAP-Verlag, ISBN 978-3-89655-418-5, S. 946 ff.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Strafverteidiger wiki
  2. "Der Fall Peggy". Interview mit Christoph Lemmer auf Telepolis