Reinhold Niebuhr

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Karl Paul Reinhold Niebuhr (* 21. Juni 1892 in Wright City, Missouri; † 1. Juni 1971 in Stockbridge, Massachusetts) war ein einflussreicher US-amerikanischer Theologe, Philosoph und Politikwissenschaftler.

Leben[Bearbeiten]

Niebuhr stammte aus einem deutsch-US-amerikanischen Pfarrhaus und wurde nach dem Studium am Eden Theological Seminary und am Elmhurst College 1913 zum Pfarrer der in der unierten Tradition stehenden German Evangelical Synod of North America, einer Vorgängerkirche der United Church of Christ, ordiniert. Nach Abschluss seines Aufbaustudiums in Yale wurde er 1915 zum Pfarrer einer Gemeinde in Detroit berufen. Ab 1928 lehrte er am Union Theological Seminary in New York, wo er 1930 eine ordentliche Professur erhielt, die er bis zu seiner Emeritierung 1960 innehatte. 1933 setzte er sich dafür ein, dass Paul Tillich nach seiner Emigration aus Deutschland eine Professur am Union Theological Seminary erhielt.

1931 heirateten Reinhold Niebuhr und Ursula Keppel-Compton; der Ehe entstammen ein Sohn und eine Tochter.

Sein Bruder Richard Niebuhr (1894–1962) war ebenfalls Theologe.

Werk und Bedeutung[Bearbeiten]

Zunächst von der Social-Gospel-Bewegung geprägt, erarbeitete Niebuhr später eine eigene Grundposition, die er "christlicher Realismus" nannte. Er verbindet eine Orientierung an kollektiven Interessen mit dem Leitbegriff der Gerechtigkeit. Beeinflusst von Augustins philosophischem Dualismus entwickelte Niebuhr ein dialektisches anthropologisches Konzept. Dieses beinhaltet die Erkenntnis, dass der Mensch durch seine intellektuelle Freiheit die Fähigkeit zur Herstellung des Guten wie des Bösen habe. Der Mensch sei durch seine reflexiven Fähigkeiten dazu verdammt, sich seinen Lebenssinn selbst zu kreieren. Da Endlichkeit und Knappheit die Rahmenbedingungen seines Handelns sind, wird der Mensch zu aus Selbstgerechtigkeit und Stolz geborenen Taten verführt. Auf der Ebene der internationalen Politik führt dies zu imperialistischem Handeln mächtiger Nationen.

Niebuhr kritisierte nicht nur den falschen Utopismus des Kommunismus, der zu Despotismus führe, sondern auch die selbstgerechte Anmaßung der USA, sich als auserwählte Nation zu fühlen. Machtausübung führe immer auch zu moraldefizitärem Verhalten. Heutzutage berufen sich sowohl Liberale wie Barack Obama[1] als auch Neokonservative[2] auf Niebuhr.

1964 erhielt Niebuhr die Presidential Medal of Freedom.

Siehe auch[Bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Moral Man and Immoral Society: A Study of Ethics and Politics, Charles Scribner's Sons (1932), Westminster John Knox Press 2002: ISBN 0-664-22474-1;
  • Interpretation of Christian Ethics, Harper & Brothers (1935)
  • Beyond Tragedy: Essays on the Christian Interpretation of History, Charles Scribner's Sons (1937), ISBN 0-684-71853-7 (Deutsch: Jenseits der Tragödie : Betrachtungen zur christlichen Deutung der Geschichte. München : Kaiser 1947)
  • The Nature and Destiny of Man: A Christian Interpretation, from the Gifford Lectures, (1941), Volume one: Human Nature, Volume two: Human Destiny, 1980 Prentice Hall vol. 1: ISBN 0-02-387510-0; Neuausgabe 1996: ISBN 0-664-25709-7
  • The Children of Light and the Children of Darkness, Charles Scribner's Sons (1944): Neuausgabe 2011, eingeleitet v. Gary Dorrien: ISBN 978-0-226-58400-3 (Deutsch: Die Kinder des Lichts und die Kinder der Finsternis : Eine Rechtfertigung der Demokratie und eine Kritik ihrer herkömmlichen Verteidigung. München : Kaiser 1947)
  • Discerning the signs of the times. Sermons for to-day and to-morrow. Charles Scribner's Sons 1946 (Deutsch: Die Zeichen der Zeit : Predigten für heute und morgen. München : Kaiser 1948)
  • Faith and History (1949) ISBN 0-684-15318-1 (Deutsch: Glaube und Geschichte : Eine Auseinandersetzung zwischen christlichen und modernen Geschichtsanschauungen. München : P. Müller 1951)
  • The Irony of American History, Charles Scribner’s Sons (1952); Neuausgabe 2008 mit Einleitung v. Andrew J. Bacevich: ISBN 978-0-226-58398-3
  • Christian Realism and Political Problems (1953) ISBN 0-678-02757-9 (Deutsch: Christlicher Realismus und politische Probleme. Stuttgart : Evang. Verl.-Werk 1956)
  • The Self and the Dramas of History, Charles Scribner’s Sons (1955)
  • Love and Justice: Selections from the Shorter Writings of Reinhold Niebuhr, hrsg. v. D. B. Robertson (1957), Westminster John Knox Press 1992 reprint, ISBN 0-664-25322-9
  • Pious and Secular America (1958) ISBN 0-678-02756-0 (Deutsch: Frömmigkeit und Säkularisation. Gütersloh : Mohn 1962)
  • The Structure of Nations and Empires (1959) ISBN 0-678-02755-2 (Deutsch: Staaten und Grossmächte : Probleme staatlicher Ordnung in Vergangenheit und Gegenwart. Gütersloh : Mohn 1960)
  • Reinhold Niebuhr on Politics: His Political Philosophy and Its Application to Our Age as Expressed in His Writings, hrsg. v.Harry R. Davis and Robert C. Good. (1960)
  • A Nation So Conceived: Reflections on the History of America From Its Early Visions to its Present Power. Charles Scribner’s Sons (1963)
  • The Essential Reinhold Niebuhr: Selected Essays and Addresses, hrsg. v. Robert McAffee Brown (1986). Yale University Press, ISBN 0-300-04001-6

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. "Obama's Favorite Theologian? A Short Course on Reinhold Niebuhr", "Pew Research" (26 June 2009).
  2. Novak, Michael.Father of Neoconservatives: Nowadays, the Truest Disciples of the Liberal Theologian Reinhold Niebuhr Are Conservatives. National Review, Vol. 44, May 11, 1992.