Religiöse Rechte
Der Ausdruck Religiöse Rechte bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die aus religiöser Überzeugung politisch zugunsten eines Konservativismus tätig sind. Oft ist damit die „Christian right“ (politisch rechte Christen) in den USA gemeint, aber die Bezeichnung wird auch auf die Situation in anderen Ländern übertragen sowie auf nationalreligiöse Juden, nationalistische Hindus (Hindutva, Sangh Parivar) und Islamisten angewandt.
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Entstehung und Einfluss[Bearbeiten]
Die neue christliche Rechte entstand in den Vereinigten Staaten in den 1970er Jahren durch Kooperation von Neokonservativen mit evangelikal-fundamentalistischen Geistlichen und Fernsehpredigern wie Jerry Falwell und Tim LaHaye. Die christliche Rechte in den USA rekrutiert sich außerdem zu einem kleinen Teil aus konservativen Katholiken.[1][2] Anfang der 1990er begannen christliche Rechte, sich viel stärker als „politische” Bewegung zu organisieren. Anstelle von Geistlichen und Predigern übernahmen nun Anwälte und Politiker Führungsrollen. Zu den zentralen Strategien in dieser Phase gehörten vor allem der Aufbau rechter Think Tanks sowie die Infiltration und Unterwanderung der Republikanischen Partei und die Wahlunterstützung republikanischer Kandidaten. So erhielt George W. Bush etwa ein Drittel seiner Stimmen von religiösen Rechten.[2] Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs werden durch die religiöse Rechte entscheidend beeinflusst.[3] Richter, die der religiösen Rechten nahestehen oder ihr angehören, treffen dabei deutlich konservativere Entscheidungen hinsichtlich Geschlechterdiskriminierung und der Todesstrafe als andere Richter.[4]
Der Einfluss der Religiösen Rechten in den USA ging 2008 vorübergehend zurück.[5] Vor allem junge Gläubige fallen von den konservativen Kirchenführern ab.[6]
In jüngster Zeit findet sich auch eine eschatologisch begründete Unterstützung für eine unnachgiebige israelische Politik gegenüber den Palästinensern und seinen anderen Nachbarn als Thema der Agitation dieser Gruppierungen. (→ Christlicher Zionismus)
Organisationen[Bearbeiten]
Die 1979 gegründete Vereinigung Moral Majority (dt. „moralische Mehrheit”) von Jerry Falwell war eine der ersten Organisationen der religiösen Rechten in den Vereinigten Staaten. Im selben Jahr entstanden die Lobbygruppen Christian Roundtable (dt. „christliche Runde”) und Christian Voice (dt. „christliche Stimme”).[7][8] Die Christian Roundtable bemühte sich hauptsächlich darum, führende Politiker mit wichtigen religiösen Rechten zusammenzubringen. 1980 organisierte die Gruppe ein Treffen zwischen konservativen Republikanern, darunter Ronald Reagan, und protestantischen Fundamentalisten, zu denen W. A. Criswell, der ehemalige Präsident der Southern Baptist Convention, zählte.[7] Die Christian Voice, die ein Jahr nach ihrer Gründung 187.000 Mitglieder aufwies, machte es sich zur Aufgabe, die „Moral” von Amtsträgern zu beurteilen. Dazu entwickelte die Gruppe eine „Moral-Skala” mit 14 Schwerpunktthemen. Die Christian Voice war gegen Abtreibung, Quotenregelungen für ethnische Minderheiten, Busbeförderung von Schulkindern in andere Bezirke zur Förderung der Desegregation, das Bildungsministerium der Vereinigten Staaten, Rechte für Homosexuelle, die SALT II-Verträge, Pornografie, Sexualunterricht und eine Reihe weiterer Themen. Politiker, die in genügend dieser Punkte mit der Christian Voice übereinstimmten, wurden als „moralisch” eingestuft, wobei Republikaner eher diesem Standard entsprachen als Demokraten.[7]
Weitere Organisationen der religiösen Rechten in den Vereinigten Staaten sind die Christian Coalition of America, der Family Research Council, Focus on the Family, Concerned Women for America und das Eagle Forum.[9][10] Der Spiegel zählt die Southern Baptist Convention in den Vereinigten Staaten zur „Speerspitze“ der Religiösen Rechten.[6]
Positionen[Bearbeiten]
Homosexualität[Bearbeiten]
Vertreter der religiösen Rechten in den USA sind überwiegend intolerant gegenüber Homosexuellen eingestellt und lehnen gleichgeschlechtliche Ehen ab.[11][12] Religiöse Rechte hinderten Bill Clinton in seiner ersten Atmszeit daran, ein Verbot von Homosexuellen im Militär aufzuheben.[13] Sie mobilisierten Republikaner, Verteranengruppen und Insider im Militär, die behaupteten, die Präsenz von lesbischen Soldatinnen und schwulen Soldaten würde sich störend auf die heterosexuelle Institution des Militärs und negativ auf die Truppenmoral auswirken.[12]
Die zur religiösen Rechten gehörende Westboro Baptist Church veranstaltet regelmäßig Demonstrationen gegen Lesben und Schwule.[14] Während dem Begräbnis von Matthew Shepard, ein Student aus Wyoming, der wegen seiner sexuellen Orientierung ermordet wurde, protestierten Anhänger der Westboro Baptist Church gegen Homosexualität, riefen Beleidigungen und Hate Speech und hielten Schilder hoch, auf denen stand „No Fags in Heaven”, „Matt in Hell” und „AIDS cures faggots”.[14][15] Das Family Research Council, eine der führenden Lobbyorganisationen der religiösen Rechten, distanzierte sich zwar von den Methoden der Anhänger, teilte jedoch ihr Entsetzen vor einer angeblichen „Homosexual Agenda” und gab an, dass Homosexuelle, die keine Reue zeigen, „das Reich Gottes nicht erben” würden.[14]
Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch[Bearbeiten]
Ein zentrales Anliegen von religiösen Rechten ist seit den 1970ern und insbesondere seit Roe v. Wade die Ablehnung des Rechts auf die Abtreibung.[16] Bereits Ronald Reagan hatte sich in seinem Wahlkampf für ein verfassungsrechtliches Verbot von Abtreibungen ausgesprochen.[17]
Die 1986 von Randall Terry und anderen religiösen Rechten gegründete Organisation Operation Rescue (dt. „Operation Rettung”) sah Abtreibung als „ein Holocaust am ungeborenen Leben”. Mitglieder der Operation Rescue nutzen militante Mittel wie Einschüchterung und körperliche Belästigung, um Frauen und Ärzte tage- bis wochenlang am Betreten von Abtreibungskliniken, von den Aktivisten u.a. als „Tötungszentren” bezeichnet, zu hindern und sie in „Schwangerschaftsberatungen” vor „Kindesmord” abzuhalten. Zu den größten Aktionen dieser Gruppe gehörten Proteste in Atlanta während der Democratic National Convention 1988 und eine 46 Tage andauernde „Blockade” in Wichita (Kansas) im Jahr 1991.[18][19][20]
Die Bemühungen, Abtreibung verbieten zu lassen, nahmen während der Präsidentschaft von George W. Bush deutlich zu.[16] Viele der wichtigsten Posten der Bush-Administration wurden an Vertreter der religiösen Rechten vergeben. Diese nahmen direkten und indirekten Einfluss auf politische Entscheidungen, indem sie beispielsweise mitbestimmten, welche Kandidaten für den Supreme Court sowie untergeordnete Gerichtshöfe nominiert wurden.[16] Darüber hinaus versuchten sie, die öffentliche Meinung dadurch zu beeinflussen, dass sie auf Webseiten der Regierung falsche Informationen einstellten, so etwa Behauptungen, dass Abtreibung Brustkrebs und Geisteskrankheiten verursacht.[16][21]
In dieser Zeit weiteten religiöse Rechte ihre Kampagne gegen reproduktive Rechte aus und wandten sich zunehmend auch gegen Empfängnisverhütung und insbesondere die Antibabypille. Sie definierten den Beginn einer Schwangerschaft um und fingen an, die Pille danach als eine Form von Abtreibung darzustellen. So waren christliche Rechte entschieden gegen einen Zulassungsantrag für eine rezeptfreie Ausgabe der Pille danach mit der Begründung, bei dem Medikament handele es sich um ein Abortivum, das Promiskuität bei weiblichen Jugendlichen begünstige.[16]
Equal Rights Amendment und Feminismus[Bearbeiten]
Die christliche Rechte in den Vereinigten Staaten war zentral am Scheitern des Equal Rights Amendment (ERA), ein Verfassungszusatz zur Gleichberechtigung von Frauen, beteiligt.[22][23] Das rechtsreligiöse Eagle Forum wurde mit dem ausdrücklichen Ziel gegründet, die Ratifikation des ERA zu verhindern.[24] Das vom Kongress verabschiedete ERA genoss breite Unterstützung in der amerikanischen Bevölkerung. Dennoch gelang es der Gründerin des Eagle Forum, Phyllis Schlafly, gemeinsam mit antifeministischen Organisationen durch Petitionen und Lobbying die Annahme des ERA in Schlüsselstaaten zu verhindern und einige Parlamente zur Rücknahme ihrer bereits erteilten Zustimmung zu bewegen. Die vom Kongress gesetzte Ratifikationsfrist lief 1982 ab und das ERA war gescheitert.[2]
Pat Robertson, Gründer der Christian Coalition of America, hielt ein verfassungsrechtliches Verbot von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts für „gefährlich”. Das ERA berge nicht nur die „Gefahr” von Frauenrechten, sondern auch von Rechten für Homosexuelle. In einem Spendenaufruf zur Bekämpfung des ERA in Iowa schrieb er: „Die feministische Agenda kümmert sich nicht um Frauenrechte. Es handelt sich hierbei um eine sozialistische, antifamiliäre Bewegung, die Frauen dazu auffordert, ihre Ehegatten zu verlassen, ihre Kinder zu töten, Hexerei zu betreiben, den Kapitalismus zu zerstören und Lesben zu werden.”[25] Jerry Falwell, Gründer der Moral Majority, war der Meinung, dass das ERA durch die Vorschrift absoluter Gleichberechtigung Frauen viele „Sonderrechte” nehmen würde. Der Feminismus sei die eigentliche Ursache von Scheidungen, weil Frauen nach „Selbstverwirklichung” strebten. „Wenn wir Frauen vom öffentlichen Leben aussschließen, ist das nicht, weil wir auf sie verzichten wollen, sondern weil wir ihnen ihre wesentliche Ehre zurückgeben möchten... Die herausragendste und höchste Berufung von Frauen ist immer als Frau und Mutter”, so Falwell.[25] Auch Howard Phillips, der die Vereinnahmung der Republikanischen Partei durch die Moral Majority und religiöse Rechte arrangierte, sah das ERA als „antifamiliär” und war der Ansicht, dass der Verfassungszusatz zur „Befreiung der Frau von der Führung des Ehemannes” führen und „damit die Familieneinheit” zerstören würde.[25]
Siehe auch[Bearbeiten]
Einzelnachweise[Bearbeiten]
- ↑ Lukas Mihr: Die Christliche Rechte in den USA. In: Materialien und Informationen zur Zeit, 3/08.
- ↑ a b c Manfred Brocker: Protest, Anpassung, Etablierung: Die Christliche Rechte im politischen System der USA. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 978-3-593-37600-4, S. 159f.
- ↑ Frederick S Lane: The Court and the Cross: the Religious Right's Crusade to Reshape the Supreme Court. Beacon Press, Boston 2008, ISBN 978-0-8070-4424-7, S. 8–9.
- ↑ Donald R. Songer and Susan J. Tabrizi: The Religious Right in Court: The Decision Making of Christian Evangelicals in State Supreme Courts. In: The Journal of Politics. 61, Nr. 2, 1999, S. 507–526. doi:10.2307/2647514
- ↑ More Americans Question Religion's Role in Politics, Umfrage des Pew Research Centers, 21. August 2008
- ↑ a b Gregor Peter Schmitz: Amerikas Glaubenskrieger bangen um ihre Macht. In: Der Spiegel, 16. Juni 2008.
- ↑ a b c Glenn H. Utter und John W. Storey: The religious right: a reference handbook. ABC-CLIO, Oxford 2001, 2. Ausgabe, ISBN 1-57607-212-6, S. 12ff.
- ↑ Jerome L. Himmelstein: The Rise of the New Religious Right. In: To the Right: The Transformation of American Conservatism. University of California Press, Berkeley 1990, ISBN 0-520-06649-9, S. 97–128.
- ↑ Jeffrey D. Schultz, John G. West und Iain S. MacLean: Encyclopedia of religion in American politics. Oryx Press, Phoenix 1999, ISBN 1-57356-130-4, S. 32.
- ↑ Josef Braml: The Bush Administration's Faith-Based Foreign Policy. In: Hermann Kurthen, Antonio V. Menéndez Alarcón und Stefan Immerfall (Hrsg.): Safeguarding German-American relations in the new century: understanding and accepting mutual differences. Lexington Books, Lanham (MD) 2006, ISBN 0-7391-1599-5, S. 41.
- ↑ Didi Herman: The Gay Agenda Is the Devil's Agenda: The Christian Right's Vision and the Role of the State. In: Craig A. Rimmerman, Kenneth D. Wald und Clyde Wilcox: The Politics of Gay Rights. University of Chicago Press, Chicago 2000, ISBN 978-0-226-71998-6, S. 139–160.
- ↑ a b Tina Fetner: How the Religious Right Shaped Lesbian and Gay Activism. University of Minnesota Press, Minneapolis 2008, ISBN 978-0-8166-6633-1, z.B. S. xiv, 104.
- ↑ John D'Emilio und Estelle B. Freedman: Intimate Matters: A History of Sexuality in America. University of Chicago Press, Chicago 1997, 2. Ausgabe, ISBN 0-226-14264-7, S. 364.
- ↑ a b c David A. Neiwert: Death on the Fourth of July: the story of a killing, a trial, and hate crime in America. Palgrave Macmillan, New York 2004, ISBN 1-4039-6501-3, S. 105.
- ↑ Anthony Joseph und Paul Cortese: Opposing hate speech. Praeger Publishers, Westport (Conn.) 2006, ISBN 0-275-98427-3, S. 128.
- ↑ a b c d e Diane di Mauro und Carole Joffe: The Religious Right and the Reshaping of Sexual Policy: An Examination of Reproductive Rights and Sexuality Education. In: Sexuality Research & Social Policy. 4, Nr. 1, März 2007, S. 67–92. doi:10.1525/srsp.2007.4.1.67
- ↑ Katja Merin: Zwischen Anpassung und Konfrontation: die Religiöse Rechte in der amerikanischen Politik. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, ISBN 978-3-531-14363-7, S. 79.
- ↑ Steve G. Hoffmann: Operation Rescue. In: Roger Chapman (Hrsg.): Culture Wars: An Encyclopedia of Issues, Viewpoints, and Voices. M.E. Sharpe, Armonk (N.Y.) 2010, ISBN 978-1-84972-713-6, S. 418f.
- ↑ Madeline Duntley: Civic and Political Ritual Performances. In: Gary Laderman und Luis D. León (Hrsg.): Religion and American Cultures: An Encyclopedia of Traditions, Diversity, and Popular Expressions. ABC-CLIO, Santa Barbara (CA) 2003, ISBN 1-57607-238-X, S. 535.
- ↑ Jesu hilf uns. In: Der Spiegel, 10. Juli 1989.
- ↑ Chris Mooney: The Republican War on Science. Basic Books, New York 2005, ISBN 978-0-465-04675-1, z.B. S. 220.
- ↑ Sara Diamond: Not by Politics Alone: The Enduring Influence of Christian Right. Guilford Press, New York 1998, ISBN 1-57230-385-9, S. 116.
- ↑ Valeska von Roques: Hoch das Bein und lobt den Herrn. In: Der Spiegel, 23. März 1987.
- ↑ Eagle Forum. In: Randall Herbert Balmer: The Encyclopedia of Evangelicalism. Westminster John Knox Press, Louisville (KY) 2002, ISBN 978-0-664-22409-7, S. 184.
- ↑ a b c Michele Swenson: Democracy Under Assault: TheoPolitics, Incivility and Violence on the Right. Sol Venture Press, Denver 2004, ISBN 978-0-9766788-0-9, S. 172f.
Weiterführende Literatur[Bearbeiten]
- Manfred Brocker: Die Christliche Rechte in den USA – Der amerikanische „Evangelikalismus“. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung, Januar 2007.
- Michael Minkenberg: Die Christliche Rechte und die amerikanische Politik von der ersten bis zur zweiten Bush-Administration. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung, November 2003.
- Didi Herman: The Antigay Agenda: Orthodox Vision and the Christian Right. University of Chicago Press, Chicago 1998. ISBN 978-0-226-32764-8.
- Dallas A. Blanchard: The Anti-Abortion Movement and the Rise of the Religious Right. Twayne Publishers, New York 1994, ISBN 978-0-8057-3872-8.
- Ruth Murray Brown: For a „Christian America“: a history of the religious right. Prometheus Books, Amherst (N.Y.) 2002, ISBN 1-57392-973-5.
- Robert C. Liebman, Robert Wuthnow, James L. Guth u.a.: The New Christian Right: Mobilization and Legitimation. Aldine Publishing, Hawthorne (N.Y.) 1983, ISBN 0-202-30307-1.
Weblinks[Bearbeiten]
- Nick Abbe: Quo vadis, Domine? Wohin führt der Weg der christlichen Rechten in den USA? In: Telepolis, 24. Juni 2007.
- Marcia Pally: Der amerikanische Evangelikalismus. Warum wir ihn hassen und warum er funktioniert