Reliquie

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Ganzkörperreliquie des seligen Johannes XXIII. in einem Seitenaltar des Petersdoms

Eine Reliquie (von lat. reliquiae „Zurückgelassenes, Überbleibsel“) ist ein Gegenstand religiöser Verehrung, besonders ein Körperteil oder Teil des persönlichen Besitzes eines Heiligen. Eine Sonderform sind Berührungsreliquien, also Gegenstände wie Kleidungsstoffe, mit denen der Heilige in Berührung kam oder gekommen sein soll.

Reliquien in den Weltreligionen[Bearbeiten]

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Reliquien finden sich in allen Hauptreligionen, vor allem aber im Christentum, im Shinto (vgl. shintai) und im Buddhismus (vgl. Sarira). Als der erleuchtete Buddha hochbetagt starb, wurden nach der buddhistischen Überlieferung seine sterblichen Überreste eingeäschert. Seine Asche, Knochen und Zähne teilten sich mehrere Kleinkönige Nordindiens. Über den Reliquien wurden Hügelgräber errichtet, die im Laufe der Zeit immer aufwändiger kultisch ausgestaltet wurden. Auch im schiitischen Islam gibt es Reliquienverehrung an den Gräbern von Heiligen.

Geschichte der christlichen Reliquienverehrung[Bearbeiten]

Ganzkörperreliquie des hl. Hyacinthus im Kloster Fürstenfeld

Bereits im frühen Christentum entwickelte sich eine besondere Verehrung der Märtyrer. Der erste biblische Beleg für Reliquien findet sich in der Apostelgeschichte, wo die Gläubigen den hl. Paulus mit Tüchern berührten und diese dann bei sich trugen (Apg 19,12 EU). Lange Zeit wurde der aus der Urkirche herrührende Brauch gepflegt, über den Gräbern von heiligen Märtyrern Kirchen zu errichten (etwa die Peterskirche in Rom). Später ging man in der lateinischen Kirche dazu über, unter oder in den Altar Reliquien einzubetten. Die Ostkirchen setzen, ihrer Tradition folgend, Reliquien in die Mauern ihrer Kirchen. Mit dieser Praxis soll der innere Zusammenhang zwischen der „Gemeinschaft der Heiligen“[1] und der irdischen Kirche versinnbildlicht werden.

Die Reliquienverehrung ist eine der ältesten Formen der Heiligenverehrung und bereits seit der Mitte des 2. Jahrhunderts nachweisbar. Dies ist bemerkenswert, da in der heidnischen Antike die Reliquienverehrung nicht erwünscht war und Körperteile von noch so frommen Verstorbenen als unrein galten.[2]

Der Kirchenvater Johannes von Damaskus (650–750) weist darauf hin, dass die Heiligen „keine Toten“ seien, und führt eine Reihe von Wundern auf, die durch sie gewirkt worden seien.[3]

Veranlasst durch Wunderberichte wurden seit dem Frühmittelalter den Reliquien der Märtyrer medizinische Wirkung zugeschrieben, man sah in ihnen den besten Zugang auf übernatürliche Hilfe und Schutz für Kranke. Die kirchliche Wunderbehandlung (Hagiotherapie) stand dabei durchaus im Gegensatz zur säkularen Medizin.[4] Die großen Kathedralen des Mittelalters verdanken ihre Entstehung und ihren Ruhm vor allem hochverehrten Reliquien – etwa der Heiligen drei Könige im Kölner Dom oder der heiligen Jungfrauen in St. Ursula in Köln.

Am Vorabend der Reformation war es in der Volksfrömmigkeit, in der Reliquienverehrung traditionell eine große Rolle spielte, zu immer stärkeren Auswüchsen gekommen.[5] Die Reformatoren kritisierten zunächst diese Auswüchse, bevor ihre Kritik grundsätzlicher wurde. So hielt Martin Luther am 26. Januar 1546 in der Frauenkirche zu Halle eine Predigt gegen den „Reliquienkram“ des Erzbischofs Albrecht. Aus vielen Kirchen wurden im Zuge des reformatorischen Bildersturms auch die Reliquien entfernt, unter den Reformierten Calvin und Zwingli sogar verbrannt. Der Verbleib vieler zuvor bedeutsamer Reliquien ist seitdem unbekannt. Entgegen dem Befehl der protestantisch gewordenen Landesherren bewahrte die Bevölkerung Marburgs und manch anderer Orte die Reliquien auf.

Evangelische Christen sehen die Heiligenreliquien als „unbiblisch“ an, in Religionsgemeinschaften wie den Adventisten und den Zeugen Jehovas gilt ihre Verehrung sogar als Götzendienst. Auch die Neuapostolische Kirche sowie die Christadelphians lehnen die Verehrung von Reliquien strikt ab.

Auf dem Konzil von Trient, dem Konzil, das die Gegenreformation einleitete, wurde in der 25. Sitzungsperiode (1563) die Reliquienverehrung ausdrücklich empfohlen und Kritik seitens der Reformatoren zurückgewiesen.[6] In der Folge blühte die seltener gewordene Reliquienverehrung in katholischen Gebieten wieder auf. Wallfahrten zu Reliquienschreinen wurden zu einem wichtigen Mittel der Gegenreformation.

Im 19. Jahrhundert kam es zu einer erneuten Blüte der Reliquienverehrung. Zur Trierer Wallfahrt von 1844 zum Heiligen Rock kamen binnen sieben Wochen eine Million Pilger. Liberale Publikationen wie der Kladderadatsch richteten ihren Spott gegen die Katholiken.

Das 20. Jahrhundert war im deutschen Sprachgebiet, mitbeeinflusst durch die liturgische Bewegung mit ihrer Wende zur Innerlichkeit und die Liturgiereform, durch einen stetigen Rückgang der Bedeutung der Reliquienverehrung geprägt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist, unterstützt durch eine Vielzahl populärwissenschaftlicher Publikationen, das Interesse an den Reliquien und ihrer Verehrung wieder gewachsen.

Kategorisierung[Bearbeiten]

Heilig-Blut-Altar St. Martin (Weingarten), Württemberg
  1. Reliquien erster Klasse sind alle Körperteile von Heiligen, insbesondere aus dem Skelett (ex ossibus, aus den Knochen), aber auch Haare, Fingernägel und, soweit erhalten, sonstige Überreste, in selteneren Fällen auch Blut. Bei Heiligen, deren Körper verbrannt wurden, gilt die Asche als Reliquie erster Klasse.
  2. Reliquien zweiter Klasse, auch echte Berührungsreliquien genannt, sind Gegenstände, die der Heilige zu seinen Lebzeiten berührt hat, insbesondere Objekte von besonderer biographischer Bedeutung. Dazu gehören etwa bei heiliggesprochenen Priestern und Ordensleuten ihre Gewänder, bei Märtyrern die Foltergeräte und Waffen, durch die sie ums Leben kamen.
  3. Reliquien dritter Klasse oder mittelbare Berührungsreliquien sind Gegenstände, die Reliquien erster Klasse berührt haben. Solche Objekte, in der Regel kleine Papier- oder Stoffquadrate, die kurz auf die Reliquien gelegt und hinterher auf Heiligenbildchen geklebt werden, werden in vielen katholischen Wallfahrtsorten, besonders in Südeuropa, bis heute als Souvenirs an Pilger verkauft.

Eine Stellung außerhalb dieses Schemas kommt den sogenannten biblischen Reliquien zu, also den Gegenständen, die mit dem neutestamentlichen Heilsgeschehen, insbesondere mit Jesus Christus und der Mutter Gottes, aber auch mit Johannes dem Täufer, in direkte Verbindung gebracht werden. Dazu zählen vor allem die Kreuzreliquien, kleine Holzsplitter vom Kreuz Christi, von denen viele tausende über die ganze Welt verteilt in katholischen und orthodoxen Kirchen verehrt werden. Zu den Gegenständen, die Bezüge zur Passion, also zur Leidensgeschichte Jesu aufweisen, gehören daneben auch die Lanze, die bei der Kreuzigung verwendet wurde (Joh 19,34 EU), oder Partikel der Kreuznägel (etwa in der Eisernen Krone der Langobarden), Partikel der Dornenkrone (in Notre-Dame de Paris), ferner das Turiner Grabtuch, das Schweißtuch der Veronika (im Petersdom in Rom) wie auch die anderen Leidenswerkzeuge. In ähnlicher Weise werden Gewänder verehrt, die Maria und Jesus zu Lebzeiten getragen haben sollen, etwa der Heilige Rock in Trier, die Sandalen Jesu in Prüm sowie Windel und Lendenschurz Jesu in Aachen. Die Gewänder Mariens (Schleier, Gürtel) zähl(t)en zu den Reliquien in Konstantinopel, Paris und anderswo. Viele der bedeutendsten biblischen Reliquien befanden sich lange Zeit in Konstantinopel und gelangten erst nach der Eroberung der Stadt durch den Vierten Kreuzzug im Jahr 1204 in den Westen.

Sandalen Jesu – Abtei Prüm (Eifel)

Da Jesus nach Lk 24,50-53 EU, Apg 1,1-11 EU und, nach Lehre der römisch-katholischen Kirche, die Jungfrau Maria leiblich in den Himmel aufgenommen wurden, gibt es von ihnen folgerichtig keine Reliquien ex ossibus und nur wenige Reliquien erster Klasse. Solche Christusreliquien tauchten im Mittelalter auf, werden heute überwiegend als Fälschungen angesehen und in der katholischen Kirche nur noch lokal verehrt.

Das kanonische Recht verbietet Katholiken den Handel mit Reliquien. Katholiken dürfen solche Objekte zwar erwerben, sie besitzen und verehren, aber nicht weiterverkaufen.[7] Zulässig sind lediglich das Verschenken von Reliquien an andere Gläubige und die Rückgabe an die Kirche.

Kopfreliquiar der hl. Ludmilla von Böhmen im Prager Agneskloster

Wunderwirkungen[Bearbeiten]

Schrein mit den Gebeinen der heiligen Hildegard von Bingen in der Pfarrkirche von Eibingen

Vor allem im Mittelalter wurden den Reliquien viele Wunder (miracula) zugesprochen. In der Hagiographie sind Zeitpunkte solcher Wunder oft die Inventio (Auffindung) von Reliquien sowie die Translatio (Überführung) der heiligen Gebeine von einem Ort an einen anderen Ort, etwa bei der Auffindung des Heiligen Kreuzes oder bei der Überführung der Gebeine des hl. Nikolaus von Myra nach Bari. Die Lebensbeschreibungen der Heiligen wurden in Hagiographien gesammelt, wie der „goldenen Legende“ (Legenda aurea) oder den Werken des Cäsarius von Heisterbach. Ihre große Verehrung sowie Wundergeschichten lösten während des Mittelalters eine allgemeine Suche nach Reliquien von Heiligen, insbesondere solchen von Märtyrern, aus. Dabei schreckte man auch vor Entwendungen der heiligen Leichname (corpora sanctorum) nicht zurück, wie z. B. in dem von Einhard verfassten Translationsbericht über die Überführung der Heiligen Marcellinus und Petrus von Rom nach Michelstadt-Steinbach zu lesen ist. So wurden beispielsweise auch hunderte kleinste Teile des Kreuzes, das der Überlieferung zufolge die Kaiserinmutter Helena um 325 von Jerusalem nach Rom und Konstantinopel gebracht hatte, nach der Eroberung Konstantinopels während des Vierten Kreuzzuges im Jahre 1204 durch die Kreuzritter über die Länder Europas verstreut. So viele Kirchen behaupteten am Ende den Besitz eines Splitters des Kreuzes, dass Erasmus von Rotterdam bemerkte, sie reichten aus, um daraus ein ganzes Schiff zu bauen. Jedoch ergäben diese millimetergroßen Bruchstücke noch nicht einmal ein Drittel des Kreuzes.

Beim Grabtuch von Turin steht die kirchliche Anerkennung als Reliquie nach wie vor aus. Das Interesse an Reliquien lässt sich auch dadurch begründen, dass naturwissenschaftlich oftmals unerklärliche Phänomene im Zusammenhang mit Reliquien bekannt wurden. Hauptsächlich die „Unversehrtheit“ (keine Verwesung) der Heiliggesprochenen oder bestimmter Organe bzw. Teile ihres Körpers sind hier zu nennen. In der Pfarrkirche St. Hildegard und St. Johannes der Täufer in Eibingen im Rheingau wird der Schrein der Hildegard von Bingen mit Herz und Zunge in unverwestem Zustand aufbewahrt. Auch die Ganzkörperreliquien einiger Heiliger stehen in der Tradition im Ruf der Unverweslichkeit.

Christliche Bedeutung[Bearbeiten]

Unter Christen verlangt die Pietät grundsätzlich die Achtung auch vor dem toten Körper. Umso mehr wird bei Christen aus einer religiösen Gesinnung heraus den sterblichen Überresten jener Menschen Ehrfurcht erwiesen, die zu Gott gegangen sind. Reliquien dürfen nicht auf magische Weise missverstanden werden, so als ob ihr bloßer Besitz das Heil garantiere oder sich mit ihnen bestimmte Wirkungen erzielen ließen. Vielmehr ist es im katholischen und auch orthodoxen Verständnis die Fürbitte der Heiligen bei Gott, der eine bestimmte Hilfe zugeschrieben wird, nicht aber irgendeiner toten Sache als solcher, denn die Reliquie steht nur als Stellvertreter für den Heiligen.

Obwohl bereits eine vom 26. Februar 386 datierte Regelung im Codex Theodosianus den Verkauf von Märtyrergebeinen untersagte, wurden Reliquien in den folgenden Jahrhunderten gleichwohl gehandelt. Auch ein im Jahr 1215 vom 4. Laterankonzil ins kanonische Recht eingebrachter Passus, altehrwürdige Stücke weder aus ihren Behältnissen zu nehmen noch sie zum Verkauf zu stellen, konnte den Reliquienhandel nicht unterbinden.[8]

Aufbewahrung (Reliquiar, Reliquienschrein)[Bearbeiten]

Reliquienbehälter aus aufgelassenen Altären des Ostchores im Essener Münster, datiert auf 1054

Ursprünglich wurden die Reliquien von Personen, die im Rufe besonderer Heiligkeit und Gottesnähe standen, unter den Altären der ersten christlichen Kirchen beigesetzt. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit die bis heute gültige katholische Tradition, bei der Weihe einer neu errichteten Kirche eine Reliquie des jeweiligen Namenspatrons in die Mensa des Hauptaltars einzumauern und in größeren Kirchen verschiedenen Heiligen eigene, mit Reliquien ausgestattete Altäre zu errichten.

Um die dadurch gewachsene Bedeutung der Reliquien für die Kirche, in der sie sich befanden, zu unterstreichen, begann man mit der Anfertigung spezieller, meist künstlerisch und materiell sehr kostbar ausgeführter Behältnisse zur Aufbewahrung der Reliquien. Diese Behälter werden zusammenfassend als Reliquiare bezeichnet.

Die folgenden Abbildungen stammen aus dem Werk Lucas Cranach des Älteren Dye zeigung des hochlobwirdigen hailigthums der stifftkirche aller hailigen zu wittenberg aus dem Jahre 1509, in dem er alle Reliquien der Stiftskirche in Wittenberg abgebildet hat. Die kleine Auswahl gibt einen Überblick über die Bandbreite der Aufbewahrungsmöglichkeiten von Reliquien.

Die älteste Form des Reliquiars ist der Reliquienschrein. Dabei handelt es sich um einen meist reich geschmückten, dem Sarkophag des Heiligen entsprechenden Kasten in Originalgröße oder miniaturisierter Ausführung. Berühmte Reliquienschreine des hohen Mittelalters sind der Dreikönigenschrein im Kölner Dom, der Aachener Karlsschrein, der Marburger Elisabethschrein und der Eibinger Hildegardisschrein sowie der St.-Maurus-Schrein, der sich seit 1888 auf der westböhmischen Burg Bečov (Petschau) befindet.

Reliquienschrein in Form einer Basilika, Köln, 1. Hälfte 13. Jahrhundert

Erste vom Typus des Schreins abweichende Formen des Reliquiars entwickelten sich vor allem in der Ostkirche, darunter die Staurothek, eine flache goldene Lade zur Unterbringung großer Kreuzreliquien – ein bekanntes Exemplar aus Byzanz, die Limburger Staurothek, befindet sich heute im Limburger Domschatz – und das Enkolpion, eine meist kreuzförmige Reliquienkapsel, die vom Priester an einer Kette um den Hals getragen wurde.

Im Westen übernahm man im Verlauf des Mittelalters zunächst die ostkirchlichen Reliquiartypen, von denen als diplomatische Geschenke sowie besonders infolge der Plünderung Konstantinopels durch venezianische Truppen im Jahre 1204 zahlreiche Exemplare nach Mitteleuropa gelangten. Daneben traten Behältnis-Variationen wie das große Reliquienkreuz und die formal einer Pilgertasche nachempfundene Bursa. Berühmte Beispiele für diese Typen finden sich mit dem Reichskreuz und der Stephansbursa in den römisch-deutschen Reichskleinodien.

Bedeutende Kirchen und Klöster sammelten ihre Reliquiare in besonderen Heiltums- oder Schatzkammern und zeigten sie den Gläubigen bei Prozessionen und sogenannten Heiltumsweisungen, von denen sich eine besonders bedeutende in Trier mit der periodischen Ausstellung des Heiligen Rocks erhalten hat. Unter den Pilgern des beginnenden Spätmittelalters wuchs der Wunsch danach, die Reliquien auf ihren Wallfahrten unmittelbarer in Augenschein nehmen zu können. Vielfach stellte sich gegenüber den geschlossenen Reliquienkästen ein gewisses Misstrauen ein, zumal Reliquienfälschungen überhandnahmen. Daher wurde zunächst der Typus des sprechenden Reliquiars entwickelt – dabei handelt es sich um Behältnisse, die in ihrer äußeren Form dem Körperteil nachempfunden sind, dessen Überreste sich darin befinden. Reliquiare für Armknochen wurden als goldene Arme gestaltet, Fußreliquiare als goldene Beine, Schädelreliquiare teils als Reliquienbüsten. Wichtige Beispiele für letztere sind die Karlsbüste im Aachener Domschatz und die Schädelreliquiare der Apostel Petrus und Paulus in der Lateranbasilika in Rom.

Im Spätmittelalter ging man dazu über, aufwendig gefasste gläserne Behälter zu schaffen, in denen die Reliquien für den Betrachter sichtbar waren. Ein solches Schaugefäß wird je nach Ausführung als Reliquienmonstranz oder Ostensorium bezeichnet; im Volksmund nennt man kreuzförmige Ostensorien wegen ihrer Verwendung durch den Priester bei Flursegnungen auch Wetterkreuze. Kleine Reliquiensplitter werden seit dem späten Mittelalter von kirchlichen Stellen in spezielle verglaste Kapseln von meist ovaler Form eingeschlossen und anschließend versiegelt oder verplombt, um die Echtheit der enthaltenen Reliquie zu dokumentieren und zu verhindern, dass kleine Reliquien verloren gehen können. Eine solche Kapsel wird als Theca bezeichnet; meist befindet sich in ihr neben der Reliquie ein Zettelchen mit erklärender Beschriftung, die sogenannte Cedula.

Eine Sonderform des Reliquiars ist das Osculatorium, auch Paxtafel, Kusstafel oder Pacificale genannt. Dabei handelt es sich um eine flache Metallplatte mit eingesetzter Reliquienkapsel, die rückseitig mit einem Griff oder Henkel versehen ist. In der vorkonziliaren katholischen Liturgie wurde das Osculatorium vor der Kommunion als Friedenssymbol durch die Bankreihen gereicht und von jedem Gottesdienstbesucher symbolisch geküsst (Friedenskuss).

Sammlungen[Bearbeiten]

Hauptsächlich im Mittelalter war es unter Christen verbreitet, Reliquien weiterzuschenken. Wichtige Persönlichkeiten der Christenheit, die mit Klöstern in Kontakt waren, bekamen oftmals Reliquien geschenkt. Somit entstanden Sammlungen von verschiedensten Reliquien, die oftmals über Jahrhunderte zusammengetragen wurden. So wird beispielsweise in der Pfarrkirche St. Hildegard und St. Johannes der Täufer in Eibingen im Rheingau der Eibinger Reliquienschatz aufbewahrt. Diese öffentlich zugängliche Sammlung von Reliquien hatte die Heilige Hildegard bereits im 12. Jahrhundert zusammengetragen.

Reliquienverehrung[Bearbeiten]

Am Gedenktag eines Heiligen oder zum Patrozinium einer Kirche wird in der Liturgie des Heiligen oder des Festgeheimnisses besonders gedacht. Mancherorts werden dabei den Gläubigen Reliquare mit Reliquien zur Verehrung zugänglich gemacht. Der Priester kann dabei auch einen besonderen Segen mit dem Reliquar erteilen.

Eine besonders herausragende Form der Reliquienverehrung in der katholischen Kirche ist die Reliquienprozession. Hierbei werden die Reliquien von Heiligen in besonders würdevoller Form über einen meist traditionell festgelegten Prozessionsweg getragen. Eine wichtige bis heute gepflegte Feier dieser Art ist die Reliquienprozession der Heiligen Hildegard von Bingen, die jährlich am 17. September in Eibingen stattfindet.

Wallfahrten[Bearbeiten]

Leopold V. schenkt dem Stift Heiligenkreuz die Kreuzreliquie, die er 1188 in Jerusalem erworben hatte.

Vielerorts finden traditionell Wallfahrten statt, anlässlich derer sonst nicht sichtbare oder zugängliche Reliquien den Gläubigen gezeigt werden. Reisen ins Heilige Land, um dort Reliquien zu verehren, gibt es seit dem Frühmittelalter. Oft wurden auch Reliquien von Jerusalem nach Europa gebracht. Bekannte Beispiele sind etwa die alle sieben Jahre stattfindende Aachener Heiligtumsfahrt, zu der die Aachener Heiligtümer aus dem Marienschrein des Aachener Dom geholt werden, die in unregelmäßigen Abständen stattfindenden Wallfahrten zum Heiligen Rock (der Tunika Christi) nach Trier und die Wallfahrt zu den „Heiligen drei Hostien“ nach Andechs.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Arnold Angenendt: Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart. Beck, München 1997, ISBN 3-406-42867-3
  • Philippe Cordez: Die Reliquien, ein Forschungsfeld. Traditionslinien und neue Erkundungen, in: Kunstchronik, 2007/7, S. 271–282
  • Harrie Hamer (Hrsg.): Heilige Erinnerung. Reliquien und Reliquienbehälter aus der Sammlung Harrie Hamers. Völcker, Goch 2003
  • Horst Herrmann: Lexikon der kuriosesten Reliquien. Vom Atem Jesu bis zum Zahn Mohameds. Rütten & Loening, Berlin 2003, ISBN 3-352-00644-X
  • Michael Hesemann: Die stummen Zeugen von Golgatha. Die faszinierende Geschichte der Passionsreliquien Christi. Hugendubel, München 2000, ISBN 3-7205-2139-7
  • Jean-Luc Deuffic (éd.): Reliques et sainteté dans l'espace médiéval [1]
  • Karl-Heinz Kohl: Die Macht der Dinge. Geschichte und Theorie sakraler Objekte. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50967-3
  • Anton Legner (Hrsg.): Reliquien. Verehrung und Verklärung, Skizzen und Noten zur Thematik und Katalog zur Ausstellung der Kölner Sammlung Louis Peters im Schnütgen-Museum. Schnütgen-Museum, Stadt Köln, Köln 1989, ohne ISBN
  • Markus Mayr: Geld, Macht und Reliquien. Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Reliquienkultes im Mittelalter, Studienverlag, Innsbruck 2000
  • Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche. 3. Aufl. Herder, Freiburg 1993

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Glaubenssatz aus dem Nicäno-Konstantinopolitanum.
  2. Nachweisbar aus Angst vor Seuchen. Dies ist auch der Grund, weshalb sämtliche Friedhöfe per amtlicher Verordnung (siehe Kötting) vor einer Stadt lagen und fast alle frühchristlichen Kirchen vor den Stadtmauern erbaut wurden, weil sich drumherum ja meistens ein Friedhof befand.
  3. Johannes von Damaskus: Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens. Von der Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien
  4. Nancy G. Siraisi: Medieval & Early Renaissance Medicine. An Introduction to Knowledge and Practice, Chicago 1990, S. 11.
  5. Vgl. hierzu bspw.: August Franzen: Kleine Kirchengeschichte, Freiburg 91980, S. 244.
  6. dass diejenigen, welche behaupten, den Reliquien der Heiligen gebühre keine Vererhrung und Ehre [...], des Gänzlichen zu verdammen seien. Zitiert nach: Das heilige allgültige und allgemeine Concilium von Trient. Beschlüsse und heil. Canones nebst den betreffenden Bullen treu übersetzt von Jodoc Egli; Verlag Xaver Meyer Luzern 1832 [2. Auflage], S. 274–332.
  7. Vgl. Codex Iuris Canonici can. 1190.
  8. Herbers/Bauer: Der Jakobuskult in Süddeutschland, S. 307, ISBN 3-8233-4007-7, abgefragt am 26. Februar 2009

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Reliquien – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien