René Charles Guilbert de Pixérécourt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
René Charles Guilbert de Pixérécourt, 1841

René Charles Guilbert de Pixérécourt (* 22. Januar 1773 in Nancy, Meurthe-et-Moselle; † 27. Juli 1844 ebenda) war ein französischer Theaterautor und Regisseur. Er war der Begründer des modernen Melodramas.

Leben[Bearbeiten]

Pixérécourts Vater war von niederem Adel und verwickelte seinen Sohn nach einem Studium der Rechte in die französische Revolution, wo er schon als 17-Jähriger auf der Seite der Royalisten kämpfen musste. Bereits während des Kriegsdienstes schreibt er Theaterstücke. Nach Jahren der Bemühung gelang es ihm 1797 erstmals, ein Stück im Pariser Théâtre de l'Ambigu-Comique zur Aufführung zu bringen. Im gleichen Jahr folgte bereits der Großerfolg Victor ou l'enfant de la forêt (Victor oder das Kind des Waldes), ein Stück, das von Jean-Jacques Rousseaus Pygmalion (1770) inspiriert ist. Cœlina (1800) wurde sein erfolgreichstes Stück. Darauf beherrschte Pixérécourt während 30 Jahren die großen Pariser Melodram-Bühnen. 1827 war er ein Jahr lang Direktor der Opéra-Comique. 1825 bis 1835 war er Direktor des Théâtre de la Gaîté, bis es durch einen Brand zerstört wurde, was ihn um sein Vermögen brachte. Er zog sich nach Nancy zurück und beschäftigte sich mit der Ausgabe seiner Werke.

Das Melodrama[Bearbeiten]

Das Théâtre de la Porte St. Martin, in dem viele Stücke Pixérécourts aufgeführt wurden.

Nach der französischen Revolution war die aristokratische Tragödie mit ihren antiken Stoffen nicht mehr interessant. Das Tragische sollte kein Privileg der hochgestellten Figuren mehr sein. Das Melodrama als mehrheitlich ernstes Genre, das für ein Massenpublikum gedacht war, trat an ihre Stelle. Die zeitgeschichtlichen Erschütterungen schufen ein starkes Orientierungsbedürfnis. Recht und Unrecht, Moral und Unmoral sollten nach Ansicht vieler Menschen wieder unterscheidbar werden.

Wie Alexis Pitou dargestellt hat, führt das Melodrama in gewisser Hinsicht die Pantomime des späteren 18. Jahrhunderts fort.[1] Pixérécourts Stücke wurden auf dem Pariser Boulevard du Temple gespielt, hauptsächlich im Théâtre de l'Ambigu-Comique, im Théâtre de la Porte Saint-Martin und im Théâtre de la Gaîeté.

Die Kriminalgeschichten, die einen wesentlichen Teil des Repertoires ausmachten, waren Anlass für den Spitznamen dieses Boulevards als "Boulevard du crime" (Boulevard des Verbrechens). Auch der abschätzige Ausdruck Boulevardtheater steht in Verbindung mit Pixérécourts Melodramen. Sein Publikum stammte aus der unteren Mittelschicht. Viele konnten nicht lesen.[2] Das faszinierende Entziffern von Schriftzeichen gehört seither zu den Stilmitteln des Melodramatischen. Filmgenres wie der Mantel-und-Degen-Film, der Abenteuerfilm, der Kriminalfilm, der Horrorfilm erscheinen in Pixérécourts Melodramen vorgeprägt.

Wirkung[Bearbeiten]

Pixérécourt war trotz zahlreicher Anfeindungen einer der einflussreichsten Theaterschriftsteller zu Beginn des 19. Jahrhunderts und hatte erheblichen Einfluss auf Literatur, Kunst und Dramatik der folgenden Generation, wie Victor Hugo, Honoré de Balzac, Alexandre Dumas der Ältere, Eugène Scribe oder die Opernkomponisten Daniel François Esprit Auber und Giacomo Meyerbeer. Zahlreiche deutschsprachige Autoren wie August von Kotzebue oder Ignaz Franz Castelli übersetzten seine Stücke oder benutzten sie als Grundlage für eigene Werke. Pixérécourts Der Hund des Aubry (1814), in dem ein Hund den Mörder seines Herrchens identifiziert, wurde mit einem dressierten Pudel aufgeführt und machte weltweit Furore. Johann Wolfgang Goethe legte 1817 seine Intendanz am Weimarer Hoftheater nieder, als er eine Aufführung nicht mehr verhindern konnte. Den Pudel ("des Pudels Kern") hat Goethe in Faust I verewigt.

Pixérécourts Arbeit als Regisseur, der großen Wert auf realistische Ausstattung legte, hatte erheblichen Einfluss auf die Theatergeschichte des 19. Jahrhunderts. Der Schauspieler und Schriftsteller Thomas Holcroft übersetzte Pixérécourts Melodramen für die Londoner Bühnen, wo das Melodrama eine eigene Tradition entfaltete.

Neben seinen rund 60 Melodramen schrieb Pixérécourt eine Reihe von Komödien sowie Texte für die musiktheatralischen Genres Opéra comique, Vaudeville und Féerie. Er verfasste zwei theoretische Texte, in denen er sein Theatergenre rechtfertigte: Guerre au mélodrame! (1818) und Le Mélodrame (1832).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alexis Pitou, "Les Origines du mélodrame français à la fin du XVIIIe siècle", in: Revue d'Histoire littéraire de la France, Jg. 18, Paris: Colin 1911, S. 256-296
  2. vgl. Gabrielle Hyslop: "Pixérécourt and the French melodrama debate: instructing boulevard theatre audiences", in: James Redmond (Hg.): Melodrama. Cambridge: University Press 1992, S. 61–85

Werkauswahl[Bearbeiten]

  • Victor ou l'enfant de la forêt, 1797
  • Cœlina ou l'enfant du mystère, 1800
  • Robinson Crusoé, 1812
  • Le Chien de Montargis (Der Hund des Aubry), 1814
  • Christophe Colomb ou la découverte du Nouveau monde (Kolumbus oder die Entdeckung der Neuen Welt), 1815
  • La Chapelle des bois, ou le témoin invisible, 1819
  • Latude ou 35 ans de captivité, 1834

Literatur[Bearbeiten]

  • Paul J. Marcoux: Guilbert De Pixérécourt. French Melodrama in the Early Nineteenth Century. New York: Lang 1992. ISBN 0820419052
  • Marvin Carlson, Daniel C. Gerould (Hg.): Pixérécourt. Four Melodramas, New York: Segal 2002. ISBN 0966615247
  • McCormick, John: Popular Theatres on Nineteenth-Century France, London / New York: Routledge 1993.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: René-Charles Guilbert de Pixerécourt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien