Renate Riemeck

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Renate Katharina Riemeck (* 4. Oktober 1920 in Breslau; † 12. Mai 2003 in Alsbach) war eine deutsche Historikerin und Friedensaktivistin.

Leben[Bearbeiten]

Renate Riemeck wuchs in Breslau, Stettin und Jena als Kind wohlhabender Eltern auf; die Mutter war eine erfolgreiche und angesehene Geschäftsfrau. Riemeck besuchte unter anderem eine Klosterschule. Bereits als Jugendliche dezidiert kirchenkritisch speziell im Hinblick auf den Katholizismus, verband sie sich mit der ab 1941 verbotenen anthroposophisch orientierten Christengemeinschaft. Gleichwohl stellte sie, wie Jutta Ditfurth 2007 aufdeckte, am 6. Juli 1941 den Antrag auf Aufnahme in die NSDAP, dem am 3. Oktober 1941 entsprochen wurde (Mitgliedsnummer 8915151).[1] Riemeck hatte das allerdings zeit ihres Lebens geleugnet, auch in ihrer 1992 erschienenen Autobiographie Ich bin ein Mensch für mich.[2]

Sie studierte sieben Semester Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte in München und vor allem in Jena; im März 1943 promovierte sie zum Dr. phil. über Spätmittelalterliche Ketzerbewegungen. Trotz dieses Studienabschlusses soll sie danach Mitte 1943 noch der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen beigetreten sein.[1]. Zu ihrem akademischen Lehrern gehörten auch die NS-Rassepropagandisten Karl Astel und Hans F. K. Günther[3].

In Jena hatte sie Freundschaft geschlossen mit der verwitweten Ingeborg Meinhof, Mutter der späteren konkret-Kolumnistin und Mitbegründerin der Rote Armee Fraktion, Ulrike Meinhof. Bald zog Riemeck mit ihrer Kommilitonin und späteren Lebensgefährtin Ingeborg in einen gemeinsamen Haushalt. Beide waren Assistentinnen bei Johann von Leers, Inhaber des Lehrstuhls für „Deutsche Rechts-, Wirtschafts- und politische Geschichte auf rassischer Grundlage“ der Universität Jena, einem SS-Obersturmbannführer, der den Antisemitismus „wissenschaftlich“ zu begründen versuchte.[4]

Nach dem Krieg wurde Riemeck Dozentin in der Lehrerbildung in Oldenburg, wohin sie mit Ingeborg und den Kindern umzog. Die antifaschistische Schulbildung vor allem der Volksschüler sah sie als wichtige politische Aktionsform; sie verfasste in der Besatzungszeit mit die ersten demokratischen Schulbücher. 1949, nach Ingeborgs Tod, erhielt sie die Vormundschaft für die beiden Töchter Wienke (* 1931) und Ulrike (* 1934), die sie mit Holde Bischoff zusammen versorgte und erzog. Später lehrte sie in Braunschweig und Weilburg.

Sie war seit 1946 Mitglied der SPD und kämpfte gegen Wiederbewaffnung und Wehrpflicht. 1955 wurde sie als jüngste westdeutsche Professorin an die Pädagogische Hochschule in Wuppertal berufen, wo sie Geschichte und Politische Bildung lehrte. Seit etwa 1958 aktives Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner (IDK), wurde sie 1960 deren Vorsitzende. Sie engagierte sich in der Kampagne „Kampf dem Atomtod“, formulierte 1958 den „Appell der 44“, mit dem 44 Hochschullehrende die Gewerkschaften zum Widerstand gegen die Atomrüstung aufriefen, und gehörte 1960 zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Friedensunion (DFU), als deren Spitzenkandidatin sie widerwillig im Bundestagswahlkampf 1961 auftrat. In diesem Zusammenhang wurde sie wegen ihrer Affinität zu regimenahen Organisationen in der DDR und im Ostblock als politisch naiv kritisiert, da der SED-Staat verschiedene Publikationsorgane und Gruppierungen im Westen finanziell unterstützte, für die Renate Riemeck zeitweilig tätig war.

1960 wurde ihr von Kultusminister Werner Schütz trotz großer Proteste aus Hochschulkreisen die akademische Prüfungsberechtigung entzogen. In diesem Zusammenhang fand am 16. Juli 1960 vor dem Düsseldorfer Kultusministerium der wohl erste Sitzstreik von Studenten in Deutschland statt. Um dem drohenden Disziplinarverfahren zu entgehen, zog sich Riemeck in der Folge aus dem Staatsdienst zurück.[5] 1961 erkrankte sie an einer rechtsseitigen Lähmung, die sie jahrelang beeinträchtigte.

Lange Zeit schrieb sie entsprechend ihrer pazifistischen Haltung z. B. für die Deutsche Volkszeitung und die BK-Zeitschrift Die Stimme der Gemeinde, nahm an friedenspolitischen Tagungen in Ost-Berlin und Prag teil und arbeitete zunehmend im anthroposophischen Umfeld an Buchpublikationen zu historischen Themen. 1964 verließ sie die DFU, trat aber bis in die 70er Jahre bei zahlreichen Kundgebungen z. B. gegen die Atomrüstung als unabhängige Rednerin auf.

1971 mahnte sie in der Zeitschrift konkret („Gib auf, Ulrike!“), den bewaffneten Kampf in der RAF zu beenden, ohne aber die ursprünglichen Beweggründe ihrer geliebten Pflegetochter zu verurteilen: „Du solltest versuchen, die Chancen von bundesrepublikanischen Stadtguerillas einmal an der sozialen Realität dieses Landes zu messen“.

1979 erhielt sie einen Lehrauftrag im Fachbereich Pädagogik an der Universität Marburg. 1980 überließ ihr Rolf Hochhuth den Geschwister-Scholl-Preis, um sie finanziell zu unterstützen. Bis zuletzt war sie als Publizistin und Geschichtsforscherin tätig, die letzten Jahre krankheitsbedingt zurückgezogen im hessischen Alsbach.

Zitate zu Renate Riemeck[Bearbeiten]

In SED-Quellen sind Versuche feststellbar, Renate Riemeck politisch zu instrumentalisieren:

Ganz große Möglichkeiten sehen wir in der breiten und umfassenden Publizierung der Persönlichkeit Renate Riemecks. Sie ist die einzige Frau, die in leitender Stelle einer Partei tätig ist. Sie ist eine kluge entschlossene Frau und hat sich durch ihren mutigen Kampf gegen die Diktaturmaßnahmen von Schütz und dem Bonner Regime sehr schnell eine gewisse Achtung bei bestimmten Kreisen erworben. Sie muß zu einer Persönlichkeit werden. Wahlplakate der DFU müssen unbedingt ihr Foto zeigen.[6]

Die Bundestagswahl wird diesmal ganz nach amerikanischem Muster als Persönlichkeitswahlkampf geführt. Eine bestimmte Politik wird durch bestimmte Persönlichkeiten repräsentiert. Das muß man zur Kenntnis nehmen, ob es uns lieb ist oder nicht. In diesem Fall ist es gar nicht schlecht für uns, daß Prof. Riemeck in sich Eigenschaften verkörpert, die für viele Wählerschichten sehr wichtig sind: Professor, also Ansehen bei den Intellektuellen, Frau und Pädagogin: was für alle Frauen und Eltern wichtig ist; aktives Mitglied der Bekennenden Kirche, wodurch wir einen bedeutenden Teil christlicher Wähler dieses Kirchenflügels beeinflussen können; schließlich aktiver Gewerkschafter, was für die Arbeiter Bedeutung hat.[7]

Werke[Bearbeiten]

  • Die spätmittelalterlichen Flagellanten Thüringens und die deutschen Geißlerbewegungen. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Ketzertums. Diss. Jena 1943
  • Helferich Peter Sturz. Auf dem Wege zur klassischen Form. Hrsg. Renate Riemeck. Alster Verlag Curt Brauns, Wedel 1948
  • Freunde und Helfer der Menschheit (mit Ingeborg Meinhof). 3 Hefte, Oldenburger Verlagshaus, Oldenburg 1949/1950
  • Kleiner Geschichtsatlas. Oldenburger Verlagshaus, Oldenburg 1950
  • Geschichte im Überblick (als Herausgeberin). 4 Folgen, Oldenburger Verlagshaus, Oldenburg 1950/51
  • Miteinander – Füreinander. Ein Lese- und Arbeitsbuch zur Sozialkunde für hessische Schulen (mit Otto Seitzer). Klett, Stuttgart 1956
  • Zeitenwende. Europa und die Welt seit 1945. Stalling[8], Oldenburg 1957
  • Geschichte für die Jugend. 4 Bände, Mundus, Stuttgart 1959/1960
  • Moskau und der Vatikan. 2 Bände, Stimme, Frankfurt am Main 1964/65; 3. erw. A. (in einem Band): Die Pforte, Basel 1988, ISBN 3-85636-052-2
  • Mitteleuropa. Bilanz eines Jahrhunderts. Die Kommenden, Freiburg im Breisgau 1965; 5. A. Engel, Stuttgart 1997, ISBN 3-927118-14-1
  • Jan Hus. Reformation 100 Jahre vor Luther. Stimme, Frankfurt 1966
  • Als die Stunde schlug, in Heinrich Fink, Hg.: Stärker als die Angst. Den sechs Millionen, die keine Retter fanden. Union, Berlin 1968, S. 71 - 75[9]
  • Der andere Comenius. Böhmischer Brüderbischof, Humanist und Pädagoge. Stimme, Frankfurt am Main 1970
  • Beispiele goetheanistischen Denkens. Der Mensch als geistiges Wesen. Die Pforte, Basel 1974
  • Glaube – Dogma – Macht. Geschichte der Konzilien. Urachhaus, Stuttgart 1985
  • Verstoßen – verfemt – verbrannt. 12 Ketzerschicksale aus acht Jahrhunderten. Urachhaus, Stuttgart 1986
  • 1789. Heroischer Aufbruch und Herrschaft des Schreckens. Urachhaus, Stuttgart 1988
  • Ich bin ein Mensch für mich. Aus einem unbequemen Leben. Urachhaus, Stuttgart 1992; 2. A. 1994
  • Rosalia und ihre Nachfahren. Ostdeutsche Vergangenheit in Lebensbildern. Mayer, Stuttgart 1997, ISBN 3-932386-03-5

Literatur/Quellen[Bearbeiten]

  • Dirk Mellies: Trojanische Pferde der DDR? Das neutralistisch-pazifistische Netzwerk der frühen Bundesrepublik und die Deutsche Volkszeitung, 1953–1973. Lang, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-631-55825-2
  • Bettina Röhl: So macht Kommunismus Spaß. Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2006, ISBN 3-434-50600-4
  • Renate Riemeck: „Auch ich habe viele Leben gelebt“ Kurzbiographie von Ingeborg Nödinger in Wir Frauen 3/2003, S. 5 (PDF; 222 KB)
  • Wie war das in den 50ern? Interview von Alice Schwarzer mit Renate Riemeck, in: EMMA, September 1989
  • Das Ende eines Mythos Alice Schwarzer über Ulrike Meinhof, in: EMMA, Juli/August 2006
  • Peter Mosler: Was wir wollten, was wir wurden, 11. Kapitel, Rowohlt, Reinbek, 1977, S. 170- 175

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof. Die Biografie. Ullstein, Berlin 2007, ISBN 978-3-550-08728-8 S. 37–40
  2. S. 80: „Obwohl ich nicht im NS-Studentenbund und erst recht nicht in der NSDAP war (…)“
  3. Jutta Ditfurth, in: Süddeutsche Zeitung 25. November 2007 online
  4. Willi Winkler: Ulrike Meinhof: Tragisch, selbstgerecht, mörderisch, Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010
  5. Nach Riemeck, Ich bin ein Mensch für mich, S. 179ff
  6. SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/2.2028/30, Bl. 2-3 (Schreiben von Hans Rentmeister an den Leiter der Westabteilung der SED Albert Norden vom 9. Juni 1961)
  7. SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/2.2028/30 (Maschinenschriftliches Manuskript Gesamtdeutschland in den Archivalien der Westabteilung der SED)
  8. der Verlag war im äußersten rechten Spektrum angesiedelt und beschäftigte nach 1945 u. a. Hans Rößner, Wilhelm Spengler und Hans Ernst Schneider
  9. der Essay handelt von ihrer Schulzeit in Stettin und dem damaligen Verstecken von Juden nach der Reichspogromnacht durch Bekannte. Im unpaginierten Bildteil im Anhang, undatiert: Riemeck im Gespräch mit Emil Fuchs, nach 1945