Reparativtherapie

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Reparativtherapie (auch: Konversionstherapie) wird eine Gruppe von Methoden der Psychotherapie genannt, die die Abnahme homosexueller Neigungen und die Entwicklung heterosexueller Potentiale als Ziel postulieren. Sie wird auch Konversionstherapie oder Reorientierungstherapie genannt und von verschiedenen Gruppen der überwiegend evangelikal geprägten Ex-Gay-Bewegung propagiert.

Alle führenden internationalen psychiatrischen und psychologischen Fachgesellschaften lehnen solche Behandlungsversuche ab, da sie im Widerspruch zu den heute in Psychiatrie und Psychologie etablierten Auffassungen von Homosexualität stehen[1][2][3][4][5] und möglicherweise schädigende Wirkung für die Therapierten haben.[6] Der Begriff selbst stößt dabei auf Ablehnung, da er missverständlich und durch religiöse Werturteile geprägt sei.[7]

Hintergrund[Bearbeiten]

Lange Zeit wurde Homosexualität als psychische Störung betrachtet und als solche in den internationalen medizinischen Manualen geführt. Im Jahr 1974 wurde Homosexualität in der Folge gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Entwicklungen von der American Psychological Association (APA) aus der Liste der psychischen Störungen gestrichen, 1992 schließlich auch aus dem weltweit anerkannten ICD-10-Katalog. Damit ist für die Wissenschaft Homosexualität unstrittig keine psychische Störung.

Zahlreiche religiöse Gruppen betrachten Homosexualität und andere von der Norm abweichende sexuelle Veranlagungen jedoch weiterhin als behandlungsbedürftige Krankheiten.[8] Insbesondere die evangelikale Bewegung ist diesbezüglich sehr aktiv und fördert Maßnahmen wie die Reperativtherapie. Vertreter der Reparativtherapie (z.B. Wüstenstrom, Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft) gehen von der Hypothese aus, dass Homosexualität nicht wesentlich genetisch begründet und angeboren sei, sondern auf einer Kombination von Veranlagung und verschiedenen komplexen Lebenserfahrungen in der Kindheit und Jugend der Betroffenen zurückzuführen sei. Zu diesen Lebenserfahrungen werden unter anderem die Herkunft, das Temperament, Verletzungen durch Eltern und Geschwister, Familienentwicklungen, sexueller Missbrauch, und soziale und kulturelle Verletzungen gezählt. Diese Sichtweise und insbesondere die daraus resultierenden therapeutischen Behandlungsversuche werden jedoch von den entsprechenden medizinischen Fachverbänden und zahlreichen gesellschaftlichen Gruppen als falsch kritisiert und als teilweise gefährlich bezeichnet.[1][2][3][9][10][11][12][13] Im Oktober 2013 beschloss die 64. Generalversammlung des Weltärztebundes im brasilianischen Fortaleza, dass Homosexualität keine Krankheit sei und deshalb keinerlei Heilung bedürfe. Die Delegierten des Weltärztebundes lehnen auch die Reparativ- beziehungsweise Konversionstherapien strikt ab.[3]

Anwendung[Bearbeiten]

Die Therapie und ihre Vertreter[Bearbeiten]

Heutige wichtige Vertreter der Reparativtherapie sind der Psychologe Joseph Nicolosi, der Psychologieprofessor Mark A. Yarhouse von der evangelikalen Regent University sowie Warren Throckmorton und Richard Cohen, dem wegen seiner Auffassungen sogar die Zulassung als Therapeut entzogen wurde.[14] Der Begriff Reparativtherapie wird spezifisch für eine von Joseph Nicolosi entwickelte Behandlungsform verwendet,[15] so von vielen aber nicht allen Mitgliedern von NARTH. In Deutschland wird diese Therapie vor allem vom zur Offensive Junger Christen gehörenden Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) [16] und von Wüstenstrom unterstützt. Der Psychologieprofessor Nicholas A. Cummings, früherer Präsident der American Psychological Association, berichtet, dass er in seiner persönlichen Praxis etwa 2000 Patienten mit Konflikten auf Grund ihrer Einstellung zu Homosexualität ergebnisoffen behandelt habe. Im kalifornischen Gesundheitskonzern Kaiser-Permanente, wo er langjähriger Vorgesetzter von über 600 Psychotherapeuten war, wurden nach seiner Schätzung etwa 16.000 Patienten mit Konflikten bezüglich ihrer Einstellung zur eigenen sexuellen Identität behandelt. Nach seinen Angaben war bei einem Drittel der Behandlungen keine wesentliche Verbesserung festzustellen. Von den zwei Dritteln, bei denen die Behandlung erfolgreich gewesen sei, hätten 80 % nachher ein gesundes, sexuell verantwortungsvolles Leben als Homosexuelle gelebt, bei 20 % sei eine Umorientierung erfolgt. Er bekomme im Ruhestand immer noch Dankesschreiben von einigen heterosexuell verheirateten Klienten, aber noch mehr von solchen, die eine glückliche gleichgeschlechtliche Langzeitbeziehungen führen würden. Im selben Interview äußerte er sich jedoch auch dahingehend, dass "jene, die gegen Homosexualität sind, nicht behaupten sollten, dass alle Homosexuellen ihre sexuelle Orientierung ändern könnten oder dies tun sollten".[17] Berufsorganisationen, die gegenüber der Reparativtherapie positiv eingestellt sind, sind NARTH, die American Association of Christian Counselors und die Catholic Medical Organization in den Vereinigten Staaten.[18]

Über die Anwendung verschiedener Verfahren der Verhaltenstherapie zur Reorientierung Homosexueller gibt es verschiedene Fallstudien. Albert Ellis wandte sein Verfahren der Rational Emotive Therapie auch bei Homosexuellen an und schreibt 1965, dass er nach der Behandlung von Dutzenden von Klienten die Rational Emotive Therapie als wesentlich wirkungsvoller ansieht als seine früheren psychoanalytischen Verfahren.[19]

Begleitet werden reparative Therapien häufig auch durch eine entsprechende geistliche Begleitung, da die homosexuelle Orientierung von Gott nicht gewollt sei und lediglich eine psychologische Fehlentwicklung, die geheilt werden könne.[20] Sexuelle Orientierung wird dabei nicht als eine der Persönlichkeit integrale Identität gesehen. Die wesentlichen Vertreter der Reparativtherapien haben in der Regel ein evangelikal geprägtes Menschenbild und bewerten Homosexualität aufgrund einer recht wörtlichen (bibeltreuen) Auslegungen der Bibel bzw. des Alten Testaments. Danach kann Sexualität für den Menschen nie die Basis sein, um seine Identität zu definieren oder um im Leben Sinn und Erfüllung zu finden, sondern diese Basis ist in der Identifikation als Jünger Christi zu finden.[21]

Diskussion eines Verbotes[Bearbeiten]

Im September 2012 hat der kalifornische Gouverneur Jerry Brown ein Gesetz unterzeichnet, das Reparativtherapien bei Minderjährigen aufgrund ihrer schädlichen Wirkungen in Kalifornien verbietet.[22][23]

Der US-amerikanische Fachverband der Psychologen, American Psychological Association nahm am 5. August 2009 eine Entschließung an, die feststellt, dass Fachleute auf dem Gebiet der seelischen Gesundheit es vermeiden sollen, ihren Klienten zu erklären, dass sie ihre sexuelle Orientierung durch Therapie oder andere Behandlung ändern können. Die "Resolution zu geeigneten affirmativen Antworten auf Spannungen im Zusammenhang mit sexueller Orientierung und zu Veränderungsanstrengungen" empfiehlt Eltern, Erziehungsberechtigte, junge Menschen und ihre Familien, Behandlungen zu vermeiden, die Homosexualität als geistige Krankheit oder als Entwicklungsstörung darstellen. Statt dessen sollen sie sich nach Psychotherapie, sozialen Unterstützung und Erziehungsdiensten umsehen, die "genaue Information zu sexueller Orientierung und Sexualität bieten, die Unterstützung durch Familie und Schule vergrößern und die Ablehnung von Jugendlichen, die einer sexuellen Minderheit angehören, reduzieren."[24][25]

Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen legte im März 2013 im Deutschen Bundestag eine Gesetzesinitiative vor, die das Angebot und die Durchführung von Therapien bei Minderjährigen mit dem Ziel der Änderung der sexuellen Orientierung verbieten lassen will, da „[…] negative und schädliche Effekte solcher Behandlung auf therapierte Personen wissenschaftlich nachgewiesen sind. Zu diesen zählen neben Ängsten u. a. soziale Isolation, Depressionen und erhöhte Suizidalität. […] Ein wissenschaftlich valider Nachweis für die behauptete Wirksamkeit derartiger Therapien existiert dagegen nicht.“ Verstöße sollen mit einer Geldbuße von mindestens 500 Euro geahndet werden.[26][27] Obwohl sich der Gesetzentwurf nur auf Therapieversuche an Minderjährigen bezieht, wurde er von mehreren Organisationen aus dem evangelikalen Spektrum kritisiert, da jeder Mensch frei wählen sollen dürfe, ob er sich einer solchen Therapie trotz der ablehnenden Haltung aller Fachgesellschaften unterziehen wolle.[28][29]

Geschichte[Bearbeiten]

Der Begriff des reparativen Antriebs stammt ursprünglich von Anna Freud, die bis an ihr Lebensende in einer homosexuellen Beziehung lebte. In diesem Konzept der Homosexualität, das von Elizabeth Moberley und Joseph Nicolosi weiterentwickelt wurde, werden homosexuelle Beziehungen als Mittel gesehen, um durch die dabei gefundene Bestätigung und emotionale Intimität das Gefühl der geschlechtlichen Identität zu reparieren, das durch Kindheitserfahrungen geschädigt wurde. Die reparative Therapie bezweckt, diesen reparativen Trieb auf nicht-sexuelle gleichgeschlechtliche Beziehungen auszurichten und hat von daher ihren Namen.[30][31]

Fachleute bemängeln heute die Verwendung der Begriffe Reparativtherapie und Konversionstherapie, da sie missverständlich seien und fälschlicherweise nahelegten, dass Homosexualität eine Fehlfunktion sei und damit zu korrigieren wäre. So führt etwa der Sexualwissenschaftler Erwin J. Haeberle die Begriffe unter unsachgemäße Fachausdrücke auf und schreibt hierzu: „Der Ausdruck [...] unterstell[t], dass die Homosexualität eine Fehlfunktion ist, die korrigiert werden muss. Dies ist aber ein moralistisches Werturteil, keine objektive wissenschaftliche Feststellung“. Dies entstünde aus dem „missionarische[n] Eifer von Kreuzzüglern, die unter dem Mantel der Wissenschaft sexuelle Gleichmacherei betreiben wollen“.[32]

Der Begriff Reparativtherapie ist heute mit unterschiedlichen Bedeutungen in Verwendung: Neben allgemeinen Behandlungsansätzen mit dem Ziel die sexuelle Orientierung zu ändern, wird der Begriff zum Teil auch spezifisch für eine von Joseph Nicolosi entwickelte Behandlungsform verwendet. Allgemeine Ansätze werden in diesem Kontext oft abgrenzend als Reorientierungstherapie oder Konversionstherapie bezeichnet.[33]

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde versucht, die sexuelle Orientierung mit Hilfe der Psychoanalyse zu verändern, da diese vielfach als Krankheit oder als Symptome einer Krankheit angesehen wurde.[34] Zu den ersten gehörten die Anhänger von Sigmund Freud, darunter Anna Freud und Irving Bieber. In einer Studie von 1962 berichtet Bieber, dass in einer Gruppe von 106 Männern 19 % der Homosexuellen und 50 % der Bisexuellen nach der Psychoanalyse heterosexuell gewesen seien, darunter auch sechs homosexuelle Männer, die vor der Behandlung keinen Wunsch nach einer Veränderung ihrer sexuellen Orientierung geäußert hätten.[35] Insgesamt kam jedoch auch die psychoanalytische Richtung der Psychologie zu dem Ergebnis, dass Homosexualität nicht krankhaft sei.[36] So lehnen heute auch die psychoanalytischen Fachverbände Konversions- und Reparativtherapien ab.[37][38]

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, abgerufen am 30. März 2014.
  2. a b Stellungnahme des Berufsverbandes Deutscher Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie zur öffentlichen Diskussion um „Konversionstherapien“ oder „reparative Therapien“ bei Homosexualität. 2009.
  3. a b c Pressemitteilung der Bundesärztekammer: Weltärztebund: Homosexualität ist keine Krankheit. Beschlüsse der 64. Generalversammlung des Weltärztebundes. Abgerufen am 30. März 2014.
  4. Royal College of Psychiatrists: Submission to the Church of England's Listening Exercise on Human Sexuality (PDF; 43 kB), Punkt 5 (S. 3): Psychotherapy and reparative therapy for LGB people. Abgerufen am 22. Juli 2008.
  5. Just the Facts Coalition, American Psychological Association et al.: Just the facts about sexual orientation and youth: A primer for principals, educators, and school personnel.
  6. http://www.apa.org/topics/orientation.html
  7. Glossar: Unsachgemäße „Fachausdrücke“. Aus: E. J. Haeberle, dtv-Atlas Sexualität. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2005.
  8. Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft: Mein Weg heraus aus der Homosexualität. Abgerufen am 30. März 2014.
  9. Kurt Wiesendanger: Stellungnahme zu Umpolungstherapien für Homosexuelle aus psychologischer und psychotherapeutischer Sicht. 2005.
  10. Stellungnahme der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften zu Homoheilungwerbung an Universitäten, abgerufen am 30. März 2014.
  11. Position Statement der American Psychiatric Association: Therapies Focused on Attempts to Change Sexual Orientation Reparative or Conversion Therapies. März 2000, abgerufen am 30. März 2014.
  12. Kommentar der Bundesarbeitsgemeinschaft Schwuler im Gesundheitswesen (BASG) über Fundamentalistische Organisationen und ihre Therapien. 2005, abgerufen am 30. März 2014.
  13. Stellungnahme des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen zu Christlicher Sexualberatung durch Wüstenstrom e.V., Therapie von Homosexualität. 2006, abgerufen am 30. März 2014.
  14. Sandra G. Boodman: A Conversion Therapist's Unusual Odyssey. In: The Washington Post. August 16, 2005 [1] Abgerufen am 30. März 2014
  15. Warren Throckmorton: What is reparative therapy
  16. OJC: Stellungnahme zur Presseerklärung des Antidiskriminierungsbüros in Leipzig, gesehen 27. März 2010.
  17. Warren Throckmorton: Homosexuality and Psychotherapy: An Interview with Dr. Nicholas Cummings, auf der Webseite des Center for Vision and Values der christlichen Hochschule Grove City College
  18. Homosexuality & Hope Booklet, Statement of the Catholic Medical Association. Text
  19. Albert Ellis, Homosexuality: Its causes and cure, 1965, New York
  20.  Tanya Erzen: Straight to Jesus: Sexual and Christian Conversions in the Ex-Gay Movement. University of California Press, Berkeley 2006, ISBN 0520245822, S. 17 (293 S.).
  21.  Richard B. Hays: The Moral Vision of the New Testament: Community, Cross, New Creation – A Contemporary Introduction to New Testament Ethics. HarperSanFrancisco, San Francisco 1996, ISBN 006063796X, S. 390 f. (528 S.).
  22. ’'Kalifornien: Homo-"Heilung" von Minderjährigen verboten auf queer.de, 1. Oktober 2012.
  23. Erik Eckholm: Gay ‘Conversion Therapy’ Faces Test in Courts, New York Times, 27. November 2012.
  24. HuK:Positionserklärung (Press Release) der American Psychological Association (APA) zu Konversionstherapien, 5. August 2009
  25. Queer: Einmal schwul, immer schwul !
  26. Entwurf eines Gesetzes zur Ahndung von Therapien mit dem Ziel der Änderung der sexuellen Orientierung bei Minderjährigen (PDF; 138 kB), Deutscher Bundestag, Drucksache 17/12849.
  27. Christopher Pramstaller: Pseudowissenschaftliche Angebote: Grüne fordern Verbot von Therapien für Homosexuelle, sueddeutsche.de, 23. März 2013, abgerufen am 25. März 2013.
  28. „Konversionstherapien“: Seelsorge-Organisationen kritisieren Grünen-Vorstoß auf idea.de, 25. März 2013, abgerufen am 26. März 2013.
  29. Allianz: Volker Beck schafft Feindbilder, PRO Christliches Medienmagazin, 25. März 2013, abgerufen am 26. März 2013.
  30. Christl Ruth Vonholdt: Homosexualität verstehen (Version vom 28. September 2007 im Internet Archive) (PDF; 350 kB), DIJG, Sonderdruck Herbst 2006
  31. Warren Throckmorton: I Am Not a Reparative Therapist
  32. Erwin J. Haeberle, Glossar: Unsachgemäße "Fachausdrücke", dtv-Atlas Sexualität, 2005
  33. Warren Throckmorton: What is reparative therapy
  34. Drescher J.: I'm your handyman: a history of reparative therapies. J Homosex. 1998;36(1):19-42. PMID 9670099
  35. Irving Bieber, et al.: Homosexuality. A Psychoanalytic Study, New York, 1962
  36. Kreische, Reinhard: Homosexualität: Angst vor Fremdem. In: Ärzteblatt. PP 4, Ausgabe März 2005
  37. British Psychoanalytical Council: Statements on reparative therapy and sexual orientation [2] Abgerufen am 31. März 2014
  38. American Psychoanalytical Association [3] Abgerufen am 31. März 2014
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