Retrospiel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Retrospiele auf einer Messe (Haus der Computerspiele - Gamescom 2010)
Retrospiele auf der Langen Nacht der Computerspiele in Leipzig
„Space-Invaders“-Alien, aus dem Straßenprojekt Space Invaders (2007, Paris)

Als Retrospiel werden üblicherweise ältere Computer- und Videospiele bezeichnet. Oft wird als die Grenze zu Retrospielen die Zeit des Umbruchs zu der überwiegenden Veröffentlichung von 3D-Spielen zur Mitte der 1990er Jahre gesehen, die durch leistungsfähigere CPUs in PCs und neue Konsolen, insbesondere der PlayStation, eingeläutet wurde. Dem Prinzip Retro folgend, verschiebt sich jedoch diese Grenze, häufig werden bereits Spiele bis zum Ende der 1990er Jahre als Retrospiele angesehen.

Ferner hat sich der Begriff Retrospiel auch als Genrebezeichnung etabliert und bezeichnet als solche Computerspiele bis zum Ende der 8-Bit-Ära (ca. 1970 bis ca. 1985), wie etwa Pong oder Frogger, die sich nicht eindeutig in eines der heute üblichen Genres einordnen lassen und daher eben nur als „Retro“ eingestuft werden. Retrogaming bezeichnet die Beschäftigung von Individuen oder Gruppen mit Retrospielen, als ein von der normalen Mainstream-Spielekultur differenzierbares Phänomen.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Trend des Retrogaming entstand zum Ende der 1990er-Jahre und erfreut sich seit dem immer größerer Beliebtheit, welcher sich auf alte Spiele und Spielekonsolen konzentriert. Es handelt sich hierbei durchaus um eine aktuelle Entwicklung in der Computerspielszene, z.B. existieren inzwischen spezialisierte Publikationen wie das monatlich erscheinende RetroGamer Magazine[1] oder die deutschsprachige Retro[2] und das Return-Magazin.[3]

Reaktionen der Spieleindustrie

Seit den 2000er Jahren hat auch die Spieleindustrie die Zielgruppe der "Retrogamer" und den vorhandenen Bestand der "Retrogames" für sich entdeckt. So kommen bemerkenswerterweise immer mehr klassische Spiele auf aktuellen Konsolen in Form von Samplern heraus. Ein Beispiel hierfür ist die Konami Arcade Classics-Sammlung für das Nintendo DS oder die SEGA Mega Drive Ultimate Collection für die Xbox 360 bzw. die Playstation 3. Bei diesen Kompilationen werden meistens mehr als 10 oder 20 alter Spiele in einem Paket an den Kunden gebracht. Ein weiterer Absatzmarkt für Retrospiele ist außerdem der Marktplatz der Xbox-Live, auf dem HD-Versionen von Klassikern wie Street Fighter zu erwerben sind, sowie der Wii-Shop-Kanal von Nintendo.

Die polnische Firma Good Old Games bietet seit 2008 PC-Klassiker der DOS- und frühen Windows-Ära technisch aufbereitet für moderne Plattformen über die Digitale Distribution an.[4]

Motivation[Bearbeiten]

Im Allgemeinen kann man zwei Hauptgründe für diesen Trend ausmachen.

Zum einen sind viele der heute erwachsenen Computerspieler mit den Anfängen der Computerspielentwicklung Ende der 80er und Anfang der 90er aufgewachsen, für die die damaligen Spiele sehr prägend waren. Viele Spielegenres sind heutzutage fast ausgestorben, darunter unter anderem Adventures, Jump ’n’ Runs, Puzzlespiele und Side-Scroller, weil die Spieleindustrie kein Marktpotential für diese Gattungen sieht. Aus Mangel an aktuellen Alternativen und aus Nostalgie konzentriert man sich wieder auf die alten Klassiker.

Der zweite Grund ist, dass viele Spieler der heutigen Spieleindustrie vorwerfen, zu konservativ-kommerziell zu agieren und kreativen Spielkonzepten keine Chance mehr zu geben oder geben zu können – eine Sichtweise, die teilweise auch von Entwicklerfirmen und Publishern selbst geteilt wird.[5][6] Seit den 1990ern wuchsen die Kosten für professionelle Spielentwicklung deutlich an und vergrößerten die Furcht, einen kostspieligen Fehlschlag zu produzieren, was eine Fokussierung auf bekannte Spielrezepte, Fortsetzungen (deren einzige Weiterentwicklung häufig in der Grafikqualität aber nicht in kreativen Spielkonzepten liegt) und die einfacheren, aber breitere Zielgruppen ansprechenden Casual Games zur Folge hatte.

Ziele[Bearbeiten]

Auf dem inneren Bildschirm ein Screenshot vom Spiel Paku Paku, welches mehrere Retrogaming-Aspekte demonstriert: Remake-Erstellung des Retro-Klassikers Pac Man für die "Retrochallenge 2011" und die Beschäftigung mit Retrohardware wie der PC CGA-Grafik, welche in non-konformen 160×100×16 Modus "verwendet" wird.[7]

Motive für Retrogaming sind vor allem Spieleklassiker zu erhalten und sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es soll auch das endgültige Verlorengehen von Klassikern, wie z.B. Schließung von Atari Sunnyvale 1996 passiert, verhindert werden. Damals wurden u.a. der Original-Quellcode von Meilensteinen der Computerspielgeschichte wie Asteroids oder Centipede entsorgt. Glücklicherweise konnte ein Teil durch Enthusiasten aus dem Müll gerettet, rekonstruiert und über das Atari-Museum später veröffentlicht werden.[8][9]

Daher sind das Ziel und Interesse der Retrogaming-Bewegung, dass alte Spiele als Freeware oder als Open-Source-Software[10][11] rechtzeitig veröffentlicht werden. Damit sind dies auch aus der rechtlichen Grauzone Abandonware geholt und mit dem Quelltext können die notwendige technische Anpassungen effektiv genommen werden.

Ein weiteres Ziel ist es, alte Spiele wieder auf modernen Betriebssystemen und Hardwareplattformen lauffähig zu machen, z. B. durch sogenannte Community-Patches, welche diese Mängel zu beheben versuchen. Eine Lauffähigkeit auf aktuellen Plattformen kann auch durch die Entwicklung von alternativen Interpretern (z. B. ScummVM) und Emulatoren (z.B. DOSBox oder M.A.M.E.) erzielt werden. Außerdem werden zahlreiche Spiele, die nie für den deutschen Markt lokalisiert wurden, aus dem Japanischen oder Englischen ins Deutsche übersetzt (sogenannte Fan-Übersetzungen) und damit verfügbar gemacht.[12]

Eine weitere Form des Retrogamings ist die Verfügbarmachung als Remakes oder Portierungen (mit dem Quellcode) von alten Spielen für neue Hardware- und Softwareplattformen[13], z.B. portable Geräte oder Mobiltelefone,[14] oder Mac OS. Hintergrund hier ist, dass Spiele der 8- oder 16-Bit Ära auf Hardware mit vergleichbarer Rechenleistung und technischen Eckdaten (RAM, Bildschirmauflösung) wie heute Mobiltelefone entwickelt wurden. Hierdurch ist eine Portierung leicht möglich, und das Profil der Spiele entspricht dem für die Zielplattform (z.B. Lesbarkeit trotz geringer Bildschirmauflösung).

Ein neuer Trend ist die Wiederbelebung alter Computerspieltitel im Rahmen des Crowdfunding. Beispielsweise wurde Wasteland 2 2012 als ein Wasteland inspiriertes rundenbasiertes, postapokalyptisches old-school Computer-Rollenspiel von Brian Fargos InXile Entertainment erfolgreich auf der Kickstarter.com-Plattform mit drei Millionen Dollar finanziert.[15]

Museen und Ausstellungen[Bearbeiten]

The Art of Video Games im Smithsonian American Art Museum, 2012.

Retrospiele werden inzwischen weltweit von Museen als Kunstform wahrgenommen und in Ausstellungen präsentiert, z.B. in Karlsruhe im RetroGames Arcade-Museum, welches 2002 gegründet wurde,[16][17] oder dem bereits 1997 eröffneten Computerspielemuseum Berlin.

Das Haus der Computerspiele stellt als Wanderschau mit wechselnden Exponaten zur Geschichte und Kultur des Computerspiels auf Messen, Kongressen und Festivals aus.

Ausstellungen von klassischen Videospielen existieren auch in traditionellen Kunst-Museen, wie die Ausstellung The Art of Video Games 2012 im Smithsonian American Art Museum[18] oder als Teil der "Applied Design"-Dauerausstellung des Museum of Modern Art seit 2013[19].

Projekte[Bearbeiten]

Interpreter[Bearbeiten]

Emulatoren[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Sebastian Felzmann: Playing Yesterday - Mediennostalgie im Computerspiel, ISBN 978-3-86488-015-5
  • Sebastian Felzmann: Playing Yesterday - Mediennostalgie und Videospiele. In: Karlsruher Studien zu Technik und Kultur, Band 2: Techniknostalgie und Retrotechnologie, hg. von Andreas Böhn und Kurt Möser, ISBN 978-3-86644-474-4
  • Sebastian Felzmann: Playing Yesterday - Retrogaming and Media Nostalgia (FROG Talk) Vortrag, im Rahmen der 4. Future und Reality of Gaming (FROG) in Wien 2010 gehalten. [5]
  • Konrad Lischka: Spielplatz Computer. Kultur, Geschichte und Ästhetik des Computerspiels, ISBN 3-88229-193-1
  • Mathias Mertens, Tobias O. Meissner: Wir waren Space Invaders. ISBN 3-8218-3920-1

Weblinks[Bearbeiten]

Magazin-Veröffentlichungen
  • Lotek64 kostenlose Zeitschrift für ältere Spielkonsolen und Heimcomputer
  • LOAD-Magazin kostenloses Magazin zum Thema Homecomputer und klassische Spielekonsolen
  • RETRO-Magazin deutschsprachiges Magazin zum Thema Retro und Videospielkultur
  • RETURN Magazin deutschsprachiges Magazin rund um 8-Bit-Computer und Spielekonsolen
  • RetroGamer englischsprachiges monatliches Magazin zum Thema
  • Retro Gamer deutschsprachiges Magazin zum Thema
Webseiten
  • 8-Bit-Nirvana Homepage für 8-Bit-Computer und Videospiele
  • Classic-Zone.de Seite mit Artikel über Classic-Games und Konsolen
  • retrobase.net Datenbank klassischer Videospiele (engl.)
  • Online Retrogames Informationen, Onlinespiele und "Retrogames" zum Herunterladen
  • Vogons Very old games on new systems aktive Community für Spiele der DOS- und frühen

Windows-Ära (engl.)

Berichte und Reportagen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. MAGAZINE PROFILE (englisch) Imagine Publishing Ltd.. 2011. Abgerufen am 29. Juli 2011: „Retro Gamer is the only gaming magazine in the UK that’s totally dedicated to all aspects of retro gaming. If you’re a fan of Jet Set Willy, or still feel that the Spectrum is the best games machine of all time then this is the magazine for you.
  2. Retro
  3. Return: Magazin für die Generation C64. Software & Support Verlag GmbH. 22. September 2009. Abgerufen am 4. September 2011: „Liebhabern gepflegter 8-Bit-Kultur steht ab Oktober ein neues Magazin zur Seite: Return. Das Magazin erscheint vierteljährlich und beschäftigt sich mit allen 8-Bit-Computern und Spielkonsolen, ihrer Vergangenheit und Gegenwart.
  4. Frank Caron: First look: GOG revives classic PC games for download age (englisch) Ars Technica. 9. September 2008. Abgerufen am 27. Dezember 2012: „[...] [Good Old Games] focuses on bringing old, time-tested games into the downloadable era with low prices and no DRM.
  5. MARCELO PRINCE, PETER ROTH: Videogame Publishers Place Big Bets on Big-Budget Games (englisch) Wallstreet Journal Online. 21. Dezember 2004. Abgerufen am 1. Juli 2013: „The jump in development and marketing costs has made the videogame industry "enormously risk averse,[...]Publishers have largely focused on making sequels to successful titles or games based on movie or comic book characters, which are seen as less risky. "We don't green light any more things that will be small or average size games.[...]"
  6. John Walker: RPS Exclusive: Gabe Newell Interview (englisch) Rock, Paper, Shotgun. 22. November 2007. Abgerufen am 2. Mai 2012: „kein Risiko eingehen, blieb deshalb streng konservativ bei Dingen, die funktionierten“, deutsche Übersetzung Interview mit Gabe Newell
  7. Jason Knight: Paku Paku - A game for early PC/MS-DOS Computers (englisch) deathshadow.com. Abgerufen am 18. Oktober 2013: „Contents of DEATHSHADOW'S MADNESS © Jason M. Knight unless otherwise noted All code presented on this site is released to the Public Domain. There'll be none of that open source licensing malarkey in here - If you going to give something away, LANDS SAKE JUST GIVE IT AWAY!!!
  8. Kevin Parrish: Atari 7800 Source Code Rescued - Atari released the source code for the 7800 console and games (englisch) tomsguide.com. 7. Juli 2009. Abgerufen am 9. Januar 2012.
  9. 7800 Games & Development (englisch) atari-museum.com. 2009. Abgerufen am 9. Januar 2012: „These games were rescued from Atari ST format diskettes that were thrown out behind 1196 Borregas when Atari closed up in 1996. The Atari Museum rescued these important treasures and recovered them from the diskettes.
  10. Andy Largent: Homeworld Source Code Released. www.insidemacgames.com. 8. Oktober 2003. Abgerufen am 10. Januar 2011.
  11. Going Open Source! (englisch) soaos.sourceforge.net. 23. Juni 2003. Abgerufen am 2. August 2011: „In order to give the Siege game an extended practical life, allow ongoing player support, give the game a chance to be made available on other platforms, and to share our technical learning experience with the game development community, the Board of Directors at Digital Tome LP have agreed to release the Delphi source to the Siege game to the Open Source community under an LGPL license!
  12. John Szczepaniak: Japanese ROM Translation. In: Retro Gamer. 25, 1. Juni 2006, S. 102-105. [1][2][3][4]
  13. tron: JA2-Stracciatella Q&A (englisch) ja-galaxy-forum.com. 28. Mai 2008. Abgerufen am 28. Januar 2012: „What is the goal of JA2-Stracciatella? The goal is to make Jagged Alliance 2 available to a wide range of platforms, improve its stability, fix bugs […]
  14. JA2 Stracciatella Feedback » Jagged Alliance 2 Android Stracciatella Port RC2 Release - please test auf the Bear's Pit Forum, 3. Oktober 2011 (englisch)
  15. Spieler finanzieren "Wasteland 2", derStandard.at, 19. März 2012.
  16. RetroGames e.V.
  17. Peter Schmitz: Erster eingetragener Verein für Computer- und Konsolenspiele-Oldies eröffnet (german) Heise.de. 19. Juli 2002. Abgerufen am 1. Juni 2012.
  18. Mike Snider: Are video games art? Draw your own conclusions. In: USA Today. Gannett. 13. März 2012. Abgerufen am 2. Juni 2012.
  19. Paola Antonelli: Video Games: 14 in the Collection, for Starters. In: Inside / Out. A MoMA/MoMA PS1 Blog. Museum of Modern Art. 29. November 2012. Abgerufen am 29. November 2012.