Reversing Falls

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Obere Engstelle der Reversing Falls: Der Saint John River fließt über einen felsiger Sockel.

Die Reversing Falls sind Stromschnellen im Mündungsbereich des Saint John Rivers. Sie befinden sich bei Saint John in der kanadischen Provinz New Brunswick, wo der Saint John River sich verengt, bevor er in die Bay of Fundy mündet. Durch den in dieser Bucht außergewöhnlich großen Tidenhub kehrt sich die Fließrichtung des Saint John River im Mündungsbereich abhängig von den Gezeiten um.[1] Ein felsiger Sockel im Flussbett und eine sich anschließende enge Schlucht verringern an dieser Engstelle den Abflussquerschnitt und verstärken die Strömung derart, dass sich sowohl bei Ebbe als auch bei Flut ein Fließgefälle ergibt und sich Stromschnellen bilden, jeweils in die entgegengesetzte Richtung.[2] Ein gefahrloser Schiffsverkehr ist an dieser Stelle nur in den Zeiten mit schwacher Strömung zwischen Ebbe und Flut möglich.[3]

Lage und Umgebung[Bearbeiten]

Der Saint John River mündet im Norden der Bay of Fundy. Im fjordartigen Mündungsgebiet des Flusses trifft in der sogenannten Grand Bay etwa 10 Kilometer nordwestlich der Mündung der Kennebecasis River auf den Saint John River. Beide Flüsse bilden oberhalb der Grand Bay mit der Kennebecasis Bay und Long Reach große, fjordartige Becken, die parallel von Nordost nach Südwest verlaufen. Nach dem Durchfließen von Long Reach biegt der Saint John River abrupt in einem Winkel von etwa 90 Grad in südöstlicher Richtung ab, der folgende Flussabschnitt wird Westfield Channel genannt und endet in der Grand Bay. Südlich der Grand Bay schließt sich ein etwa vier Kilometer langer, wieder engerer, etwas gewundener Flussabschnitt an, bevor der Fluss bei Indiantown, einem Stadtteil von Saint John, wieder etwas breiter wird.

Etwa zwei Kilometer südlich von Indiantown verengt sich der Fluss recht unmittelbar auf eine Breite von 215 Metern, an dieser Verengung befindet sich Crow Island nahe dem östlichen Ufer. An dieser zudem sehr seichten Stelle beginnt der als „Reversing Falls“ bezeichnete Abschnitt des Flusses, die dort auftretenden Stromschnellen werden auch als Upper Falls bezeichnet. Nun weitet sich der Fluss zunächst wieder etwas, bevor er etwa 600 Meter weiter südlich die mit 106 Metern engste Stelle des Mündungsbereichs passiert. Auch an dieser Stelle ist das Wasser häufig besonders turbulent, weshalb sie auch als Lower Falls bezeichnet wird. Über diese engste Stelle führen direkt nebeneinander zwei Brücken, die beide nach diesem Phänomen benannt sind, eine Straßen- und eine Eisenbahnbrücke. Südlich dieser Engstelle biegt der Fluss nochmals scharf für etwa zwei Kilometer in nordöstliche Richtung ab, bevor er nach einer weiteren etwa rechtwinkligen Biegung das Hafenbecken von Saint John erreicht, das sich Richtung Südosten zur Bay of Fundy öffnet.[4]

Hydrologische Eigenschaften[Bearbeiten]

Schematische Darstellung der Pegelstände an den Reversing Falls: Flut, Ebbe und großer bzw. maximaler Flusseintrag
Teil der oberen Engstelle zwischen Crow Island (links), einer weiteren Insel (rechts oben) und dem östlichen Ufer (rechts unten), Ebbe, Blickrichtung flussaufwärts
In etwa dieselbe Stelle wie oben (zwischen den beiden Inseln), eine Stunde vor Höchststand der Flut

Südlich von Indiantown, am Beginn der Reversing Falls, ist während Ebbe das Fließgefälle des Saint John River relativ stark, es beträgt vier Meter auf den folgenden drei Kilometern.[5] Die durchschnittliche Süßwassermenge, die der Saint John River ins Meer transportiert, beträgt etwa 1100 m³/s, kann aber während der Schneeschmelze im Frühjahr kurzzeitig auf über 10.000 m³/s ansteigen. Die Schwelle am Beginn der Reversing Falls, das sogenannte Reversing Falls Sill, und die enge Schlucht wenig weiter südlich des Flusses behindern einen derartigen Durchfluss bei normalem Wasserstand, der zudem nur wenig über dem mittleren Meeresspiegel liegt. Auch während Ebbe muss am Reversing Falls Sill die Wassertiefe mindestens 5 Meter betragen, damit das Süßwasser abfließen kann.[4]

Die Bay of Fundy ist bekannt für ihren außergewöhnlich großen Tidenhub. Der Tidenhub im Mündungsbereich des Saint John River ist mit durchschnittlich 6,7 Meter für die Bay vergleichsweise bescheiden, in Extremfällen kann er bis zu 9,1 Meter betragen.[4] Zwei mal am Tag wechseln sich Ebbe und Flut ab, der Spring-Nipp-Zyklus dauert 14 Tage. Bei Ebbe liegt der Wasserspiegel in der Hafenbucht in der Regel vier Meter niedriger als der Wasserspiegel am Reversing Falls Sill. In dieser Phase fließt durch die Reversing Falls eine Mischung aus Süßwasser und Meereswasser der vorhergehenden Flut flussabwärts.[5] Der Tidenhub oberhalb der Reversing Falls beträgt durch deren dämpfende Wirkung bei Indiantown nur etwa einen halben Meter. Damit liegt der Wasserspiegel des Hafenbeckens während normaler Wasserführung des Saint John Rivers bei Flut 1,7 bis 4,2 Meter über dem bei Indiantown, abhängig von der Höhe der Flut. Während dieser Phase kehrt sich die Fließrichtung des Saint John Rivers unterhalb von Indiantown um und das Fließgefälle in Verbindung mit dem verengten Querschnitt im Bereich der Reversing Falls reicht aus, dass sich auch landeinwärts Stromschnellen bilden.[2] Während der Schneeschmelze im Frühjahr kann der Wasserspiegel oberhalb der Reversing Falls dauerhaft über dem im Hafenbecken liegen – dann kommt es zu keiner Umkehrung der Fließrichtung. Längerfristige Aufzeichnungen der Pegelstände lassen vermuten, dass etwa zwei Drittel der Zeit der Saint John River im Bereich der Reversing Falls Richtung Meer fließt.[5]


Tourismus[Bearbeiten]

Bereits seit den 1840er-Jahren sind die Reversing Falls eine touristische Attraktion der Stadt Saint John. Im unteren Abschnitt der Reversing Falls nahe der engsten Stelle des Flusses wurde im Jahr 1853 – nach einigen vergeblichen Versuchen – die erste Brücke errichtet, die die Stadt mit ihrem westlichen Umland verband. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden den Touristen neben einem Fußweg zur Besichtigung an Annehmlichkeiten nur eine Schutzhütte und ein Picknicktisch geboten. Seit den 1930er-Jahren gab an der Ostseite der Brücke einen Laden, in dem man auch Souvenirs kaufen konnte und die Chronologie der Gezeiten veröffentlicht wurde. Im Jahr 1955 wurde an Stelle des Ladens ein Tourismusbüro eröffnet, das den heutigen Vorstellungen einer solchen Einrichtung nahekommt.[6]

Tourismusbüro und der „Loyalist Man“, seit den 1950er Jahren ein touristischer Werbeträger von Saint John, nahe dem Aussichtspunkt bei den Brücken

Als im Jahr 1968 die Saint John Harbour Bridge eröffnet wurde und somit weiter flussabwärts eine weitere Möglichkeit bestand, den Fluss zu überqueren, brachen die bisher zufriedenstellenden Besucherzahlen dramatisch ein. Die Touristenattraktion wurde bis dahin meist „Reversing Fall Rapids“ genannt – im Gegensatz zum Flussabschnitt, der schon immer schlicht aber vielleicht etwas dramatisierend als „Reversing Falls“ bezeichnet wird. Man entschloss sich nun das „Rapids“ – also den Hinweis, dass es sich „nur“ um Stromschnellen handelt – aus der Bezeichnung der Touristenattraktion ebenfalls zu tilgen, um den Touristen nicht von vornherein die Illusion zu nehmen, es könne sich dabei um etwas handeln, das rückwärts fließenden Niagarafällen (engl. Niagara Falls) gleichkäme.[6] Möglicherweise auch diese Namensänderung führte dazu, dass manche Besucher zu große Erwartungen hegen und sich betrogen fühlen. Um dies zu vermeiden, ist mittlerweile auch die Bezeichnung „Reversing Rapids“ im Umlauf[7], was die Verwirrung komplettiert. Was möglicherweise auch zur Enttäuschung mancher Touristen beiträgt, ist die Tatsache, dass man etwas über sechs Stunden warten müsste, um einer vollständigen Umkehrung der Fließrichtung beizuwohnen.[6]

Von 1995 bis 2014 wurden Jetboot-Touren im Bereich der Reversing Falls angeboten. Auch Kajakfahrer versuchen sich in den Stromschnellen, manche von ihnen geraten allerdings in Schwierigkeiten und müssen gerettet werden.[8] Da die Jetboats oft zur passenden Zeit im Wasser waren, übernahmen diese gelegentlich auch Rettungseinsätze, im Schnitt passierte das laut Aussagen des Betreibers zweimal jährlich. Ende 2013 beklagte er sich, für die dabei entstehenden Kosten nicht entschädigt zu werden und auch aufgrund der wetterbedingt unbefriedigenden Auslastung im Jahr 2013 hatte er entschieden, sein Unternehmen zu veräußern. Im Frühjahr 2014 wurde kein Käufer gefunden und im Mai 2014 wurde der Betrieb deshalb eingestellt.[9][10]

Geschichte und Legenden[Bearbeiten]

Eine indianischen Legende zufolge baute einst der große Biber einen mächtigen Damm im Mündungsgebiet des Saint John Rivers. Sehr zum Ärger der anderen Tiere staute der Damm einen riesigen See über das ganze Land von Jemseg bis Keswick. Glooscap – eine Figur der indianischen Mythologie, ein sogenannter Kulturheros – wurde zu Hilfe gerufen. Mit seiner schweren Keule zerstörte er den Damm und die Wasserfluten spülten einen Teil davon hinaus in die Bay of Fundy. Man sagt, dass es sich bei Partridge Island, der vorgelagerten Insel südlich von Saint John, um Reste dieses Damms handle – die Indianer nennen diese Insel Quak-m'kagan'ik, was so viel wie „ein herausgeschnittenes Stück“ bedeutet. Die Reversing Falls nennen sie Quabeet-a-wee-soga, in etwa „der umgestürzte Damm des Bibers“. Weiterhin erzählt man sich, dass es sich bei Split Rock, der kleinen Felsinsel unmittelbar südlich der Brücken, um Glooscaps Keule handelt, die er weggeworfen hat, nachdem die Arbeit erledigt war.[11]

Am 24. Juni 1604 erreichten die ersten Europäer das Mündungsgebiet des Saint John Rivers. Dabei waren Pierre Dugua de Monts, ein französischer Entdecker und Händler, sowie Samuel de Champlain, ein französischer Forschungsreisender und Kartograph.[4] Die Reversing Falls zogen bereits das Interesse der ersten Forscher auf sich und sie beschrieben diesen Flussabschnitt in ihren Tagebüchern und Berichten mehr oder weniger präzise. Pierre Biard, ein jesuitischer Missionar, der 1611 in dieses Gebiet kam, beschrieb den Flussabschnitt an der engsten Stelle mit folgenden Worten:

“The entrance to this river is very narrow and very dangerous, for the ship has to pass between two rocks, where the current of the tide is tossed from the one side to the other, flashing between them as swift as an arrow.”

„Die Einfahrt zum Fluss ist sehr eng und sehr gefährlich, da ein Schiff zwischen den beiden Felsen hindurch gelangen muss, wo die Strömung der Gezeiten von einer Seite zur anderen getrieben wird und zwischen den Seiten flink wie ein Pfeil umherjagt.“[11]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Manfred Schmidt: Geographische Kuriositäten. Seite 150f, Grin Verlag, München 2008, ISBN 3-638-95530-3
  2. a b Paul R. Pinet: Invitation to Oceanography. 6. Auflage, Jones & Barlett Learning, Burlington 2013, ISBN 978-1-4496-0191-1, S. 263–266
  3. Carl Herzog (Hrsg.): Reed's Nautical Almanac East Coast 2009. Thomas Reed Publications, 2009, ISBN 1-884666-95-7, S. 337
  4. a b c d Con Desplanque, David J. Mossman: Tides and their seminal impact on the geology, geography, history, and socio-economics of the Bay of Fundy, eastern Canada. In: Atlantic Geology. Band 40, 2004, S. 66–69 (online)
  5. a b c Vincent. Leys: 3D Flow and Sediment Transport Modelling at the Reversing Falls – Saint John Harbour, New Brunswick. In: Oceans 2007. S. 1–16 (Zusammenfassung)
  6. a b c Harold E. Wright, Joseph Goguen: Bridging Saint John Harbour. Arcadia Publishing, Charlston 2013, ISBN 978-1-4671-2010-4, S. 79–87 (Google Books)
  7. CTV Atlantic: Tourists confused by iconic Reversing Falls. 9. Juli 2012
  8. CTV Atlantic: Paddler rescued from Reversing Falls after kayak overturns. 28. Mai 2013
  9. Karissa Donkin: Jet boat business up for sale. In: Saint John Telegraph Journal. 26. September 2013 (online)
  10. CTV Atlantic: Popular Saint John tourist attraction up for sale. 23. Mai 2014
  11. a b W. O. Raymond: The River St. John, its physical features legends and history from 1604 to 1784. The Strathmore Press, St. John 1910, S. 37f (online)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Reversing Falls – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

45.260277777778-66.09Koordinaten: 45° 15′ 37″ N, 66° 5′ 24″ W