Revolutionen im Jahr 1989

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Revolutionen im Jahr 1989, Umwälzungen, friedliche Revolution(en), Herbstrevolutionen, Herbst der Völker oder Fall des Kommunismus werden die Veränderungen in Zentral- und Osteuropa bezeichnet, die ab 1989 zur Abschaffung der dortigen Systeme führten.

Zu den Auslösern, zusammen mit Glasnost und Perestroika in der UdSSR, gehörte die sogenannte Sinatra-Doktrin von Michail Gorbatschow, die es den anderen Ostblock-Staaten erstmals erlaubte, eigene Wege zu gehen. Nachdem in der Volksrepublik Polen die Regierung wechselte, die Volksrepublik Ungarn ab dem 2. Mai 1989 die Grenzzäune zu Österreich abbaute, DDR-Bürger im Sommer die Prager Botschaft besetzen und am 9. November die Berliner Mauer fiel, folgten u. a. die Samtene Revolution in der Tschechoslowakei. In der Folgezeit zerfiel auch die Sowjetunion selbst, viele Staaten errangen die Unabhängigkeit.

Der Prozess wird oft mit dem europäischen Völkerfrühling, den Revolutionen von 1848 verglichen, die der französischen Februarrevolution 1848 folgten.

Friedliche Revolutionen[Bearbeiten]

Die Revolutionen im Jahr 1989 werden auch als „Friedliche Revolution(en)“ bezeichnet. Es gab nur einige wenige Gewalttaten (z.B. die Erschießung des rumänischen Diktators und seiner Frau nach kurzem Prozess).

Im Ostblock hatten sich seit Mitte der 1970er Jahre kleine, uneinheitliche Bürgerrechtsbewegungen gebildet, die mit Zivilcourage und Demokratiebewusstsein gegen die totalitäre Ausrichtung der Gesellschaften auftraten. Mitte der 1980er Jahre lockerte dann Gorbatschow die Rahmenbedingungen: er praktizierte Glasnost und Perestroika. Gorbatschow rief (nach eigener Darstellung) bei den Bestattungsfeierlichkeiten für seinen Amtsvorgänger Tschernenko im März 1985 die Führer der Ostblockstaaten zu sich und machte ihnen deutlich, dass ab sofort jedes Land für seinen Weg (und die daraus resultierenden Folgen) selbst verantwortlich war. Diese neue Doktrin wurde unter dem Namen „Sinatra-Doktrin“ bekannt; damit endete die sogenannte Breschnew-Doktrin, die Breschnew 1968 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings zur Rechtfertigung dieser Invasion verkündet hatte.

Erst 1988/1989 entwickelten sich Bürgerbewegungen, die offensiv Bürger- und Menschenrechte einforderten. Ihre Mittel waren oft ziviler Ungehorsam oder symbolische Aktionen von kleinem Ausmaß und kurzfristiger Dauer. Als ein Ausgangspunkt kann die am 25. März 1988 in Bratislava durchgeführte Kerzenmanifestation angesehen werden. Die alte Staatsmacht zerfiel rapide in Polen, Ungarn, der DDR, der Tschechoslowakei und Bulgarien, das sozialistische Staatssystem wurde abgeschafft und nach dem Muster der westlichen Demokratie und Marktwirtschaft in einer gesamtgesellschaftlichen Transformation verändert. Die friedliche Revolution in der DDR endete in der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990.

Die Umstürze in Rumänien im Dezember 1989 sowie im Baltikum, wo drei unabhängige Staaten Estland, Lettland und Litauen aus der Sowjetunion heraus wieder erstanden, verliefen nicht ganz ohne Blutvergießen. Verglichen mit den Geschehnissen beim Ungarischen Volksaufstand 1956 kann man diese Umstürze gleichwohl als (relativ) friedlich bewerten bzw. benennen.

Die 'friedliche Revolution' strahlte auf weitere Umstürze in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (GUS) aus; diese schlossen sich aber weniger eng an Westeuropa an.

Übersicht[Bearbeiten]

Deutschland-bezogene Übersicht[Bearbeiten]

Regionale und überregionale Initiativen in der DDR (in Klammern das Gründungsdatum)[Bearbeiten]

Parteigründungen vor und nach der Revolution (in Klammern das Gründungsdatum)[Bearbeiten]

Kurz zuvor oder in Folge der friedlichen Revolution gründeten sich zahlreiche neue Parteien und Organisationen in der DDR, von denen später fast alle – meist mit etablierten Parteien der BRD – fusionierten oder heute unter Bedeutungsschwund leiden.

Auswahl: Demokratie Jetzt (12. September 1989), Sozialdemokratische Partei in der DDR, SDP (7. Oktober 1989), Grüne Liga (als Netzwerk am 18. November 1989), Grüne Partei in der DDR (24. November 1989), Unabhängiger Frauenverband (3. Dezember 1989), Vereinigte Linke (als „basisdemokratische Bewegung“ Januar 1990), Die Nelken (13. Januar 1990), Deutsche Soziale Union, DSU (20. Januar 1990), Demokratischer Aufbruch, DA (16./17. Dezember 1989, mit Angela Merkel als Pressesprecherin)

Andere Staaten[Bearbeiten]

  • Volksrepublik Polen: Runder Tisch vom 6. Februar bis 5. April 1989, 17. April Zulassung der „Solidarność“, halbfreie Wahlen im Sommer (65 % der Sitze für die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) und die anderen prokommunistischen Parteien reserviert), 13. September neue Regierung unter dem katholischen Publizisten Tadeusz Mazowiecki. Diese Ereignisse in Polen, die von Gorbatschow unterstützt wurden, waren eine Vorstufe zum Fall der Berliner Mauer in Deutschland und trugen zum Niedergang des Sozialismus im östlichen Europa bei.
  • Ungarn:
    • Paneuropäisches Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze nahe der Stadt Sopron (Ödenburg) am 19. August 1989. An derselben Stelle hatten bereits zuvor der damalige österreichische Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn am 27. Juni 1989 gemeinsam den Grenzzaun durchtrennt, um den am 2. Mai 1989 von Miklós Németh begonnenen Abbau der Überwachungsanlagen durch Ungarn zu unterstreichen. Am 10. September wurden den in Ungarn befindlichen DDR-Bürgern die freie Ausreise gestattet.
    • Am 6. Juli 1989 wurde Imre Nagy rehabilitiert und am 23. Oktober 1989 die dritte Ungarische Republik ausgerufen. Damit endete die Ära Kádár (der „Gulaschkommunismus“).

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]