Rheinische Schärfung

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Als „rheinische Schärfung“ oder Schleifton wird in den Ripuarischen und Limburgischen Sprachen einer der beiden für diese Sprachen typischen Tonakzente bezeichnet. Der Akzent wird im übrigen deutschen und niederländisch/flämischen Sprachraum als „typisch rheinische“ Intonation oder „rheinischer Singsang“ wahrgenommen.

Die Schärfung ist eine besondere Art der Vokalbetonung. Sie ist charakterisiert durch einen Tonhöhenverlauf und Druckverlauf, der oft bei einem hohen Ton mit hohen Druck beginnt, die beide schnell abfallen und danach etwas langsamer wieder ungefähr auf das Normalniveau steigen. Allerdings gibt es eine unübersehbar große Zahl voneinander abweichender individueller Ausprägungen des Schleiftons, die neben dem jeweiligen Dialekt von einigen unterschiedlichen Einflussfaktoren bestimmt werden.

Weitere Bezeichnungen[Bearbeiten]

Im niederländischen und flämischen Schrifttum wird dieser Tonakzent als sleeptoon, im deutschen auch als „Tonakzent 1“ bezeichnet.[1]

Der andere Tonakzent der Ripuarischen und Limburgischen Sprachen ist der Stoßton, auch Niederländisch stoottoon oder deutsch „Tonakzent 2“ genannt.[1]

Verbreitung[Bearbeiten]

Der limburgische Schleifton beziehungsweise die rheinische Schärfung ist verbreitet in den Dialektgruppen beziehungsweise Gebieten 29, 30, 36, 37 und 38

Geografisch[Bearbeiten]

Der limburgische Schleifton kommt vor in der Provinz Limburg der Niederlande, in der Provinz Limburg in Belgien, in einem Teil der Provinz Luxemburg in Belgien (damit auch im deutschsprachigen Teil Belgiens, dem vormaligen Eupen-Malmedy), im Großherzogtum Luxemburg und in den zusammenfassend als Rheinland bezeichneten Teilen der deutschen Bundesländer Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Das umfasst einige große oder bekannte Städte, unter anderem Aachen, Bitburg, Bonn, Düsseldorf, Eupen, Hasselt, Heerlen, Heinsberg, Jülich, Kerkrade, Köln, Koblenz, Krefeld, Leverkusen, Luxemburg, Maastricht, Mönchengladbach, Prüm, Siegburg, Tongeren, Trier, Venlo, Weert und einen kleinen Teil Wuppertals.

Nach Sprachengruppen[Bearbeiten]

Im Ripuarischen und Limburgischen Sprachraum ist die rheinische Schärfung allgegenwärtig. Es gibt kaum einen Satz, in dem sie nicht wenigstens einmal vorkommt. Im westlichen Moselfränkischen einschließlich des Luxemburgischen ist sie seltener.

Darstellung in der Schrift[Bearbeiten]

In der gewöhnlichen Schreibung der jeweiligen Sprachen wird die Schärfung nicht erfasst. Da in der Mehrzahl der Fälle die Schärfung mit einem langen Vokal oder einer langen Silbe zusammentrifft, neigen Autoren im Einflussbereich der niederländischen Standardsprache und ihrer Schreibregeln dazu, bei geschärften Vokalen oder Silben Doppelvokale oder „ie“ zu verwenden. Ganz analog dazu findet man dies auch im Einflussbereich der deutschen Standardsprache und ihrer Schreibung, und zusätzlich häufig Vokale, denen ein „h“ folgt.

Lautschriften[Bearbeiten]

In der Lautschrift nach IPA gibt es eigene Zeichen für den Tonverlauf. Sie werden jedoch bestenfalls bei einer engen phonetischen Transkription eingesetzt. Ansonsten dominiert die reine Längenangabe mit dem Zeichen [ˑ], die in der großen Mehrzahl der Fälle phonologisch äquivalent ist.[2] Abweichend davon wird auch gelegentlich [.] benutzt.[3]

In der rheinischen Dialektologie vor dem Zweiten Weltkrieg war es üblich, Beginn und Ende der Schärfung in phonetischen Umschriften mit [ˑ. ] zu markieren, also zum Beispiel [vaˑl.] für das deutsche Wort „Falle“ im Aachener Dialekt,[4] eine Notation, die auf den Bonner Professor Frings zurückgeht.

Die Rheinische Dokumenta von 1983 führt ursprünglich keine Kennzeichnung der rheinischen Schärfung ein und ihre Autoren raten von einer Markierung ab.[5]

Die Teuthonista[6] definiert ebenfalls keine Markierungen für die verschiedenen Ausprägungen der rheinischen Schärfung, wiewohl solche durchaus möglich wären. Das Rheinland und Limburg zählen nicht zum üblichen Anwendungsgebiet der Teuthonista.

Beispiele[Bearbeiten]

Die beiden Wörter mit der identischen Schreibung zie kommen in vielen (westlichen) limburgischen Sprachen vor. Bei gleicher Lautfolge auf zwei unterschiedliche Weisen intoniert, ist die Bedeutung „Frau“ mit Stoßton und „Seite“ mit Schleifton.

Im Mestreechs kennt man bij [bɛi], das bedeutet auf Deutsch „bei“ ohne oder „Biene“ mit Schärfung, und sehr ähnlich gesprochen, im Kölschen die Wörter bei (ohne Schärfung) und Bei (mit Schärfung) mit jeweils derselben Bedeutung.

Das Wort kiëske im Dialekt des belgischen Stadt Hasselt bedeutet auf Deutsch „Käslein“ ohne oder „Strümpfchen“ mit Schärfung des Doppelvokals.[7]

Man schreibt kaal im Jömelejer Plat und das bedeutet „Gerede“ mit Schleifton oder „kahl“ ohne die Schärfung.[8] Beide Vokale sind lang. Es gibt im Gemmernicher Platt aber auch Kurzvokale mit Schärfung, zum Beispiel bei dem Minimalpaar bökske, das mit Schärfung „Büchlein“ und ohne Schärfung „Höschen“ bedeutet.[3]

Auch wenn die Tonakzente mit dem Begriff „Lexikalischer Ton“ belegt sind, dienen sie vielfach dazu, grammatische, syntaktische oder Fokus-Unterschiede im Satz zu markieren. Im Kölschen hat beispielsweise der Nominativ des Wortes „Pferd“ dat Pääd einen Stoßton, wohingegen der Dativ dämm Pähd immer mit Schleifton gesprochen wird. Ebenfalls im Kölschen wird der normale Aussagesatz „Das ist schlecht“ Dat es schlääsch mit einem Stoßton auf der letzten Silbe gesprochen. Beschwert man sich jedoch lauthals und heftig: Boh, es dat schlääsch! „Meine Güte, ist das schlecht!“, so bekommt die letzte Silbe einen Schleifton.

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b Jörg Peters: The Cologne Word Accent Revisited. In: Michiel Arnoud Cor de Vaan (Hrsg.): Germanic tone accents. Franz Steiner, Stuttgart 2006, ISBN 3-515-08877-6, S. 107. (abgerufen am 30. Juni 2011)
  2. Vergleiche dazu die verschiedenen Publikation von Christa Bhatt, Alice Herrwegen und Karl Heinz Rahmers sowie Georg Heike, insbesondere:
  3. a b Jules Aldenhoff, Jean Gerrekens, Pierre Straat: Diksjonäär van et Jömelejer Plat. 1. Auflage. GEV - Grenz-Echo Verlag, Eupen 2003, ISBN 90-5433-182-8, S. vi unten.
  4. Adolf Steins: Grammatik des Aachener Dialekts. Diss. 1921, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Klaus-Peter Lange. Rheinisches Archiv. Veröffentlichungen des Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande der Universität Bonn. Band 141. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 1998, ISBN 3-412-07698-8, S. 19 Mitte.
  5. Peter Honnen (vorgestellt nach Vorarbeiten von Fritz Langensiepen): Rheinische Dokumenta: Lautschrift für Rheinische Mundarten, Mundartdokumentation im Rheinland. 2. Auflage. Rheinland-Verlag, Köln 1987, ISBN 3-7927-0947-3, S. 24, letzter Abschnitt von Kapitel V. 2.
  6. Siehe zum Beispiel die Kurzbeschreibung unter http://www.sprachatlas.phil.uni-erlangen.de/materialien/Teuthonista_Handbuch.pdf
  7. Siehe unter Inleiding. In: van Rachel Fournier, Carlos Gussenhoven, Jörg Peters, Marc Swerts, Jo Verhoeven: De tonen van het Limburgs. (auf Niederländisch) abgerufen am 4. August 2011.
  8. Webseite http://users.telenet.be/sf15116/Platt/dictionary_technical_d.html am Ende des Abschnitts zur Rechtschreibung, zuletzt zugegriffen am 8. Dezember 2007.

Literatur[Bearbeiten]

  • Carlos Gussenhoven: Tone systems in Dutch Limburgian dialects. In: Shigeki Kaji (Hrsg.): Proceedings of the Symposium on Cross-Linguistic Studies of Tonal Phenomena: Tonogenesis, Typology, and Related Topics. Institute for Languages and Cultures of Asia and Africa, Tokyo University of Foreign Languages, Tokyo 1999, S. 127–143.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikipedia auf Ripuarischen Dialekten
 Wikipedia auf Luxemburgisch
 Wikipedia auf Limburgisch