Rheinlandbesetzung (1936)

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Als Rheinlandbesetzung oder Remilitarisierung des Rheinlandes, in der NS-Propaganda „Rheinlandbefreiung“, wird die Stationierung von Truppenteilen der Wehrmacht im entmilitarisierten Rheinland am 7. März 1936 bezeichnet.

Als angebliche Reaktion auf die Ratifizierung des Französisch-Sowjetischen Beistandsvertrages am 27. Februar 1936 ließ Adolf Hitler die entmilitarisierte Zone im Rheinland besetzen, um die Versailler Vertragsbestimmungen weiter zu revidieren und seine militärische Position für seine zukünftigen Pläne weiter auszubauen. Die Besetzung führte zu keinen nennenswerten negativen Folgen für Deutschland. Die Siegermächte, allen voran Großbritannien, ließen sich durch seine Friedensbeteuerungen ruhigstellen. Durch die Passivität von Frankreich und Großbritannien wurde hier eine der letzten Gelegenheiten verpasst, die Eroberungspläne des Diktators allein durch entschiedenes Auftreten rechtzeitig zu durchkreuzen.[1]

Vorgeschichte des Rheinlandes[Bearbeiten]

Alliierte Rheinlandbesetzung nach dem Ersten Weltkrieg
Kartierung der Ostgrenze des entmilitarisierten Rheinlands gemäß der Verträge von Versailles und Locarno.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Rheinland von den Alliierten besetzt und von deutschen Truppen geräumt. Im Friedensvertrag von Versailles wurde es Deutschland untersagt, Befestigungen, sowohl auf dem linken Ufer des Rheins wie auch auf dem rechten Ufer westlich einer 50 Kilometer östlich dieses Flusses gezogenen Linie beizubehalten oder zu errichten.[2] Im Artikel 43 wurde Deutschland jegliche militärische Mobilmachung in dem Gebiet verboten. Sollte Deutschland die genannten Bestimmungen verletzen, würde dies als feindliche Handlung gegenüber den Signatarmächten (…) und als Störung des Weltfriedens betrachtet.[3] Im Vertrag von Locarno vom 1. Dezember 1925, den Deutschland im Gegensatz zum Versailler Vertrag freiwillig unterzeichnet und ratifiziert hatte, wurden diese Bestimmungen bekräftigt. Dort (Teil A, Art. 2) wird eine Verletzung der Art. 42 und 43 des Versailler Vertrages als ein legitimer Grund eines Eingreifens von Seiten Frankreichs und Belgiens gegen Deutschland bezeichnet. Eine solche Vertragsverletzung "verpflichtete" zudem alle übrigen Vertragspartner des Locarno-Vertrages, "sofort ihren Beistand zu gewähren" (Teil A, Art. 4, Abs. 3). Darüber hinaus sollte in einem solchen Fall die Angelegenheit vor den Völkerbund gebracht werden (Teil A, Art. 4, Abs. 1).[4]

Die Bestimmungen über das Rheinland dienten hauptsächlich dem Sicherheitsbedürfnis Frankreichs. Die im Rheinland zusätzlich, auch gemäß des Versailler Vertrages, eigentlich auf 15 Jahre stationierten Truppen Frankreichs und anderer Staaten wurden mit der Annahme des Young-Planes durch Deutschland vorzeitig bis zum 30. Juni 1930 abgezogen. Dies setzte jedoch in keiner Weise die Bestimmungen über die Entmilitarisierung von deutscher Seite her außer Kraft. Das Rheinland war generell aus wirtschaftlichen Erwägungen und für die Rüstungspolitik Hitlers von großer Bedeutung, da in der entmilitarisierten Zone Teile des Ruhrgebietes, der traditionellen Waffenschmiede des Reiches[5], lagen.

Zeitpunkt für die Besetzung[Bearbeiten]

Bereits lange vor 1933 entwickelten die außenpolitischen und militärischen Führungsschichten des Deutschen Reiches immer wieder Pläne, die Entmilitarisierung des Rheinlands bei der nächsten sich bietenden diplomatischen Gelegenheit rückgängig zu machen.[6] Obwohl die Reichswehr schon seit März 1933 konkrete Pläne für eine Besetzung hatte,[7] ging die militärische und politische Führung des Reiches in der folgenden Zeit davon aus, dass diese vor 1937 nicht möglich sein würde.[8] Dementsprechend hatte Hitler die Besetzung für das Jahr 1937 geplant. Dass er bereits im Frühjahr 1936 die deutschen Truppen in das Rheinland einmarschieren ließ, hing vor allem von der für Hitler günstigen internationalen Situation ab.

Konflikt in Abessinien[Bearbeiten]

Eine gewisse Rolle spielte hierbei der Italienisch-Äthiopische Krieg, da er die Aufmerksamkeit der Westmächte von der Mitte Europas ablenkte. Durch die Auseinandersetzungen der Westmächte über mögliche Sanktionen gegenüber Italien kam es zu einer Verschlechterung des französisch-britischen Verhältnisses und zu einer Annäherung zwischen Italien und Deutschland. Der Konflikt trug maßgeblich zur Auflösung der Stresa-Front (Großbritannien, Frankreich und Italien) bei.

Ratifizierung des Französisch-Sowjetischen Beistandsvertrages[Bearbeiten]

Als Anlass für den Einmarsch der deutschen Truppen in die entmilitarisierte Zone und somit die Verletzung der Bestimmungen des Vertrages von Versailles und der Locarnoverträge diente Hitler die Ratifizierung des Französisch-Sowjetischen Beistandspaktes am 27. Februar 1936 im französischen Parlament. Bereits am 29. November 1932 schlossen Frankreich und die Sowjetunion einen Nichtangriffspakt, der beide Teile zu einer Neutralität im Fall eines Angriffs durch eine dritte Macht verpflichtete. Nach Ablauf des Vertrags wurde am 2. Mai 1935 ein neuer Beistandspakt zwischen beiden Ländern in Moskau unterzeichnet. Der Vertrag ist als Reaktion auf die offenkundige Bedrohung der Sicherheit Frankreichs durch die Kriegsvorbereitung des faschistischen Deutschlands[9] zu verstehen. Deutschland reagierte, man sehe für den Fall, dass der Beistandspakt im französischen Parlament und Senat abgesegnet würde, keine Möglichkeiten einer Annäherung an Frankreich. Dennoch wurde der Vertrag am 27. Februar 1936 im französischen Parlament (jedoch vorerst nur in der ersten Kammer) ratifiziert, was Hitler als Vorwand für die Wiederbesetzung des Rheinlandes dienen sollte.

Vor der Besetzung versicherte sich Hitler bei Mussolini über ein Nichteingreifen Italiens im Falle einer deutschen Reaktion auf die Ratifizierung des Vertrages. Gegenüber dem deutschen Botschafter in Rom, Ulrich von Hassell, bemerkte Mussolini am 22. Februar 1936, dass auch er den Vertrag für schädlich und gefährlich[10] halte. Hassell fühlte einer eventuellen Reaktion Italiens auf die Ratifizierung des Französisch-Sowjetischen Vertrages im französischen Parlament und Senat vor. Mussolini versicherte, Italien würde weder auf diese selbst, obwohl er diesem Vertrag nach wie vor ablehnend gegenüber stünde, noch auf eine Reaktion Deutschlands auf dieselbige reagieren, d.h. Italien würde sich an einem Vorgehen Frankreichs und Großbritanniens gegen Deutschland nicht beteiligen.

Bevorstehende Reichstagswahl[Bearbeiten]

Neben dem die Aufmerksamkeit bindenden Abessinienkonflikt und der Ratifizierung des Französisch-Sowjetischen Beistandsvertrages spielten auch innenpolitische Motive für die Wahl des Zeitpunkts eine Rolle. Ende März sollten in Deutschland Reichstagswahlen stattfinden und Hitler erhoffte sich durch die Wiederbesetzung eine höhere Zustimmung innerhalb der Bevölkerung.

Begründung für die Weltöffentlichkeit[Bearbeiten]

Als offizieller Grund für die Besetzung wurde die Ratifizierung des Französisch-Sowjetischen Beistandspakts genannt, der von der deutschen Regierung als Verletzung der Locarno-Verträge angesehen werde, da sich die Mächte in Locarno zu einer friedlichen Politik gegeneinander verpflichtet hätten und sich der Pakt eindeutig gegen Deutschland richte. Folglich sehe sich Deutschland auch nicht mehr an die aus dem Locarno-Vertrag resultierenden Verpflichtungen gebunden.[11]

Einmarsch deutscher Truppen am 7. März 1936[Bearbeiten]

Die Aktion, mit dem Namen „Winterübung“, wurde auf den Befehl Hitlers gestartet, woraufhin der Reichskriegsminister Werner von Blomberg am 2. März den vorläufigen Befehl zum Einmarsch in die entmilitarisierte Zone im Rheinland erteilte. Aber erst am 4. März wurde der definitive Befehl durch Hitler erteilt und einen Tag später der endgültige Termin, der 7. März, durch Blomberg festgelegt, der für die Besetzung den Hintergrund des "Heldengedenktages" als historisches Datum wählte, also den Sonntag Reminiscere (fünfter Sonntag vor Ostern). Das Reichskabinett wurde durch Hitler erst am 6. März über die Aktion informiert.

Am Morgen des 7. März rückten drei Bataillone der Wehrmacht in das Rheinland ein und errichteten Garnisonen in Aachen, Trier und Saarbrücken. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, der sich extra für die Besetzung ins Rheinland begeben hatte, beschreibt in seinen Tagebucheinträgen die große Begeisterung,[12] mit der die Besetzung von der Bevölkerung aufgenommen wurde. Zur gleichen Zeit wurde den Botschaftern in Paris, London, Rom und Brüssel die Erklärung der Reichsregierung zum Einmarsch der deutschen Truppen übergeben, in der der Schritt begründet wurde. Am selben Tag versammelte Hitler um 12:00 Uhr den Reichstag und hielt eine seiner typischen Friedensreden, in der er die Besetzung mit der Ratifizierung des Beistandsvertrages im französischen Parlament begründete und Deutschlands Friedenswillen darstellte. Anschließend löste er den Reichstag auf, um dem deutschen Volk Gelegenheit zu geben, der mit dem heutigen Tage abgeschlossenen Politik der Wiederherstellung der nationalen Ehre und Souveränität des Reiches […] seine feierliche Zustimmung erteilen zu können.[13]

Das Memorandum der deutschen Reichsregierung, das den Botschaftern am 7. März 1936 übergeben wurde, enthält die Begründung, dass die Verpflichtungen, die Frankreich in dem neuen Pakt eingegangen (sei), mit seinen Verpflichtungen aus dem Rheinpakt (Locarno-Verträge) nicht vereinbar (wären).[14] Dort schlug Hitler auch die Aufrichtung eines Systems der europäischen Friedenssicherung vor, das unter anderem die Bildung einer entmilitarisierten Zone auf beiden Seiten der Grenze, das Abschließen eines Nichtangriffspakts zwischen Deutschland, Frankreich und Belgien für die Dauer von 25 Jahren, eines Luftpaktes, der der Sicherheit Europas dienen sollte, Nichtangriffspakte mit den Staaten an der östlichen Grenze Deutschlands nach dem Vorbild des Nichtangriffspakts mit Polen, und den Wiedereintritt Deutschlands in den Völkerbund vorsah.

Reaktionen Frankreichs und Großbritanniens[Bearbeiten]

Am Tag der Besetzung erfolgte die erste Reaktion Frankreichs im Rundfunk. Die französische Regierung zeigte sich erstaunt darüber, dass die Locarno-Verträge durch Deutschland gebrochen würden. Am nächsten Tag folgte eine amtliche deutsche Stellungnahme hierzu durch das Deutsche Nachrichtenbüro, die offizielle, zentrale Presseagentur des Deutschen Reichs. Am 8. März verlangte der französische Ministerrat eine scharfe Gegenreaktion und wies die Generalstäbe an, Teile des französischen Heeres für eine militärische Aktion zu mobilisieren. Die gewünschte Machtdemonstration scheiterte allerdings an der Zurückhaltung der militärischen Führung, die keinen Krieg mit Deutschland riskieren wollte. Auch sollten innerhalb von sechs Wochen Parlamentswahlen in Frankreich stattfinden. Die politische Führung war sich nicht sicher, ob die französische Bevölkerung einen Waffengang gegen Deutschland befürworten würde. Da die Bestimmungen der Locarno-Verträge durch Deutschlands Vorgehen verletzt wurden, trat nach Auffassung Frankreichs eigentlich der Bündnisfall ein. Frankreich hätte bei einem Waffengang gegen Deutschland durch Großbritannien unterstützt werden müssen. Da London jedoch der Auffassung war, dass es sich hierbei nicht um einen Angriff Deutschlands gegen Frankreich, sondern nur um die Inbesitznahme des eigenen Hinterhofs[15] handelte, lehnte London es ab, Paris Beistand zu leisten. Die Remilitarisierung des Rheinlandes war für Großbritannien nicht von so großem Interesse, dass es in einer möglichen militärischen Auseinandersetzung mit Deutschland seine Sicherheit aufs Spiel setzen wollte. Diese Ablehnung führte dazu, dass sich Frankreich lediglich mit einem Appell beim Völkerbund begnügte und seine Truppen entlang der Maginot-Linie verstärkte.

Großbritannien berief am 8. März in London eine Sitzung der Signatarmächte von Locarno ein und am 14. März eine Sitzung des Völkerbundrats. Einen Tag nach der Besetzung äußerte sich der britische Außenminister Anthony Eden zu den Ereignissen vom Vortag. In dem Memorandum stellte er fest, dass es nicht um die Tatsachen an sich ginge, die durch Hitler geschaffen wurden, sondern um die Art und Weise ihres Vorgehens […], die wir bedauern.[16] Es folgten zwar Verhandlungen der europäischen Mächte im Völkerbund, die aber zu keinem Ergebnis führten. Es kam also weder zu einem militärischen Eingreifen noch zu wirtschaftlichen Sanktionen gegenüber Deutschland. Die Verhandlungen scheiterten nicht zuletzt an der Uneinigkeit der Völkerbundstaaten, besonders Großbritannien und Frankreich. Wären diese beiden Staaten zu einer Einigung gelangt, wäre es möglich gewesen, das Verhalten Deutschlands, so wie von Frankreich beabsichtigt, zu sanktionieren.

Eine Düsseldorfer Dissertation von 2005 beschreibt die genaueren Umstände der Entscheidungen der französischen Regierung nach der Besetzung der entmilitarisierten Zone[17] und behandelt auch das Verhalten anderer Länder (insbesondere Englands) sowie die Beratungen im Völkerbund[18]

Folgen für das Kräfteverhältnis in Europa[Bearbeiten]

Die Rheinlandbesetzung führte zum endgültigen Zerbrechen der Stresa-Front (s.o.) und zur Aushöhlung der Bestimmungen der Verträge von Locarno. Italien wendete sich von dem System der kollektiven Sicherheit in Europa ab und näherte sich Deutschland an. Großbritannien war nicht bereit, sich mit Problemen in der Mitte Europas zu beschäftigen, von denen es nicht direkt betroffen war, und hier Frankreich zu unterstützen. Frankreich seinerseits wollte nicht allein gegen Deutschland vorgehen. Der Völkerbund scheiterte in den Beratungen über den Vertragsbruch Deutschlands und kam ebenfalls zu keiner einheitlichen Stellungnahme oder einem Beschluss über Sanktionen gegen Deutschland. Der Völkerbund intervenierte also in keiner Weise.

Für Deutschland war die Wiederbesetzung ein großer Erfolg. Es wurde eine weitere Revision der Versailler Vertragsbestimmungen erreicht, und es ergab sich nun die Möglichkeit, im Westen die Grenze militärisch zu befestigen und das wirtschaftlich und rüstungspolitisch so immens wichtige Ruhrgebiet militärisch abzusichern. Auch innenpolitisch war die Besetzung des Rheinlandes ein voller Erfolg. Das Ansehen Hitlers in der Bevölkerung war wieder gestärkt, die Auseinandersetzungen über die nationalsozialistische Kirchenpolitik fast vergessen. Mit der deutlichen Verbesserung der deutschen Machtstellung in Europa verschlechterten sich die Möglichkeiten für Frankreich, dem aufstrebenden Staat im Osten selbstständig Einhalt zu gebieten. Auch das Ansehen Frankreichs in Europa hatte durch die unterbliebene Reaktion stark gelitten. Die kleineren Staaten am Rande von Mitteleuropa orientierten sich nun um. So gewannen beispielsweise in Polen prodeutsche Strömungen in der Politik an Einfluss, die außenpolitisch mehr auf Deutschland zugehen wollten. Obwohl Großbritannien das Verhalten Deutschlands durchaus verurteilte, war die Politik des Empires in dieser Zeit beinahe neutral. Mit der Weigerung, seinen Bündnisverpflichtungen nachzukommen und Frankreich militärischen Beistand zu gewähren, erteilte London der Politik der kollektiven Sicherheit in Europa eine deutliche Absage. Hier waren innenpolitische und überseeische Interessen wichtiger als die Sicherheit auf dem Kontinent, was mit dazu beitrug, dass Deutschland nun ungehindert aufrüsten und sich somit auf einen großen Krieg in Europa vorbereiten konnte.

Die Remilitarisierung der entmilitarisierten Zone am Rhein stellte neben der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht am 16. März 1935 einen weiteren, folgenschweren Verstoß Hitlers gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages dar. Der Wiederbesetzung folgte 1938 der Anschluss Österreichs und die schrittweise Annexion der Tschechoslowakei, deren erster Schritt – der Anschluss des Sudetenlandes – durch das Münchener Abkommen zunächst formell bestätigt wurde.

Verpasste Gelegenheit Hitler zu stoppen[Bearbeiten]

Goebbels und Hitler mit Reichswehrminister v. Blomberg, hier am Volkstrauertag („Heldengedenktag“) 25. Februar 1934.

Bezüglich der Fragen, wie und zu welchem Zeitpunkt die deutsche Kriegsmaschinerie unter Hitler noch ohne großen Aufwand hätte gestoppt werden können, wurde die Remilitarisierung des Rheinlands von 1936 immer wieder als historisches Schlüsselereignis betrachtet. Am 8. August 1947 ordnete die französische Nationalversammlung ein parlamentarisches Untersuchungsverfahren zur Ermittlung der Ereignisse von 1933 bis 1945 an. In dessen Abschlussbericht wurde festgestellt, dass 1936 wegen der damaligen massiven militärischen Überlegenheit Frankreichs eine sofortige Gegenbesetzung ohne Zweifel möglich war. Im Falle deutscher Gegenwehr hätte sie sogar darüber hinaus in weitere wichtige Zentren Deutschlands ausgedehnt werden können.[19]

Auf deutscher Seite war man sich dieser Möglichkeiten Frankreichs voll bewusst. Nach 1945 sagten mehrere damals beteiligte deutsche Generäle aus, im Falle einer französischen Gegenwehr bei der Rheinland-Aktion hätte sich Deutschland in keiner Weise behaupten können.[20] Außerdem gab es Befehle, sich im Falle französischer Gegenwehr sofort wieder hinter den Rhein zurückzuziehen.[21] Hitler selbst verhielt sich, nach mehrfachen Zeugenaussagen, unmittelbar nach dem Einmarsch äußerst nervös und erwog mehrfach, die Besetzung rückgängig zu machen.[22] Nach einem Tagebucheintrag des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels ergab sich eine dieser Situationen, als Hitler nach dem Einmarsch die Besuchsanmeldung der Botschafter von Frankreich und Großbritannien mitgeteilt wurde. In der Annahme, nun würden scharfe Gegenmaßnahmen angekündigt, entwickelte Hitler schon vor dem Empfang der Botschafter die Bereitschaft, die einmarschierten Truppen wieder zurück zu kommandieren.[23] Vor den Botschaftern brauchte er seine Bereitschaft dann jedoch nicht mehr anzusprechen, da diese lediglich gekommen waren, um einen Protest gegen den einseitigen Bruch des Locarno-Vertrages einzureichen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Wilhelm Deist: Heeresrüstung und Aggression 1936-1939. In: Klaus Hildebrand, Ferdinand Werner (Hrsg:): Deutschland und Frankreich 1936-1939. München 1981, S.129-152
  • Helmut-Dieter Giro: Die Remilitarisierung des Rheinlands 1936. Hitlers Weg in den Krieg? Klartext, Göttingen 2006 ISBN 978-3898615570
  • Michael Müller: Frankreich und die Rheinlandbesetzung 1936. Die Reaktion von Diplomaten, Politikern und Militärs. In: Geschichte im Westen 1 (1986), S. 14-30.
  • Esmonde M. Robertson: Zur Wiederbesetzung des Rheinlandes 1936. Dokumentation. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 10 (1962), S. 178–205
  • Esmonde M. Robertson: Hitler und die Sanktionen des Völkerbunds – Mussolini und die Besetzung des Rheinlands. In Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 26 (1978), S. 237-264 (online)
  • Rainer F. Schmidt: Die Außenpolitik des Dritten Reiches 1933-1939. Klett-Cotta, Stuttgart 2002, ISBN 3-608-94047-2.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Aufbau der Wehrmacht hatte gerade erst begonnen. Joachim Fest schreibt in seiner berühmten Hitler-Biografie, dass im Ernstfall eine Handvoll deutscher Divisionen fast 200 Divisionen der Franzosen und der Engländer gegenübergestanden hätte. Fest zitiert Hitler mit den Worten: "Wären die Franzosen damals ins Rheinland eingerückt, hätten wir uns mit Schimpf und Schande wieder zurückziehen müssen." Ergänzend: Wilhelm Bittorf in spiegel.de vom 14. August 1989
  2. "Friedensvertrag von Versailles", 28. Juni 1919, Artikel 42, entnommen aus: Helmuth Stoecker (Hrsg.): Handbuch der Verträge 1871-1964. Verträge und andere Dokumente aus der Geschichte der internationalen Beziehungen. Berlin 1968, S. 192
  3. "Friedensvertrag von Versailles", 28. Juni 1919, Artikel 42 bis 44, entnommen aus: Helmuth Stoecker (Hrsg.): Handbuch der Verträge 1871-1964. Verträge und andere Dokumente aus der Geschichte der internationalen Beziehungen. Berlin 1968, S. 192
  4. Gesetz über die Verträge von Locarno und den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, in: documentArchiv.de [Hrsg.], URL: http://www.documentArchiv.de/wr/1925/locarno-vertrag_ges.html, Stand: 19. März 2008
  5. Wilhelm Deist: Heeresrüstung und Aggression 1936-1939. In: Klaus Hildebrand und Ferdinand Werner (Hrsg): Deutschland und Frankreich 1936-1939, München 1981, S. 132
  6. Aristotle A. Kallis: Fascist Ideology: Territory and Expansionism in Italy and Germany, 1922-1945. Routledge, London 2000, S. 78-83.
  7. Aristotle A. Kallis: Fascist Ideology: Territory and Expansionism in Italy and Germany, 1922-1945. Routledge, London 2000, S. 82.
  8. Aristotle A. Kallis: Fascist Ideology: Territory and Expansionism in Italy and Germany, 1922-1945. Routledge, London 2000, S. 83.
  9. Einleitung zum Beistandsvertrag zwischen Frankreich und der Sowjetunion vom 2. Mai 1935 in: Helmuth Stoecker (Hrsg.): Handbuch der Verträge 1871-1964. Berlin 1968, S. 274
  10. Dokument Nr. 5, Bericht von Hassells über die Unterredung mit Mussolini am 22. Februar 1936 in Rom. entnommen aus: Esmonde M. Robertson: Hitler und die Sanktionen des Völkerbunds – Mussolini und die Besetzung des Rheinlands. in: Karl D. Bracher, Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 26. Jahrgang, Stuttgart 1978, S. 198.
  11. Den Einmarsch deutscher Truppen in das entmilitarisierte Rheinland begründete die deutsche Regierung im „Memorandum der Reichsregierung“, das den Botschaftern in London, Paris, Rom, und Brüssel am 7. März 1936 übergeben wurde. Das Memorandum findet sich in den Akten zur deutschen auswärtigen Politik [ADAP], Serie C, das Dritte Reich. Die ersten Jahre, Band 5, S. 123
  12. Zitat entnommen aus: Rainer F. Schmidt: Die Außenpolitik des Dritten Reiches 1933-1939. Stuttgart 2002, S. 198
  13. Zitat entnommen aus: Max Domarus: Hitler. Reden und Proklamationen. 1932-1945. Kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen. Teil 1 Triumph. Zweiter Band 1935-1938, 4. Auflage, Loenber 1988; Die Rede befindet sich auf den Seiten 582 ff.
  14. Akten zur deutschen auswärtigen Politik [ADAP], S.14.
  15. So die Bemerkung des britischen Politikers Lord Lothians zur Aktion Deutschlands, England sah die Remilitarisierung nicht wirklich als Angriff gegen Frankreich an und war daher nicht bereit, dieses bei einer Aktion zu unterstützen. Zitat entnommen aus: Klaus Hildebrand: Das Vergangene Reich. Außenpolitik von Bismarck bis Hitler. Stuttgart 1995, S. 609
  16. Die Stellung Londons zum deutschen Memorandum vom 7. März 1936 wurde in einem Memorandum Edens am 8. März des Jahres behandelt. Zitat entnommen aus: Friedrich Kiessling (Hrsg.): Quellen zur deutschen Außenpolitik 1933-1939. Darmstadt 2000, S. 126-128. Das hier angeführte Zitat befindet sich auf Seite 128
  17. Helmut-Dieter Giro: Frankreich und die Remilitarisierung des Rheinlandes, Dissertation Universität Düsseldorf 2005. (S. 85 bis 304)
  18. Helmut-Dieter Giro: Frankreich und die Remilitarisierung des Rheinlandes, Dissertation Universität Düsseldorf 2005, S. 305-354
  19. Helmut-Dieter Giro: Die Remilitarisierung des Rheinlands 1936: Hitlers Weg in den Krieg? Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens, Band 76, Verlag Klartext 2006, S. 84, ISBN 978-3-89861-557-0
  20. Helmut-Dieter Giro: Die Remilitarisierung des Rheinlands 1936: Hitlers Weg in den Krieg? Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens, Band 76, Verlag Klartext 2006, S. 76f, ISBN 978-3-89861-557-0
  21. Helmut-Dieter Giro: Die Remilitarisierung des Rheinlands 1936: Hitlers Weg in den Krieg? Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens, Band 76, Verlag Klartext 2006, S. 80, ISBN 978-3-89861-557-0
  22. Helmut-Dieter Giro: Die Remilitarisierung des Rheinlands 1936: Hitlers Weg in den Krieg? Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens, Band 76, Verlag Klartext 2006, S. 82, ISBN 978-3-89861-557-0
  23. Hermann Graml: Hitler und England. Ein Essay zur nationalsozialistischen Außenpolitik 1920 bis 1940. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2009, S. 86. ISBN 978-3-486-59145-3