Rhythmische Sportgymnastik

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Rhythmische Sportgymnastik (Keulen)

Rhythmische Sportgymnastik (kurz RSG) oder Rhythmische Gymnastik (kurz RG, englisch rhythmic gymnastics) ist eine Turnsportart. Sie ist aus der Wettkampfgymnastik mit und ohne Handgeräten entstanden und wird mit Musikbegleitung durchgeführt. RSG ist vor allem durch gymnastische und tänzerische Elemente gekennzeichnet und erfordert in hohem Maß Körperbeherrschung, Gleichgewichts- und Rhythmusgefühl. Die Rhythmische Sportgymnastik ist ein reiner Frauensport, auch wenn es in den letzten Jahren vor allem in Japan und in den Spanien erste RSG-Wettkämpfe für Männer gab.

In der Rhythmischen Sportgymnastik gibt es fünf Handgeräte: Seil, Reifen, Ball, Keule und Band. In den Altersklassen bis zwölf Jahre wird eine Übung ohne Handgerät durchgeführt.

Die Rhythmische Sportgymnastik wird in Deutschland durch den Deutschen Turner-Bund (DTB) und in der Schweiz durch den Schweizerischen Turnverband (STV) vertreten. International wird die Rhythmische Sportgymnastik genauso wie Allgemeines Turnen, Gerätturnen, Trampolinturnen, Sportaerobic und Sportakrobatik durch die FIG(Internationaler Turnverband) und die UEG(Europäische Turnunion) vertreten.

Die Gymnastinnen[Bearbeiten]

Junge Gymnastinnen beim Training

Meist beginnen die Mädchen sehr früh mit der Sportart und erreichen ihren Leistungshöhepunkt mit circa 15 bis 22 Jahren. In der Regel beenden die Gymnastinnen ihre Karriere vor dem dreißigsten Lebensjahr. Um gute Leistungen zu erzielen, müssen sie viele Begabungen haben: Gleichgewichtsgefühl, Beweglichkeit, Koordination und Kraft sind einige der wichtigsten. Sie müssen außerdem psychische Fähigkeiten mitbringen, zum Beispiel die Fähigkeit, unter starkem Druck an Wettkämpfen teilzunehmen, bei denen ein Fehler den Titel kosten kann, und die Disziplin und Trainingsmoral, einen Übungsteil immer wieder zu trainieren.

Regeln (Zusammenfassung)[Bearbeiten]

Im Code of Points (CoP) werden von der FIG alle Regeln festgelegt. Er wird jedes Jahr überarbeitet, um den Fortschritt der vergleichsweise jungen Sportart zu ermöglichen und eine möglichst objektive Bewertung zu gewährleisten. Zuletzt wurde 2013 ein vollkommen neuer CoP veröffentlicht und die Bewertung der Übungen stark verändert. So wurde zum Beispiel die Höchstpunktzahl von 30 auf 20 Punkte gesenkt.

Allgemeines[Bearbeiten]

Rhythmische Sportgymnastik wird auf einer 13 x 13 m großen Wettkampffläche mit Reifen, Keulen, Seilen, Bändern und Bällen im Einklang mit Musik ausgeführt. Im Einzel zeigt die Gymnastin eine 1:15 bis 1:30 Minuten lange Übung mit einem der Handgeräte. In der Gruppe turnen fünf Gymnastinnen gleichzeitig und nutzen dabei fünf gleiche Handgeräte oder eine Mischung aus zwei Geräten (z. B. drei Bälle und zwei Bänder), die Übungen dauern 2:15 bis 2:30 Minuten. Bis 1994 bestand eine Gruppe aus sechs Gymnastinnen.

Musik[Bearbeiten]

Alle Übungen müssen mit musikalischer Begleitung ausgeführt werden, jegliche Musikinstrumente, sowie der Gebrauch der Stimme als Instrument, sind erlaubt. Seit 2013 darf jede Gymnastin eine Übung mit Gesang mit Wörtern präsentieren. Heutzutage werden die Musiken meist von CD oder einem Computer abgespielt. Bis 2014 ist Livemusik durch einen Musiker erlaubt. In den ersten Jahrzehnten der Wettkampfaustragung in der RSG war lediglich die Begleitung durch Klaviermusik vom Tonband oder durch einen Pianisten gestattet.

Bekleidung[Bearbeiten]

Gymnastikanzüge müssen laut dem Code of Points enganliegend sein und dürfen mit oder ohne Ärmel und kurzem Rock getragen werden. Auch Strumpfhosen sind erlaubt.

Bewertung der Übung[Bearbeiten]

Ein Kampfgericht aus mehreren Kampfrichtern bewertet die Übung der Gymnastin nach den festgelegten Kriterien. Seit 2013 setzt sich die Endnote aus dem Schwierigkeitswert("D", max 10 Punkte) und der Ausführung("E", max 10 Punkte), die addiert werden, zusammen. Allgemeine Abzüge werden von der Wertung subtrahiert. Es können maximal zwanzig Punkte erreicht werden.

Schwierigkeitswert[Bearbeiten]

Die Gymnastinnen können verschiedene Schwierigkeitselemente zeigen, um einen möglichst hohen Schwierigkeitswert zu erzielen.

Körperschwierigkeiten[Bearbeiten]
Spagatsprung mit Rückbeuge

Die Körperschwierigkeiten sind nochmals unterteilt in die Bereiche "Sprünge", "Drehungen" und "Stände". Tabellen im Code of Points ist zu entnehmen, wieviele Punkte ein Körperschwierigkeitselement zählt, wenn es technisch einwandfrei ausgeführt wird. Wenn das Element technisch nicht korrekt gezeigt wird, wird es nur teilweise oder gar nicht anerkannt. Die Gymnastin(nen) erhalten dann nur einen Teil der Punkte beziehungsweise keine Punkte für dieses Element.

Tanzschritte[Bearbeiten]

Seit 2013 erhalten die Gymnastinnen für Tanzsequenzen, die mindestens acht Sekunden lang sind, 0,3 Punkte. Sie müssen mindestens eine Tanzsequenz in jeder Übung zeigen.

Dynamische Elemente mit Drehung und Wurf (DER)[Bearbeiten]

DER Elemente bestehen aus einem hohen Wurf des Handgeräts, der Ausführung von mindestens zwei Drehungen um beliebige Körperachsen während der Flugphase des Gerätes und dem sicheren Fangen des Geräts. Durch zusätzliche Kriterien, wie zum Beispiel das Fangen ohne Benutzung der Hände oder die Ausführung von zusätzlichen Körperdrehungen, kann der Wert des DER erhöht werden. Wenn das Gerät am Ende des DER Elementes nicht gefangen wird, wird das Element mit null Punkten bewertet. Es dürfen maximal drei DER Elemente gezeigt werden.

Mastery[Bearbeiten]

Bei Masterylementen muss die Gymnastin eine ungewöhnliche Kombination von gerätetechnischen Elementen zeigen und dabei mindestens zwei der festgelegten Kriterien erfüllen. Als solche gelten zum Beispiel die Arbeit mit dem Gerät außerhalb des Gesichtsfeldes, ohne Benutzung der Hände oder während einer Körperdrehung. Für jedes Mastery Element erhält die Gymnastin 0,2 Punkte (ab 2015 0,3). Bis 2014 ist die Zahl der erlaubten Mastery Elemente in einer Übung nicht begrenzt, ab 2015 dürfen Seniorinnen höchstens fünf Stück zeigen.

Besonderheiten Gruppe[Bearbeiten]
RSG-Gruppe

In der Gruppe gibt es zusätzlich Punkte im Schwierigkeitswert für den Wechsel der Handgeräte zwischen den Gymnastinnen durch einen Wurf. alle Turnerinnen müssen am Wechsel beteiligt sein. Durch zusätzliche Kriterien, wie den Gerätewechsel über eine große Distanz oder den Abwurf ohne die Benutzung der Hände, kann der Wert des Wechsels erhöht werden. Außerdem müssen die Gruppen mindestens sechs Elemente mit Zusammenarbeit der Gymnastinnen zeigen. Sie müssen sich dabei mit dem Körper oder den Handgeräten berühren. Auch diese Elemente lassen sich durch zusätzliche Kriterien aufwerten.

Formblätter[Bearbeiten]

Alle Schwierigkeiten, die eine Gymnastin oder eine Gruppe zeigen möchte, müssen auf einem Formblatt aufgeführt werden. Diese werden den Kampfrichtern ausgehändigt, sodass sie nur noch kontrollieren müssen, ob die aufgeführten Elemente auch gezeigt werden. Insgesamt darf der Ausgangswert aller gezeigten Schwierigkeitselemente zehn Punkte nicht überschreiten. Für die fehlerhafte Beschriftung des Formblattes kann ein Abzug erfolgen.

Ausführung[Bearbeiten]

In der Ausführungnote erfolgt für jeden künstlerischen oder technischen Fehler ein Punktabzug, zum Beispiel in den Bereichen Einheit der Komposition, Umsetzung der Musik, Körperausdruck und Raumausnutzung. Je nach Art des Fehlers werden 0,1 bis 0,7 Punkte abgezogen.

Abzüge[Bearbeiten]

Es gibt viele verschiedene allgemeine Abzüge, zum Beispiel wird das Verlassen der Wettkampffläche während der Übung durch den Abzug von 0.3 Punkten bestraft. Zu spätes Antreten an der Wettkampffläche, ordnungswidrige Bekleidung oder eine Überschreitung der erlaubten Dauer einer Übung werden ebenso durch Abzüge geahndet. [1]

Altersklassen[Bearbeiten]

International dürfen Gymnastinnen ab 16 Jahren bei den Senioren starten, wobei das Kalenderjahr ausschlaggebend ist. Die Junioren müssen zwischen 13 und 15 Jahren alt sein. In Deutschland sind die Alters- und Leistungsklassen durch den Deutschen Turnerbund (DTB) wie folgt eingeteilt. Die Anforderungen in den Wettkampfklassen sind dabei etwas niedriger als in den Leistungsklassen und werden vom DTB festgelegt.[2]

Abkürzung Benennung Alter Wettkampfprogramm
Leistungsklasse Einzel
MK Meisterklasse 16 und älter 4 Übungen mit Gerät
JLK13/14/15 Junioren-Leistungsklasse 13/14/15 Jahre 4 Übungen mit Gerät
SLK12 Schülerinnen-Leistungsklasse 12 12 Jahre 3 Übungen mit Gerät+ eine ohne
SLK10/11 Schülerinnen-Leistungsklasse10/11 10/11 Jahre 2 Übungen mit Gerät+ eine ohne
Wettkampfklasse Einzel
FWK Freie Wettkampfklasse 16 Jahre und älter 3 Übungen mit Gerät
JWK Junioren-Wettkampfklasse 13-15 Jahre 3 Übungen mit Gerät
SWK Schülerinnen-Wettkampfklasse 10-12 Jahre 2 Übungen mit Gerät+ eine ohne

Einteilung der Gruppen:

Alter Wettkampfklasse Leistungsklasse
15 Jahre und älter FWK MK
12 bis 15 Jahre JWK JLK
10 bis 12 jahre SWK SLK

Wettkampfablauf[Bearbeiten]

Das wichtigste Ergebnis der meisten Wettkämpfe ist der des Mehrkampfes. International müssen die Einzelgymnastinnen hierbei vier Übungen zeigen und die Gruppen zwei Übungen. Die Wertungen aller Übungen einer Gymnastin oder Gruppe werden addiert, wer die meisten Punkte bekommt hat gewonnen. Oft werden zusätzlich noch Gerätefinals ausgetragen. Die Gymnastinnen, die die höchsten Wertungen mit dem jeweiligen Gerät im Mehrkampf erhalten haben, dürfen im Gerätefinale antreten.

Beispiel: Eine Gymnastin, die im Mehrkampf Zehnte wird, aber mit dem Ball eine besonders gute Leistung zeigt und die vierthöchste Wertung mit diesem Gerät erzielt, kann noch auf eine Medaille im Gerätefinale hoffen.

Geschichte[Bearbeiten]

1941 fanden erste Wettkämpfe dieser Sportart in Leningrad (heute Sankt Petersburg) / Sowjetunion statt. Seit 1963 werden alle zwei Jahre Weltmeisterschaften ausgetragen.

Nachdem es 1952 einen Mannschaftswettbewerb mit freier Disziplinwahl im Rahmen der Turnwettkämpfe gegeben hatte, wurde die Sportart eigenständig und endgültig 1984 in Los Angeles mit einem Einzel–Vierkampf olympisch. 1996 in Atlanta kam ein Gruppen-Wettkampf neu hinzu. Auch bei den Olympischen Jugendspielen, die seit 2010 alle vier Jahre stattfinden, wird der Einzel-Vierkampf und der Gruppenmehrkampf ausgetragen

Bekannte Gymnastinnen[Bearbeiten]

Evgenia Kanaeva, Olympiasiegerin 2008 und 2012
Land Geburtsjahr Name Erfolge
GriechenlandGriechenland Griechenland 1983 Eirini Aindili mehrfache Welt und Europameisterin
GriechenlandGriechenland Griechenland 1986 Eleni Andriola Medaillen bei den Mittelmeerspielen
Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Vereinigte Staaten 1974 Carmit Bachar Teilnahme an den amerikanischen Olympia-Ausscheidungen 1992
RusslandRussland Russland 1978 Yulia Barsukova Olympiasiegerin 2000
UkraineUkraine Ukraine 1984 Hanna Bessonowa dreifache Weltmeisterin 2003 - 2007
DeutschlandDeutschland Deutschland 1978 Magdalena Brzeska 26-fache deutsche Meisterin
RusslandRussland Russland 1993 Daria Dmitrieva Olympiazweite 2012
KanadaKanada Kanada 1963 Lori Fung Olympiasiegerin 1984
SpanienSpanien Spanien 1979 Estela Giménez Olympiasiegerin 1996 (Gruppe)
KasachstanKasachstan Kasachstan 1984 Alija Jussupowa Sechsfache Asienmeisterin 2006
RusslandRussland Russland 1983 Alina Kabaeva Olympiasiegerin 2004
RusslandRussland Russland 1990 Evgeniya Kanaeva Olympiasiegerin 2008
Olympiasiegerin 2012
RusslandRussland Russland 1984 Natalja Lawrowa Olympiasiegerin 2000 (Gruppe)
Olympiasiegerin 2004 (Gruppe)
SowjetunionSowjetunion Sowjetunion 1970 Marina Lobatsch Olympiasiegerin 1988
WeissrusslandWeißrussland Weißrussland 1986 Ina Schukawa Olympiazweite 2008
UkraineUkraine Ukraine 1977 Jekaterina Serebrianskaja Olympiasiegerin 1996
SowjetunionSowjetunion Sowjetunion 1972 Alexandra Timoschenko Olympiasiegerin 1992
RusslandRussland Russland 1983 Irina Tschaschtschina Olympiazweite 2004
Zypern RepublikRepublik Zypern Zypern 1993 Chrystalleni Trikomiti Commonwealth Games 5 Medaillen
OsterreichÖsterreich Österreich 1986 Caroline Weber 55-fache österreichische Meisterin
DeutschlandDeutschland Deutschland 1963 Regina Weber deutsche Meisterin

Nationale Mannschaften[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rhythmische Sportgymnastik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Code of Points www.dtb-online.de (PDF)
  2. Programm 2014 www.dtb-online.de (PDF)