Richard David Precht

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Richard David Precht (2012)

Richard David Precht (* 8. Dezember 1964 in Solingen) ist ein deutscher Philosoph und Publizist, der vor allem durch populärwissenschaftliche Bücher und Fernsehsendungen zu philosophischen Themen bekannt wurde.

Leben[Bearbeiten]

Richard David Precht wuchs in einer Familie mit fünf Kindern auf, davon zwei vietnamesische Adoptivkinder, die seine Eltern 1969 und 1972 als Zeichen des Protests gegen den Vietnamkrieg aufgenommen hatten. Sein Vater arbeitete als Industriedesigner bei dem Solinger Unternehmen Krups und beschäftigte sich mit Literatur sowie dem Aufbau und der Pflege einer größeren Privatbibliothek. Die Mutter engagierte sich im Kinderhilfswerk terre des hommes. Die Kinder wuchsen in einem sehr stark links-liberalen Milieu auf.[1]

Nach dem Abitur im Juni 1984 am Solinger Gymnasium Schwertstraße, leistete Precht seinen Zivildienst als Gemeindehelfer bis September 1985 ab. Danach nahm er ein Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Köln auf und wurde 1994 in Germanistik zum Dr. phil. promoviert.[2] In seiner Dissertation untersuchte er die zentralen Wirkungsstrukturen von Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“.

Precht hält Vorträge auf Fachkongressen und an Universitäten.[3] Seit Mai 2011 ist er Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg,[4][5] seit Oktober 2012 zudem Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin.

1997 war Precht Arthur F. Burns Fellow bei der Chicago Tribune, 1999 erhielt er das Heinz-Kühn-Stipendium. 2000/2001 war er Fellow am Europäischen Journalistenkolleg in Berlin. 2001 erhielt er den Publizistik-Preis für Biomedizin. 2011 wurde ihm der IQ-Preis der Hochbegabten-Organisation MinD Mensa in Deutschland verliehen.

Als Essayist schreibt Precht für deutsche Zeitungen und Zeitschriften. Von 2002 bis 2004 war er Kolumnist der Zeitschrift Literaturen und von 2005 bis 2008 freier Moderator der WDR-Hörfunksendung Tageszeichen (ehemals Kritisches Tagebuch).

Precht ist mit der luxemburgischen Fernseh-Moderatorin und stellvertretenden Chefredakteurin von RTL Télé Lëtzebuerg, Caroline Mart, verheiratet. Er hat einen Sohn und drei Stiefkinder. Er lebt in Köln und in Luxemburg.

Werke[Bearbeiten]

1999 schrieb Precht gemeinsam mit seinem Bruder Georg Jonathan den detektivischen Bildungsroman Das Schiff im Noor. Das Buch spielt im Jahr 1985 und benutzt die dänische Insel Lilleö (in Wirklichkeit: Ærø) als Kulisse für ein kompliziertes Gespinst aus Motiven und Analogie, etwa jener zwischen Theologie und Polizeiarbeit. An der Oberfläche ist das Buch eine Detektivgeschichte um ein versunkenes Schiff und einen lange zurückliegenden Mord. Tiefer liegend handelt das Buch von der Ordnung der Dinge. Auch der Philosoph Michel Foucault fehlt nicht, der in der Gestalt des Restaurators Mikkel Folket auftritt. Das Buch erschien 2009 neu unter dem ursprünglich geplanten Titel Die Instrumente des Herrn Jörgensen.

Der Roman Die Kosmonauten aus dem Jahre 2002 erzählt die Liebesgeschichte und Identitätsfindung der Endzwanziger Georg und Rosalie, die sich in Köln kennengelernt hatten und kurz darauf in das Berlin der Nachwendezeit 1990/91 zusammengezogen waren. Zunächst leben sie das Leben von Bohemiens in Berlin Mitte, von dem sich Rosalie im Verlauf der Handlung zunehmend distanziert. Sie ändert ihre Einstellungen, verliebt sich in einen anderen Mann und trennt sich schließlich von Georg, um ein bürgerliches Leben zu führen. Am Ende des Romans kommt ihr gemeinsamer Freund Leonhard durch einen tragischen Unfall ums Leben. Parallel dazu erzählt Precht in kurzen Episoden das Schicksal von Sergej Krikaljow, dem letzten Kosmonauten der Sowjetunion.

In dem 2005 erschienenen autobiographischen Buch Lenin kam nur bis Lüdenscheid – Meine kleine deutsche Revolution erinnert sich Precht aus Kinderperspektive an seine Kindheit in den 1970er Jahren in einer linksorientierten, DKP-nahen Familie zurück. Gleichzeitig hält er Rückschau auf die weltpolitischen Ereignisse und gesellschaftspolitischen Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR der 1960er, 1970er und 1980er Jahre und beschreibt politische Einstellungen, ideologische Haltungen sowie Alltagsdetails der Epoche.

Das Buch wurde 2007 mit Unterstützung vom WDR, SWR und der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen verfilmt.[6]

In seinem 1997 erschienenen Buch Noahs Erbe befasst sich Precht mit den ethischen Fragen im Verhältnis von Mensch und Tier und deren gesellschaftlichen Konsequenzen. Dabei plädiert er für einen veränderten Umgang mit Tieren auf der Basis einer „Ethik des Nichtwissens“.

2007 erschien sein bisher erfolgreichstes Werk, das Sachbuch Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?. 2009 erschien Liebe: Ein unordentliches Gefühl, 2010 Die Kunst, kein Egoist zu sein. Er plädiert in letzterem für mehr bürgerschaftliches Engagement und für eine Transformation der Demokratie durch neue Formen der Bürgerbeteiligung und Mitbestimmung. 2011 erschien Warum gibt es alles und nicht Nichts?, ein Buch über philosophische Fragen und ihre Antworten unter Einbeziehung seines Sohnes Oskars, mit dem der Vater ein Frage- und Antwortspiel unternimmt.

2013 erschien sein Buch Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern.

Das ZDF strahlt seit September 2012 unter dem Titel Precht[7] eine Sendereihe zur Philosophie mit ihm aus.[8][9] Sie ist sechsmal im Jahr zu sehen und dauert je 45 Minuten. Regie führt Gero von Boehm.

Seit Dezember 2010 ist Precht Mitherausgeber der Zeitschrift agora42. Es sei ein gesellschaftliches Fiasko, „dass sich Ökonomen kaum noch für Philosophie, Philosophen kaum mehr für Ökonomie interessieren“, sagt Precht.[10] Zudem ist Precht Schirmherr des Bundesverbandes von Mentor – die Leselernhelfer Hannover e. V. Die Initiative setzt sich für die Förderung leseschwacher Schüler durch engagierte Bürger ein.

Positionen[Bearbeiten]

2011 in Frankfurt am Main

Precht ist ein Verfechter einer Erneuerung der Bürgergesellschaft.

Philosophisch steht er dem US-amerikanischen Kommunitarismus nahe, der Idee, die Gesellschaft durch höheren bürgerlichen Gemeinsinn zu demokratisieren. Die Verpflichtung von Wirtschaft und Politik auf stetiges Wirtschaftswachstum sieht er als schädlich an und als bedrohlich für Wohlstand und Wohlbefinden.[11]

Fragen nach der Verteilungsgerechtigkeit, der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich und der Etablierung moralferner Milieus in der Oberschicht ebenso wie in der Unterschicht sieht er als grundlegend an.[12] Schuldzuweisungen gegenüber Migranten fasst er als Ablenkungsmanöver auf, das die Beschäftigung mit diesen grundlegenden Fragen verhindern soll.

Hinsichtlich des Bildungssystems vertritt Precht die Ansicht, das traditionelle System aufzulockern, kompetente Personen besser einzubeziehen und auch mittels elektronischer Hilfen besser auf den Wissensstand von Schülern und Studenten einzugehen. Als Beispiel nennt Precht, dass in Schulen zusätzlich renommierte Praktiker unterrichten sollen, auch solche im Ruhestand. Ebenso ist er der Meinung, dass ein Grundstudium an der Universität heute nicht mehr zeitgemäß ist, da man sich besser eine Einführungsvorlesung eines Nobelpreisträgers zu Hause anschaut, wo man zurückscrollen kann, wenn man etwas nicht versteht.[13][14]

Rezeption[Bearbeiten]

Precht wird in der Öffentlichkeit weitgehend als Sachbuchautor rezipiert, der aktuelle Themen der gegenwärtigen Philosophie einer breiten Öffentlichkeit vermitteln will. Er steht damit in der Tradition der Popularphilosophie des 17. Jahrhunderts oder populärer Sachbücher aus der Wende zum 20. Jahrhundert und ist daher denselben Kritikpunkten ausgesetzt.[14][15] Während Befürworter hervorheben, dass er Themen, denen in der Hochkultur oder der akademischen Welt größere Bedeutung zukommt, Breitenwirksamkeit verleiht, halten Kritiker seine Werke für zu seicht und befürchten, dass sie nur Halbbildung befördern.[16][17][18]

Auszeichnung[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten]

Aufsätze und Artikel (Auswahl)[Bearbeiten]

Film[Bearbeiten]

  • Lenin kam nur bis Lüdenscheid. Dokumentar- und Spielfilm, Deutschland, 2008, 88 Min., Drehbuch: Richard David Precht, Regie: André Schäfer, Produktion: Florianfilm, im Auftrag von WDR, SWR, Kino-Premiere: 1. Juni 2008 in Solingen,[21] Film-Besprechung:[22] Der Dokumentarfilm wurde für den Deutschen Filmpreis 2009 nominiert.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gero von Boehm: Richard David Precht. 18. Februar 2009. Interview in: Begegnungen. Menschenbilder aus drei Jahrzehnten. Collection Rolf Heyne, München 2012, ISBN 978-3-89910-443-1, S.650-660

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Richard David Precht – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. In der autobiografischen Erzählung Lenin kam nur bis Lüdenscheid beschreibt Precht ausführlich seine Kindheit und seinen familiären Hintergrund  Lenin kam nur bis Lüdenscheid. Meine kleine deutsche Revolution. Erweiterte Auflage. Ullstein, Berlin 2011, ISBN 978-3-548-37323-2.
  2. Titel der Dissertation von 1994:: Die gleitende Logik der Seele. Ästhetische Selbstreflexivität in Robert MusilsDer Mann ohne Eigenschaften
  3. Zum Beispiel 2008/2009 Vortragsreihe Philosophie 2008 an der Universität Luxemburg
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatPhilosoph Precht lehrt an der Leuphana. ndr.de, 1. Juni 2011, archiviert vom Original am 19. Juli 2011, abgerufen am 17. Juni 2011.
  5. Pressemitteilung der Uni, abgerufen am 25. August 2011.
  6. Der Film lief 2008 in deutschen Programmkinos und erreichte mehr als 20.000 Zuschauer.
  7. Homepage der Sendung
  8. Michael Hanfeld: ZDF stellt „Philosophisches Quartett“ ein., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. März 2012, abgerufen am 26. März 2012
  9. Precht will Alltagsprobleme der Menschen thematisieren., Die Welt, 23. Juli 2012, abgerufen am 26. Juli 2012
  10. agora42. Startseite. Abgerufen am 9. Februar 2011.
  11.  Richard David Precht: Die entfremdete Republik. Bei der Präsidentenwahl geht es um mehr als nur um ein Amt oder eine Person. In: Der Spiegel. Nr. 26, 2010, S. 116-117 (28. Juni 2010, online).
  12.  Richard David Precht: Soziale Kriege. Vom Unbehagen der bürgerlichen Mittelschicht. In: Der Spiegel. Nr. 39, 2010, S. 176-177 (27. September 2010, online).
  13. Richard David Precht: Vergesst das Wissen! , Sternstunde Kultur, SF, 23. November 2013
  14. a b Vergesst Precht! in: FAZ vom 6. Mai 2013. Malte Dahlgrün schreibt: „Man macht sich nicht leicht eine Vorstellung von dem Bild, das Richard David Precht in Liebe abgibt; vom schieren Ausmaß an Inkompetenz und großspuriger Besserwisserei, das dieses Buch durchsetzt. Es ist eine pseudowissenschaftliche Blamage.“
  15. Ihr Buch ist ein sinnloses Ärgernis, Herr Precht! in: Die Welt vom 22. April 2013 Jürgen Kaube attestiert Precht eine „durchgängige intellektuelle Schlampigkeit“.
  16. Peter Praschl in der 2013 erschienenen Schulkritik Prechts („Anna, die Schule und der liebe Gott“): „Alles an Prechts Diagnose stimmt, nichts an ihr ist originell. Viele Studien, Forschungsberichte und Bücher haben dasselbe erzählt (wenn auch oft leidenschaftsloser und rhetorisch untalentierter)“. Unglaublich. Über Richard David Precht, den Philosophen der Liebe. in: SZ 17. Mai 2010.
  17. Oh ihr Rennpferde, fresst einfach mehr Phrasenhafer! in: FAZ vom 28. April 2013.
  18. Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung in: Perlentaucher, abgerufen am 22. Juli 2013. Auch Regina Mönch schließt sich dieser Kritik an, sie halte Prechts Ideen für unscharf und polemisch.
  19. deutscher-fernsehpreis.de: Liste der Preisträger 2013 (deutsch, abgerufen am 22. Oktober 2013)
  20. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatMarc Bartl: Deutscher Fernsehpreis: Precht erhält Auszeichnung für ZDF-Philosophiesendung. In: kress. 26. September 2013, abgerufen am 4. Oktober 2013.
  21. Precht: „Die Welt in meinem Kopf“ (Version vom 4. März 2009 im Internet Archive), Solinger Tageblatt, 2. Juni 2008
  22. Film-Besprechung: Lenin kam nur bis Lüdenscheid, die tageszeitung, 5. Juni 2008, von Barbara Schweizerhof