Richard John Bingham, 7. Earl of Lucan

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Richard John Bingham, 7. Earl of Lucan (* 18. Dezember 1934; † verschollen seit dem 8. November 1974), von 1949 bis 1964 auch bekannt als Lord Bingham und umgangssprachlich als „Lucky“ Lucan, war oder ist ein britischer Adliger, der im November 1974 verschwand, nachdem sein Kindermädchen Sandra Rivett ermordet aufgefunden worden war. Sein aktueller Aufenthaltsort ist nicht bekannt. Er wurde am 11. Dezember 1992 für verschollen und schließlich im Jahr 1999 für tot erklärt.

Leben[Bearbeiten]

Bingham war der älteste Sohn von George Bingham, 6. Earl of Lucan, und Kaitilin Elizabeth Anne (geb. Dawson). Er hatte zwei Schwestern und einen Bruder. Er studierte am Eton College und diente danach in den Coldstream Guards. Er war verheiratet mit Veronica Mary, geb. Duncan. Nach dem Tod seines Vaters erbte er 1964 mit 29 Jahren den Titel des Earl of Lucan. Binghams Mutter starb 1985. Durch seine Spielsucht häufte er erhebliche Schulden an.

Verschwinden[Bearbeiten]

46 Lower Belgrave Street in London (Juni 2012), der Ort des Geschehens

Der Aufenthaltsort von Richard Bingham ist seit dem 8. November 1974 unbekannt. An diesem Tage wurde das Kindermädchen der Familie, Sandra Rivett, in der Wohnung seiner von ihm getrennt lebenden Frau in London ermordet aufgefunden. Lady Lucan, die in dieser Nacht ebenfalls angegriffen wurde, sagte aus, ihr Ehemann habe ihr gestanden, dass er Rivett aus Versehen getötet habe.

Lord Lucan behauptete, er sei zu Fuß am Haus vorbeigegangen, als er gesehen habe, wie jemand mit Lady Lucan kämpfte, und habe das Haus betreten, um ihr zu helfen. Er habe sie beruhigt und sie habe sich zum Ausruhen hingelegt, doch dann habe sie das Haus verlassen, während er gerade im Bad ein Handtuch geholt habe, um ihr Gesicht zu reinigen. Plötzlich habe er sie auf der Straße „Mord, Mord!“ schreien hören. So zumindest erzählte Lord Lucan dies Susan Maxwell-Scott, einer guten Freundin der Familie in Uckfield, East Sussex, zu der er in Panik geflohen war, wie er angab. Ein Auto, das Lord Lucan sich von einem anderen Freund geliehen hatte, wurde später in Newhaven, East Sussex, verlassen aufgefunden. Im Auto befanden sich Blutspuren von zwei verschiedenen Personen.

Im Juni 1975 sprach eine coroner's jury Bingham wegen der Tötung von Sandra Rivett schuldig. Dies ist nach heutigem Rechtsverständnis kein rechtskräftiges gerichtliches Urteil. Die Polizei führt den Fall auch weiterhin als unaufgeklärt in ihren Akten und unterzieht ihn, so wie es in allen ungeklärten Mordfällen üblich ist, in Abständen einer Überprüfung. In der Sterbeurkunde von Rivett heißt es: „Todesursache: Stumpfe Kopfverletzungen, die durch eine bestimmte Person zugefügt wurden. Tötung.“. Dies war das letzte Mal vor der Einführung des Criminal Law Act 1977, dass ein Ermittlungsorgan einen Schuldspruch aussprechen durfte.

Mögliche Motive[Bearbeiten]

Zum Zeitpunkt der Tat hatte Lady Lucan das Sorgerecht für ihre drei Kinder. Lord Lucan hielt seine Frau für psychisch instabil und meinte, ihm solle das Sorgerecht für die Kinder zustehen, aber britische Gerichte hätten das Sorgerecht fast immer den Müttern zugesprochen. Mittlerweile ist Lady Lucan mit ihren Kindern zerstritten. 1982 erhielt Lady Lucan per Post eine eidesstattliche Versicherung, in der ihr 15-jähriger Sohn erklärte, er finde es erheblich angenehmer, als Teil der Familie seiner Tante und seines Onkels zu leben. Lady Lucan verzichtete auf eine gerichtliche Anfechtung und ihr Sohn lebte seither getrennt von ihr.[1] 1992 kündigte ihre Tochter ihre Hochzeit in einer Anzeige in der Times an und titulierte sich dort zum Ärger der Mutter, die ihren Ehemann ein Jahr zuvor für "vermutlich verstorben" hatte erklären lassen, als "younger daughter of the 7th Earl of Lucan wheresoever and the Countess of Lucan" („die jüngere Tochter des 7. Earl of Lucan, wo auch immer er sich befindet und der Countess of Lucan“). Die Mutter wurde nicht zur Hochzeit eingeladen, obwohl diese „nur einen Steinwurf von ihrem Haus entfernt“ in einer Kirche in Eaton Row stattfand.[1]

Ein weiteres Motiv nannte ein Freund, Greville Howard, der Polizei: Lord Lucan habe seine finanziellen Probleme lösen und seinen Konkurs abwenden wollen, indem er Lady Lucan töten und ihre Leiche in den Solent werfen wollte.

Gemeldete Sichtungen[Bearbeiten]

Seit seinem Verschwinden wurde aus der ganzen Welt über viele angebliche Sichtungen von Bingham berichtet, aber die Polizei blieb mit ihren Bemühungen, den flüchtigen Earl zu finden, erfolglos.

Im Dezember 1974 glaubte die Polizei, bei einem in Australien verhafteten Mann handele es sich um Lord Lucan. Tatsächlich war es jedoch der britische Parlamentsabgeordnete John Stonehouse, der einen Monat zuvor seinen Selbstmord vorgetäuscht hatte.

Johannesburg Jeff[Bearbeiten]

In den 1990er Jahren war die Annahme verbreitet, dass Lord Lucan in der Gegend von Südafrika gesehen worden sei. Im Jahr 2007 vermutete die Daily Mail, dass dies eine falsche Identität eines Mannes mit dem Spitznamen „Johannesburg Jeff“ gewesen sei.

John Aspinall[Bearbeiten]

Zu den bizarrsten Geschichten gehört die Behauptung, es gebe eine eidesstattliche Erklärung im Besitz der Boulevardzeitung Daily Mirror, die die Aussage einer Frau aus Bedfordshire enthalte, die ehemals bei Lord Lucans Freund John Aspinall angestellt gewesen sei. Sie erkläre darin, dass Aspinall den flüchtigen Lord Lucan in seinem Zoo versteckt habe, wo er von einem Tiger zerfleischt und getötet worden sei; seine Leiche sei eilig entsorgt worden.

Aspinall gab im Jahr 2000 ein Interview, in dem er sagte, dass Lord Lucan seiner Meinung nach Selbstmord begangen habe, indem er sein in Newhaven liegendes Motorboot versenkt habe. Aspinall sagte, er habe keinen Zweifel daran, dass Lord Lucan das Kindermädchen getötet habe, aber dass dies ein Versehen gewesen sei; Lord Lucan hätte eigentlich seine Frau töten wollen und habe sich dann aus Scham selbst umgebracht.

Im Februar 2012 gab eine Frau, die anonym bleiben wollte und sich nur als Sekretärin von John Aspinall bezeichnete, gegenüber der BBC an, dass sie zwischen 1979 und 1981 zwei Reisen für die Kinder Lord Lucans nach Afrika arrangierte, damit dieser sie aus der Ferne sehen konnte. Die Erklärung John Aspinalls aus dem Jahr 2000 nahm sie als Zeichen, dass Lord Lucan damals in Afrika gestorben sei.[2] Lady Lucan erklärte, dass diese Sichtung "absurd" sei, da ihr Mann nie im Ausland hätte leben können, da er sich nie an eine ausländische Kultur hätte gewöhnen können. Außerdem gab sie an, dass ihre Kinder in der fraglichen Zeit das Land niemals verlassen hätten.[3]

Barry Halpin[Bearbeiten]

Im September 2003 veröffentlichte Duncan MacLaughlin, ein ehemaliger Scotland-Yard-Detektiv, ein Buch mit dem Titel Dead Lucky: Lord Lucan, die endgültige Wahrheit. Darin behauptet er, er habe das Rätsel von Lucans Verschwinden gelöst. Lucan sei nach Goa in Indien geflohen, wo er ein Jahr nach dem Tod von Rivett angekommen sei. Das Buch enthält Fotos aus dem Jahr 1991 von einem Mann, der Lucan ähnelt. Der 1996 gestorbene Mann war in Goa unter dem Namen Barry Halpin (oder, wie es in dem Buch heißt: „Jungle Barry“) bekannt.

Allerdings wurden diese Behauptungen umgehend widerlegt. BBC Radio 2 Moderator Mike Harding schrieb in einem Brief an die Zeitung The Guardian, dass er Barry Halpin aus seiner Zeit als Folk-Musiker in Liverpool in den 1960er Jahren gekannt habe und dass dieser nach Indien gegangen sei, „weil es dort spiritueller ist als in St. Helens“.

Für die Zeitung The Sunday Telegraph, die Auszüge aus dem Buch als Fortsetzungsgeschichte veröffentlicht hatte, war dies nach der extrem schnellen Widerlegung der Behauptungen ähnlich peinlich wie der Sunday Times die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher. Das Buch wurde ein Jahr später als Taschenbuch unter dem Titel „Die Lucan-Verschwörung“ neu veröffentlicht mit einem zusätzlichen letzten Kapitel und der Inhaltsangabe: „Wie das Establishment die Welt dazu verleitete zu glauben, Lord Lucan sei Barry Halpin“.

Neuseeland[Bearbeiten]

Im August 2007 berichtete der in Auckland erscheinende New Zealand Herald, dass der ehemalige Scotland-Yard-Detektiv Sidney Ball der Behauptung nachgehe, dass Lord Lucan in einem alten Land Rover außerhalb der Gemeinde Marton lebte, offenbar zusammen mit einem Opossum, einer Katze und einer Ziege (namens Camilla) als Haustiere. Mr. Ball sagte, Nachbarn des Mannes namens Roger Woodgate seien überzeugt, dass er Lord Lucan sei, dass er zu dem Fall aber bis zum Abschluss seiner Untersuchungen keine weiteren Angaben machen könne. Der Mann habe einen upper-class-Akzent und erhalte möglicherweise Einkommen aus Immobilienbesitz in Großbritannien. Er hat bestritten, Lord Lucan zu sein, und behauptet, er arbeite als Fotograf für das Verteidigungsministerium und habe das Vereinigte Königreich fünf Monate vor Lord Lucans Verschwinden verlassen. Mr. Woodgate behauptete auch, er sei zehn Jahre jünger als Lord Lucan und dreizehn Zentimeter kleiner.

Neue Erkenntnisse im Jahr 2012[Bearbeiten]

Im Dezember 2012 berichtete die BBC über eine schriftliche Aussage von Lord Lucans Schwester Lady Sarah Gibbs vom November 1974, dass sich zum Zeitpunkt des Mordes an Sandra Rivett außer Lord Bingham ein weiterer Mann im Hause befunden habe.[4] Dieser sei mutmaßlich der Freund der Ermordeten gewesen und habe oft im Haus der Lucans übernachtet. Lady Sarah Gibbs war bereits im Jahr 2001 verstorben, aber ihre Aussage war erst ans Licht der Öffentlichkeit gelangt, nachdem BBC-Reporter alte Dokumente aus Polizeiarchiven hatten einsehen können. Die Aussage trifft sich zum Teil mit der Behauptung Lord Lucans, er habe in der Mordnacht einen unbekannten Mann mit seiner Frau im Haus streiten gesehen, der jedoch geflohen sei. Hugh Bingham, der in Südafrika lebende Bruder von Lord Lucan, äußerte nach Bekanntwerden dieses Indizes seine Verärgerung darüber, dass diese Zeugenaussage damals im Jahr 1975 nicht hinzugezogen worden war, und forderte eine Wiederaufnahme der Untersuchungen. Auch der Sohn der Ermordeten Neil Berriman schloss sich dieser Forderung an.

Nachweise[Bearbeiten]

  1. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatOfficial website of the Countess of Lucan. 2003, abgerufen am 10. Dezember 2012 (englisch).
  2. Witnesses reveal Lord Lucan's secret life in Africa. BBC News 18. Februar 2012
  3. Wife claims Lord Lucan 'would not have coped abroad'.BBC News 20. Februar 2012
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatLord Lucan 'mystery man' witness statement uncovered. BBC, 10. Dezember 2012, abgerufen am 10. Dezember 2012 (englisch).

Weblinks[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Roy Ranson, Lord Lucan: The Final Verdict.
  • Sally Moore, Lucan, Not Guilty.
  • James Ruddick, Lord Lucan: What Really Happened.
  • 'Duncan MacLaughlin, 'Dead Lucky.
  • Norman Lucas, The Lucan Mystery.
  • Richard Wilmott, Troops of Midian.
  • Patrick Marnham, Trail of Havoc.
  • Ian Crosby, Lord Lucan - The Lucan emails. ISBN 978-0-9565337-0-8