Richard Oehler

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Richard Oehler (* 27. Februar 1878 in Heckholzhausen; † 13. November 1948 in Wiesbaden)[1] war ein deutscher Bibliothekar und Friedrich Nietzsche-Herausgeber.

Verwandtschaft, Studium und Erster Weltkrieg[Bearbeiten]

Richard Oehler und sein Bruder Max Oehler waren Cousins Nietzsches.[2]

Richard Oehler studierte Klassische Philologie und promovierte 1903 an der Universität Halle-Wittenberg bei Hans Vaihinger mit einem Thema zu Nietzsche.[3][4] Anschließend befasste er sich als Archivar und Publizist weiterhin mit Werk und Hinterlassenschaft seines berühmten Verwandten. Zugleich begann Oehler eine Karriere als Bibliothekar, bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte er die Position eines Hilfsbibliothekars an der Universitätsbibliothek Bonn inne.[5]

Während des Krieges diente er dem Deutschen Kaiserreich als Offizier, zuletzt im Rang eines Majors.[1] Mitte 1915 kehrte Oehler nicht mehr in den regulären Militärdienst zurück, sondern befasste sich fortan mit Fragen des belgischen Bibliothekswesens, unter anderem mit der Zukunft der Universitätsbibliothek Löwen, die im August 1914 von deutschen Soldaten gebrandschatzt worden war.[6]

Nietzsche-Forscher[Bearbeiten]

Wie sein Bruder Max arbeitete Richard Oehler zeitweise für das von der gemeinsamen Cousine Elisabeth Förster-Nietzsche gegründete und geleitete Nietzsche-Archiv, erstmals 1903.[4] Unter anderem publizierte er das „Nietzsche-Register“.[7] Er hing der Philosophie vom Übermenschen und vom Willen zur Macht vorbehaltlos an.[8] Ab 1934 war er Herausgeber einer Gesamtausgabe der Werke Friedrich Nietzsches.[1]

Staatskommissar und Bibliotheksdirektionen[Bearbeiten]

Artikel 247 des Versailler Vertrags sah vor, dass Deutschland aktiv für den Wiederaufbau der Universitätsbibliothek Löwen zu sorgen habe.[9] Oehler wurde auf Empfehlung von Fritz Milkau, mit der er während des Krieges zusammengearbeitet hatte, zum Staatskommissar für die Wiederherstellung der Universitätsbibliothek Löwen bestellt. Sein Dienstsitz war das Deutsche Buchhändlerhaus in Leipzig. Als Staatskommissar war er der Vertreter Deutschlands gegenüber der Universität Löwen, der Regierung Belgiens und der Reparationskommission. Oehler nahm die belgischen Bücherforderungen entgegen, musste für ihre rasche Erfüllung sorgen und sicherstellen, dass den öffentlichen Bibliotheken in Deutschland kein irreparabler Schaden entstand. Er übte dieses Amt von April 1920 bis zum 1. April 1925 aus.[10] Oehler gelang es, die Aufgabe in gedeihlicher Zusammenarbeit mit seinen belgischen Bibliothekarskollegen erfolgreich abzuwickeln.[11]

In Anerkennung seines Wirkens als Staatskommissar wurde Oehler 1925 zum Direktor der Universitätsbibliothek Breslau ernannt. Von 1927 bis 1945 besetzte er schließlich den Posten des Direktors der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. An der dortigen Universität erhielt Oehler eine Honorarprofessur.[12][4]

Tätigkeiten im Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Oehler gilt als überzeugter Nationalsozialist. Er trat am 1. Mai 1933 in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ein und erhielt die Mitgliedsnummer 2393316.[13] Von den zusammen 34 Bibliotheksdirektoren an den 23 Universitätsbibliotheken im Deutschen Reich in den Grenzen von 1937 waren zwölf in der Partei, von denen sich nur eine Minderheit, zu der Oehler zählte, politisch exponierte. Oehler war zudem Mitglied weiterer NS-Organisationen wie dem Kampfbund für deutsche Kultur, der nationalsozialistischen Vereinigung deutscher Bibliothekare und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Ferner war er förderndes Mitglied der SS sowie Kulturwart in der Frankfurter Altstadt.[14] Auf Initiative Oehlers wurde der Leihverkehr bereits am 11. Mai 1933 stark eingeschränkt. Er sperrte den Zugang zu „marxistischer Literatur“ in den ihm unterstellten Bibliotheken. Im Oktober 1933 berichtete Oehler, auf diese Weise seien der Ausleihe 1732 Bücher entzogen worden.[15] Oehler beteiligte sich auch an anderer Stelle an der Umsetzung der nationalsozialistischen Kulturpolitik: er überwachte die Liquidierung der Bibliothek des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.[16]

Als Nietzsche-Kenner propagierte er mit Hilfe seiner Schrift Friedrich Nietzsche und die deutsche Zukunft die vermeintliche Übereinstimmung der Philosophie Nietzsches mit der Weltanschauung des Nationalsozialismus. In Adolf Hitler sah er den Nachfolger und Vollender seines Verwandten: „Bei Nietzsche wie bei Hitler ist Kampf niemals nur Kampf, Zerstörung um ihrer selbst willen, sondern Platzschaffen für Besseres, Fruchtbareres, Größeres.“[17] In Militarismus, Antisemitismus, Führerprinzip und in der Rassentheorie der Nationalsozialisten erblickte er die Anwendung der Vorstellungen Friedrich Nietzsches.[18] Hanns Wilhelm Eppelsheimer, sein Nachfolger im Amt des Frankfurter Bibliotheksdirektors, stellte dieser Schrift nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein vernichtendes Urteil aus und sprach von einer Verfälschung Nietzsches durch Oehler.[19]

Am 16. und 17. Mai 1940 vernichteten Truppen der Wehrmacht durch Luftangriffe und Artilleriebeschuss die Universitätsbibliothek Löwen erneut. Die deutsche Propaganda behauptete allerdings, abziehende britische Truppen hätten sie in Brand gesteckt. Oehler wurde in seiner Eigenschaft als Staatskommissar für die Wiederherstellung der Universitätsbibliothek Löwen reaktiviert. Er besichtigte im Juli 1940 die Ruine und ermittelte ihren Zustand. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen und Empfehlungen fasste er in einem Bericht zusammen. Er empfahl, in einem künftigen Friedensvertrag, die Engländer für den Schaden aufkommen zu lassen. In seinem Bericht legte er Wert auf die Feststellung, dass bei der Auswahl des Buchbestands der wiederherzustellenden Bibliothek kontrolliert werden müsse. Dieser Bestand dürfe kein „Nest von deutschfeindlichem, jüdischem und freimaurerischem Schrifttum“ werden.[20]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Schivelbusch: Eine Ruine im Krieg der Geister. Die Bibliothek von Löwen. August 1914 bis Mai 1940. durchgesehene Ausgabe. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-596-10367-3. (erstmals unter dem Titel Die Bibliothek von Löwen. Eine Episode aus der Zeit der Weltkriege. Hanser, München u. a. 1988, ISBN 3-446-15162-1)
  • Rachel Heuberger: Bibliothek des Judentums. Die Hebraica- und Judaica-Sammlung der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Entstehung, Geschichte und heutige Aufgaben. (Frankfurter Bibliotheksschriften, Bd. 4). Klostermann, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-465-02863-5.

Weblink[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 440.
  2. Angabe auf dem Archivportal Thüringen (Abruf 3. Januar 2014). Siehe auch Schivelbusch: Eine Ruine im Krieg der Geister. Die Bibliothek von Löwen. August 1914 bis Mai 1940. S. 63.
  3. Richard Oehler: Friedrich Nietzsche und die Vorsokratiker. Leipzig 1904 (entstand aus Oehlers Dissertation: Nietzsches Verhältnis zur vorsokratischen Philosophie. Halle 1903, siehe Bernd Kettern: Friedrich Nietzsche. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Band VI (1993), Sp. 774–804.)
  4. a b c Biografische Angaben zu Oehler In: Detlef Thiel (Hrsg.): Salomo Friedlaender: Friedrich Nietzsche. Eine intellektuale Biographie. (Salomo Friedlaender/Mynona: Gesammelte Schriften, hrsg. von Hartmut Geerken, Band 9). Waitawhile/ Books on Demand, Herrsching/ Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8391-2001-9, S. 223..
  5. Schivelbusch: Eine Ruine im Krieg der Geister. Die Bibliothek von Löwen. August 1914 bis Mai 1940. S. 63.
  6. Schivelbusch: Eine Ruine im Krieg der Geister. Die Bibliothek von Löwen. August 1914 bis Mai 1940. S. 37 f.
  7. Richard Oehler: Nietzsche-Register. Alphabetisch-systematische Übersicht über Friedrich Nietzsches Gedankenwelt. Nach Begriffen und Namen aus dem Text entwickelt. 4. Auflage. Kröner, Stuttgart 1978, ISBN 3-520-17004-3 (erstmals als Nietzsche-Register. Alphabetisch-systematische Übersicht zu Nietzsches Werken nach Begriffen, Kernsätzen und Namen. Im Auftrage des Nietzsche-Archivs ausgearbeitet von Richard Oehler, Kröner, Leipzig 1926.)
  8. Schivelbusch: Eine Ruine im Krieg der Geister. Die Bibliothek von Löwen. August 1914 bis Mai 1940. S. 63.
  9. Wiedergutmachungensbestimmungen des Vertrags
  10. Schivelbusch: Eine Ruine im Krieg der Geister. Die Bibliothek von Löwen. August 1914 bis Mai 1940. S. 62 f und S. 91.
  11. Hierzu umfassend Schivelbusch: Eine Ruine im Krieg der Geister. Die Bibliothek von Löwen. August 1914 bis Mai 1940. S. 61–103.
  12. Schivelbusch: Eine Ruine im Krieg der Geister. Die Bibliothek von Löwen. August 1914 bis Mai 1940. S. 99.
  13. Gerd Simon unter Mitwirkung von Eberhardt Gering, Dagny Guhr, Hannah Soppa und Ulrich Schermaul: Chronologie ‚Gesellschaft für Dokumentation‘ mit knappen Ausflügen in ihre Vorgeschichte und in die Entwicklung des Bibliothekswesens vorwiegend im 3. Reich, Teil I: Archivalien. (Erstfassung Jan 2004, vorliegende Fassung 3.10.2006; PDF; 424 kB).
  14. Heuberger: Bibliothek des Judentums. Die Hebraica- und Judaica-Sammlung der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. S. 85 f.
  15. Heuberger: Bibliothek des Judentums. Die Hebraica- und Judaica-Sammlung der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. S. 88–90.
  16. Schivelbusch: Eine Ruine im Krieg der Geister. Die Bibliothek von Löwen. August 1914 bis Mai 1940. S. 172.
  17. Richard Oehler: Friedrich Nietzsche und die deutsche Zukunft. Leipzig 1935, S. 36. Zitiert nach Schivelbusch: Eine Ruine im Krieg der Geister. Die Bibliothek von Löwen. August 1914 bis Mai 1940. S. 172.
  18. Schivelbusch: Eine Ruine im Krieg der Geister. Die Bibliothek von Löwen. August 1914 bis Mai 1940, S. 172.
  19. Siehe Heuberger: Bibliothek des Judentums. Die Hebraica- und Judaica-Sammlung der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. S. 86 f.
  20. Schivelbusch: Eine Ruine im Krieg der Geister. Die Bibliothek von Löwen. August 1914 bis Mai 1940. S. 177 f, auf S. 178 das Zitat.