Amtspflicht

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Amtspflicht ist eine Dienstpflicht des Beamten, die durch die Ausübung seines Amtes begründet wird. Der Begriff kommt u. a. im Zivilrecht vor (§ 839 BGB) und ist eine Schutzvorschrift zu Gunsten von Geschädigten, die durch fehlerhafte Amtsausübung einen Vermögensschaden erlitten haben.

Umfang[Bearbeiten]

Nicht nur Beamte sind Träger einer Amtspflicht; Beamter ist haftungsrechtlich jeder, dem die Ausübung öffentlicher Gewalt anvertraut ist.[1] Dazu gehören auch Angestellte, Schöffen oder Schülerlotsen. Auch der Abschleppunternehmer, der von der Polizei beauftragt wird, ist bei der Ausführung der Ersatzvornahme Beamter im Sinne des staatshaftungsrechtlichen Beamtenbegriffs,[2] weil der Abschleppvorgang nach Ansicht des BGH materiell-rechtlich noch Teil der polizeilichen Vollstreckungsmaßnahme ist. Auch andere öffentliche Amtsträger (etwa Notare) unterliegen einer Amtspflicht. Notare haften nach § 19 BNotO persönlich. Die Subsidiarität ihrer Haftung gem. § 19 Abs. 1 Satz 2 BNotO gilt nur für hoheitliche Tätigkeit (Beurkundung), nicht für Beratung oder Aufbewahrung. Handlungen, die ein Beamter innerhalb der durch die Amtspflicht gezogenen Grenzen vornimmt, sind selbst dann nicht rechtswidrig, wenn sie Privatrechte und Rechte Dritter verletzen.

Strafrechtlich ist von Bedeutung, dass es sich – insbesondere bei Bestechungsdelikten – um für den öffentlichen Dienst Verpflichtete handelt; bei wirtschaftlicher Tätigkeit kommt es darauf an, ob diese der Daseinsvorsorge dient.[3] Echte Amtsdelikte können nur von echten Beamten begangen werden, bei Nichtbeamten bleiben sie straflos. Unechte Amtsdelikte hingegen sind für alle Amtsträger strafbar, bei Beamten jedoch mit höherer Strafe bedroht.

Inhalt[Bearbeiten]

Die Amtspflicht äußert sich im hoheitlichen Handeln bei Ausübung öffentlicher Gewalt, sei es durch behördliche Genehmigung, Erlass von (rechtswidrigen) Verwaltungsakten, „amtlichen“ Auskünften oder Ratschlägen oder Unterlassen von gesetzlich gebotenen öffentlichen Aufgaben (etwa öffentliche Streupflicht). Sie umfasst die sorgfältige behördliche Behandlung anvertrauter fremder Belange und die Pflicht zur Amtsverschwiegenheit.[4] Zu den Amtspflichten gehören ferner zuständigkeits- und verfahrensgemäßes Handeln, Verhältnismäßigkeit und Erteilung ordnungsgemäßer Auskünfte. Antragsgesuche sind gewissenhaft, förderlich, sachdienlich und in angemessener Frist zu bearbeiten und zu entscheiden.[5]

Amtspflichtverletzung[Bearbeiten]

Überschreitet ein Amtsträger die Grenzen seiner Amtspflicht, so liegt Amtspflichtverletzung vor. Das fehlerhafte Verhalten von Bediensteten der öffentlichen Hand löst Amtshaftung aus. Ein Amtshaftungsanspruch setzt voraus, dass ein öffentlich Bediensteter vorsätzlich oder fahrlässig seine Amtspflicht einem Dritten gegenüber verletzt. Weitere Voraussetzung für alle Fälle der Amtspflichtverletzung ist, dass der Geschädigte Rechtsmittel eingelegt hat, um einen Schaden abzuwenden (§ 839 Abs. 3 BGB). Diese ist jedoch haftungsrechtlich lediglich dann von Bedeutung, wenn es sich um eine vorsätzliche Pflichtverletzung handelt. Bei fahrlässiger Amtspflichtverletzung tritt nach der Subsidiaritätsklausel des § 839 Abs. 1 Satz 2 BGB eine Haftung nur ein, wenn der Geschädigte nicht anderweitig Ersatz durch Dritte (etwa durch Versicherungsentschädigung) erlangen kann. Wird fahrlässig eine fehlerhafte Baugenehmigung erteilt, ist der Bauherr vorrangig auf die Ersatzhaftung des fehlerhaft bauplanenden Architekten zu verweisen.[6] Ist die Ersatzhaftung etwa wegen Vermögensverfalls des Dritten nicht durchsetzbar, haftet auch bei Fahrlässigkeit der Beamte.

Eine Amtspflichtverletzung liegt auch dann vor, wenn die Grenzen eines vorhandenen Ermessensspielraums verletzt werden, ohne dass ein Ermessensmissbrauch vorliegt. Der Beamte darf danach sein Ermessen nur pflichtgemäß, nicht jedoch falsch, fehlerhaft oder gar nicht ausüben. Die Rechtsprechung verlangt zudem einen inneren Zusammenhang zwischen der Verletzungshandlung und der Verfolgung hoheitlicher Zwecke. Danach weist eine nichthoheitliche Dienstfahrt einen inneren Zusammenhang zwischen der Verletzungshandlung und der Verfolgung hoheitlicher Zwecke auf, wenn sie dazu dient, eine hoheitliche Maßnahme am Zielort vorzunehmen. Der BGH stellt darauf ab, ob der Sinn dieser Dienstfahrt darin besteht, hoheitlich tätig zu werden.[7] Der selbstliquidierende beamtete Chefarzt handelt privatrechtlich, sodass er bei einem Behandlungsfehler nicht in Ausübung des ihm übertragenen öffentlichen Amts seine Amtspflicht verletzt.[8] Die öffentliche Hand kann sich einer Amtshaftung für fehlerhaftes Verhalten ihrer Bediensteten grundsätzlich nicht dadurch entziehen, dass sie die Durchführung einer Maßnahme auf einen privaten Unternehmer überträgt.[9] Die Amtspflichtsverletzung kann zu disziplinarrechtlichen Konsequenzen führen.

Auch die Amtspflichtverletzung des Richters begründet nach § 839 Abs. 2 BGB in Verbindung mit Art. 34 GG Schadensersatzpflichten. Dies gilt aber nur für sogenannte Spruchrichter bei fehlerhaften Urteilen, die einen Straftatbestand erfüllen (§ 839 Abs. 2 BGB). Dies wird als Richterprivileg bzw. Spruchrichterprivileg bezeichnet. Richter an Registergerichten sind keine Spruchrichter,[10] weil in der freiwilligen Gerichtsbarkeit keine Urteile gefällt werden. Deshalb kommt den Registerrichtern das Spruchrichterprivileg nicht zugute.

Verfassungsrechtlich ist die Amtspflichtverletzung jeder Rechtsverstoß gegen öffentlich-rechtliche und privatrechtliche Normen, die den exekutiven Hoheitsträger (Behörden) binden (Art. 20 Abs. 3 GG).

Persönliche Haftung und Staatshaftung[Bearbeiten]

Normadressat der Haftungsansprüche ist nach § 839 Abs. 1 BGB eindeutig der Beamte. Das Gleiche gilt für Sachverständige bei ihrer gerichtlichen Gutachtertätigkeit (§ 839a BGB). Im BGB ist die Rede davon, dass ein Beamter bei Amtspflichtverletzung persönlich haftet und nicht der Dienstherr (die Behörde). Für vorsätzlich oder grob fahrlässig herbeigeführte Schäden beim Dienstherrn haftet der Beamte nach § 75 Bundesbeamtengesetz bzw. den entsprechenden landesrechtlichen Vorschriften (für Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst folgt eine ähnliche Haftung aus dem Arbeitsvertrag). Damit öffentliche Bedienstete diesem hohen persönlichen Haftungsrisiko nicht ausgesetzt sind, ist in Art. 34 GG eine Rückhaftung des Dienstherrn oder des Staates vorgesehen. Die persönliche Haftung des Beamten wird dadurch auf den Staat übergeleitet. Verletzt jemand in Ausübung eines ihm anvertrauten öffentlichen Amtes die ihm einem Dritten gegenüber obliegende Amtspflicht, so trifft - durch die Vorrangigkeit des Verfassungsrechts vor dem Zivilrecht - die Verantwortlichkeit grundsätzlich den Staat oder die Körperschaft, in deren Dienst er steht. Bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit bleibt der Rückgriff des Staates auf den Beamten jedoch vorbehalten. Für den Anspruch auf Schadensersatz und für den Rückgriff darf der ordentliche Rechtsweg nicht ausgeschlossen werden. Notare haften nach der Bundesnotarordnung persönlich und müssen sich daher entsprechend versichern (§ 19a BNotO); eine Staatshaftung ist bei ihnen ausgeschlossen (Ausnahmen gelten für die Amtsnotare in Baden-Württemberg).

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Fritz Ossenbühl: Staatshaftungsrecht. 5. Auflage, Beck-Verlag, München 1998, ISBN 3-406-41809-0.
  • Manfred Baldus, Bernd Grzeszick, Sigrid Wienhues: Staatshaftungsrecht – das Recht der öffentlichen Ersatzleistungen. Müller-Verlag, Heidelberg 2005, ISBN 3-8114-1836-X.
  • Bernd Tremml, Michael Karger: Der Amtshaftungsprozeß. Amtshaftung, Notarhaftung, Europarecht. 2. Auflage, Vahlen-Verlag, München 2004, ISBN 3-800-63116-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. BGHZ 2, 250, 253.
  2. BGH NJW 1993, 1258, 1259.
  3. Schönke/Schröder und Dreher/Tröndle, Kommentar StGB zu § 111 Nr. 2, 4 StGB.
  4. BGHZ 34, 184.
  5. BGH WPM 1972, 743.
  6. BGH, Urteil vom 19. März 1992, Az. III ZR 117/90.
  7. BGHZ 42, 176.
  8. BGH NJW 1986, 2338; Fall „Lara".
  9. BGHZ 121, 161, 165 f.
  10. BGH NJW 1959, 1085.
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