Rindenblindheit

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Klassifikation nach ICD-10
H47.6 Affektionen der Sehrinde
ICD-10 online (WHO-Version 2013)
Das Sehzentrum ist gelb markiert. Der dunkelgelbe Bereich ist das Projektionsfeld des Sehens, das bei Rindenblindheit ausgefallen ist. Der hellgelbe Bereich ist das Assoziationsfeld des Sehens, das bei Seelenblindheit ausfällt.
Der Sulcus calcarinus ist hier als calcarine fissure bezeichnet.

Rindenblindheit oder auch "blindes Sehen" (engl. Blindsight) ist eine Form der Erblindung, bei der nicht das Auge erkrankt ist, sondern die primäre Sehrinde im Gehirn. Die beiden Ausdrücke sind nicht exakt gleichbedeutend, da die Rindenblindheit vorwiegend beschreibt, dass kein optischer Eindruck das Bewusstsein erreicht, während der Begriff "blindes Sehen" hauptsächlich beschreibt, dass der Blinde dennoch handelt und teilweise auch redet, als könne er sehen. Dabei bleiben die mehr als zehn verschiedenen Nervenbahnen, über die die Augen normalerweise ihre Signale an die Sehrinde weiterleiten, intakt. Daher erfolgt bei Rindenblindheit eine Übertragung von Sehreizen ins Gehirn, jedoch werden diese nicht in das Bewusstsein überführt.

Versuche[Bearbeiten]

Versuche mit Lichtblitzen haben gezeigt, dass Rindenblinde oftmals zwar die Lichtblitze nicht bewusst wahrnehmen können, aber beispielsweise intuitiv richtig sagen konnten, aus welcher Richtung die Lichtblitze kamen, ohne zu wissen, weswegen sie das sagen konnten. Letztlich werden die Bilder somit unbewusst wahrgenommen.

Auch bei gesunden Versuchspersonen konnten durch eine Blockade des Sehzentrums über Transkranielle Magnetstimulation (TMS) ähnliche Ergebnisse erzielt werden. Auch hier sahen die Versuchspersonen nichts, konnten jedoch die ihnen dargestellte Farbe überwiegend richtig intuitiv raten. Die Versuchspersonen bestritten, die Informationen wahrgenommen zu haben.

Einer der am häufigsten vorgebrachten Einwände gegen das auf den ersten Blick erstaunliche Phänomen der Blindsicht ist, dass die Betroffenen einfach lügen. Allerdings lassen sich bei allen Personen, die vorgeben, blindsichtig zu sein, die gleichen Hirnverletzungen bzw. -erkrankungen objektiv feststellen.

Interpretation[Bearbeiten]

Das Ergebnis der Versuche zeigt, dass zwar innerhalb des visuellen Kortex ein Bewusstsein generiert wird, doch findet auch ohne die bewusste Wahrnehmung eine Verarbeitung der Informationen statt.

1997 haben Sahraie und Weiskrantz[1] durch funktionelle MRT-Untersuchungen gezeigt, dass beim Phänomen der Rindenblindheit andere anatomische Strukturen als die Sehrinde aktiviert werden. Dabei handelt es sich um den Colliculus superior im Hirnstamm, der retinale Fasern verarbeitet, welche für Objektbewegungen besonders empfindlich sind. Weitere Untersuchungen 2001 von Morris, DeGelder, Weiskrantz und Dolan[2] haben ergeben, dass Menschen mit einer Läsion in der Sehrinde, die zu einer Hemianopsie geführt hat, gewisse emotionale Inhalte von Gesichtern verarbeiten können, die in jenem Gesichtsfeld präsentiert werden, das sie bewusst nicht mehr wahrnehmen. Es wurde gezeigt, dass auch dies durch die Aktivierung von visuellen Zentren im Colliculus superior geschieht, die dies selbst auf das limbische System projizieren, insbesondere auf die Amygdala, die eine wichtige Bedeutung für alle Emotionen hat.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. A. Sahraie, L. Weiskrantz, J. L. Barbur, A. Simmons, S. C. R. Williams, M. J. Brammer: Pattern of neuronal activity associated with conscious and unconscious processing of visual signals. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. Bd. 94, Nr. 17, August 1997, S. 9406–9411, online.
  2. J. S. Morris, B. DeGelder, L. Weiskrantz, R. J. Dolan: Differential extrageniculostriate and amygdala responses to presentation of emotional faces in cortically blind field. In: Brain. Bd. 124, Nr. 6, June 2001, S. 1241–1252, doi:10.1093/brain/124.6.1241.
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