Rintfleisch-Pogrom

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Rintfleisch-Pogrom oder Rintfleisch-Verfolgung wird ein im Jahre 1298 vor allem in Franken verübter Massenmord an Juden bezeichnet.

Ausbruch der Verfolgung am 20. April 1298[Bearbeiten]

In der kleinen Stadt Röttingen gab es Gerüchte über eine Hostienschändung.[1] Eine Gruppe von „Judenschlägern“ zog unter der Anführung des „nobilis Rintfleusch“ oder „König Rintfleisch“ durch Franken und angrenzende Gebiete und verübte ein Massaker an den örtlichen jüdischen Gemeinden. Am 20. April 1298 wurden in einem ersten Massaker die 21 Juden der Stadt Röttingen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.[2] Rintfleisch, der in den Quellen teilweise als verarmter Ritter und meist als „carnifex“ (= Fleischer, aber auch Scharfrichter) bezeichnet wird, verkündete, er habe vom Himmel eine persönliche Botschaft erhalten und sei zum Vernichter aller Juden ernannt worden. Rintfleisch, dessen Vorname nicht überliefert ist, war nahezu sicher kein Adliger. Die Bezeichnungen „nobilis“ bzw. „verarmter Ritter“ in einigen Quellen gelten als fehlerhaft oder ironisch.

Historischer Hintergrund[Bearbeiten]

Die Rintfleisch-Verfolgung ist in ihrer räumlichen Ausdehnung und Heftigkeit ohne die Thronstreitigkeiten zwischen Albrecht I. von Österreich und Adolf von Nassau nicht zu verstehen. Ihretwegen war ein bedeutender Teil der fränkischen Landesherren bis zur entscheidenden Schlacht bei Göllheim am 2. Juli 1298 und noch kurz danach mit bedeutenden Truppen abwesend.

Zahl der Getöteten[Bearbeiten]

Der Höhepunkt der Massaker war in der zweiten Julihälfte, im August ebbten die Verfolgungen ab, den Schlusspunkt bildete die Vernichtung der jüdischen Gemeinde von Heilbronn am 19. Oktober 1298. Insgesamt wurden mindestens 4000 bis 5000 Juden ermordet, die jüdischen Gemeinden vieler Städte in Franken wurden ausgerottet. Die Gemeinde in Rothenburg ob der Tauber wurde in vier Wochen drei Mal angegriffen: Am 25. Juni waren 53 Tote zu beklagen (nach anderer Quelle 57), am 18. Juli weitere mindestens 36; der Rest der Gemeinde, knapp 450 Menschen, floh daraufhin in die Rothenburger Festung, die ab Sonntag 20. Juli, belagert und am 22. Juli eingenommen wurde, alle wurden umgebracht. In Würzburg waren am 24. Juli 1298 etwa 900 Ermordete zu beklagen[2], auch die Gemeinden in Nördlingen, Heideck, Weißenburg (nach 26. Juli), Berching (27. Juli, etwa 30 Getötete), Neumarkt in der Oberpfalz (27. Juli, mindestens 40 Getötete, nach einer anderen Quelle 65, darunter einige Christen, die versucht hatten, Juden zu schützen), Bamberg (27. Juli, mehr als 130 Getötete) und Nürnberg (1. August 1298, 728 Ermordete)[2] wurden vernichtet. Die Namen von 3.441 ermordeten Juden aus 44 „Blutstädten“ werden im Nürnberger Memorbuch aufgelistet.

Die jüdische Gemeinde Regensburg und die Juden in Augsburg wurden durch die Magistrate dieser Freien Reichsstädte geschützt. Aus Regensburg ist überliefert, dass der Rat der Stadt den Schutz der Juden gegen einen Teil der eigenen Bürgerschaft durchsetzen musste. Der Zeitpunkt der Angriffe auf die Gemeinden dieser beiden Städte ist nicht überliefert. In Augsburg hat sich die jüdische Gemeinde in einer Urkunde vom 23. August 1298 dazu verpflichtet, innerhalb von vier Jahren auf eigene Kosten einen Teil der Stadtmauer neu zu errichten. Da dies „der stat ze eren“ geschehen sollte, fand die Rettung vor dem Pogrom wahrscheinlich kurz zuvor statt. Zitat: „Wir (...) diu gemain der juden in der stat ze Auspurch, si sein genent oder niht, arme und riche, tun chunt allen den die disen brief lesent, hoerent oder sehent, [...] daz wir der stat ze eren, und ze nuz und dem richen ze dienst ain mawr machen wellen vor unserm chirchof, hindan fuer der stat maur zem heiligen chrüece, untz an den graben, in vier iaren“.

Verlauf und geographische Ausdehnung der Verfolgung[Bearbeiten]

Der Zug von "König Rintfleisch" lässt sich insbesondere im Ausgangsgebiet der Verfolgung sowie im Raum Hohenlohe und Heilbronn recht genau verfolgen. Im Kerngebiet wurden am 23. Juni die jüdischen Gemeinden in Bad Windsheim (mindestens 54 Verbrannte) und Neustadt an der Aisch (mindestens 60 Verbrannte) angegriffen, es folgte die in Iphofen (24. Juni), Markt Bibart (vermutlich am 24. oder 25. Juni, über zwölf Getötete), der erste Angriff auf die Gemeinde in Rothenburg o.d.T. (25. Juni), anschließend auf die Juden in Ochsenfurt (28./29. Juni) sowie in Bad Mergentheim (30. Juni). Etwas weiter westlich folgten rund drei Wochen später Sindringen (22. Juli), Tauberbischofsheim (dessen jüdische Gemeinde am 24. Juli im nahegelegenen Gamburg massakriert wurde), Möckmühl (25. Juli), Krautheim (26. Juli), Mosbach (28. Juli) und Widdern (29. Juli). Massaker, deren genaues Datum nicht überliefert ist geschahen außerdem u.a. in Lauda, Walldürn, Wertheim, Öhringen, Ingelfingen, Künzelsau, Stetten, Creglingen, Weinsberg, Waldenburg, Forchtenberg, Göglingen, Leonberg, Sontheim[3] und Weikersheim. Da die Orte mit taggenau datierten Massakern nicht auf einer Linie liegen, haben sich Verfolger offenbar auf mehrere Haufen aufgeteilt (Massaker in Würzburg am 23. Juli, 60 km entfernt von Sindringen/22. Juli!). Dafür spricht auch sonst die große geographische Distanz von rund 350 Kilometern der in wenigen Wochen insgesamt heimgesuchten jüdischen Gemeinden von einigen Orten im Raum Sömmerda/Thüringen im Norden bis ins südliche Oberschwaben im Süden.

Die letzten Massaker[Bearbeiten]

Die letzten drei Verfolgungen trafen am 17. August Gartach, am 20. September Weinheim am Odenwald und schließlich am 19. Oktober 1298 die jüdische Gemeinde von Heilbronn, deren 143 (nach einer anderen Quelle 200) Mitglieder ermordet wurden. Das mit 136 (nach anderen Quellen 133) Opfern angegebene „Gartach" wird als Kleingartach verstanden.[4][5][6]

König Albrecht I. ließ Rintfleisch und weitere Anführer der Massaker schließlich vermutlich verbannen, nach einer anderen (späteren und eventuell tendenziösen) Quelle hingegen festnehmen, enteignen und aufhängen. Die Städte, in denen Juden getötet worden waren, seien demnach zu Geldstrafen an den König verurteilt worden.

Die Verfolgungen wurden in den Historiae Memorabiles dokumentiert.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alemannia Judaica.de: Röttingen
  2. a b c Artikel der Jewish Encyclopedia (s. Weblinks; abgerufen am 23. Dezember 2008).
  3. Unklar, vermutlich [[Sontheim (Heilbronn)|]] bei Heilbronn. Vgl. Alemannia Judaica.de: Sontheim.
  4. Angerbauer/Frank: Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn, Schriften des Landkreises Heilbronn 1, Heilbronn 1986, S. 125/126.
  5. Joachim Hahn: Geschichte der Juden im Kraichgau, in: Kraichgau Folge 9/1985, S. 158.
  6. Peter Beisel: Jüdische Spuren in unserer Heimat, in: Kraichgau Folge 17/2002, S. 97.