Rolfing

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zum deutschen Schauspieler siehe Heinrich Rolfing.

Rolfing ist ein markenrechtlich geschützter Begriff für eine alternativmedizinische Behandlungsmethode. Es handelt sich um eine Verbindung von Bindegewebsmassage und sogenannter Körperarbeit, deren theoretische Grundlage jedoch den heutigen Anatomiekenntnissen widerspricht.

Theorie[Bearbeiten]

Die Methode wurde in den 1950er Jahren von der amerikanischen Biochemikerin Ida Rolf (1896–1979) entwickelt.[1] Sie sah fehlerhafte Körperhaltungen als Ursache vieler Erkrankungen an. Fehlhaltungen führten dazu, dass mehr Energie als nötig gebraucht werde, um den Körper aufrecht zu halten. Diese Energie fehle dem Körper, um sich gegen Krankheiten zu wehren.

Nach Ansicht von Ida Rolf spielt das Bindegewebe - insbesondere die Faszien - eine zentrale Rolle für die Körperhaltung. In ihrem Buch "Rolfing and Physical Reality"[2] schrieb sie dazu: « Fascia is the organ of posture. Nobody ever says this; all the talk is about muscles. Yet this is a very important concept, and because this is so important, we as Rolfers must understand both the anatomy and physiology, but especially the anatomy of fascia. » (deutsch: „Die Faszien sind das Organ der Körperhaltung. Niemand erwähnt dies jemals, alle sprechen nur über Muskeln. Dennoch ist dies ein sehr wichtiges Konzept, und weil es so wichtig ist, müssen wir als Rolfer Kenntnisse in Anatomie und Physiologie haben, jedoch insbesondere bezüglich der Anatomie der Faszien.[3]“).

Als Orientierung für ihre Arbeit an der Körperhaltung teilte sie den Körper in verschiedene Abschnitte ein, die bei optimaler Haltung gewissermaßen wie Bauklötze bei einem Turm im Lot aufeinander liegen. Sei einer dieser Klötze verschoben, gerate der ganze Körper aus dem Gleichgewicht.

Eine manuelle Behandlung der Faszien soll sich sowohl positiv auf die Körperstatik, als auch auf psychische Blockaden auswirken, die sich oft in einer körperlichen Fehlhaltung manifestieren. So beeinflusse z.B. andauernder Stress die Struktur des Bindegewebes, so dass sich die Fasern verkürzen, was sich negativ auf die Körperstatik auswirke.

Anwendung[Bearbeiten]

Nach Angaben der Anwender sollen durch eine Massage zunächst "verklebte" Bindegewebsschichten gelöst, Verkürzungen im Gewebe gedehnt und verhärtete Stellen geschmeidig gemacht werden. Erwünscht ist eine ökonomischere Qualität der Bewegung, welche Gelenke und Rücken schont. Des Weiteren werden auch Bewegungsabläufe einbezogen und Anleitungen zu günstigeren Haltungs- und Bewegungsmustern im Alltag trainiert.

Rolfing wird oft in einer Serie von zehn aufeinander aufbauenden Sitzungen angeboten, die auf einen Zeitraum von durchschnittlich drei Monaten verteilt werden. Jede Sitzung dauert 50 bis 90 Minuten. Die ersten Sitzungen beginnen mit der intensiven und schmerzhaften Massage zur Lockerung, bevor Übungen zur Körperhaltung folgen.

Einsatzbereiche[Bearbeiten]

Die am häufigsten genannten Symptome sind Rückenschmerzen, Bandscheibenbeschwerden, Arthrose, haltungsbedingte Beschwerden nach Unfällen oder Operationen, chronische Kopfschmerzen, Verspannungen der Muskeln und psychosomatische Beschwerden.

Rolfing darf nicht angewendet werden bei Erkrankungen des Herzens, akutem Bandscheibenvorfall, entzündlichen Bindegewebserkrankungen, akutem Schlaganfall, Einnahme blutgerinnungshemmender Medikamente, Osteoporose, Arthritis, Lähmungen und Tumore.

Ebenso kann es zu erheblichen Komplikationen mit Implantaten kommen. 1997 beschrieb Kerr den Fall einer Frau, der aufgrund eines Harnleiterverschlusses durch Nierensteine ein so genannter Stent in den ableitenden Harnwegen implantiert wurde, um deren Durchgängigkeit zu gewährleisten. Nachdem die Patientin sich einer Rolfing-Therapie unterzogen hatte, traten starke Schmerzen auf. Es stellte sich heraus, dass der Stent durch die Übungen verrutscht war.[4]

Kritik[Bearbeiten]

Für die Wirksamkeit des Rolfings gibt es keine wissenschaftlichen Belege, sondern nur Erfahrungsberichte und kleinere klinische Studien, die keine ausreichende Aussagekraft besitzen.[5]

Die theoretischen Grundlagen entsprechen laut einer Aussage der AOK aus dem Jahr 2009 nicht den heutigen Erkenntnissen der Anatomie.

Die AOK schrieb 2009 über Rolfing: „Die theoretischen Grundlagen des Rolfings widersprechen den anatomischen Kenntnissen vom Bau des menschlichen Körpers. Außerdem konnten die postulierten Wirkungen bisher von den Anwendern der Methode nicht glaubwürdig belegt werden.“[6] Im Januar 2013 schreibt die AOK zu Rolfing: "Bisher ist die Methode den wissenschaftlichen Beweis schuldig geblieben, dass sie tatsächlich Haltungsschäden dauerhaft korrigieren kann oder sogar seelische Leiden zu lösen versteht. Unbewiesen ist auch die Annahme, dass Bindegewebsverhärtungen und verkürzte Sehnen als alleinige Ursache von körperlichen Beschwerden in Frage kommen."[7]

Die Barmer GEK stellt, ebenfalls aufgrund des fehlenden Wirknachweises fest, "bei der Rolfing Behandlung handelt es sich um kein anerkanntes Heilmittel im Sinne der Heilmittelrichtlinie, welches im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung verordnet und durch zugelassene Physiotherapeuten zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung erbracht werden kann".[8]

Nach wie vor werden die Kosten aufgrund des fehlenden Wirknachweises von den gesetzlichen Krankenkassen i.d.R. nicht übernommen,[6][7][8] auch ist das Rolfing nicht im sogenannten Hufeland-Verzeichnis,[9] einer Liste anerkannter Naturheilverfahren, die von privaten Krankenkassen häufig als Grundlage verwendet wird, aufgeführt.[10]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Über Ida Rolf
  2. Ida Rolf: Rolfing and Physical Reality, Inner Traditions/Bear & Co, 1990, ISBN 0-89281-380-6, S. 123/124.
  3. deutsche Übersetzung von Theo Kirdorf und Hildegard Höhr: Rolfing im Überblick. Junfermann 1993, ISBN 3-87387-107-6.
  4. Kerr HD: Ureteral stent displacement associated with deep massage. WMJ, 96, 57-58, 1997 bei PubMed
  5. Jacobson E (Oct 2011) Structural integration, an alternative method of manual therapy and sensorimotor education. J Altern Complement Ther (10):891-899
  6. a b Infos der AOK zu Rolfing 2009 (Version vom 2. Oktober 2009 im Internet Archive)
  7. a b Infos der AOK zu Rolfing Januar 2013
  8. a b Barmer GEK
  9. Hufelandverzeichnis anerkannter Naturheilmethoden
  10. pkv-private-krankenversicherung.net

Weblinks[Bearbeiten]