Rollenspiel (Pädagogik)

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In der (Sozial-)Pädagogik und in der Pädagogischen Psychologie ist das Rollenspiel eine wichtige Methode der professionellen Arbeit. Bestimmte Trainings sind ohne Rollenspiel-Einübungen undenkbar. Theoretische Grundlage des Rollenspiels ist der soziologische Begriff der sozialen Rolle und meist eine spezielle Rollentheorie.

Wie andere Spiele wird das Rollenspiel von Kindern im frühesten Lebensalter wie selbstverständlich eingeübt und praktiziert. Das Rollenspiel hilft dem Kind, sich die (soziale) Realität anzueignen. Wie andere Spiele auch ist das Rollenspiel ein ständiger Begleiter durch die gesamte Kindheit - über viele Entwicklungsstufen hinweg. Das Kind spielt mit Eltern, Geschwistern, Gleichaltrigen usw. - aber auch mit Gegenständen (wie Spielzeug), die schon bald gekonnt arrangiert werden. (Siehe auch unten: Pädagogik und Rollenspiel.)

Das Spiel selbst verliert bei der Realisierung von Rollenkonzepten beim Erwachsenen allmählich seine Bedeutung, nicht aber die Einübung von neuen Rollen z. B. im Beruf, im Sport und in neuen Gruppen oder sozialen Beziehungen (Freundschaften etwa). Das Spielerische aber bleibt in speziellen Kursen, beim Coaching usw. erhalten, wenn soziale Zusammenhänge deutlich gemacht oder eingeübt werden sollen.

Grundtypen des Rollenspiels[Bearbeiten]

  • Frei assoziierte und spontane Rollenspiele, die die Spielteilnehmer während des Spielens mit Fantasie offen gestalten. Ein solches Spiel kann mit oder ohne Spielzeug gespielt werden und unterliegt offenen Vereinbarungen bzw. Szenarien. Mutter-Vater-Kind ist zum Beispiel ein Rollenspiel, das von vielen Kindern spontan und meist in ständig wechselnden Szenarien gespielt wird. In dieser Konstellation dient das Spiel vor allem dem Erwerb sozialer Verhaltensmuster. Das ist insofern von großer Bedeutung, als sehr komplizierte Verhaltensketten in spielerischer Form und leichtfüßig, d. h. ganz nebenbei und unbemerkt, erworben werden. Damit wird aber nicht nur ein äußerst umfangreiches Repertoire an Sozialverhalten eingeübt, es werden auch Kenntnisse über Sinn, Funktion und Hintergründe sozialer Rollen erlernt. Das sind Grundlagen für aktuelles und zukünftiges Sozialverhalten, ohne die sich Defizite und Mängel entwickeln, die Individuen an den Rand gesellschaftlicher Prozesse drängen und sie stigmatisieren.
  • Reglementierte Rollenspiele, in denen die Spieler ersten Spielregeln, Spielplänen, einem Spielleiter oder Drehbüchern folgen und sich bestimmter Spielmittel bedienen. Dazu gehören im weitesten Sinne alle Spieltypen, die wiederholt nach festen Regeln gespielt werden.
  • Das Pädagogische Rollenspiel - wie es z. B. Autor Wolfgang Wendlandt (Alice-Salomon-Hochschule Berlin) sieht - verbindet beides: reglementiert ist der Rahmen. Ein Spielleiter organisiert, führt Regie, hilft bei Rollenverteilung und strukturiert erarbeitete Themen. Neben den Rollenspielern werden protokollierende Beobachter eingesetzt. Der Spielleiter kann unterbrechen, "doppeln" und unterstützen. Das Spiel selbst ist immer im Rahmen der Thematik frei, d. h. alle Protagonisten bringen das zum Ausdruck, was ihnen spontan angesichts der Problematik einfällt. Zum Abschluss erfolgt immer eine strenge Auswertung; alle Einbezogenen haben Feedback-Möglichkeit. Rollenspielleiter dieses Ansatzes benötigen eine Zusatzausbildung; das Pädagogische Rollenspiel behauptet von sich, einübend bleibende Lerneffekte hervorzurufen.

Pädagogik und Rollenspiel[Bearbeiten]

In der Pädagogik und Psychotherapie sowie im Unterricht (Pädagogik, Erziehungswissenschaften, Sozialpädagogik) ist das Rollenspiel eine bedeutende Methode der Sozialen Gruppenarbeit. Hierbei werden in der Regel reale Lebenssituationen simuliert. Ein Ziel ist es, dass die Teilnehmer ihre sozialen Handlungskompetenzen erweitern, indem sie kritische bzw. thematisierte Situationen in der simulierten Realität spielen. Des Weiteren können die Spieler sich in ihrer jeweiligen Rolle ausprobieren, versuchen sich der Rolle entsprechend zu verhalten, und lernen, andere in anderen Rollen zu akzeptieren. Ferner soll eine Kompetenz im Umgang mit entsprechenden Ernstsituationen erworben werden (z. B. Umgang mit Konflikten).

Dabei können die vergebenen Rollen dem Charakter der Personen sehr verschieden sein (siehe auch: Kritik), oder sehr ähnlich. Entsprechen die Rollen auch den Charakteren der Gruppenteilnehmer, ist durch den Rollentausch die Möglichkeit gegeben, die Gefühle und Gedanken der anderen zu erfahren.

Zusammenfassend und erweiternd können die Ziele eines Rollenspieles sein:

  • Kennenlernen der sozialen Möglichkeiten in bestimmten Situationen
  • Kennenlernen der eigenen Grenzen: Zum Beispiel wie lange halte ich Beschimpfungen aus?
  • Veränderung von Verhaltensmustern: Zum Beispiel durch Einüben einer Deeskalation-Rhetorik
  • Entwicklung von Empathie: Zum Beispiel durch Rollentausch oder als externer Beobachten der eigenen Rolle, gespielt durch jemand Anderen
  • Öffnung nach außen und Überwindung von Ängsten: Auf der Grundlage, dass das Rollenspiel einen geschützten Raum bieten kann.
  • Erfahrungen, die andere gemacht haben, durch das eigene Spiel nachempfinden: Erfahrungen anderer zu eigenen machen
  • Erwerb von Kenntnissen/Wissen im Zusammenhang mit entsprechenden sozialen Situationen
  • Veranschaulichung komplexer sozialer Situationen, die schwer/kaum medial reproduziert werden können

Letztendlich ist das Rollenspiel eine pädagogische Möglichkeit, ein Gespür für die Ausdifferenzierung der eigenen Identität zu erlangen. Indem ich mit anderen interagiere, sei es auch nur in den simulierten Situationen des Spiels, verbessere ich meine Wahrnehmung und meine sozialen Kompetenzen. Beides hilft mir, meine Rolle und Position in Gruppen zu definieren und zu differenzieren.

Rollenspiel & Didaktik[Bearbeiten]

Im EW-Unterricht (Erziehungswissenschaft(en)) bzw. im Pädagogik-Unterricht kann das Rollenspiel als Möglichkeit genutzt werden, die Vorgänge und Hintergründe sozialer Situationen aufzuzeigen, zu analysieren und zu bewerten. Das Spiel von Konfliktsituationen etwa im privaten wie öffentlichen Erziehungsbereich erfreut sich (in der Regel) großer Beliebtheit. Mit einfachen Möglichkeiten wird Schülern/Studierenden auf diese Art eine Anschauung geboten, die sonst nur mit großem Aufwand möglich ist. Die pädagogische Literatur zum Rollenspiel gibt viele Anregungen in dieser Richtung. Das Rollenspiel ist trotzdem - bei allen Bedenken im Hinblick auf die Erkenntnisvarianten - eine vorzügliche Methode der Anschauung, bringt man die nötige Skepsis bei der Bewertung spielerischer Vorgänge mit ein.

Die Grenzen des Rollenspiels in der Didaktik liegen in der inhaltlichen Generalisierung: Schüler/Studenten können z. B. Kinder spielen, die Interpretation solcher Spielanlagen aber ist begrenzt, weil nicht jeder Spieler sich in jede Rolle hineinversetzen und sie spielen kann. Sich in die Situation von Menschen zu versetzen, die von ihren Kenntnissen und Interessen her zu weit entfernt liegen von denen des Spielers, ist problematisch, da man annehmen muss, dass das Spiel mit der Realität nicht ohne Vorbehalte vergleichbar sein kann. Ein Erwachsener z. B. ist nicht grundsätzlich in der Lage, sich in die psychische Situation des Kindes zu versetzen. So ist das Rollenspiel in der Didaktik vor allem die Möglichkeit der Imitation sozialer Situationen im Erzieher- und Erwachsenenbereich (Konflikte unter Erziehern, Einübung von Leitungsaufgaben usw.). Als solche ist sie jedoch sehr wertvoll.

Sachbezogenes Rollenspiel (Simulation)[Bearbeiten]

In der Pädagogik und Psychotherapie ist das Rollenspiel eine wichtige Methode, z.B. in der sozialen Gruppenarbeit. Hier werden in der Regel reale Lebenssituationen simuliert. Ein Ziel ist, dass die Teilnehmer ihre sozialen Handlungskompetenzen erweitern, indem sie kritische Situationen in der simulierten Realität bereits anspielen. Des Weiteren können die Spieler sich in ihrer jeweiligen Rolle ausprobieren, versuchen sich der Rolle entsprechend zu verhalten und lernen andere in anderen Rollen zu akzeptieren. Dabei können die vergebenen Rollen dem Charakter der Personen verschieden oder ähnlich sein. Entsprechen die Rollen auch den Charakteren der Gruppenteilnehmer, ist durch den Rollentausch die Möglichkeit gegeben, die Gefühle und Gedanken der anderen zu erfahren. Zum anderen werden den (spielenden) Teilnehmern sowie den Zuschauern Einsichten hinsichtlich der Ergebnisse von Gruppenarbeit in realen Situationen ermöglicht. Dabei ist auch in diesem Zusammenhang Vorsicht geboten: Das Spiel ist sowohl hinsichtlich Verlauf als auch Ergebnis nicht zwingend mit der Realität gleichzusetzen.

Kritik[Bearbeiten]

Rollenspiele werden nicht selten von Fachkräften inszeniert, die keine spezifische Ausbildung hierfür vorweisen. Und somit gibt es natürlich Grenzen der Einsetzbarkeit in Unterricht, Trainings und Therapie.

  • Als Beispiel dient die polizeiliche Gewaltpräventionsarbeit: Häufig treten dort Nicht-Pädagoge auf, die Teilnehmern Requisiten in die Hand geben und zum Spiel (Angriff, Opfer) auffordern. Dann zeigt der Polizist, wie man das meistert. Wenn auch diese Demonstrationen nicht gefährlich oder kontraproduktiv sind, geben sie aber den Teilnehmenden tatsächlich keine Möglichkeit, ein (extrem schwieriges) Verhalten darzustellen. Der Polizist ist "fähig", die anderen bleiben Laien und hilflos zurück. Die anschließende Besprechung reicht nicht - aus der Sicht des pädagogischen Rollenspiels.
  • Ein anderes Beispiel: Ein erwachsener Mensch, der ein Kind - gleich welchen Alters - spielt, ist eher unglaubwürdig, denn die Möglichkeiten, sich in die Situation von Kindern hineinzuversetzen, sind in der Tat begrenzt. Damit ist eine Simulation realer sozialer Bezüge im Rollenspiel pädagogisch-didaktisch fragwürdig.

Literatur[Bearbeiten]

  • Norbert Kühne: Rollenspiele für das Schulalter. Verlag Gruppenpädagogischer Literatur, Wehrheim 1982, ISBN 3-921496-26-8.
  • Morry van Ments: Rollenspiel: effektiv. Oldenbourg, München 1998, ISBN 3-486-02699-2.
  • Günter Puzberg, Norbert Kühne: Rollenspiele. Verlag Gruppenpädagogischer Literatur, Wehrheim 1979, ISBN 3-921496-15-2.
  • Dirk Röpcke: Spielen zu Grosselterns Zeiten. Szenisches Spiel und Rollenspiel im Sachunterricht der Grundschule. Hamburg 2002, ISBN 3-934993-57-5.
  • Horst Schaub, Karl G. Zenke: Wörterbuch Pädagogik. München 2002, ISBN 3-423-32521-6.
  • Heribert Völler: Planung und Durchführung von Rollen- und Planspielen im Wirtschaftslehreunterricht. In: Winklers Flügelstift. Beiträge für die kaufmännische Aus- und Weiterbildung in Schule und Betrieb. Heft 2/1998, S. 22–28. (online)
  • Wolfgang Wendlandt (Hrsg.): Rollenspiel in Erziehung und Unterricht. Reinhardt, München/ Basel 1977, ISBN 3-497-00829-X.