Rotkäppchen

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Rotkäppchen (Begriffsklärung) aufgeführt.
Rotkäppchenfigur auf der Sand World in Travemünde

Rotkäppchen (auch Rotkäppchen und der (böse) Wolf, im österreichischen Burgenland und Ungarn auch Piroschka, von ungarisch piros: rot) ist ein europäisches Märchen vom Typ ATU 333. Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm als Rothkäppchen an Stelle 26 (KHM 26) und geht durch mündliche Weitergabe über Johanna und Marie Hassenpflug auf Charles Perraults Le Petit Chaperon rouge in Contes de ma Mère l’Oye (1695/1697) zurück. Ludwig Bechstein übernahm das Märchen 1853 von den Brüdern Grimm in sein Deutsches Märchenbuch als Das Rotkäppchen (Nr. 9).

Überlieferung[Bearbeiten]

Die beiden ersten literarischen Rotkäppchenversionen stammen von Charles Perrault aus dem Jahr 1695 (Perrault's Tales of the Mother Goose, The Dedication Manuscript of 1695, Hrsg. Jacques Barchilon, 2 Bände, New York 1956, The Pierpont Morgan Library) und aus dem Jahr 1697 (Contes de Perrault, Paris 1697, Faksimile-Druck, Hrsg. Jacques Barchilon, Genf 1980). Die Brüder Grimm veröffentlichten die Geschichte im ersten Band ihrer Kinder- und Hausmärchen von 1812 unter der Nummer 26. Rotkäppchen gehört zu den am häufigsten bearbeiteten, interpretierten, parodierten Märchen.

Inhalt[Bearbeiten]

Ein kleines Mädchen, Rotkäppchen, dem seine Großmutter einst eine rote Kappe geschenkt hat, wird von der Mutter geschickt, der in einem Haus im Wald wohnenden, bettlägerig kranken Großmutter einen Korb mit Leckereien (Kuchen und Wein) zu bringen. Die Mutter warnt Rotkäppchen eindringlich, es solle nicht vom Weg abgehen. Im Wald lässt sich Rotkäppchen auf ein Gespräch mit einem Wolf ein. Der Wolf horcht Rotkäppchen aus und macht es auf die schönen Blumen aufmerksam, worauf Rotkäppchen beschließt, noch einen Blumenstrauß zu pflücken, der Warnung der Mutter zum Trotz. Der Wolf eilt geradewegs zur Großmutter und frisst sie. Er legt sich in deren Nachthemd in ihr Bett und wartet auf Rotkäppchen. Bald darauf erreicht Rotkäppchen das Haus, tritt ein, und begibt sich in (bei Perrault) bzw. an (bei den Brüdern Grimm) Großmutters Bett. Dort wundert sich Rotkäppchen über die Gestalt ihrer Großmutter, erkennt aber nicht den Wolf, bevor es ebenfalls gefressen wird.

Hier endet das Märchen bei Perrault. Bei den Brüdern Grimm werden beide Opfer von einem Jäger aus dem Bauch des Wolfes befreit. Er füllt dem Wolf stattdessen Steine in den Bauch. Wegen des Gewichts der Steine kann der Wolf nicht fliehen und stirbt. In einer italienischen Version, Die falsche Großmutter, befreit sich Rotkäppchen durch ihre eigene Schlauheit und flieht. Der Wolf stirbt anschließend.

Interpretation[Bearbeiten]

Das Märchen vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf kann so interpretiert werden, dass es junge Mädchen vor Übergriffen gewalttätiger Männer warnen soll. Die Moral am Ende des Märchens in der Fassung von Perrault lautet:

„Kinder, insbesondere attraktive, wohlerzogene junge Damen, sollten niemals mit Fremden reden, da sie in diesem Fall sehr wohl die Mahlzeit für einen Wolf abgeben könnten. Ich sage „Wolf“, aber es gibt da verschiedene Arten von Wölfen. Da gibt es solche, die auf charmante, ruhige, höfliche, bescheidene, gefällige und herzliche Art jungen Frauen zu Hause und auf der Straße hinterherlaufen. Und unglückseligerweise sind es gerade diese Wölfe, welche die gefährlichsten von allen sind.“

Perrault[1]

Nach Bruno Bettelheim geht es in diesem Märchen um den Widerspruch zwischen Lust- und Realitätsprinzip. Rotkäppchen sei einem Kind gleich, das sich bereits mit Pubertätsproblemen herumschlägt, aber die ödipalen Konflikte nicht bewältigt hat. Es benutzt seine Sinne. Damit entsteht das Risiko, verführt zu werden. Anders als bei Hänsel und Gretel, wo ebenfalls Haus und Waldhaus identisch sind, sind Mutter und Großmutter hier zur Bedeutungslosigkeit zusammengeschrumpft, dafür das männliche Prinzip in Wolf und Jäger gespalten.[2]

Rotkäppchen – Ursprünge und Entwicklung[Bearbeiten]

Das Märchen Rotkäppchen ist ohne Zweifel eine der bekanntesten Erzählungen Europas. Im Laufe der Zeit hat sich die Geschichte in vielerlei Hinsicht gewandelt, sie wurde immer wieder neu erzählt und neu interpretiert und legte immer wieder neue moralische Aussagen nahe. Auch wurde der Text unzählige Male komplett geändert, ausgeweitet, benutzt, parodiert und als satirische Maske für ganz andere Mitteilungsabsichten verwendet. Es entstanden Fassungen, die die Hauptfigur aus dem Wald in eine neue Umgebung versetzten und eine grundsätzlich neue Handlung erfanden. Im folgenden soll die Entwicklung der Geschichte an einigen ausgewählten Beispielen deutlich gemacht werden.

Entstehung[Bearbeiten]

Die Geschichte von dem kleinen naiven Mädchen, das vom Wolf hinters Licht geführt wird und wie seine Großmutter schließlich gefressen wird, war ursprünglich eine Volksüberlieferung, die von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurde. Es ist daher unmöglich, einen Zeitpunkt zu bestimmen, an dem das Märchen entstand.

Einer Theorie zufolge, die der Italiener Anselmo Calvetti entwickelte, könnte die Geschichte schon in der Frühgeschichte der Menschheit erstmals erzählt worden sein. Sie könnte Erfahrungen verarbeiten, die die Menschen bei einem Initiationsritus zur Aufnahme in den Stammesclan machten. Hierbei wurden sie symbolisch von einem Ungeheuer (dem Totemtier des Clans) verschlungen, mussten körperliche Schmerzen und kannibalische Handlungen ertragen, um schließlich „wiedergeboren“ zu werden und damit als erwachsene Mitglieder des Stammes zu gelten.

In einigen Rotkäppchen-Versionen taucht auch dieser Kannibalismus wieder auf. Das hungrige Rotkäppchen isst vom Fleisch der Großmutter und trinkt von ihrem Blut, ohne dies zu wissen. Die Verwendung des Wolfes als böse Macht könnte auf die Angst der Menschen vor Werwölfen zurückgehen. Besonders im 16. und 17. Jahrhundert gab es, ähnlich wie die Hexenverfolgungen, zahlreiche Prozesse, in denen Männer beschuldigt wurden, Werwölfe zu sein und Kinder gefressen zu haben.

Einzelne Motive der uns heute bekannten Fassung können weit zurückverfolgt werden. So gibt es beispielsweise den Mythos von Kronos, der seine eigenen Kinder verschlingt. Diese können allerdings wieder aus seinem Bauch entfliehen und ersetzen das fehlende Gewicht durch einen Stein. In der Spruch- und Erzählsammlung Fecunda ratis, die Egbert von Lüttich um 1023 verfasste, findet sich die Geschichte eines kleinen Mädchens, das in Gesellschaft von Wölfen aufgefunden wird und ein rotes Kleidungsstück besitzt.

Charles Perraults petit chaperon rouge[Bearbeiten]

Illustration von Gustave Doré aus dem Märchenbuch Les Contes de Perrault, Paris 1862

Eine der ältesten bekannten schriftlichen Fassungen stammt von dem Franzosen Charles Perrault und wurde 1697 unter dem Titel Le petit chaperon rouge veröffentlicht. Da die Erzählung für die Lektüre am französischen Hof von Versailles bestimmt war, verzichtete Perrault weitgehend auf Elemente, die als vulgär gelten könnten (z. B. Kannibalismus). Die Geschichte nimmt bei ihm kein gutes Ende, die Großmutter und das Rotkäppchen werden vom Wolf gefressen, ohne gerettet zu werden. Perrault schreibt weniger ein Märchen als eine moralische Abschreckungsparabel. In seiner Version sind zahlreiche Anspielungen auf Sexualität zu finden (so legt sich Rotkäppchen auf dessen Aufforderung hin nackt zum Wolf ins Bett). Ans Ende ist zudem ein kleines Gedicht angehängt, das kleine Mädchen vor Sittenstrolchen warnt. Perrault hatte die Absicht, mit der Erzählung explizit Verhaltensmaßregeln festzusetzen, und griff dabei zum Mittel der Abschreckung.

Natürlich wurde Rotkäppchen auch in andere Sprachen übersetzt, so ist es beispielsweise in England unter dem Titel Little Red Riding Hood bekannt. Bereits 1729 wurde Perraults Märchen von Robert Samber ins Englische übertragen und im selben Jahr veröffentlicht.

Erste deutsche Fassungen[Bearbeiten]

Illustration von Walter Crane (1845–1915)
Rotkäppchen, Ölgemälde von Albert Anker, 1883
Illustration von Offterdinger

Die erste deutsche Übersetzung des französischen Le Petit Chaperon Rouge erschien 1760/61. Da die gehobenen Gesellschaftsschichten jedoch größtenteils der französischen Sprache mächtig waren, fand die Geschichte vermutlich schon vorher auch im deutschsprachigen Raum Verbreitung.

Die Fassung, die 1812 im ersten Band der Kinder-und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm erschien, hat ein gutes Ende, ein Märchenende. Ein Jäger rettet das Rotkäppchen und seine Großmutter aus dem Bauch des Wolfes und füllt diesen stattdessen mit Steinen, was zum Tod des Tieres führt. Dieses Ende ist einem weiteren Märchen entliehen, das die Brüder Grimm ebenfalls aufschrieben: Der Wolf und die sieben jungen Geißlein.

In derselben Ausgabe veröffentlichten die Autoren noch eine Art Fortsetzung, in der das Mädchen erneut einen Wolf trifft. Diesmal beweist es, dass es aus dem vorherigen Erlebnis gelernt hat, und alarmiert die Großmutter. Mit vereinten Kräften gelingt es den beiden, das Tier zu überlisten, das schließlich, wie auch sein Vorgänger, stirbt. Das Märchen der Brüder Grimm geht teilweise auf eine Nacherzählung von Johanna Hassenpflug (1791–1860), genannt <Jeanette>, zurück (die Fortsetzungsversion geht auf Marie Hassenpflug zurück). Ihre Erzählungen sind die Quellen für mehrere Märchen der Sammlung der Brüder. Außerdem orientierten sie sich an der erstmals 1800 erschienenen dramatischen Bearbeitung Tragödie vom Leben und Tod des kleinen Rothkäppchens von Ludwig Tieck, die auf der Grundlage von Perraults Geschichte entstanden war. Somit hat auch das Grimmsche Märchen indirekt Perrault als Vorlage. Allerdings reinigten die Brüder die ursprüngliche Fassung von ihrer Meinung nach zu grausamen, zu sexuellen und zu tragischen Komponenten und passten es so den Ansprüchen des im 19. Jahrhundert aufsteigenden Bürgertums an.

Tiecks Bearbeitung des Rotkäppchen-Stoffes stammt aus einer Zeit großer Unruhen: Die Vorgänge der französischen Revolution breiteten ihren Einfluss nach Deutschland aus und wurden von vielen Intellektuellen begrüßt. Nach dem Machtantritt Napoleons wechselte die Begeisterung über die revolutionären Ideale aber bald zur großen Enttäuschung über die imperialen Bestrebungen des französischen Kaisers. Tieck – selbst zunächst Anhänger der Jakobiner – verarbeitete wohl die Enttäuschung über den Verrat der Revolution zur Errichtung des französischen Kaiserreichs in seinem literarischen Werk: so auch im Rotkäppchenmärchen.

19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Im weiteren Verlauf des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts blieb das Märchen in seiner Struktur weitgehend unverändert, einige Autoren entfernten jedoch auch noch die wenigen übriggebliebenen Gewaltszenen (z. B. das Verschlingen des Rotkäppchens) und Stellen mit sexuellem Unterton, die sie als zu roh empfanden. Meist blieb Rotkäppchen in ihrer naiven und hilflosen Position und wurde vom männlichen Jäger gerettet, was das Frauenbild der Zeit widerspiegelt. In Deutschland wurde das Märchen im 19. Jahrhundert zunehmend niedlicher und christlicher, um es den Kindern zugänglicher zu machen. Die Brüder Grimm selbst überarbeiteten ihre eigenen Märchen mehrmals, bis der Wolf 1857 zum alten Sünder wurde. 1853 nahm Ludwig Bechstein Rotkäppchen in sein Deutsches Märchenbuch auf, wobei die Grimmsche Fassung auch hier als Vorlage diente. Er versuchte zwar, seine Version witziger und volkstümlicher zu gestalten, aber das verlor sich durch seinen gekünstelten Stil leicht im Kindischen. Bechstein trat zu keinem Zeitpunkt als Konkurrent der Märchenbrüder auf.

Im März 1826 verfasste Eduard Mörike ein Gedicht namens Rotkäppchen und der Wolf. Hier bereut der Wolf seine Tat und hofft, dass das tote Mädchen ihm eines Tages verzeihen kann. Weitere Versionen entstanden durch Gustav Holting (1840), der auch das Motiv des sündhaften Wolfes verwendet, Moritz Hartmann in seiner Übersetzung Perraults (1867), wo er den Schluss ändert, und Ernst Siewert (1880). Interessanterweise tauchen in den deutschen Bearbeitungen im Gegensatz zu den französischen Versionen selten erotische Elemente auf, stattdessen wurde viel Wert auf Ruhe und Ordnung gelegt.

Alexander von Ungern-Sternberg dagegen setzte Rotkäppchen 1850 eher lustig um und parodierte biedermeierliches Benehmen. Anna Costenoble veröffentlichte 1907 das Buch Ein Frauenbrevier für männerfeindliche Stunden, in dem sie in einer Rotkäppchen-Parodie die lächerlichen Sitten der deutschen Oberschicht behandelt. In Frankreich entstand eine Vielzahl von Adaptionen, so zum Beispiel die Oper Le petit chaperon rouge mit der Musik von François Adrien Boieldieu und dem Text von Marie E. G. M. Théaulon de Lambert. Hierbei handelt es sich um ein sehr sentimentales Musikstück, das in Frankreich und Deutschland, aber auch in England und Amerika Verbreitung fand. Es hat jedoch nur am Rande mit Rotkäppchen zu tun. 1862 verfasste Alphonse Daudet mit Le Roman du chaperon-rouge ein Werk, in dem Rotkäppchen die spießbürgerlichen Normen der Gesellschaft ablehnt, so zum Symbol des Protests wird, aber doch schließlich sterben muss. Das Märchen war in dieser Zeit derart gut bekannt und gegenwärtig, dass es ein wichtiger Bestandteil der Kindeserziehung in allen sozialen Schichten war. Besonders der Aspekt des Gehorsams wurde in den zahlreichen Fassungen, Zeichnungen und Bilderbögen betont (Charles Marelle: Véritable Histoire du Petit Chaperon d’Or, Die wahre Geschichte vom Goldkäppchen, 1888).

Eine weitere Version lieferte Pierre Cami 1914 mit seinem kurzen Stück Le petit chaperon vert (Das Grünkäppchen). Die Eltern von Grünkäppchen werden hier als absurde Figuren dargestellt, das Mädchen selber dagegen zeichnet sich durch Eigenständigkeit und Schlauheit aus. Es gelingt ihr, sich mithilfe von Wortspielen selbst zu retten, indem es nicht die in jenem berühmten Frage-Antwort-Dialog richtigen Fragen liefert („Ei Großmutter, was hast du für große Ohren“) und damit den Wolf so aus dem Konzept bringt, dass er schließlich das Haus mit den Worten verlässt: „Oh, wo sind nur die naiven Kinder von früher, die sich so leicht fressen ließen!“. Diese Art von Parodie etablierte sich besonders nach dem Ersten Weltkrieg, als auch die Rolle der Frau sich bedeutend änderte. Auch in englischer Sprache gab es zahlreiche Adaptionen, wovon einige wenige ebenfalls parodistischer Natur waren, so beispielsweise „The true historie of little red riding hood or the lamb in wolf’s clothing“ (1872) von Alfred Mills, der die Geschichte benutzte, um sich über die aktuelle Tagespolitik lustig zu machen. Schon 1890 wurde Rotkäppchen in der Werbung verwendet: Schultz and Company setzten sie in der STAR-Seife-Reklame ein. Hierbei gab es zwei Komponenten:

„Moral I: Wenn du in dieser Welt willst sicher sein / vor Gefahr, Hader und Sorge, / gib acht, mit wem du dich lässt ein / und wie und wann und wo. Moral II: Und du solltest immer reinlich sein / und fröhlich, niemals Trübsal blasend, / um beides zu erreichen, mein Kind, musst du / immer unsere STAR-Seife nehmen“

Vom naiven zum eigenständigen Rotkäppchen[Bearbeiten]

Illustration von Arpad Schmidhammer, um 1910
Rotkäppchen als politische Satire
Plakat der US-amerikanischen Works Progress Administration, 1939

Im 20. Jahrhundert wurde Rotkäppchen zunehmend witziger, aufsässiger und auch realistischer umgesetzt. Hierbei ist bemerkenswert, dass viele Fassungen mit ihren ironischen Elementen primär für Erwachsene gedacht waren.

1923, in der Zeit der Weimarer Republik, einer Phase literarischer Experimentierfreudigkeit, auch in Bezug auf Märchen, entstand eine stark satirische Version, in der traditionelle Kindererziehung und Vorstellungen von Sexualität hinterfragt wurden: Joachim Ringelnatz schrieb Kuttel Daddeldu erzählt seinen Kindern das Märchen vom Rotkäppchen. Weder Rotkäppchen selber, noch die Zuhörer/Leser werden hier allzu sanft behandelt. Der Erzähler identifiziert sich mit der Großmutter, die im Laufe des Märchens beginnt, alles zu verschlingen, was in ihre Reichweite kommt.

Werner von Bülow dagegen interpretierte „Rotkäppchen“ in den 1920er Jahren in extrem rassistischer und übertrieben nationalistischer Weise und sah sogar Parallelen zur Dolchstoßlegende. Sein Essay erschien im Hakenkreuz-Verlag. Es gab während dieser Zeit zahlreiche Bestrebungen, sämtliche Grimmsche Märchen auf deutschen Ursprung zurückzuführen, was ziemlich aussichtslos war, da viele aus Frankreich oder anderen europäischen Ländern stammen.

Es gab jedoch auch Versuche, der nationalsozialistischen Propaganda entgegenzuwirken. 1937 erschien in den Münchner Neuesten Nachrichten eine anonyme Fassung, die hier als Faksimile wiedergegeben wird.[3]

1939 veröffentlichte der New Yorker Humorist James Thurber seine Geschichte The Little Girl and the Wolf, an dessen Ende Rotkäppchen eine Pistole zieht und den Wolf erschießt. Mit Thurbers Moral – kleine Mädchen lassen sich heute nicht mehr so leicht hinters Licht führen – begannen sich die originalen Charaktere ins Gegenteil zu verkehren. Nach 1945 folgten zahlreiche Parodien, wie zum Beispiel Catherine Storrs Pollykäppchen (im Band Clever Polly and the Stupid Wolf, 1955). Die schlaue und furchtlose Polly trickst hier den dämlichen und eingebildeten Wolf ein ums andere Mal aus, ohne dabei die Hilfe anderer zu benötigen. Doch es gab auch ernsthaftere Bearbeitungen, die das Mädchen gewöhnlich ebenfalls eher selbstbewusst darstellen, so auch Versionen feministischer Autoren. Ab und zu wurde Rotkäppchen auch mit dem Kommunismus in Verbindung gebracht und dementsprechend gestaltet. Als gemeinsame Grundidee ist zu erkennen: Rotkäppchen ist nicht länger unschuldig, artig und hilflos, sondern intelligent und durchaus in der Lage, sich selbst zu helfen.

In einigen Fassungen wird der Wolf nicht mehr als böser Charakter geschildert, sondern als missverstandene Figur, die im Grunde nur ihre Ruhe haben will, so in Philippe Dumas´ und Boris Moissards Blaukäppchen. Thaddäus Troll schrieb eine Parodie auf Amtsdeutsch.[4] Thaddäus Troll versetzte außerdem die Handlung mit Werbesprüchen.[5] Dies soll wohl ebenfalls auf das Thema der Verführung hinweisen. Bei Anneliese Meinert hat die Mutter eine Verabredung, also rast Rotkäppchen mit 180 am Wolf vorbei zur aufgemotzten Oma (“...warum hast du so glänzende Augen?“...“Kontaktgläser!“), die aber „eine Bridgepartie“ erwartet. Rotkäppchens Jägerfreund kriegt Kuchen und Whiskey.[6] Rudolf Otto Wiemers Wolf bagatellisiert die Geschichte im Rückblick, und Rotkäppchen, eingeschüchtert, stimmt zu.[7] Janoschs elektrisches Rotkäppchen enthält in jedem Satz das Wort elektrisch, es wird also vom elektrischen Wolf zum Besichtigen elektrischer Lampen verführt und schließlich vom Elektriker gerettet.[8] Bei Max von der Grün wird es durch seine rote Mütze mit dem weißen Stern plötzlich von allen beneidet und gehasst, bis es sie verliert.[9] Bei Peter Rühmkorf nascht Rotkäppchen unterwegs von Kuchen und Wein und zieht in der Hütte dem Wolf den Pelz aus, bis die Oma dazwischen kommt.[10] Roald Dahl versuchte, mit seinem Gedicht Little Red Riding Hood (1982) die Leser anzuregen, sich von der traditionellen Märchenrezeption zu lösen und neue Zugänge zu finden. In dem Text stellt Rotkäppchen Fragen zu dem schönen Pelz des Wolfes. Als der verärgerte Wolf sie schließlich fressen will, erschießt sie ihn mit einer Pistole, um seinen Pelz anschließend stolz im Wald umherzutragen. Auch Günter Grass nimmt in Die Rättin Rotkäppchen und den Wolf auf, und in diesem Roman ergreifen Märchengestalten die Macht, stiften Verwirrung und retten schließlich die Welt. Sławomir Mrożeks gelangweiltes Rotkäppchen phantasiert einen Wolf und wird in Wirklichkeit von der Großmutter unterdrückt.[11] Michael Freidank erzählt die Geschichte auf Gossendeutsch.[12]

Eine weitere Parodie findet sich in Paul Maars Der Tag, an dem Tante Marga verschwand und andere Geschichten.

Otto Waalkes machte einen Sketch aus Rotkäppchen und ließ es auch in seinem Film 7 Zwerge – Männer allein im Wald auftreten. Der Film Die Zeit der Wölfe verarbeitet das Motiv in einer Fantasy/Horror-Interpretation, während der japanische Anime-Film Jin-Roh die Symbolik des Märchens in eine antifaschistische und gewaltkritische Hintergrundgeschichte einwebt. Im Jahr 2004 verarbeitet die französische Sängerin Zazie die Geschichte des Rotkäppchens in dem Song Toc Toc Toc, in dem sie – aller Wahrscheinlichkeit nach – ihre eigene Entwicklung vom kleinen Mädchen, das die Angst einflößende Geschichte vom Rotkäppchen erzählt bekommt, bis hin zur Frau, die auf der Suche nach den – möglicherweise gar nicht mehr existierenden – Prinzen, eigentlich darauf wartet, vom Wolf gefressen zu werden. Rotkäppchen kommt auch in Kaori Yukis Manga Ludwig Revolution vor. Parodien von Andreas Jungwirth, Katharina Krasemann und Klaus Stadtmüller erschienen in Die Horen.[13] Karen Duve erzählt das Märchen in ihrem Buch Grrrimm von 2012 ironisch nach. Ringelnatzpreisträger Achim Amme zieht seit Jahren mit dem humoristischen Live-Programm Rotkäppchen & Co. durch die Lande und veröffentlichte u.a. einen Rotkäppchen-Blues in seinem Buch Ammes Märchen (2012).

Neben den zahlreichen Parodien auf das Märchen, in denen ein Rollentausch zwischen den Hauptfiguren stattfindet, gibt es unzählige Travestien, die das Märchen in Dialekte oder ein anderes Register der Sprache übersetzen: Rotkäppchen auf Bairisch, aber auch vollkommen seriös in den offiziellen Landessprachen der EU[14]. Dann auf Linguistisch, auf Mathematisch, in der DDR, in der Scene, Rotkäppchen und die Psychoanalyse, die bösen Interpreten. Besonders der Großmutterdialog „Warum hast du so große Augen“ usw. wird gern zitiert. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Märchenrezeption im Laufe der Zeit und mit Bezug auf gesellschaftliche Entwicklungen wie dem Aufstieg des Bürgertums im 19. Jahrhundert oder der Emanzipation der Frau im 20. Jahrhundert fortlaufend verändert hat. Trotzdem ist auch heute noch die Grimmsche Märchenfassung in Deutschland am bekanntesten.

Kulturgeschichtliche Überformungen[Bearbeiten]

Die Geschichte des Rotkäppchens hat zahlreiche Dramen, Opern sowie eine Reihe von Werken der Bildenden Kunst, vor allem hunderte von Illustrations-Suites in Märchenbüchern aller Art und Filme[15] inspiriert, unter anderem:

Theaterfassungen[Bearbeiten]

  • Robert Bürkner: Rotkäppchen als Bühnenstück für Kinder und Erwachsene (1919)
  • Christel und Gerard Mereau: Rotkäppchen als Puppenspiel für Kinder von Christels Puppenbühne, Zülpich
  • Georg A. Weth: Rotkäppchen als Bühnenstück für die Familie mit 13 Volksliedern in Schwälmer Ausstattung (UA Japan 1991, DE 1992), verlegt im VVB-Verlag Norderstedt
  • Gerd-Josef Pohl: Rotkäppchen als Puppenspiel für Kinder im Kindergarten und Grundschulalter (Hrsg.: Piccolo Puppenspiele), Bonn 2003

Oper[Bearbeiten]

Musik[Bearbeiten]

  • Varg: Rotkäppchen auf dem Album Wolfskult erzählt eine alternative Version der Geschichte, in der Rotkäppchen die Großmutter tötet und an den Wolf verfüttert. Das Lied existiert in zwei Versionen, einmal mit Anna Murphy von Eluveitie und einmal mit Robse von Equilibrium als Gastmusiker.

Film- und Fernsehadaptionen[Bearbeiten]

Der Rotkäppchen-Stoff wurde erstmals 1922 verfilmt, ihm folgten zahlreiche Spiel- und Trickfilme, die sich eng an die Vorlage anlehnten. Daneben gibt es noch eine Reihe von Filmen, die mehr oder weniger stark von der Märchenvorlage abweichen oder in denen die Rotkäppchen-Figur in anderen Zusammenhängen eingesetzt ist.

Hörspiele[Bearbeiten]

Comics[Bearbeiten]

Bekannte Comic-Interpretationen des Stoffes mit einer eindeutig erotischen bzw. pornografischen Ausrichtung finden sich u. a. in einer Reihe des Zwerchfell Verlages[18] aus dem Jahre 2000, sowie von Mart Klein in einer selbst verlegten Diplomarbeit vom Mai 2009.[19]

Werbung[Bearbeiten]

Rotkäppchen und der Wolf waren und sind beliebte Objekte in der Werbung. Viele Produkte wurden bereits mit diesen Figuren beworben, unter anderem Kaffee, Essig, Bier, Gebäck, Schokolade, Nähgarn, Strickwolle. So warb ein Kaufhaus um 1990: „... Großmutter, warum hast du so viel Kohle? ...“ Eine besondere Anwendung findet das Motiv beim Rotkäppchen-Sekt aus Freyburg an der Unstrut, indem hier die Flaschen mit einer roten Kappe verschlossen sind.

Literatur[Bearbeiten]

  • Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen. dtv, München 1995, ISBN 3-423-35028-8.
  • Kurt Derungs: Der psychologische Mythos: Frauen, Märchen & Sexismus. Manipulation und Indoktrination durch populärpsychologische Märcheninterpretation: Freud, Jung & Co.. edition amalia, Bern 1996, ISBN 3-9520764-6-5.
  • Hans Ritz (Hrsg.): Bilder vom Rotkäppchen. 2. erweiterte Auflage. Kassel 2007, ISBN 978-3-922494-08-9.
  • Hans Ritz: Die Geschichte vom Rotkäppchen. Ursprünge, Analysen, Parodien eines Märchens. 15., auf 296 Seiten erweiterte Auflage. Muri-Verlag, Kassel 2013, ISBN 978-3-922494-10-2.
  • Marianne Rumpf: Rotkäppchen. Eine vergleichende Märchenuntersuchung. Lang, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-8204-8462-0. (Dissertation. Universität Göttingen, 1951)
  • Walter Sauer: 20 Rotkäppchen europäisch-polyglott, Edition Tintenfaß Neckarsteinach 2005, ISBN 3-937467-09-2
  • Walter Scherf: Das Märchenlexikon. 2 Bände, Beck, München 1995, ISBN 3-406-39911-8.
  • Jack David Zipes: Rotkäppchens Lust und Leid. Biographie eines europäischen Märchens. neu durchgesehene und erweiterte Ausgabe. Ullstein, Frankfurt 1985, ISBN 3-548-30170-3.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rotkäppchen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Rotkäppchen – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Charles Perrault: Little Red Riding Hood.
  2. Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen. 31. Auflage. dtv, München 2012, ISBN 978-3-423-35028-0, S. 191–211.
  3. Zur Frage, wer die antinazistische Rotkäppchensatire von 1937 geschrieben hat, siehe die Diskussion der verschiedenen Verfasserschaftstheorien bei: Hans Ritz, Die Geschichte vom Rotkäppchen, Ursprünge, Analysen, Parodien eines Märchens, 15., auf 296 Seiten erweiterte Auflage, Kassel 2013 (S. 274-281)
  4. Thaddäus Troll: Rotkäppchen. In: Wolfgang Mieder (Hrsg.): Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-88323-608-X, S. 132–133. (um 1953; zuerst erschienen in: Lutz Röhrich (Hrsg.): Gebärde, Metapher, Parodie. Studien zur Sprache und Volksdichtung. Schwann, Düsseldorf 1967, S. 139–141.)
  5. Thaddäus Troll: Das bißfreudige Rotkäppchen. In: Johannes Barth (Hrsg.): Texte und Materialien für den Unterricht. Grimms Märchen - modern. Prosa, Gedichte, Karikaturen. Reclam, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-015065-8, S. 73–75. (1963; zuerst erschienen in: Thaddäus Troll: Das große Thaddäus Troll-Lesebuch. Mit einem Nachwort von Walter Jens. Hoffmann & Campe, Hamburg 1981, S. 149–152.)
  6. Anneliese Meinert: Rotkäppchen. In: Wolfgang Mieder (Hrsg.): Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-88323-608-X, S. 134–135. (zuerst erschienen 1965 als: Rotkäppchen '65. In: Lutz Röhrich (Hrsg.): Gebärde, Metapher, Parodie. Studien zur Sprache und Volksdichtung. Schwann, Düsseldorf 1967, S. 149–150.)
  7. Rudolf Otto Wiemer: Der alte Wolf. In: Johannes Barth (Hrsg.): Texte und Materialien für den Unterricht. Grimms Märchen - modern. Prosa, Gedichte, Karikaturen. Reclam, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-015065-8, S. 76. (1976; zuerst erschienen in: Hans-Joachim Gelberg (Hrsg.): Neues vom Rumpelstilzchen und andere Haus-Märchen von 43 Autoren. Beltz & Gelberg, Weinheim/Basel 1976, S. 73.)
  8. Janosch: Das elektrische Rotkäppchen. In: Janosch erzählt Grimm's Märchen. Fünfzig ausgewählte Märchen, neu erzählt für Kinder von heute. Mit Zeichnungen von Janosch. 8. Auflage. Beltz und Gelberg, Weinheim/ Basel 1983, ISBN 3-407-80213-7, S. 102–107.
  9. Max von der Grün: Rotkäppchen. In: Wolfgang Mieder (Hrsg.): Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-88323-608-X, S. 136–139. (zuerst erschienen in: Jochen Jung (Hrsg.): Bilderbogengeschichten. Märchen, Sagen, Abenteuer. Neu erzählt von Autoren unserer Zeit. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1976, S. 95–97.)
  10. Peter Rühmkorf: Rotkäppchen und der Wolfspelz. In: Wolfgang Mieder (Hrsg.): Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-88323-608-X, S. 140–147. (1981; zuerst erschienen in: Hans Ritz, Die Geschichte vom Rotkäppchen, Ursprünge, Analysen, Parodien eines Märchens, 1. Auflage, Muriverlag, Emstal 1981, und Peter Rühmkorf: Der Hüter des Misthaufens. Aufgeklärte Märchen. Rowohlt Verlag, Reinbek 1983, S. 229–238.)
  11. Slawomir Mrozek: Rotkäppchen. In: Johannes Barth (Hrsg.): Texte und Materialien für den Unterricht. Grimms Märchen - modern. Prosa, Gedichte, Karikaturen. Reclam, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-015065-8, S. 76–77. (1985; zuerst erschienen in: Slawomir Mrozek: Das Leben ist schwer. Satiren. Deutsch von Klaus Staemmler. dtv, München 1985, S. 67–68.)
  12. Michael Freidank: Rotkäppschem. In: Johannes Barth (Hrsg.): Texte und Materialien für den Unterricht. Grimms Märchen - modern. Prosa, Gedichte, Karikaturen. Reclam, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-015065-8, S. 78. (2001; zuerst erschienen in: Michael Freidank: Wem is dem geilste Tuss in Land? Märchen auf Kanakisch un so. Eichborn, Frankfurt a.M. 2001, S. 71–72.)
  13. Die Horen. Bd. 1/52, Nr. 225, 2007, ISSN 0018-4942, S. 21–25, 35-36, 219.
  14. hrsg. von Walter Sauer, siehe Literatur
  15. Liste der Rotkäppchen-Verfilmungen in der Internet Movie Database (IMDb)
  16. vergleiche Einmarsch ins Märchenreich, unter einestages.spiegel.de.
  17. Grammatik / Dieser wankende Sommerton in der Hörspieldatenbank HörDat.
  18. Rezension zu Grimm – No. 2: Rotkäppchen
  19. Rezension zu Rotkäppchen aus dem Unfug-Verlag