Rotwelsch

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Rotwelsch ist ein Sammelbegriff für sondersprachliche Soziolekte gesellschaftlicher Randgruppen auf der Basis des Deutschen, wie sie seit dem späten Mittelalter besonders bei Bettlern, fahrendem Volk (Vaganten), Vertretern sogenannter unehrlicher Berufe und in kriminellen Subkulturen in Gebrauch kamen und seit dem 17. Jahrhundert mit der Ansiedlung von Gruppen vormals Nichtsesshafter auch regionalsprachlichen Niederschlag fanden.

Bezeichnungen[Bearbeiten]

Die Herkunft des Wortes Rotwelsch, das schon um 1250 in der Form rotwalsch („betrügerische Rede“) bezeugt ist, ist nicht ganz sicher. Das Wort welsch, mit der eigentlichen mittelhochdeutschen Bedeutung „romanisch“ (französisch und italienisch), hat auch die übertragenen Bedeutungen „fremdartig“, „unverständliche Sprache“, wie in der Zusammensetzung „Kauderwelsch“. Der Bestandteil rot wird dagegen mit dem rotwelschen Wort rot für „Bettler“ erklärt, das seinerseits mit rotte („Bande“) oder mit mittelniederländisch rot („faul, schmutzig“) in Verbindung gebracht wird.[1]

Der Entstehung nach ist Rotwelsch eine abwertende Fremdbezeichnung, die aber nach Quellenaussagen seit dem 15. Jahrhundert teilweise auch von den Sprechern selbst zur Bezeichnung ihrer Sprache adaptiert wurde. Als andere historische Bezeichnungen mit zum Teil engerer Bedeutung, die dann bestimmte Sprechergruppen fokussieren, sind unter anderem belegt:

  • Keimisch (1475): Juden- oder Kaufmannssprache, von rotw. Keim, „Jude“, aus jidd. chajim, „die Lebenden“, als Gegenbegriff zu jidd. gojim „Nicht-Juden“, oder aus dem jüdischen Vornamen Chaim, der auf die gleiche Wurzel chajim „leben“ oder auf den span.-portug. Vornamen Jaime zurückgeführt wird
  • Mengisch (1560): von rotw. Meng „Kesselflicker“, aus althochdt. mangari „Krämer“
  • Wahlerey (1687): „Spitzbuben-Sprache“, Herkunft unsicher
  • Jenische Sprach (1714): von romani džin „wissen“, demnach in etwa „Sprache der Wissenden/Eingeweihten“
  • Jaunerisch (1720) und Jauner-Sprache (1727): von rotw. J(u)on(n)er „Falschspieler“, aus frühneuhochdt. junen „spielen“, oder aus jidd. jowon „Ionien, Griechenland“
  • Kochum(er) Lohschen (1822): von jidd. chochom „klug, weise, gelehrt“, und jidd. loschon „Sprache, Zunge“
  • Kundenschall (1906): von rotw. Kunde (1828) „Handwerker auf der Walz, Bettler, Landstreicher“, aus dt. (der) Kunde in der frühneuhochdt. Bedeutung „Bekannter, Vertrauter“ (zweifelhaft ist zusätzlicher Einfluss von jidd. kun „Richtiger, Rechter“) und rotw. Schall „Gesang“; entspricht den in der Rotwelschforschung des 19. Jahrhunderts geprägten Termini „Kundensprache“ und „Kundenlied“ für das rotwelsche Sprach- und Liedgut der ‚Kunden‘
  • Lotegorisch: ehemalige Händlersprache im Leiningerland von jidd. Loschne ha koidesch „Jiddisch“, wörtl. „heilige Sprache" (aus loschon „Sprache“, und koidesch „heilig“)
  • diverse Zusammensetzungen mit dem Wort -latein in der übertragenen Bedeutung „auf besonderem Wissen beruhende, nicht allen Menschen verständliche Sprache, Insidersprache“ (z. B. Bettlerlatein, Krämerlatein, Gaunerlatein).

Die in der Literatur, insbesondere der älteren Literatur, neben Rotwelsch am meisten verbreitete Fremdbezeichnung ist Gaunersprache (gemäß der hyperkorrekten Umformung von Jauner zu Gauner), die jedoch in der neueren Literatur wegen ihrer Fokussierung auf delinquente Sprechergruppen und ihrer oft einseitigen Abhebung auf den geheimsprachlichen Charakter zunehmend vermieden wird.

Sprachtyp[Bearbeiten]

Rotwelsch unterscheidet sich hauptsächlich lexikalisch von der deutschen Umgangssprache und ihren Dialektvarianten, es handelt sich insofern nicht um eine eigenständige Sprache, sondern um einen Sonderwortschatz (Jargon), der sich in sozial, regional und zeitlich verschiedenen Varianten ausgeprägt hat. Er beruht auf Entlehnungen, oft in Verbindung mit Umdeutungen, aus dem Westjiddischen in Form von Hebraismen in aschkenasischer Lautung, aus dem Romani vorwiegend der Sinti (Sintitikes) und aus Nachbarsprachen des Deutschen, insbesondere dem Niederländischen und Französischen, ferner auf Veränderung oder Umdeutung gemeinsprachlich bekannter deutscher Wörter durch Bedeutungsübertragung und Bedeutungsverschiebung, Bildung neuer Komposita, Affigierung und Permutation (u. a. Verlan, Kedelkloppersprook).

Die Gründe für Entstehung und Gebrauch des Rotwelschen ergeben sich aus der besonderen Bedürfnislage der Sprechergruppen und ihrer sozialen Ausgrenzung und Sonderstellung. Eine zentrale Rolle spielt die Geheimhaltung, d. h. das Anliegen, die Kommunikation zwischen den Mitgliedern gegen Außenstehende abzuschirmen. Hinzu kommt bei Gruppen gemischter sozialer, regionaler und sprachlicher Herkunft der auch bei sonstigen Fachsprachen gegebene Zweck, die Verständigung in den für die gemeinsame Berufsausübung oder Lebenspraxis wichtigen Angelegenheiten durch die Einhaltung eines vereinbarten Codes mit relativ festgelegten Bedeutungen zu sichern. Indem die Sprecher durch den Erwerb der Sondersprache zu Mitgliedern der Sprechergemeinschaft werden und sich untereinander als Mitglieder einer Gruppe von Eingeweihten zu erkennen geben, besitzt das Rotwelsche außerdem eine besonders bei sozial ausgegrenzten Gruppen wichtige identitätsbildende und integrative, den Zusammenhalt der Gruppe und das Zugehörigkeitsgefühl stärkende Funktion.

Sozialer Kontext[Bearbeiten]

Der hohe Anteil an jiddischen und hebräischen Lehnwörtern erklärt sich dadurch, dass Juden von den meisten landwirtschaftlichen und bürgerlichen Berufen ausgeschlossen waren und darum bis ins 19. Jahrhundert einen bedeutenden Teil der Träger mobiler Berufe, besonders der fahrenden Händler und Hausierer, stellten. Der Einfluss des Romanes ergab sich aus dem Kontakt mit Romanes-Sprechern, also mit Roma, auch sie durch rechtlichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Ausschluss zur Dauermigration gezwungen. Da es sich bei den aus der Mehrheitsbevölkerung herausgefallenen, nicht weiter sesshaft lebenden Menschen um eine multiethnische Population handelte, weist das Rotwelsch Einflüsse auch aus anderen europäischen Sprachen, so aus dem Französischen und Italienischen auf. Überschneidungen und wechselseitige Beeinflussungen bestanden besonders noch mit folgenden Gruppen und ihren jeweiligen Sondersprachen:

  • Handwerker, die ihren Beruf als Fahrende ausübten oder, wie z. T. noch heute, einen Teil ihrer Ausbildung als reisende Handwerker auf der Walz erwerben.
  • Händler und Schausteller, die ihren Beruf selbst als Fahrende ausübten oder auf Messen und Jahrmärkten, wichtigen Sammelpunkten für Bettler und andere Fahrende, mit diesen in Kontakt kamen.
  • Landsknechte und Soldaten, die als Deserteure oder Ausgemusterte, sozial Entwurzelte und Invalide den „classes dangereuses“ stetigen Zulauf boten.
  • Schüler und Studenten, die im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit zu den Vaganten zählten und auch lateinisches Wortgut in das Rotwelsche einbrachten.

Unter den „unehrlichen“, d. h. in der spätmittelalterlichen Ständegesellschaft geächteten Berufen, die vielfach von Fahrenden oder auch sesshaft gewordenen Fahrenden ausgeübt wurden, sind außer den Bettlern, Prostituierten und (nur bedingt als Unehrliche einzustufenden) Schankwirten noch die Schinder und Scharfrichter zu nennen, aber auch die Müller und Köhler, deren außerhalb der festen Siedlungen gelegene Wohn- und Arbeitsstätten wichtige Anlaufpunkte für Fahrende und Kriminelle waren.

Heute hört man Rotwelsch noch bei reisenden Handwerkern sowie bei Landstreichern, Berbern und Bettlern. Bedingt durch die Ansiedlung von Nichtsesshaften nach dem Dreißigjährigen Krieg sowie später durch Landflucht und den Übergang Fahrender ins städtische Proletariat haben sich in einigen Städten wie Berlin und in oberrheinischen, fränkischen und schwäbischen Gemeinden wie Schillingsfürst und Schopfloch lokale, z.T. nur auf bestimmte Wohnviertel beschränkte Mundarten herausgebildet, deren Wortschatz noch heute besondere Anteile von Rotwelsch aufweist. Zahlreiche Wörter des Rotwelschen wurden außerdem in die allgemeine Umgangssprache aufgenommen. Das Universalwörterbuch der deutschen Sprache im Dudenverlag führt in seiner 5. Auflage von 2003 mehr als 70 Wörter mit rotwelscher oder gaunersprachlicher Herkunft an.

Beispiele[Bearbeiten]

  • baldowern: „auskundschaften“, von jidd. baal „Mann“, und jidd. dowor „Sache, Wort“
  • Bock: „Hunger, Gier“, von romani bokh „Hunger“, daraus auch dt. umgangsspr. Bock haben „Lust haben“
  • Bulle: „Kriminalbeamter, Polizist“, aus niederl. bol, „Kopf, kluger Mensch“
  • fechten: „betteln“ (Fechter, Fechtbruder: „Bettler“), ursprünglich besonders von Handwerksburschen oder Bettlern, die sich als Handwerksburschen ausgeben; nach einer Erklärung von 1727 sind Klopffechter „gewisse Handwerkspursche, die für Geld ihre Fechtschule halten und sich auf allerhand Gewehre miteinander herumbalgen“
  • Kachny: „Huhn“, von romani kaxni,kahni „Huhn“
  • kaspern: „reden“
  • Kohldampf: „Hunger“, von romani kálo, „schwarz“; daraus rotw. kohlerisch „schwarz“, Kohler „Hunger“, vgl. rotw. schwarz „arm, ohne Geld“; in der Bedeutung intensiviert durch Zusammensetzung mit rotw. Dampf „Hunger, Angst“, aus dt. Dampf (übertragen auch „Angstschweiß, Bedrängnis“)
  • Kober: „Wirt“, von jidd. kowo, kübbo „Schlafkammer, Bordell, Hütte, Zelt“; davon auch ankobern „anmachen, Freier aufreißen“
  • Krauter, Krauterer: „Handwerksmeister“, Etymologie unsicher, ursprünglich vielleicht Handwerker, die ihr Handwerk im Kraut, d. h. auf dem „freien Feld“, oder ohne Zugehörigkeit zu einer städtischen Innung auf dem Land ausübten
  • Kreuzspanne: „Weste, Zwangsjacke, Hosenträger“ (spannt sich über das Kreuz, d.h. den Rücken)
  • Model, Maudel, Mudel, Muldel: „Frau, Mädchen“
  • Muß, Moß: „Mädchen, Frau, Dirne“, von dt. Mutze, „Vulva“, oder dt. Musche, „Hure“
  • platt: „vertraut, sicher, gaunerisch“, von jidd. polat „entwischen, entkommen“, polit „Flüchtling“, daraus auch platte Leute „Gauner“, Platte „Bande“, Platte machen „auf der Straße leben, im Freien nächtigen“
  • Polente: „Polizei“, von jidd. paltin „Burg, Palast“
  • schinageln: „arbeiten“, älteste Bedeutung „Zwangsarbeit für die Obrigkeit leisten“, von jidd. schin- („Schub-“) und jidd. agolo „Karre“
  • Schmuh: „Profit, unredlicher Gewinn, Pfusch“, Etymologie ungeklärt
  • Schocher, Schokelmei: „Kaffee“, von jidd. schocher majim „schwarzes Wasser“
  • Sore: „(Hehler-) Ware, Diebesgut, Beute“, von jidd. sechoro „Ware“
  • Stachelinus, Stachelingo: „Igel“, von romani štaxêlengêro, štaxengele, štaxlengaro „Igel“ (entlehnt aus dt. Stachel)
  • stapeln, stappeln: „betteln“, vom Stab des Bettlers oder dt. stoppeln „sammeln, Ähren lesen“
  • Stenz: „Stock, Prügel“, auch „Zuhälter, Penis“, wahrscheinlich von dt. stemmen
  • Wolkenschieber: „bettelnder Handwerksbursche“, „Kunde, der kein Handwerk versteht“

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Wörterbücher
  • Hansjörg Roth: Jenisches Wörterbuch. Aus dem Sprachschatz Jenischer in der Schweiz. Huber, Frauenfeld 2001, ISBN 3-7193-1255-0.
  • Siegmund A. Wolf: Wörterbuch des Rotwelschen. Deutsche Gaunersprache. Buske, Hamburg 1994, ISBN 3-87118-736-4.
Monographien
  • Roland Girtler: Rotwelsch. Die alte Sprache der Diebe, Dirnen und Gauner. Böhlau, Wien 1998, ISBN 3-205-98902-3.
  • Louis Günther: Die deutsche Gaunersprache und verwandte Geheim- und Berufssprachen. Reprint-Verlag Leipzig, Holzminden 2001, ISBN 3-8262-0714-9 (Nachdr. d. Ausg. Leipzig 1919).
  • Peter Honnen: Geheimsprachen im Rheinland. Eine Dokumentation der Rotwelschdialekte in Bell, Breyell, Kofferen, Neroth, Speicher und Stotzheim (Rheinische Mundarten; Bd. 10). 2. Aufl. Rheinland-Verlag, Köln 2000, ISBN 3-7927-1728-X (mit einer CD).
  • Robert Jütte: Sprachsoziologische und lexikologische Untersuchungen zu einer Sondersprache. Die Sensenhändler im Hochsauerland und die Reste ihrer Geheimsprache (Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik/Beiheft; 25). 1.Aufl. Steiner Verlag, Wiesbaden 1978, ISBN 3-515-02660-6.
  • Friedrich Kluge: Rotwelsches Quellenbuch (Rotwelsch. Quellen und Wortschatz der Gaunersprache und der verwandten Geheimsprachen; Bd. 1; mehr nicht erschienen). DeGruyter, Berlin 1987, ISBN 3-11-010783-X (Repr. d. Ausg. Straßburg 1901).
  • Günter Puchner: Kundenschall. Das Gekasper der Kirschenpflücker im Winter. Dtv, München 1976, ISBN 3-423-01192-0 (1. Aufl. bei Heimeran, München 1974, ISBN 3-7765-0192-8)
  • Hansjörg Roth: Barthel und sein Most. Rotwelsch für Anfänger. Huber, Frauenfeld 2007, ISBN 3-7193-1462-6.
  • Georg Schuppener: Bibliographie zur Sondersprachenforschung (Sondersprachenforschung; Bd. 6). Harrassowitz, Wiesbaden 2002, ISBN 3-447-04510-8.
  • Klaus Siewert (Hrsg.): Rotwelsch-Dialekte. Symposium Münster 10.–12. März 1995 (Sondersprachenforschung; Bd. 1). Harrassowitz, Wiesbaden 1996, ISBN 3-447-03788-1.
Aufsätze
  • Hartwig Franke: Zur inneren und äußeren Differenzierung deutscher Sondersprachen. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik (ZDL), Jg. 58 [1991], S. 56–62, ISSN 0044-1449.
  • Bernhard Gamsjäger: Musikantensprache. In: Rudolf Flotzinger (Hrsg.): Oesterreichisches Musiklexikon, Bd. 3. ÖAW, Wien 2004, S. 1515, ISBN 3-7001-3045-7 (auch online, letzte Änderung 2009).
  • Bernhard Gamsjäger Musikantensprache(n). In: Österreichische Blasmusik. Fach- und Verbandszeitschrift des Österreichischen Blasmusikverbandes, Jg. 58 (2010), Heft 3, Seite 13.
  • Rosemarie Lühr, Klaus Matzel: Zum Weiterleben des Rotwelschen. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik (ZDL), Jg. 57 (1990), Heft 1, S. 42–53, ISSN 0044-1449.
  • Yaron Matras: The Romani element in German secret languages. Jenisch and Rotwelsch. In: Ders. (Hrsg.): The Romani element in non-standard speech (Sondersprachenforschung; Bd. 3). Harrassowitz, Wiesbaden 1998, S. 193–230, ISBN 3-447-04071-8.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ausführliche Diskussion zur Herkunft des Wortes und zum Begriff selbst bei Hansjörg Roth (2001), S. 70–88.