Russe (Stadt)

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Russe (Русе)
Wappen von Russe Karte von Bulgarien, Position von Russe hervorgehoben
Basisdaten
Staat: Bulgarien
Oblast: Russe
Einwohner: 164.202 (15. Juni 2010)
Koordinaten: 43° 51′ N, 25° 58′ O43.85638888888925.97055555555645Koordinaten: 43° 51′ 23″ N, 25° 58′ 14″ O
Höhe: 45 m
Postleitzahl: 7000
Telefonvorwahl: (+359) 082
Kfz-Kennzeichen: P
Verwaltung
Bürgermeister: Plamen Stoilow
Webpräsenz: www.ruse-bg.eu
Russe - Bulgarien - Nachbarorte: Giurgiu, Bjala, Swischtow, Lewski, Gorna Orjachowiza, Targowischte, Popowo, Rasgrad, Oltenia, Bukarest
Luftbild von Russe mit der Donau im Hintergrund
Eindrücke von der Stadt (2007)

Russe, Rousse oder Ruse [ˈrusɛ] (bulgarisch Русе, deutsch (veraltet): Rustschuk, türkisch Rusçuk) ist mit 166.056[1] Einwohnern die fünftgrößte Stadt Bulgariens. Die Industriestadt stellt auch das kulturelle Zentrum Nordbulgariens dar. Bestimmend dafür sind ein Schauspiel- und ein Opernhaus, eine Kunstgalerie, ein Fernsehturm sowie mehrere Hochschulen.

Russe ist die Hauptstadt der Oblast Russe, Sitz der gleichnamigen Gemeinde Russe wie auch Grenzstadt zu Rumänien. Der Stadtkern von Russe wurde vom bulgarischen Staat wegen der geschichtlichen Bedeutung und besonderen architektonischen Gestalt des Ensembles mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet.

Lage[Bearbeiten]

Die Hafenstadt Russe liegt in der Donautiefebene an der Donau durchschnittlich 29 Meter über dem Meeresspiegel nahe der Mündung des Flusses Rusenski Lom. Die ihr gegenüber am anderen Ufer der Donau liegende rumänische Grenzstadt ist Giurgiu. Mit Giurgiu ist Russe über die Giurgiu-Russe-Freundschaftsbrücke verbunden. Die Entfernung von Russe nach Bukarest beträgt 80 Kilometer, nach Sofia sind es 310 Kilometer.

Geschichte[Bearbeiten]

Antike und Mittelalter[Bearbeiten]

Früheste Siedlungsspuren stammen bereits aus dem 5. Jahrtausend v. Chr.[2]. Die Römer gründeten dort Anfang des 2. Jahrhunderts n. Chr. die Hafenstadt Sexaginta Prista (Stadt der 60 Schiffe). Sie war Stützpunkt der Donauflotte der Römer, welche die Aufgabe hatte, die Nordgrenze des Römischen Reiches gegen Überfälle der nördlich der Donau lebenden Völker zu schützen.

Die Stadt wird bis zum 5. Jahrhundert erwähnt, wobei der römische Name auf Pristis und später Pristapolis verändert wurde. Es ist anzunehmen, dass der Untergang der römischen Stadt mit den Einfällen der Awaren und Slawen im Jahre 586 zusammenhängt (siehe hierzu Balkanfeldzüge des Maurikios).

Im Mittelalter erlangten Durostorum und die landeinwärts gelegene Stadt Tscherwen strategische Bedeutung.

Osmanische Zeit[Bearbeiten]

Tscherwen entstand südlich der heutigen Stadt Russe am Russenski Lom und existierte bis zu den Eroberungszügen der Osmanen. Feldzüge unter Mihai Viteazul am Ende des 16. Jahrhunderts führten zur Zerstörung von Tscherwen in großen Teilen.[2]

Bereits vor der Eroberung der Region existierte am Ufer der Donau eine befestigte Ortschaft namens Russe. Diese wurde nach der Zerstörung von Tscherwen von den Osmanen ausgebaut und ihre Bezeichnung leicht verändert in Rustschuk.[3] Das zur osmanischen Festung ausgebaute Rustschuk erlangte wegen seiner strategischen Lage auch wirtschaftliche Bedeutung.[2]

Blick über die Donau auf Russe,
Darstellung aus dem Jahr 1824

Um Reformen im Osmanischen Reich durchzuführen, wurde 1864 aus der Zusammenlegung der osmanischen Provinzen Silistrien, Niš und Widin die Großprovinz Tuna mit Russe als Zentrum und Residenz des Verwalters Midhat Pascha errichtet. Rustschuk entwickelte sich zu einem Handelszentrum mit starker Festung. Viele europäische Konsulate wurden eröffnet; Hotels, Schulen und eine Bibliothek entstanden.

Die Entwicklung der Stadt wurde durch die Donauschifffahrt und durch die am 7. November 1866 eröffnete erste Eisenbahnlinie des Landes, Russe-Warna, die erste Endstation des Orient-Express, gefördert. Bereits 1878, im Jahr der Befreiung von der osmanischen Herrschaft, zählte Russe über 26.000 Einwohner und war die größte Stadt im damaligen Fürstentum Bulgarien.

Im unabhängigen Bulgarien[Bearbeiten]

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Territorium Süd-Dobrudscha an Rumänien verloren, damit schwächte sich die Wirtschaftskraft der Stadt Russe. Sie verlor viele Einwohner und war damit nur noch die drittgrößte Stadt nach Sofia und Warna. Große Produzenten verließen den Ort, ausländische Konsulate wurden bis auf das Russische geschlossen.

Im September 1940 kam die Süd-Dobrudscha nach Verhandlungen wieder zu Bulgarien, Russe wurde Verwaltungszentrum und es erfolgte ein erneutes Wirtschaftswachstum. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wandelten sich die Besitzverhältnisse, aus zahlreichen vorherigen Privatunternehmen wurden staatliche Fabriken. Chemiebetriebe wurden angesiedelt, die Lampenherstellung eingeführt, ein großer Handelshafen wurde gebaut. Die 1954 eingeweihte neue Giurgiu-Russe-Freundschaftsbrücke zwischen Russe und der rumänischen Stadt Giurgiu war bin Anfang der 1990er Jahre die einzige Verbindung zwischen Rumänien und Bulgarien über die Donau hinweg, was die Transportwege enorm verbesserte. Russe wurde in den 1970er-Jahren wieder ein bedeutendes Verkehrs-, Handels-, Kultur- und Bildungszentrum.

In den frühen 1980er-Jahren führte der Bau eines großen Chemiekombinats in Giurgiu auf rumänischem Territorium zur dauerhaften Luftverschmutzung in Russe, wodurch bis 1992 15.000 Personen die Stadt verließen. Die ökonomische Krise der gesamten Länder des RGW wirkte sich besonders stark in Russe aus; die Industrieprodukte konnten nicht mehr verkauft werden, Spezialisten gingen weg, die Zahl der Arbeiter nahm ständig ab.

Gegenwart[Bearbeiten]

Das 1906 errichtete, 18 m hohe „Denkmal der Freiheit“ des florentinischen Bildhauers Arnoldo Zocchi erinnert an die Befreiung Bulgariens von der osmanischen Herrschaft

Die politischen Veränderungen in der Sowjetunion, in Polen und in der DDR bewirkten letztendlich auch einen demokratischen Wandel in Bulgarien und damit auch in Russe.

Seit dem Fall des Kommunismus gewinnt Russe seine Bedeutung zurück. Die Umweltverschmutzung konnte beseitigt werden, einige Industriebetriebe produzieren wieder, die Bevölkerungszahl stabilisierte sich bis zum Jahr 2000 auf rund 165.000. Schrittweise erlangte Russe seine Bedeutung als grundlegendes kulturelles und wirtschaftliches Zentrum in Nordbulgarien zurück. Die Mitgliedschaft in der EU führte zu neuen Investitionen und der Ansiedlung internationaler Handelsunternehmen. Seitdem auch Rumänien 2007 der EU beitrat, wurde Russe ein beliebtes Wochenendziel der Bukarester. In Gegenrichtung bieten viele Taxifahrer Pauschalfahrten für 100,-- BGN (EUR 50,--) zum nächstgelegenen internationalen Flughafen in Bukarest an. Die Europastraße E85 ist zwischen beiden Städten in guten Zustand und teilweise mehrspurig und mit Umgebungsstraßen ausgebaut.

Bevölkerung[Bearbeiten]

Bevölkerungsentwicklung
1878 1959 1985 2000 2005 2008 2009
26.000 91.700[4] 186.000 ca. 165.000 169.000 166.991 167.043

Wirtschaft[Bearbeiten]

Russe ist Industriestadt mit der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, mit Maschinenbau, Flussschiffbau und Textil- und Ledererzeugung. In der Umgebung der Stadt werden Zuckerrüben und Weintrauben angebaut. Seit dem Beitritt Bulgariens und Rumäniens in die EU nutzen rumänische Bürger den Preisunterschied für Konsumgüter und Dienstleistungen auf bulgarischer Seite.

Im Mai 2010 hat der deutsche Automobilzulieferer Witte Automotive die Produktion in Russe aufgenommen. In dem Werk werden Komponenten für Fahrzeugzugangssysteme gefertigt und an viele europäische Fahrzeughersteller geliefert. Aufgrund der positiven Entwicklung hat Witte Anfang 2013 ein Grundstück erworben, um die Produktionskapazitäten zu erweitern. Am 11. Oktober 2013 erfolgte die Grundsteinlegung für das neue Produktionswerk im Beisein des bulgarischen Präsidenten Rossen Plewneliew.[5]

Verkehr[Bearbeiten]

Die Stadt besitzt den größten bulgarischen Donauhafen. Außerdem ist sie ein Eisenbahnknoten und ein Straßenknotenpunkt. Die erste bulgarische Eisenbahnstrecke wurde übrigens zwischen Russe und Varna eröffnet.

Nördlich vom Stadtkern, ungefähr sechs Kilometer entfernt, quert die Brücke der Freundschaft die Donau, mit 2,8 Kilometer die längste Stahlbrücke Europas. Sie besteht aus zwei Etagen - oben fahren Autos, unten die Eisenbahn. Sie konnte im Jahr 1954 eröffnet werden, 2003 wurde sie mit Geldern der Europäischen Union saniert. Über diese Brücke wird ein großer Teil der Aus- und Einfuhrgüter Bulgariens transportiert. Die Brücke wurde mit Hilfe der Sowjetunion vorwiegend aus militärstrategischen Gründen gebaut.

Bildung[Bearbeiten]

In Russe existieren alle Schultypen Bulgariens, zusätzlich für die türkische Minderheit ein türkisches Gymnasium "RUSÇUK İLAHİYAT LİSESİ".[6] Die Stadt ist Standort einer Universität sowie von Deutsch-, Englisch- und Europäischen Sprachengymnasien. Die große Bezirksbibliothek Lyuben Karavelov und die Musikschule gehören ebenfalls zum Bildungsangebot. Die Österreich-Bibliothek im ersten Stock des Theaters ist Sitz der Internationalen Elias-Canetti-Gesellschaft[7]

Politik[Bearbeiten]

Konsulate und Vertretungen[Bearbeiten]

In der Stadt gibt es diplomatische Vertretungen folgender Länder:

Städtepartnerschaften[Bearbeiten]

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Theater, Museen und weitere Gebäude[Bearbeiten]

Das Theater Sawa Ognianow

Russe besitzt ein Schauspielhaus, ein staatliches Opernhaus, ein Puppentheater und eine Philharmonie für das Städtische Sinfonieorchester. Die Staatsoper Russe wird von Ivan Kiurkchiev geleitet, der früher selbst Sänger war und von Giuseppe di Stefano ausgebildet wurde. Er ist Gewinner des Caruso-Wettbewerbs. Von nationaler Bedeutung sind auch das Volkstheater Sawa Ognjanow (Dochodno-Gebäude) und die Gemäldegalerie. Die Stadt beherbergt ein historisches Museum, ein naturwissenschaftliches Museum, ein Verkehrsmuseum (in einem früheren Bahnhofsgebäude)[8] und die städtische Kunstgalerie.

Von den rund 200 architektonisch bedeutsamen Bauten sind die folgenden besonders erwähnenswert:[8] das Rathaus in einer modernen Formensprache aus Betonteilen mit einem mehr als 20 Meter langen Fries, der Sparkassenkomplex, das Haus der Industrie- und Handelskammer, das Haus der Seefahrt sowie der Klub der Kulturschaffenden. Beim neuen Bahnhof ist ein Festungstor aus der Türkenzeit sehenswert. Der 204 Meter hohe Fernsehturm mit Aussichtsplattform ist das höchste Gebäude Bulgariens. Auffällig im Zentrum der Stadt sind die vielen historistischen Wohn- und Geschäftshäuser aus der Zeit der Jahrhundertwende, die häufig von österreichischen Architekten entworfen wurden. Die Stadt wird deswegen gern „Klein Wien“ genannt. - Erwähnenswert ist außerdem das Gerichtsgebäude. Am Donauufer befindet sich das Hotel Riga, ein 22 Stockwerke hohes Hotel, das einen weiten Blick über die Stadt, die Donau, den Hafen bis nach Rumänien bietet.

Religiöse Stätten[Bearbeiten]

Eparchie
  • Heilige-Dreifaltigkeits-Kirche; 1632 eingeweiht; gilt als älteste Kirche der Stadt[9]
  • St. Peter-Kirche
  • röm.-katholische St. Paul-vom-Kreuz-Kathedrale; 1892 eingeweiht. Baupläne vom italienischen Architekten Valentino, der auch ein Kirchengebäude in Varna entwarf. Hier befindet sich die älteste erhaltene Orgel in Bulgarien, im Jahr 1907 installiert.[10]
  • St. Nikolai-Tschudotworetz-Kirche
  • orthodoxe St.-Georg-Kirche
  • Kirche Wassili der Große
  • Himmelfahrtskirche
  • Erzengel-Michael-Kirche
  • Katholische Eparchie
  • Armenische Kirche
  • evangelisch-methodistische Kirche
  • evangelische Baptisten-Kirche
  • Synagoge
  • Seid-Pascha-Moschee

Denkmale und Gedenkstätten[Bearbeiten]

  • Freiheitsstatue mit Bulgarischen Löwen vor dem Postament, gegenüber dem Rathaus. Sie stammt aus der Werkstatt des italienischen Bildhauers Arnoldo Zocchi und ist dem New Yorker Original nachempfunden.
  • Denkmal für die Rote Armee (Aljoscha-Monument)
  • Denkmal für die im Serbisch-Bulgarischen Krieg 1885 Gefallenen des 5.-Donau-Infanterie-Regiments auf dem Alexander-Battenberg-Platz
  • Denkmal für Stefan Karadscha, einem Heerführer des Befreiungskampfes im 19. Jahrhundert
  • Denkmal für Angel Kantschew
  • Denkmal für Iwan Wedar
  • Die größte Gedenkstätte Russes ist das am 28. Februar 1978 eingeweihte Pantheon der Kämpfer der Wiedergeburt, dessen große vergoldete Kuppel bei klarem Wetter weithin zu sehen ist. In dem Monument sind 453 namhafte Freiheitskämpfer bestattet.[2] Es wurde aus Anlass des 100. Jahrestages der Befreiung Bulgariens von der türkischen Herrschaft errichtet. Das Gebäude steht in einem Park, der auf dem früheren Friedhof Russes angelegt wurde.[11]

Regelmäßige Veranstaltungen[Bearbeiten]

  • Internationales klassisches Musikfestival (im März; seit 1961)[12]
  • Folklore-Festival Goldene Geige; Volksmusik der Region; erste Junihälfte
  • Internationales Festival des alternativen Kinos „Donau – der Fluß Europas“ (seit 2005)[13]
  • BG MediaMarket Medienfestival (im Oktober)[14]
  • Skater-Festival Collision Course (im Mai; seit 2007)[15]
  • Literarischer Frühjahrssalon (im April/Mai; seit 2008)[16]

Parks in der Umgebung[Bearbeiten]

Elf Kilometer östlich der Stadt liegt der Waldpark Lipnik mit Hotel, Gaststätte, zahlreichen Ferienheimen, Sportanlagen und einem Campingplatz.

Unweit der Stadt Russe, nahe Iwanowo liegt der Naturpark Russenski Lom mit den zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden Felskirchen von Iwanowo. Bei Basarbowo befindet sich das Basarbowski Höhlenkloster.

Töchter und Söhne der Stadt[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Russe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. GRAO
  2. a b c d Informationen auf 'Zone Bulgaria'; abgerufen am 23. Februar 2010
  3. Николай Мичев, Петър Коледаров: „Речник на селищата и селищните имена в България 1878-1987“, Sofia, 1989
  4. Meyers Neues Lexikon, Bibliographisches Institut Leipzig, 1964, Band 7
  5. Bulgarischer Präsident legt Grundstein für neues WITTE-Werk in Ruse
  6. Türkisches Gymnasium auf sodu-russe.com
  7. Homepage der Internationalen Elias-Canetti-Gesellschaft
  8. a b Sehenswürdigkeiten auf Zone Bulgaria; abgerufen am 23. Februar 2010
  9. Holy Trinity church auf visit.guide-bulgaria.com; die hier angegebene Jahreszahl ist mit Sicherheit falsch, da ein Widerspruch zwischen 1962 und "älteste" besteht.
  10. St. Paul-vom-Kreuz-Kirche auf visit.guide-bulgaria.com
  11. Pantheon Russe auf visit.guide-bulgaria.com
  12. March Music Days
  13. unbelegt; die Quelle von 2006 nennt lediglich einen "Projektvorschlag" für ein Zweites Festival für 2007
  14. Bulgarian Europe
  15. Collision Course auf eliascanetti.org
  16. Frühjahrssalon auf eliascanetti.org