Rucksacktourismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rucksacktouristen vor der Wiener Staatsoper (2005)
Gruppe von Rucksacktouristen im Gebirge
Reisen per Anhalter

Rucksacktourismus ist eine Art des Tourismus, bei dem man als Gepäck lediglich einen Rucksack mit sich führt (Rucksacktourist) und meist nicht an einem Reiseziel verweilt, sondern selbstbestimmt zu verschiedenen Orten reist.

Begriff[Bearbeiten]

Der Begriff Rucksacktourismus (am. engl. backpacking) entstand im deutschsprachigen Raum in den 1970er Jahren. Vom Anthropologen und Tourismuswissenschaftler Eric Cohen wurde der Rucksacktourist 1972 auch als Drifter (abgeleitet vom engl. to drift - treiben, sich treiben lassen) bezeichnet.

Die Bezeichnung Backpacker kommt aus dem amerikanischen Englischen (backpack = Rucksack, im britischen Englisch ist rucksack gebräuchlich[1]).

Ursprung[Bearbeiten]

Auch als Weltenbummler oder Globetrotter bekannt reisten junge Menschen aus dem angloamerikanischen Raum nur mit dem nötigsten Gepäck und meist ohne klare Vorstellung der Unterkunftsmöglichkeiten. Diese wurden erst vor Ort erkundet und sollten möglichst preiswert und abseits der sonstigen Unterkünfte der Pauschaltouristen, dafür aber in engerem Kontakt zur einheimischen Bevölkerung sein. Der Rucksacktourismus verstand sich als Alternative zum Massentourismus.

Bekannt wurde der Hippie trail – eine stark frequentierte Reiseroute von Europa über Land nach Asien. Südostasien war generell ein beliebtes Reiseziel und wird auch als Wiege des Alternativtourismus bezeichnet. Einen wichtigen Anteil hatte der 1973 erstmals erschienene Reiseführer South-East Asia on a shoestring (Lonely Planet). Durch den Reiseführer wurden Routen vorgezeichnet, welche durch die Rucksackreisenden frequentiert wurden, und damit die Errichtung von touristischen Infrastrukturen (Hotellerie, Gastronomie) ermöglichten. Auf diese Weise wird der Rucksacktourismus oft zu einem Vorläufer der touristischen Entwicklung von Regionen. In Europa trug die Einführung des preiswerten InterRail-Tickets durch die europäischen Eisenbahnen 1972 zum Wachstum des Rucksacktourismus bei.

Rucksacktourismus heute[Bearbeiten]

Rucksacktouristen reisen auf unterschiedlichste Art und Weise und aus den unterschiedlichsten Beweggründen. Einige haben ein genaues Ziel, verweilen nur an einem Ort, andere kennen nur den ersten Aufenthaltsort und lassen sich dann treiben oder es gibt von vornherein eine feste Routenplanung. Auch der Rückreisetermin kann vorher feststehen oder unbestimmt sein. Die Reisekasse kann für die gesamte Reisedauer bemessen sein (Travellerschecks und Kreditkarten) oder es sind zwischenzeitlich vor Ort Arbeitstätigkeiten zur Unterhaltssicherung vonnöten, wobei vereinzelt längere Aufenthalte an einem Ort durchaus üblich sind. Zunächst hauptsächlich aus der Hippiebewegung der 1970er entstanden, haben heutige Rucksacktouristen sehr unterschiedliche Hintergründe. Vor allem westliche Jugendliche nach einem ersten Bildungsabschluss (Abitur, Studium) begeben sich häufig auf eine längere Rucksacktour.

Neue Form des Massentourismus[Bearbeiten]

Als Ausdruck von Individualität begonnen, entwickelte sich jedoch auch diese alternative Form des Tourismus im Laufe der Jahre zu einer Massenbewegung. In vielen von Rucksacktouristen stark frequentierten Gegenden führte dies zu Begleiterscheinungen, wie sie auch im konventionellen Tourismus auftreten, der eigentlich ursprünglich abgelehnt wurde. Bisweilen schadet der Rucksacktourist langfristig den Zielregionen genauso wie der Massentourismus. Ferner hat auch nicht jeder Rucksacktourist eine ökologischere oder sozialere Gesinnung als der Massentourist. Für die Einschätzung der einheimischen Bevölkerung ist es auch meist unerheblich, ob es sich um Rucksack- oder konventionellen Tourismus handelt.

Literatur[Bearbeiten]

Sachbücher
  • Jana Binder: Globality. Eine Ethnografie über Backpacker. LIT-Verlag, Münster 2005, ISBN 3-8258-8686-7 (zugl. Dissertation, Universität Frankfurt 2004).
  • Eric Cohen: Nomads from Affluence. Notes on the Phenomenon of Drifter-Tourism. In: International Journal of Comparative Sociology, Bd. 14 (1973), S. 89-103.
  • Eric Cohen: Toward a Sociology of International Tourism. In: Social Research, Bd. 39 (1972), S. 164-182.
  • Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. Neuaufl. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2008, ISBN 978-3-518-28895-5.
  • Stuart Hall u.a. (Hg.): Representation. Cultural Representations and Signifying Practices. Sage, London 2009, ISBN 0-7619-5432-5 (Nachdr. d. Ausg. London 1997).
  • Kevin Hanam, Irena Ateljevic (Hrsg.): Backpacker Tourism. Concepts and Profiles. Channel View Publ., Clevendon 2008, ISBN 978-1-8454-1077-3.
  • Sarah Kröger: Weltweitweg. Beobachtungen zum Backpacking. LIT-Verlag, Münster 2009, ISBN 978-3-643-10223-2.
  • Greg Richards, Julie Wilson (Hrsg.): The Global Nomad. Backpacker Travel in Theory and Practice. Channel View Publ., Clevendon 2009, ISBN 978-1-87315-076-4.
  • Günter Spreitzhofer: Tourismus Dritte Welt - Brennpunkt Südostasien. Alternativtourismus als Motor für Massentourismus und soziokulturellen Wandel. Verlag Peter Lang, Frankfurt/M. 1995, ISBN 3-631-47965-4 (Europäische Hochschulschriften/4; Bd. 16).
  • Andrea Vetter: Reise ohne Rückkehr. Beheimatungspraxen von Backpackern, Globetrottern und Vagabunden in: Helge Baumann, Michael Weise et al. (Hg.). Habt euch müde schon geflogen? Reise und Heimkehr als kulturanthropologische Phänomene. Marburg 2010. ISBN 3828821847.
  • Klaus Westerhausen:Beyond the Beach. An Ethnography of Modern Travellers in Asia. White LotusPress, Bangkok 2002, ISBN 974-480-009-7.
Belletristik
  • Alex Garland: Der Strand („The Beach“). Goldmann, München 1997, ISBN 3-442-30705-8 (verfilmt unter The Beach).
  • Iris Bahr: Moomlatz: oder wie ich versuchte in Asien meine Unschuld zu verlieren („Dork whore : my travels through Asia as a twenty-year-old pseudo-virgin“). Frederking & Thaler, München 2007, ISBN 3-894-05699-1
  • Iris Bahr: Schlampen im Schlafsack: Auf der Moomlatz-Route durch Südamerika. Malik, 2010, ISBN 3-890-29758-7
  • Benedikt Geulen, Marcus Seibert: Mit Rückenwind: Eine literarische Rucksackreise. Tropen Bei Klett-Cotta, 2005, ISBN 3-608-50070-7
  • Burkhard Rothe, Frank Eichhorn, Julius Franzot, Andrea Winkmann, Peter Haberstich: Autoren ohne Grenzen: Backpacker-Geschichten. Traveldiary.De Reiseliteratur, 2006, ISBN 3-937-27420-0
  • Jon Evans: Tödlicher Pfad („Trail of the Death“). Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005, ISBN 3-423-24436-4
  • Daniela Konefke: Einmal im Leben mutig sein. Der ultimative Ratgeber für Rucksacktouristen. Verlag Kern Bayreuth, 2009, ISBN 978-3939478157

Literaturzitate[Bearbeiten]

  • Cohen definierte den Drifter als „den Touristentyp, [der] sich von ausgetretenen Pfaden und den gewohnten Lebensweisen seines Heimatlandes weg wagt. Er [der Drifter, J.B.] meidet jegliche Verbindung zu einer touristischen Infrastruktur und empfindet gewöhnliche touristische Erlebnisse als unecht. Er neigt dazu, sich ganz auf eigene Faust durchzuschlagen, lebt mit der lokalen Bevölkerung und nimmt oft Gelegenheitsbeschäftigung an, um weiterzukommen. Er versucht, so zu leben, wie die Menschen die er besucht [...] hat keinen festen Reise- oder Zeitplan und keine klar definierten Reiseziele. Er taucht nahezu vollständig in die Gastkultur ein“ (Eric Cohen 1972, S. 168, Übersetzung: Jana Binder).

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rucksacktourismus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Langenscheidt Maxi-Wörterbuch Englisch