Rudeltaktik

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Rudeltaktik (auch Wolfsrudeltaktik nach dem englischen Begriff wolf pack), war eine Taktik deutscher U-Boote im Zweiten Weltkrieg. Die alternative Benennung Wolfsrudeltaktik leitet sich von dem Begriff „wolfpack“ der Briten und Amerikaner ab. Der britische Begriff entstand nach deutschen U-Boot-Angriffen. Die Amerikaner benutzten den Begriff ebenso wie z. B. für Angriffe der USS Flounder (SS-251) im Rahmen eines amerikanischen wolf packs.

Ursprung[Bearbeiten]

Die während des Ersten Weltkriegs im Mittelmeer eingesetzten deutschen U-Boote gingen in den letzten Kriegsmonaten dazu über, feindliche Konvois nicht mehr einzeln, sondern im Verband anzugreifen. Das war die Reaktion auf die, durch die technische Entwicklung ermöglichten, verstärkten Patrouillenflüge des Gegners, mit denen die Schifffahrtswege gesichert wurden[1]. Einer der im Mittelmeer operierenden deutschen U-Bootkommandanten war der damals 23-jährige Karl Dönitz, Kommandant von UB 68, einem U-Boot vom Typ UB II. Die hierbei vom späteren Befehlshaber der U-Boote und Großadmiral gemachten Erfahrungen wurden die Grundlage für seine Einführung der Rudeltaktik [2] in der sich ab 1935 entwickelnden neuen U-Bootwaffe, deren Befehlshaber er im Jahr 1936 wurde. Otto Ciliax, ein Crewkamerad Dönitz', kritisierte die Rudeltaktik diesem gegenüber bereits vor deren Etablierung als zu anfällig, da ihr Funktionieren "zu stark vom Funkverkehr"[3] abhinge. Durch erste Übungen in der Nordsee, bei denen sich insbesondere Günther Prien hervortat, fühlte sich Dönitz jedoch in seinen Einschätzungen bestätigt.

Das frühe Geleitzugsystem[Bearbeiten]

Bereits am 26. August 1939 – also schon vor Ausbruch der offenen Feindseligkeiten – hatte die britische Admiralität die gesamte britische Handelsschifffahrt unter ihren Befehl gestellt. Direkt nach der Versenkung der Athenia etablierten die Alliierten im Nordatlantik ein Geleitzugsystem, das die Versorgung der britischen Inseln sicherstellen sollte.

  • HX- und SC-Konvois fuhren von Nova Scotia nach Großbritannien.
  • OA- und OB-Konvois gingen von dort aus zurück nach Nordamerika.
  • SL-Konvois wurden vor Sierra Leone zusammengestellt und gingen nach Großbritannien.
  • HG-Konvois entsprechend von Gibraltar aus.
  • OG-Konvois von Großbritannien nach dort zurück.

Die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges hatten gezeigt, dass deutsche U-Boote die eigentliche Gefahr für diese Geleitzüge darstellten. Die britische Marine hatte daher über Hundert ihrer Schiffe mit ASDIC ausgerüstet. In den ersten Kriegsjahren standen zunächst wenige Schiffe als Geleitschiffe zur Verfügung – oft wurde diese Aufgabe von hastig umgerüsteten Fischtrawlern übernommen[4].

Grundsätze[Bearbeiten]

Hauptziel der Rudeltaktik war es, den gemeinsamen Einsatz mehrerer U-Boote am Feind zu ermöglichen. Dem lag das grundsätzliche taktische Bestreben zugrunde, dem Gegner am Ort des Gefechts überlegen zu sein. Daher war der ideale Zeitpunkt für einen solchen gemeinsamen Angriff auch die Nacht; denn dann war das U-Boot, insbesondere aufgrund der niedrigen Silhouette, die bei ausreichender Nähe der Fahrzeuge zueinander unterhalb des Horizonts lag, vom Gegner schwer zu erkennen. Initiiert wurde der gemeinsame Einsatz durch ein U-Boot, das den Gegner – idealerweise mehrere potentielle Ziele – entdeckte, aber nicht attackierte, sondern weitere Boote heranführte. Eine U-Bootgruppe, die nach der Rudeltaktik operieren sollte, konnte auf zweierlei Weise entstehen. Zum einen konnten aufgrund einer Meldung eines patrouillierenden Bootes oder Flugzeugs mehrere U-Boote in das jeweilige Seegebiet beordert werden. Weitaus häufiger wurde eine solche U-Bootgruppe jedoch „am grünen Tisch“ als Reaktion auf die nachrichtendienstlich, z. B. durch den “B-Dienst“ erhaltene Meldung eines Geleitzugs zusammengestellt, und zu einer entsprechenden Position befohlen.

Vorgehen[Bearbeiten]

Im Falle eines solchen Suchstreifens bildeten die jeweiligen Boote in Abständen von ca. 15 km ein Suchfeld oder einen Suchstreifen. Wenn ein U-Boot einen Geleitzug gesichtet hatte, meldete es diesen mit einem aus zwanzig Zeichen bestehenden Kurzsignal, das neben Wetter, Standort, Kurs, Geschwindigkeit, Schiffsanzahl und Geleitsicherung des Konvois auch über die verfügbare Brennstoffmenge des meldenden Bootes informierte. Diese Meldung gab das U-Boot von da an alle zwei Stunden ab, und hielt so den Kontakt, während weitere U-Boote auf den Geleitzug zuliefen („heranführen“).

Suchstreifen[Bearbeiten]

Während der Suchstreifen sehr auseinandergezogen war, kamen beim eigentlichen Gefecht möglichst viele U-Boote auf einen Geleitzug. Es war deshalb optimal, wenn das mittlere Boot des Suchfeldes die Sichtung machte. Die Angriffe der U-Boote innerhalb des Rudels erfolgten nicht vollständig organisiert. Die einzige Organisation bestand im Wesentlichen in der Heranführung der anderen U-Boote durch den Fühlungshalter, der durch die Aussendung von Peilsignalen den anderen Booten eine Orientierung oder Position gab, bevor alle gemeinsam die Schlacht eröffneten.

Aufgetaucht in der Nacht[Bearbeiten]

Die Angriffe erfolgten anfänglich zumeist nachts und über Wasser. Zu dieser Zeit waren die U-Boote dann für Bewacher (z. B. Zerstörer) ohne deren späteres Radar fast unsichtbar. Die Alliierten Schiffe besaßen mit dem ASDIC zwar ein Gerät, das die Ortung eines getauchten U-Boots bis zu einer Entfernung von 1500 Metern anzeigte, aber aufgetaucht fahrende Boote nicht erfassen konnte[5].

Beispiele[Bearbeiten]

Angriff auf Slow Convoi 7 im Oktober 1940
Westwall im Februar 1942
Strauchritter im April 1942
Pfadfinder im Mai 1942
Angriff auf Outbound South 34 im Juli 1942
Blücher im August 1942
Angriff auf Slow Convoy 100 im September 1942
Wotan im Oktober 1942
Panther und Puma im Oktober 1942
Spitz und Ungetüm im Dezember 1942
Jaguar und Pfeil im Januar 1943
Burggraf und Sturmbock im Februar 1943
Raubgraf im März 1943

Erfolge[Bearbeiten]

Bis zum Sommer 1940 standen der U-Bootführung im Atlantik zu wenige U-Boote zur Verfügung, um die Geleitzüge der Alliierten nach den Prinzipien der Rudeltaktik anzugreifen. Weniger der verstärkte Neubau als die Eroberung der französischen Atlantikhäfen ermöglichte die Aufstellung der ersten U-Bootgruppen, die nach der Rudeltaktik operieren konnten[6]. Als dementsprechend im Herbst 1940 die ersten U-Bootgruppen Konvois attackierten, stiegen die Versenkungsziffern an. Im August hatten die einzeln operierenden Boote insgesamt 267.618 BRT versenkt. Der Einsatz koordinierter U-Bootgruppen bei vier Geleitzugschlachten steigerte die Erfolge im September auf 295.335 BRT und im Oktober auf 352.407 BRT[7]. Gleichzeitig gingen lediglich zwei deutsche U-Boote verloren, davon eines – U 57 – ohne Feindeinwirkung bei einer Kollision vor der Brunsbütteler Schleuse.

Gegenmaßnahmen[Bearbeiten]

Als Reaktion auf eine U-Bootsichtung wurden üblicherweise mehrere Geleitfahrzeuge auf die Jagd nach dem U-Boot geschickt, während welcher sich diese viele Meilen vom Konvoi entfernten. Wenn der Geleitzug in dieser Zeit – wegen vermuteter oder gar tatsächlicher U-Bootangriffe – einen Kurswechsel vornahm, konnte es dazu kommen, dass die Geleitschützer ihre „Herde“ zunächst einmal gar nicht wiederfanden. Als Reaktion auf die Rudeltaktik stellte die britische Admiralität Verbände auf, die im gemeinsamen Vorgehen gegen U-Boote trainiert wurden. Diese sogenannten Escort-Groups übten den Geleitschutz vor den Küsten Schottlands und Irlands und ihre Offiziere wurden in einer eigens in Liverpool gegründeten Schule in den entsprechenden Taktiken ausgebildet[8].

Veraltung[Bearbeiten]

Die Rudeltaktik war die konsequente Antwort auf die Taktik der Geleitzugbildung. Der massive Einsatz der U-Boote wurde auf alliierter Seite durch technische Weiterentwicklungen und die entschlüsselten Enigma-Codes im Laufe des Zweiten Weltkrieges letztlich aufgewogen, was sich in massiven Verlustzahlen bei den U-Booten niederschlug und in (vergleichsweise) niedrigen Verlusten an Handelsschiffen ab Mai 1943.

Die Rudeltaktik verlor an Bedeutung, als Ende 1942 das Radar (beim Bomber zunächst kombiniert mit dem Leigh light) und das Sonar (ASDIC, etc.) von der englischen Seite ausgereift war und immer erfolgreicher eingesetzt werden konnte. Trotzdem gab es bis zum Mai 1943 noch mehrere Geleitzugschlachten, die trotz hoher U-Bootverluste eindeutig zu Gunsten der Deutschen entschieden wurden. Mit Einführung des HFDF-Funkpeilgerätes Huff-Duff durch die Alliierten wurde die Aufgabe für das Fühlung haltende Boot extrem gefährlich bis undurchführbar. Das Kriegsende kam dem breiten Einsatz einer weiterführenden U-Boot-Entwicklung (Schnorchel, zielsuchender Torpedo, leise Boote, Batteriekapazität) teils zuvor.

Zitate zur Rudeltaktik[Bearbeiten]

„Das ist der Sinn der berühmten Rudeltaktik, die jedoch nicht dahin auszulegen ist, daß unter einheitlicher Leitung im geschlossenen Verband operiert wird. Die Gemeinsamkeit beruht ausschließlich auf Heranführen von noch abseits stehenden Kampfmitteln. Einmal am Geleitzug, handelt jedes Boot selbständig. So ist es möglich, in tagelang andauernden Atlantikschlachten Konvois von 50 und mehr Schiffen völlig aufzureiben.“

Heinz Schaeffer, Kommandant von U 977 in seinem Buch „U 977 – Geheimfahrt nach Südamerika“ (1950)[9]

„Denn auch im Rudel weiß das eine Boot vom anderen wenig mehr als nichts, es sei denn, man analysiert die Funksprüche oder die Gruppe verdichtet sich bis auf Sichtweite, ein seltener Fall. Man wähnt sich alleine auf weiter Flur, ein Pünktchen im unendlichen Atlantik [...] Man weiß zwar, daß noch mehr Kameraden mit ihren Booten das gleiche Ziel haben, doch es fehlt einem der Überblick. Alle Fäden liefen beim BdU zusammen.“

Peter-Erich Cremer, Kommandant von U 152, U 333 und U 2519 in seinem Buch „U 333“ (1982)[10]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. van der Vat, S. 117
  2. Dönitz, 40 Fragen, S. 15
  3. D. Hartwig "Großadmiral Karl Dönitz Legende und Wirklichkeit" (Schöningh, 2010) S. 35
  4. Potter, Nimitz, Rohwer: S. 522
  5. Potter, Nimitz, Rohwer: S. 521
  6. van der Vat, S. 236
  7. Dönitz, 40 Fragen, S. 67
  8. van der Vat, S. 242
  9. Heinz Schaeffer: U 977 Geheimfahrt nach Südamerika, Heyne (München) 1979, S. 80
  10. P.-E. Cremer & F. Brustat-Naval: Ali Cremer:U 333, Ullstein (Frankfurt) 1986, S. 162

Literatur[Bearbeiten]

  • Dan van der Vat: Schlachtfeld Atlantik, Heyne (München), 1990 ISBN 3-453-04230-1
  • Elmar B. Potter, Chester W. Nimitz, Jürgen Rohwer: Seemacht – eine Seekriegsgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, Manfred Pawlak Verlag (Herrsching), 1982 ISBN 3-88199-082-8
  • Karl Dönitz: 40 Fragen an Karl Dönitz, Bernard & Graefe (München) 1980, ISBN 3 7637-5182-3
  •  Arthur O. Bauer, Ralph Erskine, Klaus Herold: Funkpeilung als alliierte Waffe gegen deutsche U-Boote 1939–1945. Wie Schwächen und Versäumnisse bei der Funkführung der U-Boote zum Ausgang der "Schlacht im Atlantik" beigetragen haben. Liebich Funk, Rheinberg 1997 (übersetzt von Heinz Lissok), ISBN 3-00-002142-6 (Augenzeugenberichten von Alfred T. Collett, Oliver Nelson, Derekek Wellman, die deutsche Übersetzung aus dem niederländischen Original wurde vom Verfasser autorisiert, Erstausgabe im Selbstverlag Arthur O. Bauer, Diemen NL 1997).
  •  Winston S. Churchill: Der Zweite Weltkrieg. Mit einem Epilog über die Nachkriegsjahre. 4. Auflage. Scherz, Berlin/München/Wien 1996 (Originaltitel: The Second World War, übersetzt von Eduard Thorsch), ISBN 3-502-19132-8 (Eine einbändige, selbst bearbeitete Fassung vom 1960 seines zuvor sechsbändigen Memoirenwerks von 1948, später auch als Fischer-Taschenbuch 16113, Frankfurt am Main 2003 ISBN 3-596-16113-4).