Rudolf Herrnstadt
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Rudolf Herrnstadt (* 18. März 1903 in Gleiwitz, † 28. August 1966 in Halle (Saale)) war ein deutscher Journalist und kommunistischer Politiker.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Leben
Sein Vater war Rechtsanwalt jüdischer Herkunft. Herrnstadt begann 1922 ein Jurastudium in Heidelberg, fühlte sich aber als Schriftsteller und war Lektor im Drei-Masken-Verlag, einem der führenden deutschen Theaterverlage. 1925 begann er beim Berliner Tageblatt als Setzer. 1929 wurde er Mitglied der KPD und ab 1929 Journalist beim Berliner Tageblatt. Er zählte zu den von Theodor Wolff geförderten Journalisten und wurde später Auslandskorrespondent in Warschau und Moskau. Er blieb als Korrespondent für Prager Zeitungen bis zum August 1939 in Warschau, wo er gleichzeitig für den sowjetischen Militär-Nachrichtendienst Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije zusammen mit Gerhard Kegel und Ilse Stöbe tätig war.
Nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen emigrierte er in die Sowjetunion. Während des Zweiten Weltkrieges war er in leitender Position in der Politischen Führung der Roten Armee tätig. Mit der Verhaftung der Roten Kapelle war er für die Gestapo und die anderen Geheimdienste enttarnt. Ab 1944 wurde er daher den anderen deutschen Emigranten im Hotel Lux in Moskau zugestellt und er betätigte sich im Nationalkomitee Freies Deutschland.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Herrnstadt in der DDR Chefredakteur der Berliner Zeitung von 1947 bis 1949 und Mitbegründer des Berliner Verlags und des Neuen Deutschlands von 1949 bis 1953. Außerdem war er von 1950 bis 1953 Mitglied des ZK der SED und Kandidat des Politbüros. Herrnstadt wurde vom Politbüro für die Arbeiteraufstände vom 17. Juni 1953 mitverantwortlich gemacht. Noch im selben Jahr verlor er seine Stellung als Chefredakteur des Neuen Deutschlands und ebenso wie Wilhelm Zaisser die Mitgliedschaft im ZK. Ein Jahr später wurde er auch aus der SED ausgeschlossen. Bis zu seinem Lebensende war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentralarchiv Merseburg tätig.
[Bearbeiten] Sonstiges
Im Zentralarchiv entdeckte Herrnstadt vier Aufsätze, die Primaner des Joachimsthalschen Gymnasiums 1901 zum Thema Die Beinstellung der Denkmäler in der Siegesallee geschrieben hatten. Diese Aufsätze hatte Kaiser Wilhelm II., Auftraggeber des Berliner Monumentalboulevards, höchstpersönlich – teilweise sehr abweichend von der Lehrerzensur – bewertet und mit Randbemerkungen versehen. Die Aufsätze waren im Hohenzollernmuseum unter Verschluss gehalten und dann lange vergessen worden. Herrnstadt publizierte die Aufsätze 1960 unter dem Pseudonym R.E. Hardt mit dem Titel Die Beine der Hohenzollern (siehe Die Beinstellung der Denkmäler in der Siegesallee).
Seine Tochter, die Schriftstellerin Irina Liebmann, veröffentlichte 2008 über ihn eine Biographie, für die sie 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Zum 17. Juni 1953 schreibt sie in dieser Biographie: „„Alle Übrigen wollen, dass Ulbricht seine Funktion abgibt. Der stimmt schließlich zu, „na gut, wenn alle es so sehen, bitte, ich klebe nicht an dem Posten“. Er ist abgesetzt. Er war abgesetzt! So erzählte es mein Vater. Die Mehrheit im Politbüro wollte keinen Diktator mehr, sie wollte Offenheit und sie hatte sich durchgesetzt. Und wieder kein Beschluss““ (S. 353)
[Bearbeiten] Schriften
- Freies Deutschland, Organ des Nationalkomitees "Freies Deutschland". Chefredaktion, 3 Jahrgänge, mindestens 50 Ausgaben, Moskau 1943-1945.
- Rudolf Herrnstadt: Der Weg in die Deutsche Demokratische Republik. Dietz, Berlin 1950, 27 Seiten.
- Rudolf Herrnstadt: Kollege Zschau und Kollege Brumme. Dietz, Berlin 1951, 36 Seiten. (SED-Agitationsbroschüre gegen Arbeiterrenitenz)
- Rudolf Herrnstadt: Die Entwicklung Berlins im Lichte der großen Perspektive - Aufbau des Sozialismus. Diskussionsbeitrag auf der 2. Parteikonferenz der SED, Berlin, 9.-12. Juli 1952. Dietz, Berlin 1952, 15 S.
- Rudolf Herrnstadt: Die erste Verschwörung gegen das Internationale Proletariat. Zur Geschichte des Kölner Kommunistenprozesses 1852. Rütten & Loening, Berlin 1958.
- Rudolf Herrnstadt: Die Entdeckung der Klassen. Die Geschichte des Begriffs Klasse von den Anfängen bis zum Vorabend der Pariser Julirevolution 1830. Verlag der Wissenschaften, Berlin 1965, 391 Seiten.
- Außerdem noch mindestens zwei Werke unter Pseudonym aus der Zeit seiner Abschiebung nach Merseburg, darunter als R.E. Hardt:
- R.E. Hardt: Die Beine der Hohenzollern. Rütten & Loening, Berlin 1960.
[Bearbeiten] Literatur
- Andrea Görldt: Rudolf Herrnstadt und Wilhelm Zaisser. Ihre Konflikte in der SED-Führung im Kontext innerparteilicher Machtsicherung und sowjetischer Deutschlandpolitik. Lang, Frankfurt am Main 2002. ISBN 3-631-39895-6
- Helmut Müller-Enbergs: Der Fall Rudolf Herrnstadt. Tauwetterpolitik vor dem 17. Juni. LinksDruck, Berlin 1991. ISBN 3-86153-003-1
- Nadja Stulz-Herrnstadt (Hrsg.): Das Herrnstadt-Dokument: das Politbüro der SED und die Geschichte des 17. Juni 1953. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1990. ISBN 3-499-12837-3
- Ulrich Sahm: Rudolf von Scheliha 1897-1942. Ein deutscher Diplomat gegen Hitler. C.H.Beck, München 1990, S.46f. ISBN 3-406-34705-3
- Irina Liebmann: Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolf Herrnstadt. Berlin Verlag, Berlin 2008. ISBN 3-8270-0589-2
- Gerhard Kegel: In den Stürmen unseres Jahrhunderts. Ein deutscher Kommunist über sein ungewöhnliches Leben. Dietz, Berlin 1983, 1987. ISBN 3-320-00609-6
- Gert Rosiejka: Die Rote Kapelle. „Landesverrat“ als antifaschistischer Widerstand. Mit einer Einführung von Heinrich Scheel. ergebnisse, Hamburg 1986. ISBN 3-925622-16-0
[Bearbeiten] Weblinks
- Literatur von und über Rudolf Herrnstadt im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- „Die 416 Seiten ihres Vaters“, Tagesspiegel, 15. März 2008
- Ehrung durch die russische Botschaft
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Herrnstadt, Rudolf |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Journalist und kommunistischer Politiker |
| GEBURTSDATUM | 18. März 1903 |
| GEBURTSORT | Gleiwitz |
| STERBEDATUM | 28. August 1966 |
| STERBEORT | Halle an der Saale |

