Rudolf Hilferding

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Rudolf Hilferding
Rudolf Hilferding (1923)

Rudolf Hilferding (Schriftstellerpseudonym vereinzelt Karl Emil und Dr. Richard Kern; * 10. August 1877 in Wien; † 11. Februar 1941 in Paris) war ein deutscher Politiker, Publizist und marxistischer Theoretiker und Ökonom österreichischer Herkunft. Während der Weimarer Republik war er 1923 und 1928/1929 Reichsfinanzminister. Er legte Grundlagen für die spätere Stamokaptheorie. Sein Hauptwerk zum Thema ist Das Finanzkapital. Er war von 1904 bis 1925 gemeinsam mit Max Adler Herausgeber der Marx-Studien.

Leben[Bearbeiten]

Hilferding war Kind des jüdischen Kaufmanns Emil Hilferding und dessen Frau Anna, geborene Liß. 1904 heiratete er die österreichische Lehrerin, Ärztin, sozialdemokratische Frauenrechtlerin und Vertreterin der Individualpsychologie Margarete Hönigsberg; die Ehe wurde 1922 geschieden. 1923 heiratete er die Ärztin Rose Lanyi, vorher Frau von Curt Thesing.[1]

Von 1896 bis 1901 studierte er in Wien Medizin, daneben befasste er sich mit Nationalökonomie und Finanzwirtschaft. Während der Studienzeit nahm er Kontakt zur Sozialdemokratischen Partei auf und trat der sozialdemokratischen Studentenvereinigung bei. Nach der Promotion 1901 praktizierte Hilferding zunächst als Arzt, 1906 wechselte er als Dozent für Nationalökonomie an die neugegründete Parteischule der SPD in Berlin, schied aber bereits im folgenden Jahr nach einer Ausweisungsandrohung seitens der preußischen Polizei wieder aus und arbeitete von 1907 bis 1915 als politischer Redakteur und später Schriftleiter des SPD-Zentralorgans Vorwärts.

1915 bis 1918 war er Feldarzt der österreichisch-ungarischen Armee. Hilferding war ab 1917 Mitglied der linkeren USPD und von 1918 bis 1923 Chefredakteur des USPD-Zentralorgans Freiheit, das mit dem Vorwärts konkurrierte. Kurt Tucholsky meinte später polemischerweise, Hilferding sei ein Vertreter des Reichsverbands zur Bekämpfung der Sozialdemokratie.[2]

Rudolf Hilferding im Gespräch mit Otto Braun (rechts) und Paul Löbe (links), Aufnahme aus dem Jahr 1930

Hilferding engagierte sich im Folgenden für den Wiederanschluss der USPD an die SPD, der 1922 vollzogen werden konnte.

Im ersten Kabinett der Großen Koalition mit Gustav Stresemann als Reichskanzler war er vom 13. August bis zum 6. Oktober 1923 Reichsfinanzminister. Von 1920 bis 1925 war er Mitglied im Vorläufigen Reichswirtschaftsrat.[3] Von 1924 bis 1933 saß er als Abgeordneter für die SPD im Reichstag. Unter Reichskanzler Hermann Müller (SPD) übernahm er 1928 erneut das Amt des Finanzministers. In diesem sogenannten „Kabinett der Persönlichkeiten“ enttäuschte Hilferding die Erwartungen auch seiner eigenen Partei (nach Hagen Schulze galt er als „notorischer Faulpelz“) und verlor sein Amt nach dem New Yorker Börsencrash Ende Dezember 1929, weil er an der Reichsbank vorbei Kassenkredite für das Reich aufnehmen wollte.[4]

1933 ausgebürgert, ging er zunächst nach Zürich, ab 1938 lebte er in Frankreich. Er arbeitete für den Exilvorstands der SPD (SoPaDe), ohne dessen Mitglied zu sein. 1934 verfasste er das Prager Manifest, mit dem der Exilvorstand der Partei unter dem Druck der innerparteilichen Oppositionsgruppen Revolutionäre Sozialisten Deutschlands und „Neu Beginnen“ zum revolutionären Umsturz des nationalsozialistischen Regimes aufrief.

Nach der deutschen Besetzung Frankreichs wurde Hilferding in Marseille von den französischen Behörden verhaftet und am 9. Februar 1941 an die Gestapo ausgeliefert.[5] Zwei Tage später starb er unter ungeklärten Umständen im Pariser Gestapo-Gefängnis, nachdem er schon auf dem Weg dorthin schwerer Folter ausgesetzt war.

Seine frühere Frau Margarete Hilferding wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und im selben Jahr in Treblinka ermordet, sein zum Katholizismus konvertierter Sohn Karl kam in einem Außenlager in Auschwitz um. Peter Hilferding, der jüngere Bruder von Karl, überlebte die NS-Zeit im neuseeländischen Exil. Rose Hilferding war 1940 im Pariser Exil von Rudolf Hilferding getrennt worden und flüchtete im Mai 1941 in die USA, wo sie 1959 starb.[1]

Bedeutung[Bearbeiten]

Hilferding gilt wegen seiner Herkunft als wichtiger Vertreter des so genannten Austromarxismus. Mitte der 1920er Jahre, nach der Wiedervereinigung von SPD und USPD, wurde er als „führender theoretischer Kopf der Partei“ (SPD) angesehen. Friedrich Stampfer bezeichnete Hilferding als Meister in der Kunst, die marxistischen Lehren den praktischen Bedürfnissen entsprechend zu adaptieren.

Sein theoretisches Hauptwerk Das Finanzkapital von 1910 und die darauf aufbauende Theorie des Organisierten Kapitalismus war die Basis für die sozialdemokratische Entwicklung hin zum Reformismus und Demokratischen Sozialismus.

Gedenken[Bearbeiten]

Gedenktafeln am Reichstag

Seit 1992 erinnert in Berlin in der Nähe des Reichstags eine der 96 Gedenktafeln für von den Nationalsozialisten ermordete Reichstagsabgeordnete an Hilferding, ebenso der Rudolf-Hilferding-Platz vor dem Finanzamt in Bremen und die Rudolf-Hilferding-Straße in Frankfurt am Main.

Werke[Bearbeiten]

  • Kriegskapitalismus. In: Arbeiter-Zeitung., Wien 1915.
  • Böhm-Bawerks Marx-Kritik. In: Marx-Studien. Blätter zur Theorie und Politik des wissenschaftlichen Sozialismus. Band 1, Wien 1904, S. 1–61 (Reprint: Auvermann, Glashütten (Taunus) 1971) mxks.de (PDF, 1,5 MB).
  • Das Finanzkapital. In: Marx-Studien. Blätter zur Theorie und Politik des wissenschaftlichen Sozialismus. Band 3, Wien 1910, V–477 (Reprint: Auvermann, Glashütten 1971).
  • Organisierter Kapitalismus. Referate und Diskussionen vom Sozialdemokratischen Parteitag 1927 in Kiel. s.n., Kiel 1927.

Literatur[Bearbeiten]

  • Wilfried GottschalchHilferding, Rudolf. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 9, Duncker & Humblot, Berlin 1972, ISBN 3-428-00190-7, S. 137 f. (Digitalisat).
  • Günter Krause: Anmerkungen zu Rudolf Hilferding aus historischem Anlaß: 100 Jahre „Zur Geschichte der Werttheorie“. In: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft I/2003.
  • J. Coakley: Hilferding’s Finance Capital. Capital and Class, Band 17, S. 134–141.
  • J. Coakley: Hilferding, Rudolf. In: P.Arestis, P. Sawyer (Hrsg.): A Biographical Dictionary of Dissenting Economists. Edward Eldgar, Cheltenham 2000, S. 290–98.
  • W. Gottschalch: Strukturveränderungen der Gesellschaft und politisches Handeln in der Lehre von Rudolf Hilferding. Duncker & Humblot, Berlin 1962 (Soziologische Abhandlungen 3).
  • J. Greitens: Finanzkapital und Finanzsysteme, „Das Finanzkapital“ von Rudolf Hilferding. metropolis Verlag, Marburg 2012.
  • M. C. Howard, J. King: Rudolf Hilferding. In: W. J. Samuels (Hrsg.): European Economists of the Early 20th Century. Band II. Edward Eldgar, Cheltenham 2003, S. 119–135.
  • J. Milios: Rudolf Hilferding. In: Encyclopedia of International Economics. Band 2, Routledge Publishers, 2001, S. 676–679.
  • G. Sandleben: Nationalökonomie und Staat. Zur Kritik der Theorie des Finanzkapitals. VSA-Verlag, Hamburg 2003.
  • W. Smaldone: Rudolf Hilferding: The Tragedy of a German Social Democrat. Northern Illinois University Press, 1998.
  • W. Smaldone: Rudolf Hilferding. Dietz, Bonn 2000.
  • E. P. Wagner: Rudolf Hilferding: Theory and Politics of Democratic Socialism. Atlantic Highlands Humanities Press, New Jersey 1996.
  • J. Zoninsein: Monopoly Capital Theory: Hilferding and Twentieh-Century Capitalism. Greenwood Press, New York 1990.
  • J. Zoninsein: Rudolf Hilferding’s theory of finance capitalism and todays world financial markets. In: P. Koslowski (Hrsg.): The Theory of Capitalism in the German Economic Tradition. Springer Verlag, Berlin / Heidelberg 2000, S. 275–304.
  •  Martin Schumacher, Katharina Lübbe, Wilhelm Heinz Schröder: M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung, 1933–1945. Eine biographische Dokumentation. 3. Auflage. Droste, Düsseldorf 1994, ISBN 3-7700-5183-1. über H. als MdR
  • Eberhard Fromm: Vom Kinderarzt zum Reichsfinanzminister. In: Berlinische Monatsschrift 8/1997 beim Luisenstädtischen Bildungsverein (Biografie).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rudolf Hilferding – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Rose Hilferding, bei Archiv der sozialen Demokratie
  2. Kaspar Hauser: Dienstzeugnisse. In: Die Weltbühne. 3. März 1925, S. 329.
  3. Boris Schilmar: Der Europadiskurs im deutschen Exil 1933–1945. Oldenbourg, München 2004, ISBN 3-486-56829-9, Anhang S. 365
  4. Ernst Rudolf Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte. Band 7, Stuttgart 1984, S. 706.
  5. February 1941 - Social democrats turned over to Germany, bei: Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung (abgerufen: 15. August 2013)